Soziale Medien sind nicht das Problem

Durch die sozialen Medien wächst der Glaube an Verschwörungstheorien. Oder? Bislang lässt sich diese These nicht durch Fakten belegen.

Demonstranten versuchen, das US-Kapitol zu stürmen
Der Sturm auf das U.S.-Kapitol am 6. Januar 2021 hat gezeigt, wie schnell Fake News in Gewalt münden können. © Getty Images
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Auf den Punkt gebracht

  • Das ultimative Böse? Sozialen Medien wird nachgesagt, Verschwörungstheorien und Falschinformationen zu verbreiten und unsere Demokratie zu gefährden.
  • Mangelnde Beweislast. Das Problem an dieser These: Wissenschaftliche Studien finden keine Belege dafür, dass der Glaube an Fake News wirklich wächst.
  • Offen für Neues – und Falsches. Zwar sind Nutzer von sozialen Medien offener für Verschwörungstheorien, besonders wenn sie von Prominenten vertreten werden.
  • Mehr Aufmerksamkeit. Die Überzeugungen der breiten Öffentlichkeit sind dennoch bemerkenswert stabil. Fake News werden zwar sichtbarer, aber nicht wirksamer.

Die Schlagzeilen der jüngeren Zeit legen nahe, dass Verschwörungstheorien und Fehlinformationen sich schneller verbreiten, mehr Menschen erreichen und fatalere Reaktionen hervorrufen als je zuvor. Journalisten machen die sozialen Medien für diese Zustände verantwortlich. Schließlich kann dort jeder seine Ideen unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt verbreiten, ohne dass es eine nennenswerte Kontrolle zum Schutz vor Verschwörungstheorien, Falschinformationen oder Lügen gäbe.

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Auf den ersten Blick scheint es naheliegend, die durch Verschwörungstheorien und Fehlinformationen hervorgerufenen Probleme auf die Nutzung sozialer Medien zurückzuführen. Reporter müssen nicht lange nach „Opfern“ suchen, die sich dem Sog der sozialen Medien nicht entziehen konnten und nun zu Corona-Leugnern oder QAnon-Anhängern geworden sind, die glauben, die Welt werde von satanistischen Kinderfressern kontrolliert. Meinungsumfragen zeigen zudem, dass verschiedenste Verschwörungstheorien von einer breiten Masse akzeptiert werden.

Meldungen dieser Art bleiben nicht ohne Wirkung: Die meisten Amerikaner sind der Meinung, soziale Medien sollten stärker kontrolliert werden – ein Wunsch, dem viele Regierungen gern entsprechen. Viele Ländern haben bereits Regeln für die Zensur sozialer Medien aufgestellt, auch in den USA wird eine staatliche Kontrolle in Erwägung gezogen. In zahlreichen Anhörungen vor dem US-Kongress rund um Verschwörungstheorien und Fehlinformationen in sozialen Medien wurden die CEOs der großen Plattformen im Hinblick auf ihre Geschäftspraktiken befragt und mitunter scharf kritisiert.

Anekdoten statt Fakten

Wenn die sozialen Medien für die Schaffung einer postfaktischen Welt verantwortlich wären, wäre es durchaus legitim, über entsprechende Regeln nachzudenken. Immerhin könnten Menschen sich durch falsche oder unbewiesene Thesen zu Handlungen verleiten lassen, mit denen sie sich selbst und anderen großen Schaden zufügen können. Die Bedenken hinsichtlich der sozialen Medien bestehen nicht nur darin, dass Verschwörungstheorien und Falschinformationen online verbreitet werden, sondern dass diese Plattformen in vielerlei Hinsicht unsere Demokratie gefährden.

Eindeutige Belege dafür, dass die Nutzung sozialer Medien den Glauben an Verschwörungstheorien fördert, sind rar gesät.

Vor zwei Jahren erfreute sich die Netflix-Dokumentation „Das Dilemma mit den sozialen Medien“ großer Beliebtheit. Nach Aussagen der Beteiligten werden Nutzer durch die profitgesteuerten Mechanismen der Plattformen dazu verleitet, Verschwörungstheorien und Fake News zu glauben. Das ist nur einer der Vorwürfe, die gegenüber sozialen Medien erhoben werden. Andere gehen sogar noch weiter und behaupten, die Plattformen würden mithilfe leistungsstarker Algorithmen unsere Meinung manipulieren und den gesunden Menschenverstand ausschalten. Fast könnte man angesichts dieser Ängste von einer sozialen Panikwelle sprechen, die uns erfasst hat und eine Verteufelung der sozialen Medien mit sich bringt. 

Beweise für den angeblich negativen Einfluss der sozialen Medien auf unser Leben beschränken sich jedoch überwiegend auf Anekdoten von Journalisten oder auf Fakten und Zahlen von Aktivisten, die häufig aus dem Kontext gerissen sind. Generell sind eindeutige Belege dafür, dass die Nutzung sozialer Medien den Glauben an Verschwörungstheorien und Fehlinformationen fördert, rar gesät – sofern sie überhaupt existieren. Ein weiterer wichtiger Aspekt: Netflix-Produktionen wie „Das Dilemma mit den sozialen Medien“ sind nicht gerade objektive Informationsquellen für derart relevante Themen. Viele Thesen, denen zufolge soziale Medien Menschen dazu bringen, unbewiesene Ideen zu glauben, sind ironischerweise selbst nicht gut belegt. Für den Mangel an Beweisen hinsichtlich eines Zusammenhangs zwischen der Nutzung sozialer Medien und dem Hang zu Verschwörungstheorien liegt eine wahrscheinliche Erklärung auf der Hand: Es gibt keine Beweise.

Der Glaube an Verschwörungstheorien steigt nicht

Natürlich ist es Fakt, dass Verschwörungstheorien und Fake News online leicht zu finden sind. Es ist ebenfalls Fakt, dass viele Menschen diesen Thesen Glauben schenken. Aber weiter kommt man an dieser Stelle mit der Beweisführung nicht. Den meisten aktuellen Diskussionen über soziale Medien und Verschwörungstheorien scheinen zwei wesentliche Hypothesen zugrunde zu liegen. Die erste Hypothese lautet, dass der Glaube an Verschwörungstheorien und Falschinformationen im Social-Media- beziehungsweise Internet-Zeitalter zugenommen hat. Die zweite Hypothese ist, dass diese Zunahme auf die Nutzung sozialer Medien zurückzuführen ist. Betrachten wir diese Annahmen der Reihe nach.

Seit acht Jahren befrage ich Amerikaner zum Thema Verschwörungstheorien. Zumindest momentan kann ich keine Anzeichen dafür erkennen, dass die Zahl der Verschwörungstheoretiker wachsen würde. Belege dafür, dass der Glaube an Verschwörungstheorien seit dem Einzug des Internets Mitte der 1990er-Jahre zugenommen hätte, sehe ich darüber hinaus nicht.

Zwei Frauen schauen auf Kehinde Wileys Porträt von Barack Obama
Zu den Blumen auf Obamas Präsidenten-Porträt zählt auch Jasmin – als Ausdruck seiner hawaiianischen Herkunft. © Getty Images

Die Verschwörungstheorie der „Birther“, die unter anderem besagt, dass der ehemalige US-Präsident Barack Obama seine Geburtsurkunde gefälscht habe, um illegal Präsident zu werden, findet seit über zehn Jahren Anklang bei einer gleichbleibenden Zahl von Amerikanern, nämlich rund 22 Prozent. Zwar gab es einige kurzfristige Spitzenwerte, was größtenteils darauf zurückzuführen ist, dass Politiker wie sein Nachfolger Donald Trump diese Idee auf den Radar der Mainstream-Medien gebracht haben. Ein stetiger Anstieg ist jedoch nicht zu verzeichnen.

Eine der am weitesten verbreiteten Verschwörungstheorien in den USA betrifft das Attentat auf Präsident John F. Kennedy im Jahr 1963. Kurz nach seinem Tod glaubten 50 Prozent der Amerikaner, Kennedy sei Opfer einer Verschwörung und nicht eines Einzeltäters geworden. Mitte der 1970er waren sogar 80 Prozent der Amerikaner dieser Meinung. Verschwörungstheorien können also auch ganz ohne soziale Medien und ohne das Internet die Massen überzeugen. Seit Beginn des Internetzeitalters sind die Zahlen der Kennedy-Verschwörungstheoretiker sogar konstant rückläufig. Mittlerweile sind nur noch 45 Prozent davon überzeugt.

Social-Media-Nutzer sind offener für Verschwörungen

An dieser Stelle müssen wir auch auf die Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit Covid-19 eingehen. Anfang März 2020 befragte ich Amerikaner erstmals zu bestimmten Thesen und wiederholte die Befragung im Juni und Oktober, als die Pandemie bereits weit fortgeschritten war. Die Überzeugungen, dass das Virus eine Biowaffe sei oder die Problematik aus politischen Gründen künstlich aufgebläht werde, hatten nicht mehr Anhänger gefunden als zu Beginn der Krise. Und das, obwohl das Internet doch mit Falschinformationen über das Virus geflutet worden war, darunter auch das Video „Plandemic“, das Millionen Male geteilt wurde.

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Zahlen & Fakten

Dies sind nur einige Beispiele, doch die Umfrageergebnisse zeigen, dass Verschwörungstheorien heute nicht grundsätzlich stärker verbreitet sind als früher. Wenn also überzeugende Belege für den vielzitierten Anstieg fehlen, müssen wir zwangsläufig die zweite gängige Annahme infrage stellen, dass soziale Medien für diesen Anstieg verantwortlich seien. In der Tat haben etliche Studien gezeigt, dass Social-Media-Nutzer offener für Verschwörungstheorien sind. Viele schlussfolgern aus diesem Zusammenhang, dass die sozialen Medien auch die Ursache dieses Verschwörungsglaubens sind. Korrelation wird mit Kausalität verwechselt. In sozialen Medien finden Nutzer ein nahezu unbegrenztes Informationsangebot. Dennoch konsumieren Menschen gezielt die Informationen, die das eigene Weltbild bestätigen. Wenn wir nicht zunächst über die Faktoren nachdenken, welche die Auswahl der Online-Inhalte bestimmen, entgeht uns ein wichtiger Teil der Lösung.

Russland hatte kaum Einfluss auf die US-Wahl 2016

Menschen mit bestimmten politischen Ansichten können Nachrichten und Medien konsumieren, die sich mit ihrer Meinung decken. Dies gilt ebenso für diejenigen, die offen für Verschwörungstheorien sind – auch sie finden online einschlägige Informationen, die ihre schon vorhandenen Tendenzen bestärken. Die Wirkung der Verschwörungstheorien und Falschinformationen im Internet ist demnach vielleicht keine Frage der Überredung, sondern der Bestätigung. Dies schwächt die Diskussionen über die angebliche Verbreitung von Verschwörungstheorien im Internet: Die meisten Beiträge zu Verschwörungstheorien werden vor allem von denjenigen gelesen, die für diese Meinung ohnehin schon empfänglich sind. Auf kritische Personen haben sie wenig Einfluss, sofern sie überhaupt wahrgenommen werden.

Menschen konsumieren gezielt die Informationen, die das eigene Weltbild bestätigen.

Dies erklärt auch, warum die Einmischung Russlands im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahlen 2016 – vielleicht der berüchtigtste Fall von Verschwörungstheorien und Falschinformationen, mit denen soziale Medien geschwemmt wurden –, kaum Auswirkungen auf die Einstellung und das Wahlverhalten der Amerikaner oder auf den Ausgang der Wahl 2016 hatte. Wir neigen dazu, Informationen zu konsumieren, die uns interessieren, und lassen uns nicht leicht von Ideen überzeugen, die unseren Überzeugungen widersprechen. Selbst die Anstrengungen von Cambridge Analytica, einem Consulting-Unternehmen, das während der Brexit-Debatte und im US-Wahlkampf 2016 gezielt Social-Media-Nutzer mit politischen Botschaften beeinflusste, scheinen wenig Wirkung auf die Überzeugungen und das Verhalten der Menschen gehabt zu haben.

Warum scheinen Verschwörungstheorien so einflussreich?

Wenn Verschwörungstheorien heute also nicht mehr Anhänger finden als früher und soziale Medien nicht so einflussreich sind, wie immer behauptet wird – leben wir dann wirklich im postfaktischen Zeitalter? Dass es in der Tat so scheint, als gäbe es heute mehr Verschwörungstheorien als früher, kann drei Gründe haben: Erstens berichten Journalisten heute häufiger über das Thema als in der Vergangenheit. Zweitens verfolgen wir Berichterstattungen im Zeitalter des Internets viel intensiver und lückenloser als früher. Drittens beschäftigen sich auch prominente politische Führer wie beispielsweise Donald Trump mit Verschwörungstheorien. Insgesamt betrachtet entsteht dadurch der Eindruck, es gäbe mehr Verschwörungstheorien. In Wirklichkeit aber sind die Überzeugungen der breiten Öffentlichkeit bemerkenswert stabil.

Trump bei einer Rally in Arizona
Studien zeigen, dass Donald Trump stark zur Verbreitung von Falschinformationen über Covid-19 beigetragen hat. © Getty Images

Die Gründe, aus denen sich Menschen zu Verschwörungstheorien und haltlosen Ideen hingezogen fühlen, sind vielfältig und reichen weit über die Verbreitung dieser Ideen in sozialen Medien hinaus. Die Frage, warum Menschen an Verschwörungstheorien glauben, führt zu der übergeordneten Frage: Warum glauben wir überhaupt an etwas? Die Antwort lautet: aus vielen Gründen. Die einfachste Antwort und gleichzeitig beste Erklärung ist, dass wir dazu neigen, Überzeugungen anzunehmen, die unserem eigenen Weltbild entsprechen.

Speziell im Umfeld von Verschwörungstheorien vertreten einige Menschen eine extreme Weltanschauung, der zufolge unsere Gesellschaft von geheimen Gruppierungen kontrolliert wird, die gegen uns arbeiten. Diese Menschen werden von Verschwörungstheorien angesprochen. Wenn sie auf eine verschwörerische These stoßen, übernehmen sie diese tendenziell, weil sie sich in ihr bestehendes Weltbild einfügt. Verschwörungstheorien ergeben für solche Personen einfach Sinn.

Falschinformationen finden wir überall

Warum einige Menschen eine solche Weltanschauung so vehement vertreten und andere nicht, bleibt eine offene Frage. Ich kann nur vermuten, dass einigen bereits in ihrer Kindheit vermittelt wurde, die Welt werde von geheimen Mächten gesteuert, die im Verborgenen agieren. Diese Ansicht legen sie für den Rest ihres Lebens nicht ab. Wenn dem so wäre, wird es niemals leicht sein, Menschen von ihren geliebten Verschwörungstheorien abzubringen, denn diese Theorien sind Ausdruck einer weitaus tiefgreifenderen Weltanschauung. Selbst wenn es gelänge, jemanden von der Haltlosigkeit einer bestimmten Verschwörungstheorie zu überzeugen, würde derjenige weiterhin an diverse andere glauben. 

Soziale Medien zu regulieren wird wahrscheinlich keine Auswirkungen darauf haben, wie Menschen die Welt sehen.

Regierungen und Tech-Unternehmen können Äußerungen online noch so viel zensieren und kennzeichnen – an dem allgemeinen Informationsumfeld würde sich nur wenig ändern. Verschwörungstheorien und Falschinformationen finden wir überall: im Fernsehen, im Radio, in Büchern und in persönlichen Gesprächen. Wenn wir uns nur auf die sozialen Medien einschießen, bleiben alle anderen Arten des Zugangs zu Verschwörungstheorien unbeeinträchtigt.

Soziale Medien gesetzlich zu regulieren wird wahrscheinlich keine Auswirkungen darauf haben, wie Menschen die Welt sehen oder sich darin bewegen. Derartige Maßnahmen könnten das Misstrauen bestimmter Personengruppen sogar noch verstärken. In ihren Augen sind diejenigen Institutionen, welche die Redefreiheit im Internet regulieren, nämlich auch genau die, die im Hintergrund ohnehin schon die Fäden ziehen. Schlimmer jedoch ist, dass die für die Zensur Verantwortlichen nicht immer das Wohl aller im Sinn haben dürften.

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Conclusio

Dass der Glaube an Verschwörungstheorien durch soziale Medien steigt, lässt sich durch Umfragen nicht belegen. Menschen neigen dazu, Informationen zu konsumieren, die ihre Meinung bestätigen – ob sie diese in sozialen oder klassischen Medien finden, ist ihnen egal. Auch ist der Glaube an Falschinformationen eher Ausdruck eines bereits etablierten Weltbildes, das sich selbst durch Gegenargumente nicht oder nur schwer ändern lässt. Eine Regulierung sozialer Medien, um Fake News zu unterbinden, reduziert damit zwar deren Sichtbarkeit, nicht aber automatisch ihre Wirksamkeit. Im Gegenteil: Inhalte zu unterbinden könnte das Misstrauen sogar steigern, anstatt den Glauben an Verschwörungstheorien zu reduzieren.