US-Außenpolitik: Mal Weltpolizist, mal Zuschauer
Die US-Außenpolitik pendelte stets zwischen Intervention und Isolation. Donald Trump jedoch lässt gleichzeitig in beide Richtungen rudern. Das hat Folgen für die Weltpolitik.

Auf den Punkt gebracht
- Hin und her. Die US-Außenpolitik pendelt zwischen Ausdehnung und Rückzug, ähnlich wie in der Stachelschwein-Parabel Schopenhauers beschrieben.
- Unbescheiden. Schon die Monroe-Doktrin von 1823 war nicht isolationistisch, sondern definierte Lateinamerika und die Karibik als amerikanischen Einflussraum.
- Leichtsinn. Nach der gelungenen Nachkriegsordnung in Europa und Japan glaubten die USA, das Modell andernorts wiederholen zu können. Oft vergeblich.
- Trump. Allmachtsfantasien und Unberechenbarkeit des Präsidenten beschädigen das amerikanische Prestige schneller als in jeder früheren Phase der Ernüchterung.
Derzeit ist unklar, welche Rolle die USA in der internationalen Ordnung auf längere Sicht spielen wollen – und spielen können. Mal verstehen sie sich als Weltpolizist und Hüter einer bis Ende 2024 weitgehend werte- und regelbasierten Ordnung, mal wenden sie sich demonstrativ von internationalen Verpflichtungen ab und überlassen die Welt sich selbst oder dem Zugriff anderer Mächte.
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Und mitunter wollen sie beides zugleich: nach ihren eigenen Vorstellungen eine globale Ordnung schaffen, aber die Kosten und Lasten dessen nicht allein tragen, sondern dafür auch andere in die Pflicht nehmen. So jedenfalls stellt sich die US-Politik vom 19. bis zum frühen 21. Jahrhundert auf den ersten Blick dar.
Für die heutige Wahrnehmung der USA ist vor allem das Auftreten von Präsident Donald Trump und seiner Regierung seit Beginn der zweiten Amtszeit prägend. Seine erratischen Drohungen und der demonstrative Einsatz militärischer Macht ohne erkennbare Strategie verdrängen zunehmend die Erinnerung an die Zeit vom Ende der 1940er- bis Anfang der 1990er-Jahre, in denen die USA die tragende Kraft der NATO und ein verlässlicher Stabilitätsanker der transatlantischen Wirtschaft waren.
Das sicherte beiden Seiten, Europa wie Nordamerika (Kanada also eingeschlossen), Frieden und Wohlstand. Zu diesen vier Jahrzehnten der bipolaren Ordnung kommen noch drei Jahrzehnte des sogenannten „unipolaren Momentums“ hinzu, in denen die USA ihre zuvor wesentlich auf den transatlantischen Raum begrenzte Rolle mehr oder weniger ausgeprägt im globalen Rahmen spielten.
Mal verstehen sich die USA als Weltpolizist, mal überlassen sie die Welt sich selbst.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hätte ein Beobachter, der in der US-Außenpolitik eine gewisse Ambivalenz erkannte, darin wohl das Ergebnis eines politischen Lernprozesses gesehen. Unter dem Eindruck der Erfahrungen des 20. Jahrhunderts wiederholten die USA nicht den Fehler ihres Rückzugs aus Europa nach dem Ersten Weltkrieg, sondern blieben in West- und Südeuropa präsent und schufen ein System militärischer Sicherheit und wirtschaftlicher Prosperität, das weltgeschichtlich nahezu beispiellos war.
Das Nähe-Distanz-Problem
Doch die inzwischen erfolgte demonstrative Abkehr der USA von der Stabilität dieser Ära ist allzu tiefgreifend, als dass man das Agieren Trumps als einen „Ausreißer“ oder eine „Beule“ in einer sonst kontinuierlichen Politik ansehen könnte. Zumal die Abkehr vom atlantischen Raum und die strategische Hinwendung zum Indopazifik bereits unter Trumps Vorgänger Barack Obama mit dem von ihm ausgerufenen „Pivot to Asia“ begonnen hat.
Was also sind die langen Linien der US-Außenpolitik? Gibt es sie überhaupt, oder ist das Hin und Her zwischen Isolationismus und Interventionismus eine Variante von Schopenhauers Stachelschwein-Parabel, wonach die Stachelschweine, wenn es ihnen im Winter zu kalt wird, zusammenrücken, doch sobald sie dabei die Stacheln der anderen zu spüren bekommen, auseinanderstreben, bis sie unter dem Zwang der Kälte aufs Neue wieder zusammenrücken. Das wiederholt sich unendlich – außer die Stachelschweine richten sich in einem mittleren Abstand ein, was auf längere Sicht eher unwahrscheinlich ist.
Für Schopenhauer war diese Parabel ein Beispiel dafür, dass die Menschen aus der Geschichte nichts lernen und sich darum alles wiederholt. Es gibt, so Schopenhauer, kein verlässliches Lernen, sondern nach einiger Zeit ist das Gelernte wieder vergessen. Das sorgt dafür, dass die Geschichte ein Spiel der Vergeblichkeit ist. Die Außenpolitik der USA ist offenbar ein Beispiel dafür.
Zwischen Expansion und Isolation
Aber was treibt dann das US-amerikanische Hin und Her zwischen Isolation und internationaler Verpflichtung an? Was sind im Fall der USA die Funktionsäquivalente für Kälte und Schmerz in Schopenhauers Parabel?
Zwei Kandidaten kommen dafür in Frage: die äußeren Konstellationen, also die jeweils relevanten geopolitischen Herausforderungen, und die inneren Verhältnisse, vor allem die Bereitschaft der Bevölkerung, die Lasten und Kosten von Bündnissen und Verpflichtungen zu tragen und die Risiken von Interventionen zu schultern. Beides sind keine sich ausschließenden Alternativen, sondern sie beeinflussen sich ein ums andere Mal gegenseitig.
Wenn es zu einer imperialen Überdehnung oder hegemonialen Überlastung kommt, gibt es zwei Optionen, darauf zu reagieren: Entweder man zieht sich aus bisher gehaltenen Positionen zurück, von denen man glaubt, notfalls auf sie verzichten zu können. Oder man mobilisiert zusätzliche innere Ressourcen, um die fraglichen Positionen doch noch halten zu können. Letzteres heißt freilich, dass man der eigenen Bevölkerung zusätzliche Belastungen und Verzichte auferlegt – was in autoritären Regimen sehr viel leichter fällt als in demokratischen Ordnungen.
Welche globalen Verpflichtungen ein Staat übernehmen kann, hängt also nicht nur vom puren Umfang seiner Ressourcen ab, sondern auch von seinem Willen – dem der Regierung wie dem der Bürgerschaft –, diese Ressourcen in Fähigkeiten und Engagement umzusetzen. Dieser wiederum korrespondiert gleichermaßen mit den verfügbaren Ressourcen und dem politischen und wirtschaftlichen Nutzen.
So zumindest erscheint es in einem Politikverständnis, das von durchgehend rational handelnden Akteuren ausgeht. Abweichungen davon resultieren aus Vorurteilen, prägenden Erzählungen und den Erinnerungen an frühere Interventionen. Nationaler Stolz etwa kann Regierungen und Gesellschaften dazu bewegen, nicht streng nach Kosten und Nutzen zu handeln, sondern sich auf teure Interventionen einzulassen. Doch patriotische Erzählungen verlieren mit der Zeit an Wirkung. Hinzu kommt, dass politische Entscheidungen oft unter unvollständigen Informationen getroffen werden: Regierungen wie Bevölkerungen kennen die zukünftige Entwicklung nicht und könnten Engagements womöglich später bereuen. Besonders prägend sind schließlich die Erinnerungen an frühere Interventionen – vor allem dann, wenn diese nicht den erhofften Erfolg gebracht haben.
Scheitern am eigenen Anspruch
Legt man dieses Modell als Analyseraster an die US-Geschichte an, so kommt man zu dem Ergebnis, dass die USA seit ihrer Unabhängigkeit nie besonders bescheiden gewesen sind und sich in den internationalen Konstellationen keineswegs versteckt haben.
Selbst die Monroe-Doktrin, formuliert 1823, war keineswegs national-isolationistisch. Sie besagte, dass europäische Mächte auf dem amerikanischen Doppelkontinent und in der Karibik keinen Einfluss nehmen sollten, während die USA im Gegenzug auf Eingriffe in Europa verzichteten. Tatsächlich war sie ein geopolitisches Konzept, das weit über die USA hinausgriff, indem es Mittel- und Südamerika sowie die Karibik als exklusiven Einfluss- und Interventionsraum der Vereinigten Staaten definierte.
Legitimiert wurde dieser Anspruch damit, dass die USA doch für Freiheit und Selbstbestimmung stünden, während die autoritären Regime Europas vor allem Unterdrückung und Ausbeutung im Sinn hätten. Was die Europäer betrifft, war dies keineswegs falsch, unterwarf die US-Politik jedoch einem Anspruch, an dem sie gemessen werden konnte.
Tatsächlich sind die USA in ihrer „kolonialistischen Ära“ vom Ende des 19. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts an diesem Anspruch gescheitert, als sie Teile des spanischen Kolonialreichs eroberten, von den Philippinen bis Puerto Rico, und als sie Hawaii wie Alaska als Territorien (also nicht als Bundesstaaten) behandelten.
Dieses Scheitern wiederholte sich im 20. Jahrhundert in Vietnam, im Irak und in Afghanistan. Hinzu kamen noch die von der CIA veranlassten Staatsstreiche mithilfe eines US-affinen Militärs in anderen Ländern gegen deren demokratisch gewählte Regierungen. So etwa im Iran Anfang der 1950er-Jahre oder in Chile Anfang der 1970er-Jahre.
Prägende Erfahrungen
Demgegenüber stehen die „guten Kriege“ gegen Nazi-Deutschland und das kaiserliche Japan sowie der Aufbau von Demokratien in Westeuropa mitsamt deren Eingliederung in den atlantischen Wirtschaftsraum, was für den wirtschaftlichen Wiederaufstieg Europas ausschlaggebend war.
Der Umgang mit Deutschland und Japan wurde zu einer Erfolgsgeschichte, was einige US-Regierungen nach dem Ende des Ost-West-Gegensatzes zu der Vorstellung verleitete, man könne derlei nach Belieben wiederholen. Erfolge machen eben leichtfertig und leichtsinnig.
So blieb die Erfahrung von Fehlschlägen nicht aus, zunächst die von Vietnam, wo man darauf setzte, den Stabilisierungserfolg des Koreakrieges vom Beginn der 1950er-Jahre wiederholen zu können. Als das nicht der Fall war und sich die USA zuletzt fluchtartig aus Vietnam zurückziehen mussten, war das der Beginn von mehreren Jahrzehnten des Verzichts auf offene Interventionen.
Eine neue Ordnung
Allenfalls agierte man klandestin, und an die Stelle des Militärs traten Aktionen der Geheimdienste. Das änderte sich wieder mit der erfolgreichen Intervention in Panama 1989 unter US-Präsident George H. W. Bush, die wenig kostete. Nach dem Ende des Kalten Krieges kamen dann humanitäre Missionen hinzu, wie die wenig erfolgreiche Intervention in Somalia oder das prestigeträchtige und erfolgreiche Eingreifen in die jugoslawischen Zerfallskriege.
Trump ist mit seiner Arroganz, Unkenntnis und Unberechenbarkeit für die USA und die weltpolitische Ordnung eine Katastrophe.
Man setzte auf „chirurgische Attacken“, die bei begrenztem Einsatz nachhaltige Folgen zeitigen sollten. Doch in Afghanistan und im Irak, wo die USA auf entschlossenen Widerstand stießen, ließ man sich in lange Kriege hineinziehen, die viel kosteten und wenig brachten – womit die Stimmung in den USA wieder umschlug und man sich auf eine Politik der Konsolidierung konzentrierte.
Ohne die zweite Amtszeit Donald Trumps wäre es bei diesem Auf und Ab vermutlich auch geblieben. Doch Trump begann mit einer Mischung aus Allmachtsfantasien und Rückzug aus Europa, die das bisher langsame Wechselspiel von militärischem Engagement und Enttäuschung auf wenige Wochen verdichtete. Auf diese Weise wurde der gewohnte Mechanismus aus Erwartung und Enttäuschung ausgehebelt. An seine Stelle traten die Arroganz, die Unkenntnis und die Unberechenbarkeit eines Präsidenten, der glaubte – und weiterhin glaubt –, die politische Welt nach seinen eigenen Vorstellungen formen zu können.
Damit hat er das Prestige der USA innerhalb kürzester Zeit ruiniert, und es ist unwahrscheinlich, dass die vormalige Vormacht je wieder zu ihrem Rhythmus von Engagement und Rückzug zurückkehren kann. Donald Trump ist für die USA und die weltpolitische Ordnung eine Katastrophe, und es ist nicht absehbar, ob und wie beide sich davon wieder erholen können. Vermutlich wird die globale Ordnung in Zukunft nach anderen Regeln funktionieren als denen der USA.
Conclusio
Weltpolizist. Die US-Außenpolitik oszillierte stets zwischen internationalem Engagement und Isolationismus. Nach 1945 schufen die USA in Westeuropa und Japan ein historisch beispielloses System aus Frieden, Wohlstand und Stabilität.
Rückschläge. Kriege in Vietnam, Irak und Afghanistan haben den Glauben erschüttert, Demokratie lasse sich weltweit exportieren. Man erkannte: Militärische Überlegenheit kann nicht automatisch in stabile politische Ordnung übersetzt werden.
Weltordnung. Donald Trump hat die Rolle der USA als globale Ordnungsmacht nachhaltig beendet. Unberechenbarkeit wurde zur Normalität. Ob die Welt je wieder zur früheren Ordnung unter amerikanischer Führung finden wird, ist fraglich.


