Verzicht auf Verdacht

Viele Menschen meinen, Unverträglichkeiten auf Substanzen wie Histamin oder Gluten zu haben – und streichen sie aus ihrem Speiseplan. Warum das selten nützt und manchmal schadet.

Illustration zu Unverträglichkeiten: Ein Mann mit Lupe blickt in einen geöffneten Kühlschrank.
Viele Menschen werden selbst zu Detektiven, um herauszufinden, was mit ihrer Verdauung los ist - leider sind sie oft auf der falschen Spur. © Francesco Ciccolella
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Auf den Punkt gebracht

  • Diskrepanz. Selbstdiagnostizierte Lebensmittelallergien und -unverträglichkeiten kommen deutlich häufiger vor als klinisch bestätigte Fälle.
  • Fehlinterpretation. Symptome können zahlreiche Ursachen haben und werden häufig vorschnell mit einem bestimmten Lebensmittel in Verbindung gebracht.
  • Psychologie. Erinnerungen, Ängste, Stress und erlernte Abneigungen können körperliche Beschwerden verstärken oder allergieähnliche Symptome hervorrufen.
  • Abklärung. Eine ärztliche Diagnose kann unnötige Einschränkungen verhindern und helfen, die tatsächliche Ursache von Beschwerden zu finden.

Bestimmte Nahrungsmittel zu meiden, ist sehr populär. Ob aus ethischen und religiösen Gründen, wegen des Tierwohls, zum Klimaschutz, für (vermeintliche) Gesundheitsvorteile oder aufgrund von Nahrungsmittelunverträglichkeiten – die Beweggründe sind vielfältig. Die Lebensmittelindustrie, aber auch Medien und vor allem soziale Medien schüren solche Trends. Im Fokus steht immer häufiger, was nicht auf den Teller kommen soll.

Begonnen hat alles mit: „ohne Cholesterin“ oder „fettfrei“. Heute erscheinen Auslobungen wie „ohne Laktose“, „frei von Gluten“ oder „vegan“ vielen als Qualitätskriterium. Dabei geht häufig der Blick für eine „artgerechte“, also physiologisch sinnvolle Ernährung verloren. Kommt es deshalb zu Beschwerden, werden diese selten einer ungünstigen Basisernährung zugeschrieben. Viel öfter beginnt die Suche nach dem Auslöser – und bestimmte Lebensmittel werden aus dem Speiseplan gestrichen.

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Zahlen & Fakten

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Die meisten „Auslassdiäten“ wegen des Verdachts auf eine Nahrungsmittelunverträglichkeit sind selbst auferlegt. Die Eigendiagnose basiert oftmals auf Recherchen im Internet und dem Austausch mit anderen Betroffenen in sozialen Medien. Bestärkt wird sie häufig durch eine Verbesserung der Symptome, die allerdings meist eher der Erwartungshaltung als dem Meiden des vermeintlichen Auslösers geschuldet ist (self-fulfilling prophecy). Eine fundierte medizinische Diagnose fehlt fast immer, eine ernährungstherapeutische Begleitung wird selten in Anspruch genommen. Langfristig kann dies zu Fehl- und Mangelernährung führen. Die Lebensqualität sinkt aufgrund der sozialen Einschränkungen, und der tatsächlichen Ursache der Beschwerden wird nicht auf den Grund gegangen.

Paradoxe Strenge bei Unverträglichkeiten

Gerade weil die medizinischen Leitlinien bei nachgewiesenen Nahrungsmittelallergien immer mehr auf individuelle ernährungstherapeutische Empfehlungen setzen, um die Lebensqualität nicht unnötig einzuschränken und weiteren Allergien vorzubeugen, erscheint es paradox, mit welcher Strenge viele selbst diagnostizierte Unverträglichkeiten als Auslassdiät umgesetzt werden.

Dabei könnte schnell und effektiv geholfen werden, wenn die Definition einer Nahrungsmittelunverträglichkeit berücksichtigt würde: Sie ist immer eine reproduzierbare Gesundheitsstörung auf einen definierten Auslöser. Treten Symptome nur manchmal nach Verzehr eines bestimmten Nahrungsmittels auf, stellt dies die Nahrungsmittelunverträglichkeit erheblich infrage.

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Es sind vor allem zwei angebliche Unverträglichkeiten, die sich viele Menschen selbst diagnostizieren, deren Existenz medizinisch umstritten ist: Eine Unverträglichkeit gegenüber Histamin und gegebenenfalls anderen biogenen Aminen (jener Gruppe organischer Stickstoffverbindungen, zu der auch Histamin gehört) in Nahrungsmitteln, häufig auch als Histaminintoleranz bezeichnet, wird als Ursache für viele Beschwerden verantwortlich gemacht. Die Existenz eines solchen Krankheitsbildes ist aber inzwischen höchst umstritten.

Befürworter des Krankheitsbilds postulieren, dass die bekannten Symptome, die im Rahmen von allergischen Reaktionen auftreten, auch durch Histamin in Nahrungsmitteln ausgelöst werden können. Dabei wird nicht nur ignoriert, dass Histamin nur einer von vielen Botenstoffen ist, die im Rahmen einer allergischen Reaktion freigesetzt werden, sondern auch, dass körpereigenes Histamin lebenswichtig ist, weil es eine Vielzahl von physiologischen Funktionen und Symptomen vermittelt beziehungsweise vermitteln kann.

Das Problem mit Histaminwerten

Behauptet wird darüber hinaus, dass der Abbau von Histamin nur eingeschränkt funktioniere, was über erniedrigte Werte von Diaminoxidase im Blutserum nachweisbar sei. Verschiedene Arbeitsgruppen konnten aber zeigen, dass ein niedriger Diaminoxidase-Wert nicht bedeutet, dass eine Intoleranz vorliegt und umgekehrt auch Menschen mit hohem Wert über Beschwerden klagen. Dass es zudem bis heute keine aussagekräftigen Laborparameter gibt und in doppelblinden, placebokontrollierten Provokationstests wiederholt keine Reproduzierbarkeit gezeigt werden konnte, spricht gegen die Existenz dieses Krankheitsbildes.

Auch anamnestisch stellen sich beschriebene Zusammenhänge häufig als nicht reproduzierbar heraus. Betroffene beschreiben oft Besserung unter histaminarmer Diät, aber keine Symptomfreiheit. Dies führt häufig zu immer strengeren Einschränkungen, die vor allem das soziale Leben negativ beeinflussen, sich darüber hinaus aber auch ungünstig auf den Ernährungszustand auswirken können.

Die Autoren der zurzeit in Überarbeitung befindlichen Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI) empfehlen deshalb ein praktikables diagnostisches und therapeutisches Vorgehen, das primär das Ziel verfolgt, vermeintlich Betroffenen einen Weg aus den umfangreichen diätetischen Einschränkungen zu einem effektiven individuellen ernährungstherapeutischen Management aufzuzeigen.

Ein entscheidender Ansatz dabei ist die Optimierung der Verdauungsvoraussetzungen, was in der Regel mit deutlich reduzierten Beschwerden einhergeht: Durch eine gemüsebetonte Ernährung mit ausreichend Fett und Protein kann die Magenverweildauer verlängert, der Transit verlangsamt und damit die Aufnahme der Nährstoffe verbessert werden. Das schafft ideale Bedingungen, um die Verträglichkeit verdächtigter Nahrungsmittel individuell zu testen. Dabei ist zu empfehlen, Letztere in geringer Menge gut verträglichen Mahlzeiten zuzugeben und die verzehrte Dosis langsam zu erhöhen.

Gluten-/Weizensensitivität

Auch die sogenannte Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität ist ein Krankheitsbild von umstrittener Evidenz: Postuliert wird eine Unverträglichkeit gegenüber Gluten bei ausgeschlossener Zöliakie, einer Autoimmunerkrankung, die einen lebenslangen Verzicht auf Gluten erforderlich macht.

In einem Positionspapier der DGAKI wiesen Experten verschiedener Fachrichtungen frühzeitig darauf hin, dass die Existenz dieses Krankheitsbilds höchst umstritten sei, aussagekräftige Laborparameter zur Diagnose fehlten und ein Glutenverzicht mit relevanten gesundheitlichen Nachteilen beziehungsweise Risiken einhergehe: Das gravierendste Risiko ist die Maskierung einer bisher nicht diagnostizierten Zöliakie, dicht gefolgt vom Risiko für Essstörungen durch einschränkende Diäten und gesundheitlichen Auswirkungen einer ballaststoffärmeren Ernährung. Ein Verzicht auf Gluten sei nur bei medizinisch gesicherter Indikation sinnvoll.

Neuere Arbeiten zeigen, dass primär die Erwartungshaltung und nur sekundär die Glutengabe bei doppelblinden, placebokontrollierten Provokationstests ausschlaggebend für den Ausgang der Provokation waren. Und selbst wenn der Test zeigte, dass keine Glutenunverträglichkeit vorlag, mieden die Betroffenen es weiterhin im Glauben, es nicht zu vertragen.

Inzwischen wird jedoch davon ausgegangen, dass es sich bei dem angeblichen Krankheitsbild nicht um ein rein gluten-abhängiges Geschehen handelt und auch andere Weizen-Inhaltsstoffe als mögliche Auslöser infrage kommen. Diskutiert wird weiterhin eine beeinträchtigte intestinale Darmbarriere mit resultierender systemischer Immunaktivierung. Entsprechend wird inzwischen der Begriff der Nicht-Zöliakie-Weizensensitivität verwendet, anstatt sich auf Gluten zu konzentrieren. Allerdings hat sich bisher keiner der angeschuldigten Auslöser als relevant herausgestellt. Bei Verdacht auf Weizensensitivität sollte nach sicherem Ausschluss einer Zöliakie im Rahmen einer Ernährungstherapie eine individuelle und symptomorientierte Kostform erarbeitet werden.

Kleine Schritte

Um Menschen mit selbst diagnostizierten Unverträglichkeiten effektiv zu helfen, ist der Nachweis, dass ihre Einschätzung nicht korrekt ist, allein oftmals nicht ausreichend. Im Rahmen einer Ernährungstherapie bei allergologisch erfahrenen Ernährungsfachkräften bekommen sie die Möglichkeit, ihre Ernährung begleitet in kleinen Schritten zu verändern und so zu erfahren, dass der Blick auf eine physiologisch sinnvolle und auf die gastrointestinalen Voraussetzungen ausgerichtete Ernährung hilfreicher ist als die Fokussierung auf vermeintliche Auslöser.

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Conclusio

Toleranzgrenze. Für Histaminunverträglichkeiten fehlen aussagekräftige Laborparameter, und placebokontrollierte Tests zeigten keine Reproduzierbarkeit. Auch bei Glutensensitivität ist meist die Erwartungshaltung für die Beschwerden ausschlaggebend.

Ursachenforschung. Selbst diagnostizierte Unverträglichkeiten führen zu strengen Einschränkungen, ohne dass nach der wahren Ursache der Beschwerden gesucht wird. Mögliche Diätfehler und Mangelernährungen bleiben so unerkannt.

Verträglichkeit. Statt einzelne Lebensmittel auf gut Glück zu meiden, sollten Betroffene ihre Verdauung gut begleitet austesten. Eine Ernährungstherapie kann helfen, zu einer ausgewogenen Ernährung zurückzufinden.

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