Was der Zivildienst im Krieg leisten muss
Wenn das Bundesheer mobil macht, muss jemand das Land am Laufen halten. Der Zivildienst ist dafür zentral – aber völlig unvorbereitet.

Auf den Punkt gebracht
- Lücke. Der Zivildienst stabilisiert heute Pflege, Rettung und Soziales – im Ernstfall fehlt aber eine echte Zivilschutzreserve.
- Lektion. Die Pandemie zeigte, dass ohne strukturierte Reserve Freiwillige und ehemalige Zivildiener nur improvisiert eingesetzt werden.
- Aufgabe. Der Zivildienst müsste Teil der umfassenden Landesverteidigung mit entsprechender Ausbildung werden.
- Anbindung. Jeder ehemalige Zivildiener müsste eine zugewiesene Einrichtung haben, die er im Ernstfall unterstützt.
Österreich debattiert erneut über den Wehrdienst – und übersieht dabei den Zivildienst, der im Krisenfall ein zentraler Hebel wäre. Damit stellt sich eine grundlegende Frage: Wer übernimmt den Zivilschutz, wenn die internationale Lage wirklich eskaliert und das Bundesheer mobil macht?
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Die zuständige Ministerin Claudia Bauer hat es im Kern bereits gesagt: Ohne Reform „werden bis 2040 Tausende Zivildiener fehlen“, vor allem in Rettung und Pflege. Der Satz ist als Warnung gemeint – aber er greift zu kurz. Denn die Frage ist nicht nur, ob wir genug Zivildiener für den Normalbetrieb von Pflegeheimen und Rettungsorganisationen haben. Die Frage ist, ob Österreich überhaupt ein funktionierendes System des Zivilschutzes besitzt, das einer größeren Krise standhält. Die ehrliche Antwort: Nein.
Die falsche Frontlinie
In der politischen Debatte stehen einander derzeit zwei Positionen gegenüber: Auf der einen Seite jene, die den Zivildienst verlängern wollen, um den Pflege- und Rettungsbereich zu stabilisieren. Auf der anderen Seite stehen jene, die eine Verlängerung als unzumutbaren Eingriff in die Lebensplanung junger Männer betrachten. Die Debatte kreist um die Länge des Zivildienstes – nicht aber um dessen Rolle im Krisen- oder Mobilmachungsfall.
Auf einen Schlag fehlen Rettung, Feuerwehr, Pflege und kritische Infrastruktur Zehntausende Freiwillige und Mitarbeiter – genau dann, wenn der Bedarf steigt.
Man muss sich das Szenario nüchtern vor Augen führen: Kommt es zu einer militärischen Landesverteidigung, wird das Bundesheer mobil machen. Auf einen Schlag fehlen Rettung, Feuerwehr, Pflege und kritische Infrastruktur Zehntausende Freiwillige und Mitarbeiter – genau dann, wenn der Bedarf steigt. Mehr Bedrohung bedeutet mehr Einsätze: medizinische Versorgung, Brandschäden, Evakuierungen, Betreuung von Patienten. Das System müsste also genau dann hochfahren, wenn ihm auf einen Schlag ein erheblicher Teil seines Personals entzogen wird. Was heute schon im Grippewinter an seine Grenze stößt, würde im Ernstfall schlicht kollabieren.
Lehre aus der Pandemie
Die COVID-19-Pandemie hat dieses Problem bereits veranschaulicht – und wurde dennoch politisch nicht zu Ende gedacht. Ad-hoc-Maßnahmen, provisorische Stationen, kurzfristige Dienstplan-Kunstgriffe hielten das System gerade so am Laufen. Freiwillige, Zivildiener und ehemalige Zivildiener waren ein wesentlicher Teil dieser improvisierten Resilienz.
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Zum ersten Mal wurde damals der „außerordentliche Zivildienst“ aktiviert. Männer, die ihren regulären Dienst bereits hinter sich hatten, wurden erneut in Krankenanstalten, Pflegeeinrichtungen und Rettungsorganisationen eingesetzt. Faktisch war das ein Blick in die Zukunft: eine Reserve, die es eigentlich gar nicht gibt, sprang ein, um ein System zu stabilisieren, das schon im Normalbetrieb unterbesetzt ist. Die Pandemie hat damit auch gezeigt: Österreich braucht ein Konzept, wie aus den Zivildienern von heute die Zivilschutzreserve von morgen wird.
Umfassende Landesverteidigung
Auf dem Papier ist die zivile Landesverteidigung jene Säule, die Bevölkerung schützt, Behörden funktionsfähig hält und kritische Infrastruktur sichert. In der Praxis ist sie ein Flickwerk aus Katastrophenschutzgesetzen der Länder, freiwilligen Einsatzorganisationen und einer Vielzahl von völlig überlasteten Gesundheits- und Sozialeinrichtungen.
Das Zivildienstgesetz sieht Katastrophenhilfe, Zivilschutz und zivile Landesverteidigung vor. Faktisch aber arbeiten die meisten Zivildiener dort, wo der Wohlfahrtsstaat seine laufenden Lücken hat: in Rettung, Pflege, Behinderten- und Sozialhilfe. Das ist legitim – und teilweise ökonomisch vorteilhaft. Aber es ist strategisch zu kurz gedacht.
Die Reservelogik, die wir beim Bundesheer kennen, fehlt im Zivildienst völlig. Eine Zivilschutzreserve gibt es nicht: keine Erfassung, keine Ausbildung, keine Zuweisung für den Ernstfall. Wer nach seinem Dienst weiter ehrenamtlich aktiv ist, tut das aus persönlicher Motivation – nicht, weil der Staat ihn als Teil seiner Sicherheitsarchitektur begreift.
Zivildienst als Zivilschutzreserve
Ehemalige Zivildiener brauchen drei Dinge: einen klaren Reservestatus, eine Stammeinrichtung – Rettungsorganisationen, Feuerwehren, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen etc. – und regelmäßige Auffrischungskurse.
Die derzeitige Ausbildung vermittelt Kenntnisse zur Aufrechterhaltung unseres Gesundheits- und Sozialsystems im Frieden. Für die Reservefunktion reicht das nicht. Abgesehen davon existieren keine Ausbildungsreinrichtungen, die in kürzester Zeit zigtausende außerordentliche Zivildiener ausbilden könnten. Es braucht daher Auffrischungsmodule, entsprechende Einrichtungen und eine Ausbildungsorganisation bei den Einsatzorganisationen und kritischen Infrastrukturen, die gezielt auf Krisenszenarien vorbereitet: Mitarbeit in Feldspitälern, Betrieb von Betreuungsstellen, Evakuierungsmanagement, Unterstützung von Lage- und Einsatzstäben.
Verlängerung – aber wofür?
Bleibt die Frage nach der Dauer. Eine Verlängerung des Zivildienstes auf zwölf Monate mag im Pflege- und Rettungsbereich kurzfristig Druck nehmen. Sie beantwortet aber nicht die strategische Frage, wofür diese zusätzliche Zeit genutzt wird. Mehr vom Gleichen wird die strukturelle Zivilschutzlücke nicht schließen.
Sinnvoll wäre die Debatte darüber, welche Fähigkeiten Zivildiener im Rahmen der umfassenden Landesverteidigung erwerben sollen. Erst wenn diese Rollen definiert sind, lässt sich seriös sagen, wie viel Ausbildungs- und Dienstzeit notwendig ist.
Die verpasste Chance der Sicherheitsstrategie
Österreich hat in den vergangenen Jahren seine strategischen Grundlagendokumente erneuert, die internationale Lage analysiert, Bedrohungen benannt. Der Zivildienst kommt darin vor – meist in Form von wohlmeinenden Sätzen über seinen gesellschaftlichen Wert. Leider wird der Zivildienst nicht als eigenständiger Pfeiler der umfassenden Landesverteidigung betrachtet.
Solange der Zivildienst in den Strategiedokumenten als sozialpolitisches Anhängsel behandelt wird, bleiben alle Reformen reaktiv: Man stopft Lücken im Pflegeheim, statt Resilienz im Krisenfall zu planen. Man debattiert über Vergütungen, statt über Durchhaltefähigkeit.
Eine ehrliche sicherheitspolitische Diskussion müsste feststellen, dass Österreich ohne eine strukturierte Zivilschutzreserve weder eine größere Pandemie noch eine länger anhaltende militärische Krise ohne massive Versorgungsengpässe überstehen wird.
Conclusio
Strategisches Instrument. Die eigentliche Frage an Politik und Gesellschaft lautet daher nicht: acht, zehn oder zwölf Monate? Sie lautet: Sind wir bereit, den Zivildienst endlich als strategisches Instrument zu begreifen – und nicht nur als billige Arbeitskraft im Wohlfahrtsstaat?
Zivilschutzreserve. Dazu gehört, jetzt – im Frieden – Entscheidungen zu treffen, die sich erst in der Krise auszahlen: ein klarer Reservestatus für ehemalige Zivildiener, gesetzlich verankerte Bereitstellung, regelmäßige Auffrischungsausbildung, verbindliche Zuweisung zu Einsatzorganisationen und eine Sicherheitsstrategie, die diese Rolle explizit macht.
Umfassende Landesverteidigung. Wenn Österreich weiterhin so tut, als ließe sich Sicherheit primär durch Monatezahlen im Wehr- und Zivildienst regeln, wird es im Ernstfall eine bittere Lektion lernen: Man kann ein Bundesheer mobilisieren – aber ohne ziviles Rückgrat bleibt die umfassende Landesverteidigung ein schönes Schlagwort.

