Ukraine unter Bomben, Russland unter Druck
Zum 35. Unabhängigkeitstag steht die Ukraine vor einer doppelten Bewährungsprobe: Reformen in der eigenen Militärführung und ein zäher Abnutzungskrieg. An der Front herrscht weitgehend Stillstand, doch der Einsatz von Fernwaffen setzt Putin vor der Duma-Wahl gehörig unter Druck.

Auf den Punkt gebracht
- Führungskrise. Innerhalb einer Woche entließ Selenskyj Verteidigungsminister Fedorow und Oberbefehlshaber Syrskyj.
- Verwechslung der Ebenen. Der Vorwurf lautet Fehlallokation: zu viel Mikromanagement an der Front, zu wenig Strategie für die nächsten zwei Jahre.
- Kremls Achillesferse. Während sich die Front kaum bewegt, zerlegt Kyjiws Drohnenkrieg Russlands Raffinerien.
- Atomarer Nebel. Vor den Duma-Wahlen im September könnte der Kreml wieder mit der nuklearen Karte drohen.
Am 24. August 2026 feiert die Ukraine ihren 35. Unabhängigkeitstag – zum fünften Mal unter Bomben. Der Krieg dauert damit länger als der „Große Vaterländische Krieg“, wie die Sowjetunion ihren Kampf gegen Hitler-Deutschland nannte, und hat im Sommer sogar den Ersten Weltkrieg an Dauer überholt. Ein Vergleich, der schmerzt: Aus einer „militärischen Spezialoperation“ die innerhalb von wenigen Tagen einen Regime-Wechsel in der Ukraine herbeiführen sollte, ist der größte Landkrieg in Europa seit 1945 geworden, der zunehmend für Präsident Putin zum Problem wird.
Ausgerechnet auf diesem historisch aufgeladenen Weg zum Nationalfeiertag zerlegte sich die ukrainische Militärführung selbst. Was Selenskyj Mitte Juli als Regierungsumbildung tarnte, wurde binnen einer Woche zur schwersten Führungskrise Kyjiws seit Kriegsbeginn. Am 15. Juli entließ Selenskyj Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow – nach nur sechs Monaten im Amt.

Fedorow, Jahrgang 1991, technikaffin und Symbolfigur der Drohnenreform, war beliebt. Seine Entlassung löste tagelange Straßenproteste aus, die in sozialen Medien als „Cardboard Maidan“ bezeichnet wurden. Fedorow hielt sich mit Kritik nicht zurück: Er habe Selenskyj bereits Anfang 2026 empfohlen, Oberbefehlshaber Syrskyj und den damaligen Generalstabschef Andrij Hnatow abzulösen – beide würden Reformen blockieren.
Sechs Tage Straßenprotest später gab Selenskyj nach. Am 21. Juli musste auch Syrskyj gehen, ersetzt durch den 43-jährigen Generalmajor Mychajlo Drapatyj. Einen Tag darauf folgte Generalstabschef Hnatow, ersetzt durch Ihor Skybjuks. Nüchtern betrachtet trug nur Hnatow, nicht Syrskyj, formal den Titel Generalstabschef – doch weil beide für dieselbe Führungs- und Entscheidungskultur stehen, greift die im öffentlichen Diskurs gängige Gleichsetzung nicht ganz daneben.
Das sowjetische Erbe
Die Kritik an Syrskyj ist nicht neu. Der an einer Moskauer Militärakademie ausgebildete frühere Artillerieoffizier übernahm im Februar 2024 von Walerij Saluschnyj – und mit ihm einen fundamental anderen Führungsstil. Wo Saluschnyj auf das westliche Prinzip des „Führens durch Auftrag“ (englisch: „Mission Command“), setzte und Entscheidungen bewusst auf die untergeordneten Führungsebenen delegierte, soll Syrskyj persönlich Brigade- und sogar Bataillonskommandanten angerufen haben, um taktische Details zu diktieren.
Wer die Wahrheit sagte oder sich zurückzog, riskierte abgelöst zu werden.
Ebenso führte der „Kein-Schritt-zurück“-Ansatz Syrskyjs in Kombination mit häufigen Ablösen von Kommandanten zu Spannungen in den ukrainischen Streitkräften: Wer eine verlorene Stellung als gehalten meldete, behielt seinen Posten. Wer die Wahrheit sagte oder sich zurückzog, riskierte abgelöst zu werden.
Die Folge waren Befehle, die zu großen Verlusten führten, unausführbar waren und trotzdem befolgt werden mussten – sichtbar in den kritischen Debatten um die überlange Verteidigung von Bachmut und Awdijiwka. Bei seinen Kritikern entstanden bewusst diffamierende Spitznamen wie „General Meat“ oder der „Schlächter“, die Syrskyj eine geringe Wertschätzung für Soldatenleben unterstellt.
Verwechslung der Ebenen
Der schwerwiegendere Vorwurf gegenüber Syrskyj ist aber nicht die rücksichtslose Kriegsführung, sondern eine schlechte Aufteilung seiner Aufmerksamkeit. Ein Oberbefehlshaber, der seine Zeit mit taktischen Entscheidungen verbringt, hat sie nicht mehr für jene strategischen Fragen, die den Krieg der nächsten 12 bis 24 Monate entscheiden: Mobilisierung angesichts der Personalkrise, Prioritäten der Rüstungsindustrie, die Skalierung der Drohnen- und Fernwaffenkampagne, die Abstimmung mit westlichen Partnern. Genau diesen Vorwurf erhob Fedorow öffentlich – Syrskyj habe Reformen blockiert, insbesondere die Ausweitung der Drohnenproduktion.
Selenskyj selbst räumte ein, der Konflikt zwischen Generalstab und Ministerium sei „systemisch“ gewesen und habe „auf verschiedenen Ebenen“ bestanden – nur seine persönliche Vermittlung habe eine Zusammenarbeit überhaupt ermöglicht. Ein Befund, der auf ein strukturelles Führungsproblem hindeutet, das weit über die Personalie Syrskyj hinausreicht.
Die Front bewegt sich kaum
Die jüngsten Einschätzungen des ISW und anderer Beobachter zeichnen ein ähnliches Bild: Russlands Offensive frisst sich zwar weiter in die ukrainischen Verteidigungslinien, erzielt aber kaum operative Durchbrüche. Statt großer Manöver dominieren kleine Infiltrationstrupps, Artillerie, Gleitbomben und Drohnenangriffe auf Nachschubwege.
Die russischen Streitkräfte versuchen die ukrainische Logistik zu zerschneiden und die Verteidiger schrittweise zu isolieren; zugleich verhindern ukrainische Gegenangriffe, Drohnen und Angriffe auf russische rückwärtige Verbindungen, dass minimale taktische Geländegewinne ausgenutzt und in strategische Erfolge umgewandelt werden.
Die Front ist damit im Großen zu einem relativen Stillstand gekommen, gleichzeitig findet ein zermürbender Bewegungskrieg im Kleinformat statt.
Fernwaffen entscheiden
Die Front ist damit im Großen zu einem relativen Stillstand gekommen, gleichzeitig findet ein zermürbender Bewegungskrieg im Kleinformat statt. Russland kann weiterhin militärischen Druck erzeugen, bezahlt ihn aber mit hohen Verlusten. Die operativen Ziele der seit dem Frühjahr eingeleiteten russischen Offensive werden auf absehbare Zeit nicht erreicht werden.
Acht der zehn größten russischen Raffinerien waren bis Ende Juni beschädigt.
Während an der Front kaum etwas passiert, entscheidet sich der Krieg zusehends anderswo: in Russlands Raffinerien und Logistiklagern. Seit Jahresbeginn 2026 traf die ukrainische Fernwaffenkampagne russische Öl- und Energieinfrastruktur mindestens 194-mal. Acht der zehn größten russischen Raffinerien waren bis Ende Juni beschädigt, darunter die Anlage in Omsk, knapp 2.500 Kilometer von der Grenze entfernt – Kyjiw nennt die Kampagne trocken „Fernwaffen-Sanktionen“.
Der Effekt lässt sich nicht mehr wegdiskutieren: 20 bis 40 Prozent der russischen Raffineriekapazität sind ausgefallen und da spürt auch die russische Bevölkerung die Folgen: rationierter Treibstoff, ein Dieselexportverbot, die annektierte Krim steht im Ausnahmezustand und Bilder von Staus an den Tankstellen in den sozialen Medien. Sogar Putin musste öffentlich einräumen: „Natürlich schaffen diese Angriffe auf unsere Infrastruktur Probleme, das ist offensichtlich. Wir beobachten derzeit einen gewissen Mangel, aber er ist nicht kritisch.“
Der Krieg kommt nach Russland
Gleichzeitig verschärft der Mangel an Luftabwehr Kyjiws Lage. Selenskyjs wiederholte Bitten um zusätzliche Patriot-Systeme zeigen täglich ihre Dringlichkeit: Russische ballistische Raketen werden seltener abgefangen, zivile Opfer steigen. Sollte Russland, wie Medien berichten, nordkoreanische Raketentruppen einsetzen, dürfte dieser Druck weiter wachsen und Kyjiws Schutzschirm zusätzlich überlasten.
Putins Dilemma vor den Wahlen
Am 20. September 2026 wählt Russland eine neue Staatsduma. Der Kreml geht in diese Wahl mit denkbar schlechten Karten: einer Front ohne nennenswerte Erfolge, historisch hohen Verlusten und einer Bevölkerung, die – anders als in den ersten Kriegsjahren – die Kosten des Krieges nun direkt an der Tankstelle spürt.
Zusätzlich tauchen immer wieder Gerüchte einer notwendigen, aber unbeliebten Mobilmachung auf. Diese Mischung aus militärischem Stillstand und innenpolitischer Legitimationskrise ist historisch oft jener Moment, in dem Moskau zur nuklearen Karte greift.
Ziel ist es, vom eigenen Scheitern abzulenken und zugleich die Entschlossenheit des Westens zu testen. Ein ähnliches Muster zeigte sich bereits 2024 nach der Freigabe westlicher Langstreckenwaffen. Damals setzte Russland die nuklearfähige Oreschnik-Rakete gegen Dnipro ein.
Geht Russlands Kriegswirtschaft die Luft aus?
Verschärfend kommt hinzu, dass mit dem Auslaufen von New START im Februar 2026 der letzte bindende Rüstungskontrollrahmen zwischen Washington und Moskau weggefallen ist.
Der ehemalige russische Präsident und heutige stellvertretende Vorsitzende des Sicherheitsrats, Dmitri Medwedew, drohte wiederholt mit einer nuklearen Eskalation, während Wladimir Putin im Mai die neue Interkontinentalrakete Sarmat als einsatzbereit präsentierte.
Klar ist: Diese Rhetorik ersetzt fehlende konventionelle Handlungsfähigkeit, sie zielt auf die Nerven des Westens, nicht auf einen tatsächlichen Ersteinsatz. Aber gerade die Kombination aus Wahldruck, wirtschaftlicher Erosion durch den Luftkrieg und dem Fehlen jeglicher Leitplanken erhöht das Risiko einer Fehlkalkulation (wie eine solche aussehen könnte, siehe hier).
Conclusio
Personalie. Der Sturz von Syrskyj und Fedorow ist kein Kurswechsel, sondern der überfällige Versuch, Führungsstruktur und Kriegsführung an eine veränderte Realität anzupassen – einen Krieg, der an der Front zum Abnutzungskampf mit minimalem Ertrag geworden ist, sich aber strategisch über Fernwaffen und wirtschaftlichen Druck entscheidet.
Bewährungsproben. Zum Nationalfeiertag steht Kyjiw doppelt auf der Probe: Eine jüngere Militärführung muss den Kulturwandel vom sowjetisch geprägten Mikromanagement zu strategischer Führung tatsächlich vollziehen. Und ein geschwächter Kreml könnte seine schwindende konventionelle Stärke ausgerechnet vor den Duma-Wahlen durch nukleare Drohgebärden kompensieren wollen.
Verwechslungsgefahr. Für westliche Beobachter gilt dieselbe Lehre wie für Kyjiws neue Generäle: taktische Meldungen von der Front nicht mit dem strategischen Gesamtbild verwechseln. Der Luftkrieg gegen Russlands Raffinerien und Logistiklager ist derzeit der wirksamste Hebel, den die Ukraine jenseits der Frontlinie in der Hand hält.

