Was wäre die Welt ohne die USA?

Der Freiheitskampf war ein bestimmendes Element der USA seit ihrer spektakulären Entstehung. Der Bogen spannt sich von der Unabhängigkeits­erklärung vom 4. Juli 1776 bis zur europäischen Gegenwart.

Die Freiheitsstatue ragt groß in den Himmel, während Donal Trump auf ihrem Sockel sitzt. Das Bild illustriert einen Artikel darüber, wie eine Welt ohne die USA wäre.
Wie der Traum einer Nation, die auf der Idee unveräußerlicher Freiheitsrechte gegründet ist, beinahe gescheitert wäre. © Oliver Barrett

Die Kämpfe rund um Yorktown in Virginia – an der Chesapeake Bay – begannen am 28. September 1781. Drei Wochen später, am 19. Oktober, ergab sich der britische General Charles Cornwallis, und seine gesamte Armee von achttausend Mann wurde kriegsgefangen genommen. Cornwallis hatte gegen eine kombinierte amerikanisch-französische Streitmacht verloren, die von George Washington angeführt wurde und von zwei französischen Heerführern: dem Grafen de Rochambeau, dem Oberbefehlshaber der französischen Landstreitkräfte, und dem Befehlshaber der französischen Flotte, Admiral de Grasse. Ihr Sieg sollte die Weltgeschichte zutiefst prägen, obwohl sie selbst keine Ahnung davon hatten.

Wir aber schon.

Hätten die amerikanischen Rebellen ohne französische Unterstützung die britischen Armeen besiegen können? Vermutlich nicht. Die französische Flotte hatte die Chesapeake Bay abgeriegelt, sodass die Briten keine Verstärkungen auf dem Seeweg ­erhalten konnten. Hätte die französische Flotte dort nicht gelegen, wären die Kämpfe völlig anders verlaufen.

Unterstützten die Franzosen die Rebellen, weil König Ludwig XVI. ein Bewunderer der Freiheitsideale der Founding Fathers war? Nein, der Gedanke ist absurd. Der Alleinherrscher suchte Rache und die Wiederherstellung seiner Macht.

Im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) hatte Frankreich schwere Verluste gegen die Briten erlitten, und mit der Unterstützung der amerikanischen Kolonisten sah Frankreich die Chance, Großbritannien zu schwächen, ohne selbst das Risiko ­eines großen europäischen Krieges einzugehen. Ein „proxy war“, wie wir das heute nennen.

Auf Messers Schneide

Die französische Unterstützung für die Rebellen verlief in Phasen, zuerst im Geheimen und dann offen. Die wichtige Entscheidung für die Schlacht bei Yorktown traf Ludwig XVI. am 2. Februar 1780. Er stimmte dem Plan zu, eine französische Armee nach Amerika zu schicken. Das war die „Expédition Particulière“, also die spezielle Militäroperation – ein Name, der auch für Wladimir Putin interessant war, als er seiner Attacke auf die Ukraine ein Etikett verpassen musste.

Die Truppen sollten Anfang April aus Brest auslaufen. Es handelte sich um sechsunddreißig Transportschiffe, drei Fregatten und sieben Linienschiffe. Insgesamt befanden sich fünftausendfünfhundert Soldaten an Bord der Transportschiffe. Auf den Kriegsschiffen waren siebentausend Seeleute und Marinesoldaten. Die Truppen waren längst an Bord, doch es stürmte und regnete wochenlang viel zu heftig. Erst einen knappen Monat später, am 2. Mai, konnte die Flotte auslaufen.

Beinahe wäre die Idee der Vereinigten Staaten von Amerika gestorben, bevor sie überhaupt zum Leben erwacht war.

Eigentlich war diese Flotte gar nicht dafür ausgelegt, solche großen Gruppen von Soldaten zu transportieren. Die Soldaten mussten zu zehnt in kleinen Kabinen schlafen und essen. Es war schmutzig, dreckig, und es stank – auch wegen der lebenden Tiere an Bord: Kühe für die Milch, Schafe für das Fleisch, Hühner für die Eier.

Das war nicht für die Soldaten gedacht; die Offiziere wollten auch auf See schmackhaft essen. Die einfachen Soldaten bekamen schlechtes Essen und litten an Skorbut durch Mangel an Vitaminen und Mineralstoffen. Mehrmals musste die Flotte britischen Schiffen ausweichen, und es kam zu gefährlichen Kollisionen zwischen den eigenen Schiffen. Anhaltender Gegenwind hatte unterwegs für zusätzliche Verzögerungen gesorgt. Die Soldaten saßen monatelang auf überfüllten Schiffen eingesperrt und sahen nichts als Himmel und Wasser. Viele fühlten sich wie Gefangene.

Die Überfahrt von Brest nach Newport dauerte siebzig Tage, und bei der Ankunft gab es Navigationsprobleme durch dichten Nebel. Am Ende der Reise war jeder dritte Soldat geschwächt oder krank; manche Regimenter verloren Dutzende Männer während und unmittelbar nach der Überfahrt. Wäre die Flotte unterwegs von einem schweren Sturm erwischt worden, dann hätte diese spezielle Militäroperation auf dem Grund des Atlantischen Ozeans ihr Ende gefunden. Und die Idee der Vereinigten Staaten von Amerika wäre gestorben, bevor sie überhaupt zum Leben erwacht war.

Ein Manifest der Freiheitsliebe …

Lassen wir, für alle, die sie vergessen haben, noch einmal die einleitenden Worte der Unabhängigkeitserklärung, der Declaration of Independence auf uns wirken:

„When in the Course of human events, it becomes necessary for one people to dissolve the political bands which have connected them with another, and to assume among the powers of the earth, the separate and equal station to which the Laws of Nature and of Nature’s God entitle them, a decent respect to the opinions of mankind requires that they should declare the causes which impel them to the separation. We hold these truths to be self-­evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.“

Hier wird radikal mit den Hierarchien der Geschichte gebrochen. Es geht um die totale Freiheit von Unterdrückung, um persönliche ­Autonomie und um etwas, das nie zuvor auf diese Weise formuliert worden war: „the pursuit of happiness“.

Thomas Jefferson hatte diesen Begriff der Virginia Declaration of Rights entlehnt, die einige Wochen vor dem 4. Juli 1776 verabschiedet worden war. Dort ist von „the enjoyment of life and liberty, with the means of acquiring and possessing property, and pursuing and obtaining happiness and safety“ die Rede. Jefferson machte den Satz kernig und eleganter: „Life, Liberty and the pursuit of Happi­ness“.

… und dessen europäische Wurzeln

Der englische Aufklärungsphilosoph John Locke (1632–1704) hatte in seinem „Essay Concerning Human Understanding“ von 1690 die Idee der „pursuit of happiness“ als Grundlage der Freiheit eingeführt. Er schrieb, dass die „necessity of pursuing happiness“ die Basis der Freiheit sei. Ein freier Mensch strebe nach „true and solid happiness“. Die Nähe zu Spinozas 1677 posthum veröffentlichtem „Tractatus de Intellectus Emendatione“ (ein Werk, das ich einst bis zum Komma analysiert habe) liegt auf der Hand. Locke besaß Spinozas Werk in seiner Bibliothek, doch über eine mögliche Inspiration ist nichts bekannt. Auch Spinoza suchte in diesem frühen Werk über reines Denken und Handeln nach authentischem Glück.

Und dieses Glück bedeutete im 17. Jahrhundert dasselbe wie heute: das Leben bereichern, vertiefen, ihm Sinn und Richtung geben – und dies alles ohne das Hindernis eines Souveräns, eines Tyrannen oder einer Obrigkeit. Und das war noch nicht alles: Über dieses „pursuit“ brauchte nicht verhandelt zu werden, denn es handelt sich um ein „unveräußerliches Recht“.

Waren solche Worte jemals früher geschrieben worden als von den geistigen Revolutionären des 17. Jahrhunderts? Und waren sie je zuvor vom Papier entkommen, und hatten sie zu Schlachten, Blutvergießen und Verstümmelungen von Tausenden Männern auf einem fernen Kontinent geführt? Kriege über Ideen von Freiheit und Glück?

Die Founding Fathers verabscheuten adlige Familiendynastien: Ihr Feind war die Willkür des Souveräns.

Die französische Flotte überstand die Überfahrt und erreichte am 11. Juli 1780 Newport, Rhode Island (Narragansett Bay). Stand dort ein jubelndes Empfangskomitee? Nein. Der Befehlshaber der Flotte, Graf de Rochambeau, musste sich selbst eine Schlafstelle organisieren. Niemand ahnte, wie kolossal groß die Folgen der Ankunft all dieser Männer für die Zukunft der Menschheit sein würden. Sie wirkten schwach und krank – doch die Soldaten, die die stinkenden Verschläge mit verschimmeltem Essen an Bord durchgestanden hatten, konnten an Land genesen; dort gab es Luft, Licht, frisches Wasser und Früchte. Sie erwiesen sich als mutig und bildeten eine formidable Streitmacht, die gemeinsam mit den Rebellen die Briten angriff.

Ludwig XVI. kümmerte sich nicht um Locke oder Spinoza oder um die „pursuit of happiness“ für den einfachen Mann – er kämpfte mit den Briten um die Hegemonie. Die Founding Fathers suchten diese nicht – sie verabscheuten adlige Familiendynastien: Ihr Feind war die Willkür des Souveräns.

Eine Welt ohne die USA

Wie hätte unsere Welt ausgesehen, wenn George Washington die Schlacht bei Yorktown verloren hätte? Hätte er die Briten anderswo zur Kapitulation zwingen können? Stellen wir uns das einmal vor: eine Welt ohne die USA. Das klingt wie der Traum all jener nützlichen Idioten, die seit Jahren durch die Straßen amerikanischer Städte ziehen und nach einer „Intifada“ brüllen.

Keine USA? Was hätte das für das 19. Jahrhundert bedeutet? Wäre es Millionen armer, hungriger Flüchtlinge möglich gewesen, der europäischen Willkür zu entkommen? Wäre Nordamerika ein zweites Europa geworden, mit einer Vielzahl von Staaten, die jeweils ihre eigene Form der Willkür ausübten und die etablierten erblichen oder ethnischen Interessen bedienten? Wer hätte die Meere und Ozeane gesichert? In welcher Kultur hätte ein Thomas Jefferson schreiben können, ohne in einem Kerker gefoltert zu werden oder in einem Gulag zu landen? Und was hätte Hirsch Moshe Kaplan unternehmen können, als er beschloss, Litauen – damals Teil des Russischen Reiches – zu verlassen? Er war 1864 in der Nähe von Šiauliai geboren, wo viele Juden lebten.

Kaplan war ein Teenager, als er seinen Geburtsort verließ. Nach der Ermordung von Zar Alexander II. im März 1881 wurden Juden im Russischen Reich gejagt. Kaplans erste Station war Schottland. Dort arbeitete er einige Zeit, um die Überfahrt nach Amerika bezahlen zu können. Um 1883 kam er in New York an, noch ein Jugendlicher.

Er lernte ­Sarah Mittenthal kennen, ebenfalls aus Litauen. Sie sparten und eröffneten einen Laden an der Ecke Washington Avenue und Dean Street in Prospect Heights, Brooklyn, mit Textilien, Schuhen, Spielzeug, Haushaltswaren und Krimskrams – ein Mini-­Warenhaus unter dem Namen H. M. Copland. Hirsch Moshe Kaplan hatte sich bereits in Schottland Harris Morris Copland genannt. Ihr jüngster Sohn Aaron wurde 1900 geboren. Aaron wuchs in der Wohnung über dem Laden auf.

Das Jahrhundert des einfachen Mannes

Die fünf Copland-Kinder halfen im Geschäft mit. Aaron stand oft an der Kasse. Eine fleißige, traditionelle jüdische Immigrantenfamilie ohne die Ängste des alten Kontinents. Es gab Geld für Musikstunden. Und Aaron wurde der amerikanischste Komponist aller amerikanischen Komponisten.

1942 schrieb er „Fanfare for the Common Man“. Am 12. März 1943 wurde das Stück vom Cincin­nati Symphony Orchestra uraufgeführt. Es dauert nur drei Minuten. Die Besetzung besteht aus vier Hörnern, drei Trompeten, drei Posaunen, Tuba, Pauken und Schlagzeug. Im Sommer 1942 hatte das Cincinnati Symphony Orchestra achtzehn amerika­nische Komponisten um kurze, patriotische Fanfaren gebeten. Amerika war in den Zweiten Weltkrieg eingetreten, das Land brauchte einen Klang für seinen Patriotismus.

Copland konnte aus mehreren Titeln wählen, alle mit dem Wort „Fanfare“ darin, und er entschied sich für „Fanfare for the Common Man“, offenbar inspiriert von der berühmten ­Rede des Vizepräsidenten Henry A. Wallace, gehalten am 8. Mai 1942 im New Yorker Commodore Hotel, in der Wallace gesagt hatte, dass das 20. Jahrhundert „the century of the common man“ werden müsse – nicht das Jahrhundert der Elite oder des Tyrannen, sondern das des einfachen Mannes. Copland sagte später: „It was the common man, after all, who was doing all the dirty work in the war and the army. He deserved a fanfare.“

Die revolutionärsten Worte

Die drei Minuten der Fanfare sind majestätisch, ohne souverän zu sein. Sie sind ein Aufstand gegen die Unterdrückung und Ausbeutung durch Eliten. Sie sind feierlich, ein neues selbstbewusstes und stolzes Ritual in einem weiten Land freier Bürger, einem Land unter einem weiten Himmel mit unbegrenzten Horizonten und ewigem Glück für den, der es sucht.

Ohne die amerikanische Lebensfreude – ob naiv oder nicht – ist Europa eine pittoreske Sammlung von Friedhöfen.

Die USA existieren dank Optimismus, Erfindungsreichtum und der Überzeugung, dass das menschliche Dasein kein tragisches Warten auf den Tod bedeutet, sondern ein Abenteuer voller Ent­deckungen von Momenten des Glücks. Können wir dasselbe über Europa sagen?

Europa atmet dank der Lungen der Pax Americana. Ohne die amerikanische Lebensfreude – ob naiv oder nicht – ist Europa eine pittoreske Sammlung von Friedhöfen. Ja, die USA sind das größte, beeindruckendste Experiment der Menschheitsgeschichte. Lassen wir uns preisen, dass wir diese Worte genießen dürfen: „All men are created equal. They are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.“

Es sind die revolutionärsten Worte, die je geschrieben wurden.

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