Die vier Amerikas

Ein Jahr nach der Wahl von Joe Biden zum Präsidenten sind die USA weiter tief gespalten. Vier Strömungen ringen um die ideologische Herrschaft – zwei konservativ, zwei progressiv. Es wäre besser, keine würde sich durchsetzen.

Illustration der vier Amerikas
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Auf den Punkt gebracht

  • Das Freie Amerika ist das Amerika Ronald Reagans: konservativ, libertär und unternehmerfreundlich.
  • Das Smarte Amerika ist jenes von Barack Obama und den Clintons: progressiv, erfolgreich, technologieverliebt – aber weit weg von den Menschen.
  • Das Wahre Amerika spülte Donald Trump ins Weiße Haus – es ist nationalistisch, fundamentalistisch und oft auch rassistisch.
  • Das Gerechte Amerika ist die Generation Woke: Sie sieht die USA als System fester Hierarchien, die aufgebrochen werden müssen.

Nationen wie Individuen erzählen sich Geschichten, um besser zu verstehen, wer sie sind, woher sie kommen, und wer sie sein wollen. Und es gibt nie nur eine Geschichte – tatsächlich konkurrieren immer mehrere Narrative miteinander und verändern sich ständig. Die langlebigsten Geschichten sind nicht jene, in denen auch alle Fakten stimmen. Es sind vielmehr jene, die unsere tiefsten Bedürfnisse und Wünsche am besten erfüllen.

Mittlerweile wissen wir, dass Demokratie Einvernehmen über die gemeinsame Wirklichkeit voraussetzt – wenn Fakten austauschbar werden, sind wir verloren. Doch wie der Einzelne kein glückliches und produktives Leben führen kann, wenn er ständig Selbstkritik übt, so braucht eine Nation mehr als nur Fakten – sie braucht auch Geschichten, die sie mit einer moralischen Identität ausstatten.

Für den größten Teil des 20. Jahrhunderts hatten die beiden amerikanischen Parteien eine klare Identität und erzählten ihre jeweilige Geschichte. Die Republikaner traten für jene ein, die vorankommen wollten, die Demokraten für die, die sich faire Chancen wünschten. Den Republikanern war die unternehmerische Freiheit wichtig, den Demokraten die soziale Solidarität. Diese Aufteilung hielt bis zum Ende der 1960er Jahre.

Die Umwälzungen der 1970er brachen die alten Parteilinien auf und damit auch die beiden vergleichsweise stabilen Narrative von gesellschaftlichem Aufstieg und fairen Chancen. Sie wurden ersetzt durch vier konkurrierende Geschichten, vier Narrative von Amerikas moralischer Identität. Diese wurzeln in unserer Geschichte, doch sie sind geprägt von einer neuen Gesellschaftsordnung. Sie spiegeln die inneren Widersprüche auf beiden Seiten der großen Bruchlinie, die uns in zwei Länder gespalten hat. Keines dieser Narrative kann verstanden werden, ohne einen Blick auf die übrigen drei zu werfen, alle vier sind aus demselben Ganzen entstanden.

I. Das Freie Amerika

Uncle Sam des freien Amerika

In den vergangenen 50 Jahren war es zweifellos das politisch einflussreichste der vier. Das Freie Amerika knüpft an libertäre Ideen an, die es in den hochdrehenden Motor des Konsumkapitalismus injiziert. Die libertäre Haltung nimmt den amerikanischen Mythos vom Selfmademan und dem einsamen Pionier in den Weiten des Westens auf. Die Amerikaner denken ohnehin nicht gerne über die Gesellschaft nach, und die Libertären machen ihnen das leicht, indem sie das Thema Gesellschaft erst gar nicht in ihre Überlegungen einbeziehen. Der Libertarismus ist ein geschlossenes Erklärungssystem. Er spricht superschlaue Ingenieure an und andere, die nie erwachsen werden.

Die Alchemie des Ronald Reagan

Wie aber wurde der Slogan des Freien Amerikas zum Dogma der Republikanischen Partei? Wie jede politische Veränderung beruhte auch diese auf Ideen, auf einer authentischen Verbindung mit dem Leben der Menschen und dem richtigen Zeitpunkt. Nach Jahren hoher Inflation mit dramatischen Arbeitslosenzahlen, nach Benzinkrisen, dem Chaos in den linksliberalen Städten und einer sagenhaften Korruption und Inkompetenz bei den Politikern waren nach 1980 viele Amerikaner bereit zuzuhören, als Milton und Rose Friedman in einem Buch und einer Fernsehserie mit dem Titel „Free to Choose“ den Niedergang der USA auf die gesetzlichen Regulierungen für Unternehmen und andere Eingriffe der Regierung in den freien Markt zurückführten.

Aber es bedurfte der Alchemie des republikanischen Präsidentschaftskandidaten desselben Jahres, Ronald Reagan, um die kalte Formel von Steuersenkungen und Deregulierung in die warme Vision eines Amerikas zu verwandeln, das im biblischen Sinne zur „leuchtenden Stadt auf einem Hügel“ wurde – zum Land der Pilger, zum Leuchtturm einer verzweifelten Welt. Erst in Reagans Rhetorik reimte sich die Unternehmensplünderei der Wall Street mit dem Geist von Stadtratssitzungen im alten Neuengland.

Die Amerikaner denken nicht gerne über die Gesellschaft nach, und die Libertären machen ihnen das leicht.

Der älteste Konflikt in der amerikanischen Politik ist der zwischen Individualismus und Zentralismus. Reagan änderte die Begriffe, indem er sie umkehrte: Die Abkömmlinge von Jeffersons freien Bauern mit ihrem Wunsch nach Unabhängigkeit wurden zu soliden Managern und Investmentbankern, die sich nach der freien Luft einer Unternehmenswelt ohne Regierungseingriffe sehnten. Und die Erben von Hamiltons aristokratischen Financiers waren die nicht gewählten Bürokraten und herzlosen Regulatoren.

Reagan wusste, wie er überzeugen konnte und wann er Kompromisse schließen musste. Als er die Bühne verlassen hatte, verlor das Freie Amerika den roten Faden. Ohne Reagans Lächeln und die Klarheit des Kalten Krieges wurde die Vision dieser Gruppierung düsterer und extremistischer. Das Narrativ vom Freien Amerika erwies sich als so starr wie jede Ideologie: Steuersenkungen + Deregulierung = Freiheit + Wohlstand. Die Fakten belegten das Gegenteil. Die Löhne der meisten Amerikaner stiegen erst, als Bill Clinton die Steuern für die Wohlhabenden erhöhte.

Zerstören statt aufbauen

Das Freie Amerika hatte immer einen aufrührerischen Geist. Es wollte die Institutionen zerstören, nicht aufbauen. Verantwortungslosigkeit war ihren Führern eingeschrieben. Statt politische Lösungen zu finden, um das soziale Netz zu reparieren, mobilisierten die Republikaner Wut und Verzweiflung, denen sie dann geeignete Sündenböcke anboten. Die Partei dachte, sie könne im Streben nach mehr Macht diese finsteren Energien kontrollieren, doch letztlich wurde sie davon verschlungen. Die Führer des Freien Amerikas verloren stetig an Niveau: von Ronald Reagan über Newt Gingrich hin zu Ted Cruz. Nach unten gab es bald keinerlei Grenze mehr. Das Narrativ des Freien Amerikas war plötzlich überholt.

II. Das Smarte Amerika

Uncle Sam des Smarten Amerika

Die neue Wissensgesellschaft schuf eine neue Klasse von Amerikanern: Männer und Frauen mit einem College-Abschluss (mindestens), die gut verdienen. Sie studieren miteinander, heiraten untereinander und ballen sich in den schönen Vierteln großer urbaner Regionen. Und sie tun alles Menschenmögliche, um die Vorteile ihrer Stellung an ihre Kinder weiterzugeben. Ihr Erfolg hängt von ihrem Intellekt ab, nicht von der Ausbeutung natürlicher Ressourcen oder der Anhäufung von Kapital. Sie gehören nicht zu dem berühmten einen Prozent der Einkommensskala. Aber sie bilden die obersten zehn Prozent dieser Skala und üben überdurchschnittlich viel Einfluss auf Wirtschaft und Kultur aus.

Sie fühlen sich wohl in dieser Welt, die ein Kind der Moderne ist. Sie waren Early Adopters sämtlicher Errungenschaften: HBO, Vielfliegerprogramme, MacBook Pro, Fleisch vom Weiderind, Cold-Brew-Kaffee, Amazon Prime. Sie lieben alles Neue und die Vielfalt. Sie sind der Ansicht, dass vom transnationalen Fluss von Menschen, Informationen, Gütern und Kapital die meisten Menschen profitieren. Sie sind keine Nationalisten – ganz im Gegenteil –, aber sie haben ein nationales Narrativ.

Die kosmopolitische Perspektive des Smarten Amerikas deckt sich an manchen Stellen mit den libertären Ansichten des Freien Amerikas. Beide glauben an Kapitalismus und Meritokratie: die Überzeugung, dass Talent und Leistung über den Lohn entscheiden sollen. Bill Clinton zum Beispiel (der von Menschen sprach, die „fleißig arbeiten und die Regeln befolgen“), Hillary Clinton (die gern über „gottgegebenes Talent“ philosophierte) und Barack Obama („Wir brauchen jeden Einzelnen von euch. Jeder sollte seine Talente, Gaben und seinen Intellekt entfalten können“) – sie alle sind ein Produkt der Meritokratie.

Polit-Streber im Glück

Politisch votierte das Smarte Amerika deshalb gewöhnlich für die Demokraten. Bill und Hillary Clinton waren Polit-Streber, die Idealismus mit Unternehmernähe und Wirtschaftswachstum verquickten. Statt das Wort für die Arbeiterklasse zu ergreifen, sprachen die Clintons darüber, wie man Arbeitern durch Ausbildung und Schulung den sozialen Aufstieg ermöglichen könnte. Sie gingen von der Annahme aus, dass alle Amerikaner schaffen konnten, was sie geschafft hatten.

Was den Patriotismus angeht, da fremdelt das Smarte Amerika. Er ist ein Relikt aus primitiven Tagen wie Zigarettenrauch oder Hunderennen.

Zur Jahrtausendwende schwang sich das Smarte Amerika in ganz neue Höhen auf. Bill Clintons Reden wurden geradezu euphorisch: „Wir haben Glück, diesen Moment der Geschichte zu erleben“, sagte er in seiner letzten Rede zur Lage der Nation. Die New Economy habe die „veralteten Ideologien“ durch bahnbrechende, sensationelle Technik ersetzt.

Smarte Bomben, dumme Kriege

Das Smarte Amerika hat den üblichen Antiamerikanismus der Linken nicht übernommen. Es hasst Amerika nicht, das so gut ist zu seinen Meritokraten. Das Smarte Amerika glaubt an Insti­tutionen, es steht hinter der ameri­kanischen Führung in militärischen Bündnissen und internationalen Organisationen. Manchmal unterstützte es smarte Kriege mit smarten Bomben, vor allem, wenn diese einen humanitären Hintergrund hatten. Was den Irak anging, war diese Gruppierung gespalten. „Ich bin nicht gegen jeden Krieg“, sagte Barack Obama 2002 als Abgeordneter in Illinois. „Ich bin gegen dumme Kriege.“

Was den Patriotismus angeht, da allerdings fremdelt das Smarte Amerika. Er ist ein unerfreuliches Relikt aus ­primitiven Tagen wie Zigarettenrauch oder Hunderennen. Er weckt Emotionen, die hässliche Folgen zeitigen können, zum Beispiel Sportfans, die „USA! USA!“ brüllen, bis hin zum Hypernationalismus der Jahre nach dem 11. September. Die leuchtende Stadt auf dem Hügel ist schwer bewaffnet und gefährlich. Die Gewinner des Smarten Amerikas – mit der Welt verbunden durch Flugzeuge, Internet und Investments – sind unfähig zur nationalen Identität und wollen auch keine mehr.

Ihre leidenschaftliche Loyalität gilt der Familie, das ist ihre besondere Identität. Der Rest ist Diversität, Effizienz, alte Tomatensorten und selbstfahrende Autos. Sie verstehen nicht, welchen Sinn Patriotismus haben soll. Wer jedoch das Ziel hat, den Klima­wandel zu verlangsamen, Ungleichheit und Rassismus zu beenden oder die Demokratie wiederzubeleben, der braucht die nationale Solidarität, die auf dem Patriotismus aufbaut. Das ist das eine Problem des Smarten Amerikas. Das andere ist, dass der Patriotismus, sollte man ihn anderen Narra­tiven über­lassen, unter Garantie übel missbraucht wird.

III. Das Wahre Amerika

Uncle Sam des Wahren Amerika

Im Herbst 2008 hielt Tea-Party-Aktivistin Sarah Palin bei einer Spenden­gala in Greensboro, North Carolina, eine Rede. „Wir glauben, dass das Beste von Amerika in diesen kleinen Orten lebt, die wir im Wahlkampf besuchen“, meinte sie. „In diesen wunderbaren Gemeinden, die das wahre Amerika darstellen. Hier in den hart arbeitenden, patriotischen, proamerikanischen Gebieten dieser großen Nation. Mit den Menschen, die unsere Fabriken am Laufen halten, unsere Kinder voranbringen, unsere Nahrungsmittel anbauen und unsere Kriege für uns ausfechten.“

Was die Vertreter des Smarten Amerikas an Palin befremdete, wirkte im Wahren Amerika magnetisch anziehend auf Tausende von Menschen, die oft stundenlang ausharrten, bis sie endlich ans Pult trat: ihre Sprache, ihr christlicher Erweckungsglaube, ihre randlose Brille, die vier Colleges, die sie besucht hatte, die Namen ihrer fünf Kinder (Track, Bristol, Willow, Piper, Trig), ihr Baby (Trig) mit Down-Syndrom, ihre schwangere, nicht verheiratete Teenager-Tochter, die Fischzucht ihres Mannes, ihre Begeisterung für die Jagd. Viele Politiker entstammen der Arbeiterklasse – doch Palin hat sie nie hinter sich gelassen.

Die Wahrheit ist nicht grau

Im Laufe der Wahlkampagne bröckelte Palins Lack zusehends ab. Ihre unterirdischen Antworten selbst auf ganz einfache Fragen disqualifizierten sie für Amerikaner, die zu den Themen noch keine Meinung hatten. 2008 war das Land immer noch zu rational für eine Kandidatin wie Palin. Aber mit ihrer stolz zur Schau getragenen Unwissenheit, ihrem ungebremsten Narzissmus und der Verachtung für „das Establishment“ übernahm Sarah Palin gleichsam die Rolle von Johannes dem Täufer für die spätere Kandidatur Donald Trumps.

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Zahlen & Fakten

Jede der Erzählungen findet sich in der politischen Führung wieder. Dies sind die Präsidenten der vier Amerikas:

  • Ronald Reagan (1981 bis 1989) machte das Freie Amerika zur vorherrschenden Strömung: Reagan glaubte an die Macht des Marktes und dass die Regierung so klein wie möglich sein sollte.
  • Sein Nachfolger George Bush (1989-1993) stolperte über ein nicht gehaltenes Versprechen des Freien Amerika: „Read my lips: No new taxes“ versprach er, bevor er die Steuern erhöhte und die Wiederwahl verlor.
  • Mit dem Demokraten Bill Clinton (1993-2001) und der New Economy des aufkommenden Internet zog das Smarte Amerika ins Weiße Haus ein.
  • Die Ära von George W. Bush (2001-2009) war vom Krieg gegen den Terror geprägt.
  • Mit Barack Obama (2009-2017) kehrte das Smarte Amerika zurück, aber die Vorboten des Trumpismus in Gestalt von Sarah Palin, Vizepräsidentschaftskandidatin von John McCain 2008, waren bereits zu bemerken.
  • Der Republikaner Donald Trump (2017-2021) steht als Repräsentant für das Wahre Amerika, an der Wiederwahl scheiterte er aber.
  • Sein Nachfolger Joe Biden, einst Vizepräsident unter Barack Obama, will Amerika einen – eine große Aufgabe, an der er bislang gescheitert ist.

Das Wahre Amerika ist ein uralter Ort. Die Vorstellung, dass das authentische Herz der Demokratie am stärksten bei ganz normalen Leuten schlägt, die von ihrer Hände Arbeit leben, reicht zurück bis ins 18. Jahrhundert. Dass es vor allem Massen von weißen Zuhörern waren, die auf den Auftritt Palins warteten, war nichts Neues. Das Wahre Amerika war immer schon das Land der Weißen.

Das Wahre Amerika war auch von Anfang an religiös: evangelikal und fundamentalistisch, unversöhnlich gegenüber allen modernen Ideen und intellektuellen Autoritäten. Die Wahrheit ist jedem einfachen Herzen zugänglich, und sie kommt nicht in Grauwerten ­daher. Und schließlich ist das Wahre Amerika stark nationalistisch. Der restlichen Welt setzt es seinen Isolationismus entgegen. Es lehnt jedes humanitäre und internationale Engagement ab, ist jedoch stets bereit, seine nationalen Interessen zu verteidigen.

Amerika als Provinznest

Das Wahre Amerika ist keine leuchtende Stadt auf dem Hügel, es ist auch kein kosmopolitischer Club, der jeden mit den richtigen Talenten und Referenzen eintreten lässt. Das Wahre Amerika ist vielmehr ein Provinznest, in dem jeder jeden kennt. Die Dörfler können ihren Boiler selbst reparieren, und sie geben sich wirklich Mühe, dem Nachbarn zu helfen, wenn er in Not ist. Ein neues Gesicht erregt dort sofort Aufmerksamkeit und Misstrauen.

Trump war der Erste, der Erfolg hatte, weil er darüber sprach, wie beschissen mittlerweile alles in Amerika war.

Als Trump für die Präsidentschaft kandidierte, kollabierte das Freie Amerika in seine eigene Leere. Die Partei-­Eliten waren zu weit weg von Trumps Anhängern, um zu verstehen, was da ablief. Und die Medien-Eliten waren ebenso perplex. Sie reagierten auf Trump gleichermaßen belustigt wie entsetzt. Sie taten ihn ab als Rassisten, Sexisten und Fremdenfeind, als autoritäre, vulgäre Berühmtheit mit orangefarbenem Haar. Was alles zutrifft.

Aber er hat einen instinktiven Riecher für die Gefühlslage des Wahren Amerikas – die für die Eliten ein Buch mit sieben Siegeln blieb. Trump war auch der Erste, der Erfolg hatte, weil er darüber sprach, wie beschissen mittlerweile alles in Amerika war. „Das sind die vergessenen Männer und Frauen unseres Landes“, sagte er auf dem Nominierungsparteitag in Ohio. „Aber sie werden nicht mehr lange vergessen sein.“ Das nationalistische Mäntelchen lag herum, und Trump schnappte es sich. „Ich bin eure Stimme.“

Die Trump-Wähler waren nicht die Verdammten dieser Erde. Sie waren im Allgemeinen weniger gut ausgebildet, lebten fernab der wohlhabenden Städte in nahezu ausschließlich weißen Gemeinden. Sie waren in Wirtschafts­sektoren beschäftigt, die sich in einer Abwärtsspirale befanden. Ihre eigene Zukunft und die ihrer Kinder sahen sie in düsterem Licht. Und sie waren überzeugt, dass Nicht-Weiße bevorzugt wurden oder es sich in der sozialen Hängematte bequem machen konnten.

30.000 überzeugende Lügen

Trump missbrauchte jede einzelne amerikanische Institution – das FBI, die CIA, die Armee, die Gerichte, die Presse, die Verfassung selbst –, und seine Leute jubelten. Nichts fanden sie schöner als das Linksliberalen-Bashing. Nichts überzeugte sie mehr als Trumps 30.000 Lügen. Ein Demagoge kann zum Tyrannen werden, doch es sind die Bürger, die ihn dazu aufsteigen lassen – die Menschen, die Phantastereien und Lügen aufgetischt bekommen wollen, die sich von ihren Mit­bürgern abgrenzen und sich über sie erheben. Die Frage ist also nicht, was Trump war, sondern wer wir sind.

IV. Das Gerechte Amerika

Uncle Sam des Gerechten Amerika

2014 änderte sich der Charakter Amerikas. Eine große und einflussreiche Generation wurde erwachsen, und diese neue Generation setzte wenig Vertrauen in die Ideen, mit denen ihre Vorgänger aufgewachsen waren: Alle Menschen sind gleich geboren. Arbeite hart, und du kannst alles erreichen, was du möchtest. Wissen ist Macht. Demokratie und Kapitalismus sind die besten Systeme – ja die einzigen Systeme. Amerika ist eine Einwanderernation. Amerika ist der Führer der freien Welt. 

Meine Generation hat ihren Kindern die Geschichte vom langsamen, aber stetigen Fortschritt erzählt. Amerika musste sich für die Sklaverei verantworten (auch für den Völkermord an den Indianern, die Internierungen und für andere Verbrechen). Das war die amerikanische Erbsünde, wenn es so etwas denn gibt. Aber Amerika hatte sich der Verantwortung gestellt, und mit der Bürgerrechtsbewegung waren die größten Hindernisse für Gleichheit überwunden. Und sollte noch jemand Zweifel daran hegen, dann bekamen wir den Beleg dafür mit der Wahl eines Schwarzen zum Präsidenten.

Die Unschuld auf der Anklagebank

Natürlich fielen sie darauf nicht herein. Der „Fortschritt“, das war in ihren Augen eine dünne Schicht schwarzer Berühmtheiten und erfolgreicher Fachkräfte, auf deren Schultern die ganze Last der gesellschaftlichen Erwartungen und Vorurteile ruhte. Und unterhalb: miese Schulen, übervolle Gefängnisse, todgeweihte Stadtviertel. Dann wurde ein Video nach dem anderen publik, das zeigte, wie die Polizei unbewaffnete schwarze Menschen umbrachte oder verletzte. Und dazu die Wahl eines offen rassistischen Präsidenten. Das waren die Rahmenbedingungen für eine Generationenrevolte. 

Ein einziges Wort kann ein ganzes System der Unterdrückung beinhalten.

Das Gerechte Amerika zwingt uns zu der Erkenntnis, dass es eine direkte Verbindung gibt zwischen Sklaverei und Rassentrennung und dem zweitklassigen Leben, das so viele schwarze Amerikaner heute führen – dieser Verrat am Gleichheitsgrundsatz ist seit jeher eine Schande für unser Land, das finstere Herz seiner sozialen Probleme. 

Die historische Forderung der Unterdrückten ist ihre Inklusion als gleiche Bürger in allen Institutionen des amerikanischen Lebens. Mit der Identitätspolitik änderte sich das: Hier geht es nicht nur darum, die Institutionen zu vergrößern, sondern darum, sie zu verändern. Die Konzentration auf Subjektivität verlagert die Unterdrückung von der Außenwelt ins Selbst und hin zu dessen Leiden – seelische Traumata, das Leiden an Sprache und Text, das Gefühl der Entfremdung, das Minderheiten in ihrem Ausgesetztsein gegenüber der Mehrheitskultur entwickeln. Ein einziges Wort kann ein ganzes System der Unterdrückung beinhalten. 

Die Woke-Ästhetik ist der neue sozialistische Realismus

Wie sieht das Narrativ des Gerechten Amerikas aus? Ihm zufolge stellte die Gesellschaft keine heterogene, fließende Ordnung dar, die diese Eigenschaften im Laufe der Zeit verstärkt, sondern ein System fester Hierarchien, gleich einer Kastengesellschaft. 

Was bisher als amerikanische Geschichte (oder Literatur, Philosophie, Altphilologie, ja sogar Mathematik) galt, wird nun explizit als „weiß“ angesehen und damit als Teil der weißen Herrschaftsideologie. Was einmal standardmäßig unschuldig war, sitzt nun auf der Anklagebank. Jede Idee wird ins Kreuzverhör genommen, und bevor der Fall nicht zu Ende verhandelt ist, werden alle weiteren Schritte vertagt. 

Aber das Gerechte Amerika steuert in eine Sackgasse. Die Beschreibung des Liberalismus als weiße Vorherrschaft erinnert an die Angriffe der Kommunistischen Partei auf die Sozialdemokratie, die sie als „Sozialfaschismus“ denunzierte. Die Woke-Ästhetik ist der neue sozialistische Realismus. Die Sackgasse des Gerechten Amerikas ist eine Tragödie. Es muss eine Geschichte erzählen, in der die meisten sich wiederfinden, und es muss einen Pfad einschlagen, dem der Großteil der Amerikaner folgen will. 

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Conclusio

Die USA haben darin versagt, von der Mittelschicht-Demokratie der Nachkriegs­jahre zu einer Demokratie für alle zu werden. Jedes der vier Amerikas hat Werte, die den anderen fehlen. Im Freien Amerika sind die Gewinner die Macher. Die Verlierer sind jene, die die Hand aufhalten. Im Smarten Amerika sind die Gewinner die Meritokraten mit all ihren Auszeichnungen, während die Verlierer die schlecht Ausgebildeten sind. Im Wahren Amerika sind die Gewinner die hart arbeitenden Menschen des weißen, christlichen Landesinneren, die Verlierer sind die betrügerischen Eliten. Die Gewinner des Gerechten Amerikas sind die Randgruppen, die Verlierer hingegen all jene, die den dominanten Gruppen angehören. Keines dieser Amerikas sollte sich allein durchsetzen – die USA müssen ein Narrativ finden, mit dem alle leben können.