USA und Iran: Trügerische Entspannung

Die Feuerpause zwischen USA und Iran verschafft den Börsen ein kurzfristiges Hoch und den Energiemärkten eine Atempause. Ein Frieden ist noch nicht in Sicht. 

Iranerinnen, die sich auf dem Revolutionsplatz versammelten, nachdem sich die USA und der Iran auf einen zweiwöchigen Waffenstillstand geeinigt hatten. Teheran, 8. April 2026. Das Bild illustiert einen Artikel über die Auswirkungen der Waffenruhe zwischen USA und Iran.
Iranerinnen, die sich auf dem Revolutionsplatz versammelten, nachdem sich die USA und der Iran auf einen zweiwöchigen Waffenstillstand geeinigt hatten. Teheran, 8. April 2026. © Getty Images

Wenn die martialische Drohung Donald Trumps („heute Nacht wird eine ganze Zivilisation untergehen…“) den Zweck hatte, den Iran zu Verhandlungen zu zwingen, war sie erfolgreich. Noch 24 Stunden vor der Verkündung der 14-tägigen Feuerpause hatte der Iran direkte Verhandlungen (zumindest offiziell) strikt zurückgewiesen. 

Andererseits hat Trump mit der Aufnahme der Verhandlungen die Führung des Iran faktisch anerkannt. Für ihn ist der Regimewechsel bereits vollzogen und hat sich „als sehr fruchtbar erwiesen“. Eine Aussage, die selbst für Trumpsche Verhältnisse mehr als lächerlich ist. 

Der Ausgang der Verhandlungen ist völlig offen. Die kolportierten 10 Punkte des Iran lassen sich mit den 15 Punkten der USA unmöglich vereinbaren. Trump wird sich zwar unabhängig vom Ausgang des Krieges als strahlender Sieger präsentieren, aber die amerikanischen Bürger werden das Resultat an den selbst gesteckten Zielen messen. 

Wenn der Iran am Ende des Tages sein hochangereichertes Uran übergibt, die Urananreicherung und die Unterstützung seiner terroristischen Proxies in der Region einstellt sowie das ballistische Raketenprogramm aufgibt, haben die USA ihre unmittelbaren Ziele erreicht. Wird eine dieser Bedingungen nicht erfüllt, hat der Iran gewonnen. 

Dass mit dem Iran überhaupt Verhandlungen auf Augenhöhe geführt werden, darf die theokratische Militärdiktatur jedenfalls als Zwischenerfolg verbuchen. Zumal nach den bisherigen Erfahrungen alles dafür spricht, dass sie sich an keine dieser Bedingungen halten wird. 

Die Israelis sind nicht wochenlang im Schutzraum gesessen, um auf halbem Weg stehenzubleiben.

Den Waffenstillstand haben die Iraner bereits gebrochen. Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Kommentars war die Straße von Hormus wieder geschlossen. Außer Oman berichteten alle Golfstaaten von Raketen- und Drohnenangriffen. So hat beispielsweise Bahrain in den ersten Stunden sechs Raketen und 31 Drohnen abgefangen, Kuwait verzeichnet schwere Schäden nach Angriffen in den frühen Morgenstunden. In Israel wurden mindestens elf Personen durch Salven von iranischen Raketen und Drohnen verletzt. Was die Frage aufwirft, ob die iranische Führung – wer immer zurzeit tatsächlich an der Macht sein mag – überhaupt noch die Befehlsgewalt über alle Teile der Revolutionsgarden hat.

Die Verlierer

Während erst die Zukunft zeigen wird, wer als Sieger vom Platz geht, stehen ein paar Verlierer jetzt schon fest. 

Benjamin Netanjahu. Obwohl die Streitkräfte herausragende Leistungen erbracht haben, ohne auch nur einen einzigen Soldaten oder ein einziges Flugzeug zu verlieren, ist der israelische Ministerpräsident innen- und außenpolitisch geschwächt. Die Israelis sind nicht wochenlang im Schutzraum gesessen und haben tote und verwundete Zivilisten, Zerstörungen und andere finanzielle Opfer auf sich genommen, um auf halbem Weg stehenzubleiben. Sie wollten einen Aufstand im Inneren des Landes und am Ende einen Regimewechsel. Nur das Ende der Theokratie und die Einhegung von Militär und Revolutionsgarden in eine freundlich gesinnte Regierung würde die existenzielle Gefahr beseitigen, die seit 47 Jahren vom Iran ausgeht.

Dass Trump nun ausgerechnet Netanjahu, der seit Jahren als enger Freund und Verbündeter gilt, im Regen stehen lässt, indem er ihn in die Verhandlungen über die Feuerpause nicht einmal einbindet, ist mehr als ein diplomatischer Affront. Es ist ein Zerwürfnis.

Europa. Die Zurückweisung jeglicher Beteiligung mit einem ebenso schroffen wie falschen „das ist nicht unser Krieg“ wäre schlimm genug gewesen. Schließlich sieht man schon an den Benzinpreisen, dass die Straße von Hormus auch europäische Interessen berührt. Einsätze zur Sicherung eines freien Seewegs durch öffentliche Gewässer wären auch ohne Beteiligung am Krieg gegen den Iran möglich gewesen. Dass europäische NATO-Staaten wie Frankreich, Spanien und Italien den USA zuletzt auch noch verboten, über ihr Staatsgebiet zu fliegen und damit die amerikanischen Einsätze unnötig erschwerten, hat noch mehr Porzellan zerschlagen. Die Europäer werden über die Ära Trump hinaus einen hohen Preis für ihren Mangel an Solidarität bezahlen – sicherheitspolitisch und wirtschaftlich. 

Kein Land führt Krieg nur für ein anderes.

Die Iranerinnen und Iraner. Der größte Verlierer ist das iranische Volk. Das Regime wird den Waffenstillstand nutzen, um die hunderten Oppositionellen in den Gefängnissen des Landes schnellstmöglich hinzurichten. Ihr Recht auf Leben und Freiheit wird von dem Land, das diese Rechte als unveräußerlich in seiner Unabhängigkeitserklärung verankert hat, nicht einmal gefordert. Für die Diktatur hat sich die exzessive Gewalt gegen die eigene Bevölkerung bis jetzt bezahlt gemacht. Die Proteste wurden niedergeschlagen. Und wenn sich das Regime jetzt diplomatisch klug verhält, wird es nicht dafür zur Verantwortung gezogen werden, binnen weniger Tage Zehntausende ermordet zu haben. Im Gegenteil: Die Revolutionsgarden werden die Schrauben noch fester anziehen.

Was die Zukunft bringt

Für ein endgültiges Fazit ist es noch zu früh. Wesentliche Teile der politischen und militärischen Führung des Iran wurden ausgeschaltet, seine militärische Schlagkraft auf Jahre geschwächt. Marine und Luftabwehr sind nahezu eliminiert, von der Luftwaffe ist kaum etwas geblieben. An ein allfälliges Friedensabkommen, das Israels Interessen missachtet, dürfte sich Jerusalem kaum gebunden fühlen. Und noch ist ein erfolgreicher Aufstand der Bevölkerung gegen das Regime nicht ausgeschlossen. 

Doch militärische Kapazitäten lassen sich ersetzen – umso schneller, wenn gelockerte Sanktionen, niedrigere Zölle und Wiederaufbauhilfen Geld ins Land spülen. Es ist nicht auszuschließen, dass auf das katastrophale Atomabkommen unter Barack Obama ein ähnlich schlechter Deal unter Donald Trump folgt.

Die Golfstaaten werden wohl versuchen, ihre militärische Abhängigkeit von den USA zu verringern und enger mit Israel zu kooperieren. Vor allem die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien dürften über den plötzlichen Waffenstillstand kaum erfreut sein. Auch ein noch so enges Bündnis mit den USA ersetzt nicht eigene Stärke. Denn bei allen offenen Fragen bleibt eine Gewissheit: Kein Land führt Krieg nur für ein anderes – selbst Amerika nicht. Nicht für enge Verbündete und schon gar nicht für Trittbrettfahrer. Das sollte auch Europa zu denken geben – Österreich im Besonderen. 

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