Frauen ins Heer!
In Israel müssen auch Frauen einrücken. Zwar dauerte es Jahrzehnte, bis sie Führungspositionen erreichten, doch die Wehrpflicht für Frauen hat das Heer und die Gesellschaft positiv verändert.

Auf den Punkt gebracht
- Judikatur. Seit einem Gerichtsurteil von 1995 darf in den israelischen Verteidigungskräften der Zugang zu Positionen nicht vom Geschlecht abhängen.
- Integration. Frauen stehen heute über 90 Prozent der Positionen offen, doch zentrale Kampffunktionen bleiben zum Teil immer noch verschlossen.
- Umdenken. Seit dem 7.10.2023 leisten Frauen in Kampf, Führung und Reserve sichtbarere Beiträge. Ihre Rolle verändert die Führungskultur.
- Karriere. Kommandantinnen in den IDF sind die Wirtschaftseliten von morgen. Die Öffnung der Armee beschleunigt den Wandel der Gesellschaft.
Wenn ich über die Entwicklung des Militärdienstes von Frauen in den israelischen Verteidigungskräften (IDF, Israel Defense Forces) nachdenke, komme ich immer wieder auf einen prägenden Moment zurück – das Urteil des Obersten Gerichtshofs in Jerusalem im Fall Alice Miller aus dem Jahr 1995. Miller studierte Luftfahrttechnik am Technion, der Technischen Universität Israels, als sie sich für die Pilotenausbildung der IDF bewarb – und sie wurde abgelehnt, weil sie eine Frau war.
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1995 entschied der Oberste Gerichtshof, dass die IDF Frauen nicht aufgrund ihres Geschlechts von der Teilnahme an der Ausbildung ausschließen dürfen. Über die juristische Debatte hinaus löste Miller eine tiefgreifende Diskussion innerhalb der israelischen Gesellschaft über die Stellung der Frau im Militär aus. Letztendlich schloss sie die Ausbildung nicht ab, aber sie öffnete vielen Frauen die Tür zur israelischen Luftwaffe.
Zu dieser Zeit war ich eine junge Offiziersanwärterin. Meine Ausbildung begrenzte meine Möglichkeiten auf zwei Optionen: Verbindungsoffizierin oder Offizierin im Frauenkorps. Frauen standen also nur sehr wenige Positionen in der Armee offen, und die überwiegende Mehrheit davon war im Bereich Ausbildung und Erziehung angesiedelt.
Die gläserne Decke
In der Nähe der Militärbasis, in der ich zur Verbindungsoffizierin ausgebildet wurde, fand ein Lehrgang für Personaloffiziere auf Bataillonsebene statt. Wir fragten, warum wir nicht auch dort dienen könnten. Die Erklärung war einfach: Bataillone ziehen in den Krieg, Frauen nicht. Daher würden auch diese Positionen von Männern besetzt. Das war die Grundannahme.
Obwohl Israel seit seiner Gründung im Jahr 1948 die Wehrpflicht für Frauen beibehalten hat, erreichten Frauen viele Jahre lang keine Schlüsselpositionen im Militär. Die Möglichkeiten von Frauen, in höhere Ränge aufzusteigen und später von hier aus – wie Männer – in die Führungsetagen des Staates und der Wirtschaft zu wechseln, waren begrenzt.
Türen dürfen nicht einfach deshalb verschlossen bleiben, nur weil der Kandidat eine Kandidatin ist.
Das Alice-Miller-Urteil veränderte die Armee nicht über Nacht, aber es etablierte einen Grundsatz: Türen dürfen nicht einfach deshalb verschlossen bleiben, weil der Kandidat eine Kandidatin ist. Drei Jahrzehnte später können Frauen mehr als 90 Prozent der Positionen in den IDF bekleiden, und mehr als 20 Prozent der Einsatzkräfte sind Frauen. Aber immer noch stehen Frauen nur 58 Prozent der Positionen in den Kampftruppen offen.
Was der 7. Oktober veränderte
Im Krieg seit dem Überfall vom 7. Oktober 2023 war die Veränderung auch in den Reservekräften zu spüren. Während Ende der 1990er-Jahre Frauen noch nicht zum Reservedienst einberufen wurden, waren unter den nun etwa 350.000 einberufenen Reservisten 65.000 Frauen. Die tiefgreifende Veränderung ist nicht nur numerischer, sondern auch kultureller Natur.
Or Cohen, die erste Kommandantin eines Patrouillenboots der Dvora-Klasse in der israelischen Marine (die Dvora ist ein schnelles Patrouillenboot, vergleichbar mit den schnellen Patrouillenbooten der deutschen Marine), hat dies auf einer Konferenz zu Ehren weiblicher Kampfsoldaten in der Knesset im Februar 2026 gut auf den Punkt gebracht:
„Meine Soldaten verstehen, dass sie eine Mission haben. Sie verstehen, dass ich keine Maschine bin, dass ich ein Mensch bin, dass ich menschlich bin und dass ich mit kühlem Kopf die richtige Entscheidung treffen werde, dass ich für sie die Verantwortung trage und die Kugel auf mich nehmen werde, die auf sie gefeuert wurde. Ich habe eine andere Kultur geschaffen – eine authentische Kultur der Offenheit und Fürsorge. Das ist es, was wir mitbringen. Wir bringen Weiblichkeit und die weichere, andere, ungewohnte Seite mit. Auch die Männer, die mit mir gedient haben, agieren jetzt verstärkt auf diese Weise.“ Was Or beschreibt, ist nicht Weichheit anstelle von Professionalität, sondern eine zusätzliche Tiefe innerhalb der Professionalität.
Frauen im Feld
Als ich vor zehn Jahren mit vierzig anderen Offizieren den Rang eines Oberstleutnants in der Reserve erhielt, war ich die einzige Frau. Auch zu Beginn meiner Karriere war ich oft die einzige Frau im Raum. Daher war ich damit beschäftigt, meine Weiblichkeit zu verbergen, mich an eine eindeutig männliche Organisationssprache anzupassen. Die Frauen, die heute dienen, verbergen nichts. Sie bringen sich selbst ein – und das verändert die Organisation.
Die Integration von Frauen in Feld- und Kampfeinsätze hat innerhalb der israelischen Politik und Gesellschaft schwierige Debatten ausgelöst. Ein Argument gegen Frauen im Kampfeinsatz war die Angst vor Gefangennahme und Missbrauch. Der 7. Oktober 2023 zeigte, dass die Realität weitaus komplexer ist: Dass Frauen nicht für den Kampf im Feld ausgebildet worden waren, schützte sie nicht vor der Entführung durch die Hamas. Frauen und Männer wurden gleichermaßen gefangen genommen und misshandelt, Soldaten wie Zivilisten.
Derselbe Tag brachte auch außergewöhnlichen Heldenmut zum Vorschein. Eine rein weibliche Panzerbesatzung kämpfte stundenlang gegen Terroristen, die in der Nähe von Kerem Shalom in israelisches Gebiet eingedrungen waren. Sie handelten besonnen, stoppten den Einfall und retteten das Leben von Zivilisten und Soldaten. Während der IDF-Offensive im Gazastreifen wurden Ärztinnen und Sanitäterinnen mobilisiert, um die Kampftruppen zu unterstützen. Sie bewegten sich mit den Soldaten in gepanzerten Mannschaftstransportwagen, versorgten Verwundete unter Beschuss und leisteten viele Monate lang intensiven Dienst.
Dies sind keine Anekdoten, sondern Beweise für ihre volle Einsatzfähigkeit. Durch den Krieg im Gazastreifen erkannten die IDF, dass viel mehr Soldaten zur Verteidigung des Staates Israel benötigt werden. Weibliches Personal kann viele Positionen auf dem Schlachtfeld besetzen. Einzig Kampffunktionen in Infanteriebrigaden bleiben Frauen weiterhin verschlossen.
Ein weiteres Argument betraf die körperliche Konstitution und die Verletzungsraten. Zu Beginn der Integration von Frauen in aktive Positionen am Boden wurde bei weiblichen Kampfsoldaten eine hohe Verletzungsrate von 28 Prozent verzeichnet. Heute ist diese Rate bei Frauen und Männern nahezu identisch. Organisation, Auswahl- und Ausbildungsprozesse wurden erfolgreich an die sich wandelnde Realität angepasst.
Neue Anforderungen
Die IDF haben erkannt, dass nicht jede weibliche Kandidatin für jede Rolle geeignet ist – was für männliche Soldaten genauso gilt. Einige Verletzungen in der Vergangenheit waren auf Ausrüstung zurückzuführen, die nicht an den weiblichen Körper angepasst war. Westen, Ausrüstung zum Tragen von Lasten, Kampfausrüstung – in diesem Bereich stehen wir noch am Beginn eines Anpassungsprozesses.
Darüber hinaus erfordern moderne Feld- und Kampfeinsätze weit mehr als das Tragen schwerer Lasten. Die moderne Kriegsführung verlangt technologische Kompetenz, Entscheidungsfindung unter Druck, das Management von Informationen und komplexen Befehlsstrukturen. Soldaten müssen sich über das gesamte Spektrum der operativen Fähigkeiten hinweg auszeichnen. Natürlich kann nicht jede Frau jede Funktion im Kampf ausfüllen – ebenso wenig wie jeder Mann. Doch wenn Frauen für die Rolle geeignet sind, beweisen sie sich und sind hoch motiviert.
Eine veränderte Gesellschaft
Neben operativen Überlegungen gibt es auch eine komplexe soziale Realität. In Israel wird derzeit eine hitzige Debatte über die Wehrpflicht für die ultraorthodoxe Gemeinschaft geführt. Ein Großteil dieser tiefreligiösen Community lehnt die Vorstellung, dass Frauen in der Armee dienen, grundsätzlich ab. Dies stellt die IDF vor erhebliche Zielkonflikte hinsichtlich des gemeinsamen Dienstes von Männern und Frauen in IDF-Einheiten.
Gleichzeitig melden sich immer mehr religiöse, nicht ultraorthodoxe Frauen zum Militärdienst. Ein Großteil der rabbinischen Führung spricht sich dagegen aus. Einige dieser jungen Frauen melden sich freiwillig für Feld- und Kampfeinheiten. Die Eltern sind stolz. Die Rabbiner versuchen, dies zu verhindern. Doch der Wandel geht von der Basis aus. Die israelische Gesellschaft wird international als militaristisch wahrgenommen, da der Wehrdienst für jüdische und drusische Männer (mit Ausnahme der Ultraorthodoxen) sowie für jüdische Frauen gilt. Daher ist der Militärdienst in Israel eine gemeinsame Lebenserfahrung: Die meisten Bürger haben gedient, dienen derzeit oder werden in den IDF dienen.
Im aktuellen Krieg sieht man Familien, in denen Vater, Söhne, Töchter und Schwiegersöhne im Reservedienst sind. Beide Elternteile sind mobilisiert, während die Großeltern sich um die Kinder kümmern. Lange Monate Dienst, wenig Urlaub.
Die Frauen, die heute in der Armee befördert werden, sind die Führungskräfte der Zukunft.
Diese Realität prägt die Bürger: eine Gesellschaft, die Frieden sucht, weil sie die Kosten des Krieges kennt; Bürger, die fleißig, einfallsreich, aufgabenorientiert und auf der Suche nach Sinn sind. Diese Fähigkeiten erwerben sowohl Männer als auch Frauen, die ihren Wehrdienst abgeleistet haben. Die Öffnung weiterer Rollen für Frauen in den IDF erweitert das Thema um den Charakter der israelischen Gesellschaft. Von den jungen Soldatinnen im Alter von achtzehn Jahren melden sich mehr freiwillig für Feldeinheiten, als es genehmigte Stellen gibt. Die Veränderung durchdringt die Gesellschaft als Ganzes.
Frauen gelangen an die Spitze
In Israel fällt es denjenigen, die in der Armee gedient haben, aufgrund ihrer Lebenserfahrung und der oben genannten Fähigkeiten sowie wegen der während des Militärdiensts entstandenen sozialen Netzwerke leichter, sich beruflich im zivilen Leben zu behaupten. Dies gilt umso mehr für Führungs- und Managementpositionen in der israelischen Politik und innerhalb des israelischen Wirtschaftssystems. Schon bisher hat der Wehrdienst von Frauen ihre Gleichstellung in der Gesellschaft gefördert.
Künftig wird die Integration von Frauen in höhere militärische Positionen zum Anwachsen einer neuen Führung für Israel führen. Die Frauen, die heute in der Armee befördert werden, sind die Kommandantinnen von morgen und die Führungskräfte der Zukunft. Israel steht heute am Anfang dieses Prozesses, und ich hoffe, dass wir in etwa einem Jahrzehnt viel mehr Frauen in Kommando-, Management- und Führungspositionen in Israel sehen werden.
Conclusio
Armee. Seit 1995 sind Frauen in den Israel Defense Forces schrittweise in fast alle Funktionen vorgedrungen und bekleiden immer mehr Führungspositionen. Zehntausende dienen im Einsatz, doch nicht alle Kampfrollen sind ihnen zugänglich.
Aufstieg. Anpassungen bei Auswahl, Training und Ausrüstung senkten die Verletzungsraten von Frauen im Kampf. Frauen kämpfen, führen, retten Leben. In der modernen Kriegsführung wiegt Kompetenz schwerer als Muskelmasse.
Gleichstellung. Mit jeder zur Offizierin beförderten Soldatin wächst ein neues Reservoir an Entscheidungsträgerinnen für Politik und Wirtschaft. Die Integration verändert nicht nur die Streitkräfte, sondern auch die Gesellschaft.

