US-Sicherheitsstrategie: Das steht zwischen den Zeilen

Die neue US-Sicherheitsstrategie untermauert Donald Trumps „America First“ Prinzip. Was hinter den Formeln des Weißen Hauses steckt und was das für Europa bedeutet.

US-Präsidemt Domald Trump vor schwarzem Hintergrund im Profil mit geöffnetem Mund. Das Bild illustriert einen Beitrag zur US-Sicherheitsstrategie.
US-Präsident Donald Trump liefert mit seiner Sicherheitsstrategie einen Weckruf für Europa. © Getty Images
×

Auf den Punkt gebracht

  • Kurswechsel. Die neue Nationale Sicherheitsstrategie 2025 definiert zehn strategischen Prinzipien für die US-Außenpolitik.
  • Prioritäten. Washington führt ohne zu regieren, priorisiert den Indo‑Pazifik und setzt auf mehr Kontrolle in Lateinamerika.
  • Weckruf. Die USA sehen Europa ökonomisch und demografisch im Abstieg und stellen offen die NATO in Frage.
  • Vasall. Washington fordert von Europa mehr Eigenständigkeit in Sicherheitsfragen aber gleichzeitig Gefolgschaft.

Die neue Nationale Sicherheitsstrategie der USA markiert eine harte strategische Wende: Weg von globaler Vormundschaft, hin zu einer hierarchischen Definition von Interessen, in der Europa und die Verbündeten klar in die Pflicht genommen werden. „America First“ und der Zugang der Trump Administration zu Fragen der Souveränität, Meinungs- und Pressefreiheit sowie politische bzw. demokratischen Partizipation werden zum Leitthema der zukünftigen Entwicklung der Weltordnung.

Für Europa bedeutet das eine Mischung aus Entlastung und Entzug: Die USA wollen weiter Stabilität und „europäische Größe“ fördern, machen aber unmissverständlich klar, dass die Zeiten des sicherheitspolitischen „Rundumservices“ vorbei sind. Gleichzeitig beansprucht Washington, trotz Lastenteilung und selektiverer Engagements, die Rolle der zentralen Gestaltungsmacht in einem globalen Machtwettbewerb mit China und anderen Herausforderern.

Knallharte US-Sicherheitsstrategie

Die Strategie definiert Außenpolitik als reinen Dienst an den „core national interests“, alle universalistischen Ambitionen werden explizit aussortiert. Früh wird mit der Nach‑Kalten‑Kriegspolitik abgerechnet, deren Ziel einer „permanenten amerikanischen Dominanz der ganzen Welt“ als illusionär und selbstschädigend verworfen wird.

Die Nationalen Sicherheitsstrategie 2025 spannt einen Rahmen mit zehn strategischen Prinzipien, in dem die USA ihre Außenpolitik strikt auf eine „Focused Definition of the National Interest“ ausrichten und alles ausblenden, was nicht unmittelbar dem Schutz klar umrissener Kerninteressen dient. Zentrales Prinzip ist „Peace Through Strength“: ökonomische, technologische und militärische Überlegenheit sollen Gegner abschrecken und zugleich die Grundlage für Konfliktlösung bilden.

Gleichgewicht der Mächte

Eine „Predisposition to Non-Interventionism“ setzt hohe Hürden für (militärische) Interventionen, wird aber durch „Flexible Realism“ ergänzt, der pragmatische Kooperation auch mit nicht-demokratischen Regimen erlaubt, solange sie US-Interessen nicht konterkarieren. Mit „Primacy of Nations“ und „Sovereignty and Respect“ betonen die USA den Nationalstaat als oberste politische Einheit, verteidigen ihre nationale Souveränität gegen internationale Organisationen und beanspruchen das Recht, ihren Kurs ohne äußere Einmischung – implizit einschließlich des Völkerrechts – zu bestimmen.

Das Prinzip „Balance of Power“ verpflichtet Washington, regionale und globale Machtgleichgewichte so zu gestalten, dass keine andere Macht in eine Position kommt, die zentrale amerikanische Interessen bedroht. Innen- und außenwirtschaftlich verankern „Pro-American Worker“, „Fairness“ und „Competence and Merit“ eine Politik, die Handelsbeziehungen, Bündnisse und Institutionen nach ihrem Nutzen für amerikanische Arbeiter und nach symmetrischer Belastung bewertet und „free-riding“ (Trittbrettfahren) oder ausbeuterische Praktiken nicht mehr akzeptiert. Darüber hinaus wird die Konkurrenzfähigkeit von amerikanischen Arbeitnehmern und Firmen als außenpolitische Priorität gesehen.

Führen statt Regieren

Global positioniert sich die Strategie als Absage an eine US‑„Weltregierung“ – aber nicht an den US‑Führungsanspruch. Im Indo‑Pazifik sehen sich die Vereinigten Staaten als wesentlicher Akteur im zentralen Raum der Auseinandersetzung des 21. Jahrhunderts und setzen auf eine Kombination aus wirtschaftlicher Entkopplung von China, technologischer Überlegenheit und klassischer Seemachtpolitik entlang der „First Island Chain“ – zu der auch Taiwan zählt. Zugleich wird die eigene ökonomische und finanzielle Dominanz als Hebel definiert, um Verbündete auf Linie zu bringen und den Dollar als Leitwährung über engere Kapitalmarktverflechtungen und technologische Kooperation zu sichern.

Der US-Amerikanische ‚Hinterhof‘ (Mittel- und Südamerika) soll wieder vollständig unter US-Kontrolle gebracht werden.

Auch in anderen Regionen ziehen sich die USA nicht zurück, sondern justieren ihre Präsenz bzw. Rolle neu. In der westlichen Hemisphäre wird ein „Trump-Zusatz (oder auch Ergänzung) zur Monroe-Doktrin“ („Trump Corollary to the Monroe Doctrine“) formuliert. Staaten die nicht Teil der westlichen Hemisphäre, sind sollen in dieser Region aus strategischen Sektoren und Infrastrukturen gedrängt werden. Damit soll der US-Amerikanische „Hinterhof“ (Mittel- und Südamerika) wieder vollständig unter US-Kontrolle gebracht werden.

Im Nahen Osten verschiebt sich der Fokus von militärischer Dauerpräsenz auf diplomatisch vermittelte „Realignment Through Peace“, gestützt auf Energie‑, Technologie‑ und Rüstungskooperation. Afrika schließlich soll von einem Hilfs‑ zu einem Investitionspartner werden – mit Schwerpunkt auf Energie und kritischen Rohstoffen, stets mit Blick auf den Systemwettbewerb mit China.

Europa zwischen Erosion und „Greatness“

Im Europakapitel zeichnet die Strategie ein drastisches Bild: Ökonomischer Bedeutungsverlust, demografischer Niedergang, migrationsbedingte Identitätskrise und eine „prospect of civilizational erasure“. Die Europäische Union wird als Treiber einer „regulatorischen Erdrosselung“ („regulatory suffocation“) gesehen, die zu Unfrieden in der Bevölkerung, Zensur der Meinungsfreiheit und Unterdrückung politischer Opposition, einem dramatischen Einbruch der Geburtenraten sowie der Verlust nationaler Identitäten und des Selbstvertrauens. Besonders scharf ist der Befund, „dass es alles andere als offensichtlich ist, ob bestimmte europäische Länder in 20 Jahren noch über starke Ökonomien und Militärs verfügen, die sie zu verlässlichen Alliierten machen“.

Gleichzeitig bleibt Europa für Washington strategisch unverzichtbar: Transatlantischer Handel, technologische Leistungsfähigkeit und kulturelle Nähe machen den Kontinent zu einem wesentlichen Pfeiler der westlichen Ordnung. Ziel der USA ist es daher, „Europe to remain European, to regain its civilizational self-confidence“ und Europa zu befähigen, „als Gruppe souveräner, ausgerichteter Nationen“ eigenständig für seine Sicherheit zu sorgen – ohne selbst unter die Dominanz einer feindlichen Macht, aus amerikanischer Sicht wären das China oder Russland, zu geraten.

×

Zahlen & Fakten

Der Ukrainekrieg wird dabei als Nagelprobe gesehen: Die USA wollen „eine zügige Beendigung der Feindseligkeiten“ verhandeln, um wirtschaftliche Stabilität wiederherzustellen, Eskalationsrisiken zu minimieren und eine neue strategische Stabilität mit Russland zu schaffen. Dabei ist aus US-Sicht ein amerikanisches diplomatische Engagement, um die Beziehungen zwischen Russland und Europa zu verbessern und einen Krieg in Europa zu verhindern. Die USA sehen sich hierbei als dritte Partei, die von außen die Stabilität wiederherstellt.

Für Europa heißt das: weniger amerikanische Präsenzgarantien, mehr Erwartung an eigenständige Abschreckungs‑ und Verteidigungsfähigkeit, insbesondere gegenüber Russland. Welche Rolle die NATO einem offenen Krieg mit Russland spielt, bleibt in diesem Zusammenhang offen.

Europa unter Zugzwang

Für Europas Streitkräfte und strategische Kultur hat diese Strategie drei Kernimplikationen. Erstens: Der Aufbau eigenständiger Fähigkeiten wird nicht mehr als „nice to have“, sondern als Voraussetzung für fortgesetzte US‑Unterstützung definiert – vom Fähigkeitsprofil der Landstreitkräfte an der Ostflanke bis zur maritimen Präsenz im Atlantik und Mittelmeer.

Zweitens: Washington denkt Sicherheit nicht mehr isoliert militärisch, sondern verknüpft sie mit Industriepolitik, Energieversorgung und dem Thema Migration.

Drittens: Die USA stellen offen die langfristige Kohärenz der NATO in Frage, wenn „einige Mitglieder innerhalb weniger Jahrzehnte mehrheitlich nicht‑europäisch geprägt sein werden“ und damit möglicherweise andere Interessen verfolgen. Implizit schwingt hier die Frage nach einer möglichen Renationalisierung europäischer Sicherheit mit – und nach verstärkter Rolle der „gesunden Nationen Mittel‑, Ost‑ und Südeuropas“, die Washington durch engere kommerzielle, militärische und kulturelle Beziehungen gezielt stärken will.

Europa erscheint somit weniger als homogener Block, sondern als Mosaik, in dem die USA selektiv in jene Akteure investieren, die am engsten mit der amerikanischen Lesart von Souveränität und westlicher Identität harmonieren.

Strategische Autonomie

Für die europäische Debatte über „strategische Souveränität“ ist die Botschaft der Strategie doppeldeutig. Einerseits fordert Washington lautstark, dass Europa „auf eigenen Füßen steht“, seine Verteidigung weitgehend selbst trägt und seine wirtschaftlichen Schwächen überwindet. Andererseits soll diese Emanzipation nicht in eine eigenständige, potenziell divergierende strategische Linie münden, sondern in eine engere Einpassung in ein amerikanisch geführtes Balance‑of‑Power‑System, in dem Europa vor allem als Verstärker westlicher Macht fungiert.

Europas Problem sei nicht nur zu wenig Rüstung, sondern ein Mangel an Selbstvertrauen, Identität und dem Willen, die eigene Zivilisation zu verteidigen.

Die eigentliche Zumutung für Europa liegt weniger in der Forderung nach mehr Geld und mehr Fähigkeiten, sondern in der kulturell‑politischen Diagnose: Europas Problem sei nicht nur zu wenig Rüstung, sondern ein Mangel an Selbstvertrauen, Identität und dem Willen, die eigene Zivilisation zu verteidigen. Im Stil einer geopolitischen Intervention in die innereuropäische Wertedebatte setzt Washington damit bewusst auf jene politischen Kräfte, die eine Renationalisierung und Entbürokratisierung Europas anstreben – in der Hoffnung, dass aus diesem Kulturkampf ein stärkerer, kampfbereiterer Partner hervorgeht.

Nicht auf Augenhöhe

Mit der vorliegenden Nationalen Sicherheitsstrategie setzt die US-Regierung unter Präsident Donald Trump ihren feindseligen Kurs gegenüber Europa, insbesondere gegenüber der europäischen Union weiter fort. Aus Sicht der US-Administration ist Europa weiterhin Teil der eigenen Einflusssphäre, gleichzeitig sehen sich die USA aber nicht als gleichberechtigter Partner in einer europäischen Sicherheitsarchitektur. Mit Spannung kann nun die überarbeitete „Global Posture Review“ erwartet werden, in welcher die globale Aufstellung der US-Streitkräfte beschrieben wird.

×

Conclusio

Machtdoktrin. Die neue US‑Sicherheitsstrategie 2025 ordnet Außenpolitik strikt den Kerninteressen unter: Peace through Strength, Souveränität vor Universalismus, Nicht‑Intervention mit flexiblem Realismus, Balance‑of‑Power.

Mosaik. Übersetzt heißt das: Washington führt ohne zu regieren, misst Europas Staaten einzeln an deren Nützlichkeit und stellt den Zusammenhalt der NATO‑infrage.

Anti EU. Die neue nationale Sicherheitsstrategie bestätigt den feindseligen Kurs gegenüber der europäischen Union.

Mehr zu USA & Europa

Unser Newsletter