Zur Unmündigkeit erzogen

Was treibt den Staat dazu, unseren Alltag bis ins kleinste Detail mit einer Flut an Vorschriften zu regeln? Ein Essay über die neue Unmündigkeit und das unsägliche Wechselspiel von Bevormundung und Abgabe von Verantwortung.

Eine Schafsherde wandert hinter einem Schäfer einen Berg hinauf. Ein schwarzes Schaf läuft in die gegengesetzt Richtung bergabwärts. Das Bild illustriert einen Artikel über die Unmündigkeit der Bürger und die Bevormundung durch den Staat.
Der Staat regelt unseren Alltag bis ins Detail. Das trifft sich gut, denn die Bürger lechzen nach Vormundschaft. Überall drängen sich die guten Hirten auf – sind wir wirklich zu Schafen geworden? © Michael Pleesz

Wintereinbruch in Deutschland. Das soll in einem Jänner mitunter vorkommen. Leichte Minusgrade, einige Zentimeter Neuschnee. Die Folgen: dramatische Wetterwarnungen in allen Medien, zahlreiche Tipps, wie man sich bei Kälte verhalten soll, Anleitungen, wie man sich auf glatten Wegen fortbewegen kann, die Schulen bleiben geschlossen. Völlig undenkbar, Kinder den Unbilden der Natur auszusetzen.

Unwillkürlich greift man sich an den Kopf. Wie hatten es die Menschen eigentlich in Zeiten, in denen die Winter noch ganz andere Ausmaße angenommen hatten und auf die manche angesichts des globalen Klimawandels mit Sehnsucht zurückblicken, geschafft, damit zurechtzukommen – ohne die technischen Möglichkeiten der Gegenwart?

Der Autor erinnert sich an Kälteperioden in seiner Jugend, in denen die Schneemassen in Metern gemessen wurden. An eine Schulschließung kann er sich jedoch nicht entsinnen, sehr wohl an ein frühes Aufstehen und ein mühsames Stapfen durch die weiße Pracht. Mobiltelefone gab es keine, und ob das Kind die Schule erreicht hatte, erfuhren die Eltern frühestens, wenn der Bub am Nachmittag wieder vor der Haustür stand.

Ein marginales Beispiel, gewiss. Aber es scheint symptomatisch. Wir haben uns an eine Rundumbetreuung gewöhnt, die vor Gefahren warnt, uns für die alltäglichsten Verrichtungen mit Ratschlägen versorgt und uns durch Vorgaben davor bewahrt, darüber nachdenken zu müssen, ob wir uns ein paar Schritte durch den Schnee zumuten können. Unser Alltag ist mittlerweile gekennzeichnet von Durchsagen und Hinweisen, Warnungen und Schildern, die unser Verhalten in die richtige Richtung steuern sollen: Nudging.

Andererseits liest man jeden Winter von tödlichen Unfällen, ausgelöst von Sportlern, die alle Lawinenwarnungen in den Wind schlagen und unbeirrt ihrer Leidenschaft frönen wollen und damit sich und andere gefährden. Bedarf es da nicht doch rigider Vorschriften und Kontrollen?

So oder so kann man sich fragen: Was ist aus dem Ideal des mündigen und selbstverantwortlichen Bürgers geworden, der die Voraussetzung für ein gedeihliches Zusammenleben in einer liberalen, demokratischen Gesellschaft bilden sollte?

Die Last der Selbstverantwortung

Blicken wir kurz zurück. In seinem klassischen, 1784 erschienenen Aufsatz Was ist Aufklärung? klagte Immanuel Kant, dass Faulheit und Feigheit uns daran hindern, eigenständig zu denken und uns in eine selbst verschuldete Unmündigkeit schlittern lassen: „Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen.“

Kant kritisierte aber auch die frechen Aktivitäten jener selbst ernannten „Vormünder“, die uns nur zu gerne das Denken abnehmen. Zuerst halten sie uns in Abhängigkeit und machen uns dumm, dann erklären sie sich „gütigst“ dazu bereit, die „Oberaufsicht“ über uns „auf sich zu nehmen“ und uns vom lästigen Geschäft des Urteilens und damit von der Last jeder Selbstverantwortung zu befreien.

Vor allem ist der Staat nicht für das Wohlbefinden und Glück des Einzelnen zuständig.

Heute, so könnte man sagen, haben sich Zahl und Art dieser selbst ernannten Vormünder drama­tisch vervielfacht: Für nahezu jede Lebenssituation gibt es ein Buch, einen Influencer, einen Therapeuten, einen Berater, einen Experten, einen Social-Media-Kanal, einen Podcast, eine Blase, die uns sagen, wo es langgeht – wenn wir nicht gleich die KI über unser Leben entscheiden lassen. Und ständig blinken uns Triggerwarnungen entgegen, die anmaßend vorgeben, sich um unser moralisches Wohlbefinden zu sorgen.

Wir lassen uns bereitwillig führen

Überall drängen sich die guten Hirten auf – sind wir wirklich zu Schafen geworden? Keine Frage: Wir lassen uns bereitwillig führen. Allein dass sich die soziale Ordnung an der neuen Unterscheidung zwischen Influencer und Follower orientiert, unterstreicht dies. Wer folgt, ist auch folgsam. Allerdings – und das soll gar nicht unterschlagen werden – bieten die sozialen Medien durchaus Möglichkeiten, der kantischen Maxime, selbst zu denken, näher zu kommen.

Es mutet ja einigermaßen paradox an, dass Kant forderte, der aufgeklärte Mensch solle nicht blind seinem Arzt vertrauen, sondern für seine Gesundheit Verantwortung übernehmen, und jetzt Ärzte darüber jammern, dass Patienten sich mithilfe von KI informieren, bevor sie eine Praxis betreten.

Ist das ein Akt der Selbstermächtigung, oder findet man lediglich Freude daran, die ehemaligen Götter in Weiß durch mehr oder weniger stimmige Internetdiagnosen vom Sockel zu stoßen? Ähnlich verhält es sich mit den Büchern. Es gibt auch solche – und Kant hat einige davon verfasst –, die uns das Denken nicht abnehmen, sondern uns zum Denken überhaupt erst anregen. Über die Angebote der sozialen Medien ließe sich wahrscheinlich Ähnliches sagen. Klar, hier entstand und entsteht ein vielfältiges Geflecht, das unterschiedliche Interessen und Ideologien spiegelt, das genug Dubioses und Gemeines enthält und in dem es nicht ganz leicht ist, sich zurechtzufinden.

Entscheidend wäre jedoch, ob wir noch genug Geist und Mut besitzen, aus dem, was wir in Erfahrung bringen können, eine begründete Meinung zu bilden und Handlungen zu setzen, die wir vor uns und anderen verantworten können. Erst wenn wir die Kraft dazu vermissen lassen, machen wir es den modernen Vormündern leicht, uns zu gängeln. Damit nicht genug. Über all dem thront nach wie vor ein Staat, der, nun ausgestattet mit demokratischer Legitimität, sich zunehmend seinen Bürgern gegenüber als Erziehungsinstanz versteht und nicht zuletzt in Fragen der politischen Moral sowie der Informations- und Meinungsfreiheit gerne interveniert.

Schafe stehen an einer Futtertränke und essen.

Wohlklingende Gesetze gegen Hass und Hetze und das viel diskutierte Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche mögen zwar gute Argumente auf ihrer Seite haben. Es wird aber deutlich, dass der Staat das Denken und Sprechen nicht seinen Bürgern überlassen möchte, sondern deren Aktivitäten auch – wie die schöne Formulierung lautet – unterhalb der Strafbarkeitsgrenzen regeln und beschneiden will.

Vorschriften gehen bis ins kleinste Detail

Über staatliche Einrichtungen im Bereich der Medien und der Bildung, der Infrastruktur sowie über staatsnahe Verbände und NGOs werden wir ständig aufgefordert, auf etwas zu achten oder etwas zu vermeiden, Vorschriften und Verbote regeln immer mehr Details des Alltags und des öffentlichen Diskurses, und rührend kümmern sich diese ­Instanzen darum, dass wir gendergerecht ­artikulieren, keine Hasspostings verfassen und unsere Demokratie nicht kritisch hinterfragen.

Nicht zuletzt zeigen öffentlich-rechtliche Rundfunk­anstalten die Tendenz, ihr gebührenzahlendes Publikum ständig mit der richtigen Weltsicht zu versorgen und die korrekten Sprechweisen „vorbildlich“ zur Schau zu stellen. Die volkspädagogische Absicht ist unübersehbar.

Andererseits kommen wir dem Staat in dieser Hinsicht entgegen, weil wir für fast jedes Problem unseres Lebens – von der Organisation unserer privaten Beziehungen über die Erziehung der Kinder, unser Verhältnis zum Geld, unsere Ess- und Trinkgewohnheiten bis zur Wahl der verfügbaren Verkehrsmittel – den Staat verantwortlich machen und bei jedem Versagen eine Kompensation einfordern.

Kein Entkommen

Der Staat unterscheidet sich von allen anderen Ratgebern und Vormündern in einem entscheidenden Punkt: Wir können ihm nicht entkommen. Seine Vorschriften sind verbindlich, seine Empfehlungen haben Gewicht, seine Ratschläge leben von der Autorität einer anerkannten Gewalt. Das Wechselspiel von staatlichen oder staatsnahen Interventionen und dem Anspruchs- und Fürsorgedenken der Bürger schafft Verhältnisse, in denen staatliche Beteiligungen unübersehbar und unhintergehbar werden. Das schränkt die Freiheit des Einzelnen empfindlich ein, auch wenn es sich um informelle, manchmal sogar nur atmosphärische Regelungen handelt.

Für liberale Denker war es deshalb eine zentrale Frage, wie diese Einflussmöglichkeiten zurückgedrängt werden können. Einer der ambitioniertesten diesbezüglichen Versuche stammt von einem Gelehrten, den manche irrtümlich für einen konservativen Reaktionär halten: Wilhelm von ­Humboldt. Der große Bildungsreformer hatte Ende des 18. Jahrhunderts ein brillantes Buch mit dem etwas sperrigen Titel Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen verfasst (erstmals 1851 vollständig publiziert, posthum), in dem er festgehalten hat, dass der Staat sich aus allen privaten, geistigen, kulturellen, religiösen und wirtschaft­lichen Belangen der Bürger herauszuhalten habe.

Vor allem ist der Staat nicht für das Wohlbefinden und Glück des Einzelnen zuständig. Das richtet sich weniger gegen einen modernen Sozialstaat, wohl aber gegen einen überbordenden Wohlfahrtsstaat, der für nahezu alle Befindlichkeiten zuständig sein will. Im Grunde hat der Staat lediglich zwei zentrale Aufgaben: seine Bürger vor Angriffen zu schützen und Rechtsverhältnisse zu garantieren, in denen die Freiheit der einen nur an der Freiheit der anderen eine Begrenzung findet. Alles andere ist schon zu viel.

Schlag nach bei Humboldt!

Ein hellsichtiger Satz Humboldts lautet: „Anordnungen des Staats aber führen immer mehr oder minder Zwang mit sich, und selbst wenn dies der Fall nicht ist, so gewöhnen sie den Menschen zu sehr, mehr fremde Belehrung, fremde Leitung, fremde Hilfe zu erwarten, als selbst auf Auswege zu denken.“ Die Konsequenz war für Humboldt klar: „Wer oft und viel geleitet wird, kommt leicht dahin, den Überrest seiner Selbsttätigkeit gleichsam freiwillig zu opfern.“ Man mag einwenden, dass Humboldt hier den aufgeklärten Absolutismus seiner Zeit vor Augen hatte, der seiner eigenen Programmatik nach alles für, aber nichts durch das Volk erreichen wollte. Doch diese Sätze sprechen uns auch heute unmittelbar an.

Das könnte einen bösen Verdacht nähren: Hinter den demokratischen Strukturen des modernen Staates zeigen sich ähnliche Tendenzen, den Bürger in seiner individuellen Freiheit zu beschneiden, ihn zu belehren und zu leiten. Es darf vermutet ­werden, dass die aktuell wieder virulent gewordenen Angriffe auf das humanistische Gymnasium Humboldt’scher Prägung als – vielleicht unbewusste – Abwehr seines liberalen Denkens verstanden werden müssen. Welch eine Ironie, dass diese Attacken von einer Partei kommen, die sich selbst als liberal missversteht!

Wo bleibt die Souveränität der Bürger?

Das zeitgenössische Argument für diese Übergriffigkeit des Staates lautet, dass die Menschen vor sich selbst geschützt werden müssen. Das mag ja durchaus seine Berechtigung haben. Aber man darf sich schon fragen, wie es mit der von Kant und Humboldt geforderten Souveränität des Bürgers so weit kommen konnte, dass wir sogar dann hilfsbedürftig erscheinen und eine fremde Leitung unseres Denkens begrüßen, wenn wir bei guter Gesundheit und klarem Verstand sind.

So viel kann der Staat uns gar nicht abnehmen, dass es nicht zu wenig ist.

Die Bereitschaft zum selbstverantwortlichen Handeln geht zurück, weil gleichzeitig die staatlichen und nichtstaatlichen Betreuungsangebote zunehmen. Man traut erwachsenen Menschen offenbar nicht mehr zu, die basalen Dinge des Lebens zu regeln. Ohne Beratung und Betreuung, ohne vorgeschlagene Pfade, Mentoringprogramme und Begleitkurse kann kein Maturant mehr ein Studium beginnen.

Umgekehrt erzeugt die Öffentlichkeit einen ungeheuren Druck, der den Staat in die Pflicht nimmt. Er hat für Geschlechter- und Generationengerechtigkeit zu sorgen, er soll Femizide verhindern, Benachteiligungen aller Art ausgleichen und die vermeintlich richtigen Vorstellungen des Zusammenlebens durchsetzen, er wird dafür verantwortlich gemacht, wenn zu wenig Mädchen technische Fächer belegen und sich Migranten in den sozialen Netzwerken radikalisieren.

Der Gedanke, dass der Staat nicht alles befördern und nicht alles verhindern kann und sich im Wesentlichen darauf beschränken muss, Rahmen­ bedingungen zu definieren, in Härtefällen zu unterstützen und auf Kriminalität konsequent zu reagieren, ist uns fremd geworden.

Die Bevormundung des Bürgers durch Instanzen, die suggerieren, sein Bestes zu wollen, indem sie ihm die Fähigkeit absprechen, selbst Entscheidungen zu treffen und für deren Folgen einzustehen, infantilisiert den Menschen; sie beschneidet seine Freiheit; sie nimmt ihm seine Würde. Er bleibt Objekt von fürsorgenden, vorsorgenden, kontrollierenden und therapierenden Verfahren. Verantwortung setzt Freiheit voraus. Und Freiheit impliziert ein Risiko.

Abgabe der Verantwortung genügt nicht

Verweigern wir uns diesem und lehnen jede Selbstverantwortung ab, suchen wir die Schuld immer bei anderen, verhalten wir uns wie Unmündige. Von diesen könnte man erwarten, dass sie sich für die staatliche Betreuung und Verantwortungsentlastung wenigstens dankbar zeigen. Das Gegenteil ist der Fall: So viel kann der Staat uns gar nicht abnehmen, dass es nicht zu wenig ist. Das verweist auf eine ziemlich prekäre Seite unserer Unmündigkeit: Wir haben gelernt, das Verharren in dieser und die damit verbundene Bevormundung nicht als Zumutung zu empfinden, sondern als Rechtsanspruch geltend zu machen. Unser ganzer Stolz gründet darin, lebenslang ein Kind zu bleiben. Weit haben wir es gebracht.

Unter dem Titel „Betreutes Denken. Die neue Lust an der Unmündigkeit“ findet – unter der Intendanz von Barbara Bleisch und Konrad Paul Liessmann – vom 22. bis 27. September 2026 das 29. Philosophicum Lech statt. Informationen und Anmeldung unter: philosophicum.com

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