Ungarn: Auf Messers Schneide

Viktor Orbán oder Péter Magyar, Fidesz oder TISZA. Die Parlamentswahl in Ungarn am 12. April könnte die Amtszeit des längstdienenden Regierungschefs Europas beenden.  

Viktor Orbán auf Wahlkampf in Pécel in Ungarn, am 28. März. Der Slogan der FIDESZ lautet „Die sichere Wahl“. 
Viktor Orbán auf Wahlkampf in Pécel, am 28. März. Der Slogan der Fidesz lautet „Die sichere Wahl“.  © Getty Images

Auch unmittelbar vor der den Wahlen zur Nationalversammlung ist deren Ausgang völlig offen. Landesweite Umfrageergebnisse lassen aufgrund der Eigenheiten des ungarischen Wahlsystems nur bedingt auf die Verteilung der Mandate schließen: 106 der 199 Mandate werden in Einzelwahlkreisen nach Mehrheitsprinzip vergeben, 93 über Parteilisten.

Eine Besonderheit ist das Kompensationsprinzip, in dem weniger Stimmen „verloren gehen“ sollen als in klassischen Mehrheitswahlsystemen, die dem Prinzip „the winner takes it all“ folgen. Die Stimmen der unterlegenen Direktkandidaten werden zusätzlich ihren Parteilisten gutgeschrieben (Verliererkompensation). Den Parteilisten der Gewinner hingegen werden die überschüssigen Stimmen zugerechnet, die über das zum Sieg notwendige Minimum hinausgehen (Gewinnerprämierung). Im Ergebnis mildert das System den Mehrheitseffekt und stärkt die Parteilisten.

Harte Bandagen

Das Straßenbild dominieren Plakate der Regierungspartei Fidesz, deren zentraler Slogan „Die sichere Wahl“ programmatisch auf die Kernbotschaft der Kampagne verweist: In einer von globalen Unsicherheiten geprägten politischen und wirtschaftlichen Lage präsentiert sich die Partei Viktor Orbáns als Garant von Erfahrung und Stabilität. Der Wahlkampf-Slogan erinnert an Adenauers legendären Wahlkampf von 1957 „Keine Experimente“.

In einer von globalen Unsicherheiten geprägten politischen und wirtschaftlichen Lage präsentiert sich die Partei Viktor Orbáns als Garant von Erfahrung und Stabilität.

Eine zweite, deutlich offensivere Plakatreihe zeigt Wolodymyr Selenskyj mit ausgestreckter Bettlerhand zwischen Ursula von der Leyen, und Manfred Weber, dazu der Slogan: „Wir zahlen nicht“. Diese Kampagne bewirbt eine „Nationale Petition“ gegen die Finanzierung eines „Brüsseler Kriegsplans“, der angeblich 800 Milliarden Dollar über zehn Jahre von den Mitgliedstaaten fordere. Das Narrativ zielt darauf ab, von der Leyen als Kriegstreiberin, Selenskyj als Dauerforderer und den EVP-Fraktionsvorsitzenden Weber als Strippenzieher darzustellen – nicht zuletzt, weil dieser die TISZA-Oppositionspartei in seine Fraktion integrierte und ihr in diesem Rahmen Wahlkampf-Unterstützung zukommen lässt.

Die Botschaft ist somit eindeutig: Wer sich für die Oppositionspartei entscheidet, wählt Brüssel und damit die Finanzierung der Ukraine auch zu Lasten von Ungarn. TISZA hat nur eine Handvoll Mitglieder, doch neben ihrer EU-treuen Linie vereint ihre Unterstützer vor allem das Bestreben, Orbán abzulösen.
Eindringlich mahnte Orbán auf dem Parteitag im Januar 2026, dass eine TISZA-Regierung sämtliche in seiner Amtszeit durchgesetzten sozialen Errungenschaften (Zinsvergünstigungen, Rentenzuschläge, familienpolitische Steuererleichterungen) zugunsten der Unterstützung für die Ukraine aufgeben würde.

Wie blank die Nerven des amtierenden Ministerpräsidenten liegen, zeigte ein Vorfall vom 27. März in Győr: Bei einer Fidesz-Wahlkampfveranstaltung in der nordwestungarischen Stadt mischten sich Oppositionsanhänger unter das Publikum und begegneten Orbán mit Buhrufen. Der sonst beherrscht auftretende Regierungschef verlor daraufhin sichtlich die Fassung und brüllte die Störer an, sie stünden nicht auf Ungarns Seite, verträten ukrainische Interessen und wollten das Geld der Ungarn in die Ukraine schicken.

Kontinuität oder Wandel

Viktor Orbán (62), seit 2010 ununterbrochen im Amt, ist der dienstälteste Regierungschef in der EU. Seit 38 Jahren prägt er Fidesz und verkörpert beispielhaft den Typ des institutionell verankerten Machtpolitikers. Beim Fidesz-Parteitag im Januar 2026 demonstrierte er seine internationale Vernetzung durch Grußbotschaften, unter anderem von Giorgia Meloni, Javier Milei und Benjamin Netanjahu sowie Alice Weidel und Herbert Kickl.

Seit 38 Jahren prägt er Fidesz und verkörpert beispielhaft den Typ des institutionell verankerten Machtpolitikers.

Die Unterstützung seitens des Auslands zeigte sich kürzlich auch bei der diesjährigen CPAC Hungary (Conservative Political Action Conference), die, anders als in den Vorjahren, nicht erst Ende April oder Anfang Mai stattfand, sondern bereits am 21. März – exakt drei Wochen vor der Wahl. Vor mehr als 3.000 Teilnehmern aus 51 Ländern präsentierten sich neben Weidel, Kickl und Milei auch Geert Wilders (Gründer der niederländischen Partei PVV) und Santiago Abascal (Parteivorsitzender der spanischen Vox) als Unterstützer Orbáns; Donald Trump schaltete sich per Videobotschaft zu und erklärte seine „vollständige und uneingeschränkte Unterstützung“ für den Amtsinhaber. Wenige Tage später warben Marine Le Pen und Matteo Salvini auf einer separaten Kundgebung der „Europäischen Patrioten“ ebenfalls für Orbán.

Péter Magyar (44), Orbáns Kontrahent, hingegen ist ein Newcomer, der seine mangelnde internationale Vernetzung durch mediales Geschick kompensiert. Doch auch er knüpfte zuletzt im Rahmen der Münchner Sicherheitskonferenz Kontakte zu europäischen Staats- und Regierungschefs, insbesondere zum polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk.

Korruptionsvorwürfe und Sexskandale

Neben den thematischen Konfliktlinien wird der Wahlkampf in den Sozialen Medien auf persönlicher Ebene geführt: Magyar bezeichnet den amtierenden ungarischen Ministerpräsidenten als korrupten Vaterlandsverräter. Fidesz wiederum stellt Magyar als psychisch labile Marionette Brüssels mit einer Neigung zu Drogen und Sex-Partys dar.

Bis 2024 war Orbáns Gegner selbst Fidesz-Mitglied und bis dahin primär als Ehemann der Justizministerin Judit Varga bekannt. Sein Image belasten Vorwürfe häuslicher Gewalt, sexuelle Belästigung junger Frauen in einem Budapester Nachtclub sowie die Entwendung eines Smartphones, mit dem diese Szene gefilmt wurde, und dessen Versenkung in der Donau.

Im Februar, zwei Monate vor den Wahlen, erlitt Magyar seinen wohl größten Imageschaden: Unbekannte insinuierten die Veröffentlichung heimlich aufgenommener intimer Szenen vom August 2024. Magyar hatte damals nach einer Partei-Sommerparty Sex mit seiner Ex-Freundin in einer Wohnung, in der Drogen lagen und eine versteckte Kamera, die dies filmte. Daraufhin ging er in die Offensive, nannte es eine „Honigfalle“ staatlicher Stellen und erstattete Anzeige. Doch der Skandal überschattet seine politischen Ziele und macht ihn weiter moralisch angreifbar.

Besondere Resonanz findet TISZA bislang vor allem bei jüngeren, europäisch orientierten Wählern, deren politische Sozialisation nach 2010 erfolgte, sowie bei Protestwählern, die dies vor allem mit Korruption, Vetternwirtschaft, der Russlandnähe der Regierung oder dem Wunsch nach Veränderung begründen. Hinzu kommen wirtschaftlich Marginalisierte – insbesondere Geringverdiener und Kinderlose –, die vom eigentums- und familienfreundlichen Orbán-System nicht in gleichem Maße profitieren wie die Mittelschicht.

Darüber hinaus kennt auch Ungarn das klassische Stadt-Land-Gefälle: Budapest und die größeren Städte dürften mehrheitlich an die Opposition fallen, während die ländlichen Regionen fest in Fidesz-Hand bleiben. Verstärkt wird dieser Effekt durch die Auslandsungarn (vor allem aus den großen ungarischen Gemeinschaften in Rumänien und Serbien), die stark zu Fidesz tendieren und damit das Ergebnis in einer knappen Wahl zusätzlich zugunsten der Regierungspartei verschieben können.

Gretchenfrage EU

Die europapolitische Neuorientierung, die Magyar in Aussicht stellt, findet in weiten Teilen der EU-Institutionen Zustimmung. Bereits im Herbst 2024, kurz nachdem er die politische Bühne betreten hatte, verkündete er bei einem Wahlkampf-Duell: „Unser Platz ist im Verbund der EU und der NATO“. Er versprach, Ungarn werde wieder ein „aktives und glaubwürdiges Mitglied“ und biedere sich künftig nicht mehr „Diktatoren“ an – eine fundamentale Kurskorrektur.

Ungarns außenpolitische Alleingänge – von der Ablehnung russischer Sanktionspakete bis zur Verzögerung ukrainischer Hilfszahlungen – trugen zu erheblichen Spannungen mit der EU bei. Magyar versprach öffentlich, dafür zu sorgen, dass die eingefrorenen EU-Mittel (rund 17 Milliarden Euro) freigegeben werden. Die TISZA unterstützt zudem, im Gegensatz zur aktuellen Regierung, den EU-Beitritt der Ukraine. Einem beschleunigten EU-Beitritt ihres im Krieg befindlichen Nachbarlandes standen sie zuletzt hingegen ablehnend gegenüber.

Orbán warnt vor Brüssels „Kriegswirtschaft“ und stellt Magyar als EU-Handlanger dar. Darüber hinaus kritisiert er die EU als zunehmend bedeutungslos, ihre Politik als „blind“ und „undemokratisch“ – ohne Reformen drohe ihr Zerfall. Seine Argumentation kontrastiert den schrumpfenden EU-Anteil an der Weltwirtschaft mit dem wachsenden Weltmarktanteil der USA. Dem entgegen fordert Orbán eine Politik der „Konnektivität“ mit wirtschaftlichen Beziehungen zu allen Akteuren, einschließlich zu Russland und China.

Historische Prägungen

Die außenpolitischen Positionen beider Kontrahenten wurzeln in der traumatisch belasteten jüngeren ungarischen Geschichte: die sowjetische Besatzung, Deportationen, Verschleppungen und der niedergeschlagene Volksaufstand 1956. Ungarn pflegt ihr Gedenken durch Erinnerungstage, die ein kollektives Bewusstsein für die Fragilität nationaler Souveränität schufen.

Die antirussischen und antitotalitären Ressentiments werden jedoch von einer ambivalenten Haltung gegenüber dem Westen überlagert. Die Transformation nach 1989 enttäuschte: Statt Wohlstand erfolgten vielfach sozialer Abstieg und Arbeitslosigkeit. EU-Beitrittsverhandlungen wurden als asymmetrisch empfunden – westeuropäische Konzerne erschlossen Märkte, strukturelle Nachteile blieben.

Orbán kanalisiert diesen EU-Skeptizismus und inszeniert sich als Verteidiger nationaler Autonomie gegen eine Brüsseler Bürokratie, die ungarische Interessen ignoriere – ein Narrativ, das Ungarn als Vorposten einer souveränistischen Gegenbewegung in Europa positioniert. Wohin dieser Kurs im Extremfall führen könnte, deutete vor kurzem Verkehrsminister János Lázár an: Er brachte eine engere Zusammenarbeit zwischen Fidesz und der rechtsextremen Mi Hazánk öffentlich ins Spiel — einer Partei, die in ihrem Programm ein Referendum über den EU-Austritt Ungarns vorsieht. Orbán dementierte dies im Parlament nicht, sondern wich aus. Es ist das vielleicht deutlichste Zeichen, wie eng es im Wahlkampf für Orbán geworden ist.

Der Ausgang der Wahl könnte nicht nur Ungarns Zukunft, sondern auch die der EU mitbestimmen.

Hinzu kommt die energiepolitische Abhängigkeit: Ungarn bezieht rund 65% seines Öls über die Druzhba-Pipeline und einen Großteil seines Gases aus Russland – ein abrupter Verzicht ist ökonomisch nicht realisierbar. Die Orbán-Regierung hat diese Abhängigkeit durch langfristige Lieferverträge abgesichert und garantiert gleichzeitig durch Preisdeckelungen für Haushalte relativ niedrige Energiekosten.
TISZA wiederum fordert die Abkehr von russischer Energie, verschweigt jedoch, dass die Bevölkerung infolgedessen deutlich höhere Energiepreise zu tragen hätte. Diese Kommunikationslücke zwischen Versprechen und Konsequenzen schwächt Magyars Glaubwürdigkeit.

Einer wird gewinnen

Statt Kampf gegen Korruption stehen aktuell steigende Lebenshaltungskosten im Fokus – ein Terrain, auf dem Orbáns langjährige Erfahrungen vorteilhaft sein dürften. Zuletzt trieb der durch den Irankonflikt ausgelöste Ölpreisanstieg die Spritpreise europaweit in die Höhe. Orbán reagierte mit einem Preisdeckel für ungarische Kennzeichen: Benzin wurde auf 595 Forint (rund 1,55 Euro) und Diesel auf 615 Forint (rund 1,60 Euro) pro Liter begrenzt – zu einem Zeitpunkt, da in Deutschland der Liter Super die Zwei-Euro-Marke überschritt. Die Maßnahme ist wirtschaftspolitisches Signal und Wahlkampfinstrument zugleich.

Welcher Kandidat wird die Befindlichkeit seiner Wähler besser einfangen können? Magyar mit seiner bedingungslosen EU-Integration und dem Anti-Orbán-Wahlkampf oder der amtierende Ministerpräsident mit seiner souveränitätsbetonenden Skepsis gegenüber Brüssel und mit der Fortsetzung seiner Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik?

Klar ist: Gewinnt Orbán, muss Brüssel langfristig eine neue, funktionierende Strategie im Umgang mit dem ungarischen Staat entwickeln. Der Ausgang der Wahl könnte nicht nur Ungarns Zukunft, sondern auch die der EU mitbestimmen. Es wird also spannend, ob die Wähler auf Wandel oder Kontinuität setzen.

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