Brexit als Revolte gegen Woke

Eine in Institutionen verankerte antirassistische Politik hat den Brexit als Gegenreaktion verursacht und zerstört aktuell Tories und Labour gleichermaßen.

Eine Skulptur von Banksy am Waterloo Square. Die Skulptur zeigt einen Mann im Anzug der eine in der rechten Hand eine Fahne trägt. Der Stoff verdeckt sein Gesicht. Dennoch marschiert er entschlossen weiter. Dass er damit vom Sockel stürzen wird, sein linker Fuß schreitet bereits ins Leere, kann der Mann nicht sehen. Im Hintergrund ist einer der roten Doppeldeckerbusse zu sehen. Das Bild ist Teil eines Kommentars von Eric Kaufmann, in dem der Politikwissenschaftler argumentiert, dass der Brexit eine Folge der Einwanderungspolitik der bisherigen Tory und Labour-Regierungen ist. Er bezeichnet die Einwanderungspolitik als Woke.
Eine Skulptur von Banksy am Waterloo Square in London. © Getty Images

Der aktuelle Aufruhr in der britischen Politik ist auf „Woke“-Ideologie zurückzuführen. In Taboo. How making race sacred produced a cultural revolution definiere ich „woke“ als die „Sakralisierung historisch marginalisierter ethnischer, geschlechtlicher und sexueller Minderheiten“. „Woke“ befördert eine Ideologie des kulturellen Sozialismus, der Gleichheit und Schutz vor emotionalen Verletzungen für „heilige“ Minderheiten anstrebt.

Mehr Brexit und die Folgen

„Woke“ löst keine direkte Gegenreaktion aus, da die meisten Menschen nicht in den Institutionen tätig sind, die diese Ideologie vorantreiben. Die Allermeisten nehmen woke Ideologie eher als alltägliches Hintergrundrauschen denn als Wahlkampfthema wahr; sie wissen nicht, welche politischen Parteien dafür verantwortlich sind.

Der Einfluss woker Ideologie auf die Politik ist daher indirekt. Sie nutzt den Rassismus-Vorwurf, um Debatten in wichtigen Institutionen zu unterbinden. Dies führt zu katastrophalen politischen Fehlentscheidungen, die wiederum Gegenreaktionen auslösen.

Migration als Brexit-Ursache

Großbritannien stimmte 2016 vor allem deshalb für den Austritt aus der Europäischen Union, weil die Anzahl der Einwanderer als zu hoch empfunden wurde. Die Ängste entsprangen zu einem Teil dem Anstieg der Einwanderung aus Osteuropa seit 2004, noch stärker jedoch dem drohenden Überschwappen der Migrationskrise 2015 aus Europa.

Die Bedeutung des Themas Einwanderung nahm in Großbritannien, wie in Europa, mit steigenden Einwanderungszahlen zu. Vor dem Brexit verzeichnete Großbritannien eine Nettozuwanderung (Einwanderung minus Auswanderung) von insgesamt rund 300.000 Personen jährlich. Historisch gesehen lag die Nettozuwanderung im Bereich von null bis 50.000 – bis 1997 die New-Labour-Regierung unter Tony Blair an die Macht kam, woraufhin die Zahlen rasch auf über 200.000 stiegen. Unter New Labour schwankten sie zwischen 200.000 und 300.000. Ab 2010 hielten die Konservativen unter David Cameron die Nettozuwanderung auf diesem historischen Höchststand, obwohl sie wiederholt versprachen, sie auf wenige „Zehntausende“ zu reduzieren.

Das Versagen der Tories in der Einwanderungspolitik schürte die Unterstützung für den Brexit, weil die UK Independence Party (UKIP) von Nigel Farage das Thema Einwanderung erfolgreich mit der Frage der EU-Mitgliedschaft verknüpfte. Mit dem Argument, Großbritannien müsse die EU verlassen, um die Einwanderung zu reduzieren holte die UKIP bei den Wahlen 2015 13 Prozent der Stimmen – eine erstaunliche Leistung für eine erst aufstrebende Partei. Dieser Erfolg und damit verbundene Spaltungen innerhalb der Tories zwangen David Cameron schließlich dazu, ein Referendum abzuhalten, was er widerstrebend auch tat. Bei einer enormen Wahlbeteiligung von 72 Prozent gewannen Brexit-Befürworter 52 Prozent, unterstützt von vielen Wählern aus der Arbeiterklasse – aus Labour-Haushalten, die normalerweise gar nicht zu Wahlen gingen.

Johnsons Täuschung

Der Austritt aus der EU brachte den Brexit-Befürwortern jedoch nicht die strengeren Grenzkontrollen, die sie sich gewünscht hatten. Stattdessen stellte eine liberal-konservative Elite innerhalb der Konservativen Partei um die aufeinanderfolgenden Premierminister Theresa May, Boris Johnson, Liz Truss und Rishi Sunak den Brexit als ein Votum für mehr Offenheit bei Einwanderung und Handel dar.

Dieser Lesart zufolge wandte sich Großbritannien gegen Europa, weil die EU das dynamische, neoliberale „globale Großbritannien“ zu sehr eingeengt hatte und nicht, weil es für die „Little Englanders“, die ihre nationale Identität stärken wollten, zu international war. Infolgedessen gelang es der Brexit-freundlichen konservativen Regierung unter Theresa May nicht, die Nettozuwanderung unter 200.000 zu senken. Während May zwischen enger und lockerer Auslegung der europäischen Vorschriften schwankte, versprach Boris Johnson, den Brexit durch einen klaren Bruch mit Europa „durchzuziehen“, und wurde 2019 in einem Erdrutschsieg mit 44 Prozent der Stimmen zum Parteivorsitzenden gewählt. Drei von vier Brexit-Befürwortern stimmten für ihn.

Eine Konfrontation von Steve Bray, einem Politiker der Liberaldemokraten, der 2018 und 2019 täglich vor dem britischen Parlament gegen den Brexit demonstrierte, und Brexit-Befürwortern im Mai 2019. Zu dem Zeitpunkt waren die Konditionen des Austritts aus der EU noch offen, auch das Brexit-Referendum selbst war umstritten. Die beiden Gruppen stehen sich mit EU-Fahnen und Unionjacks auf der einen Seite und einem Schild, auf dem Sore Losers steht, auf der anderen Seite gegenüber. Am rechten Bildrand ist noch ein Plakat mit der Aufschrift Fighting Back der Brexit Party von Nigel Farage, später Reform UK, erkennbar.
Eine Konfrontation von Steve Bray, einem Politiker der Liberaldemokraten, der 2018 und 2019 täglich vor dem britischen Parlament gegen den Brexit demonstrierte, und Brexit-Befürwortern im Mai 2019. Zu dem Zeitpunkt waren die Konditionen des Austritts aus der EU noch offen, auch das Brexit-Referendum selbst war umstritten. Ganz rechts im Bild: Ein Plakat der Brexit Party, später Reform UK, von Nigel Farage mit der Aufschrift „Fighting Back“. © Getty Images

In dem verzweifelten Bestreben, den Brexit zu einem wirtschaftlichen Erfolg zu machen, lockerte Johnson die Einkommensgrenzen für Unternehmen bei der Einstellung ausländischer Arbeitskräfte und gab die großzügigen Einwanderungsgenehmigungen seiner gleichgesinnten Kabinettskollegen stillschweigend frei. Er vertrat die Ansicht – ganz im Sinne progressiver Wissenschaftler –, dass das Ausmaß der Einwanderung keine Rolle spiele, solange die Regierung die Kontrolle darüber habe, wie es im Rahmen des Brexits der Fall sei.

Unterdessen glaubten die britischen Wähler, dass die Einwanderungszahlen mit dem fortschreitenden Brexit bald sinken würden. Die Bedeutung der Einwanderung nahm zwischen 2016 und 2019 ab – verdrängt von der Debatte darüber, wie der Brexit umgesetzt werden sollte. Der Anstieg der Einwanderung kurbelte das BIP an und erfreute das Office for Budget Responsibility (OBR), die unabhängige Regierungsbehörde, die dafür zuständig ist, sicherzustellen, dass die Regierung ihren Schulden- und Rentenverpflichtungen nachkommen und gleichzeitig Wirtschaftswachstum erzielen kann – gemessen am BIP nicht am BIP pro Kopf. Nur wenige Stimmen, wie die von Innenministerin Suella Braverman, protestierten, wurden jedoch überstimmt. Während der Pandemie schrumpfte die Einwanderung zu einem Rinnsal, und das Thema verlor bei den Wählern an Bedeutung.

Dann schoss die Nettozuwanderung in die Höhe und erreichte im Jahr 2023 die unglaubliche Zahl von 944.000 – drei Mal so viel wie je zuvor verzeichnet. Diese Zuwanderung war Teil eines zweifachen Einwanderungsschocks, der die britische Politik schließlich aus den Angeln hob.

Nach dem Brexit-Votum 2016 begannen die „kleinen Boote“ – illegale Schleuserboote, die Asylsuchende über den Ärmelkanal transportieren – aus Frankreich einzutreffen. Waren es 2018 nur wenige hundert Antragsteller, stieg diese Zahl bis 2020 auf fast 9.000, 2021 auf 29.000 und 2022 auf den Rekordwert von 46.000 an. Auf einen Rückgang auf 29.000 im Jahr 2023 folgte ein weiterer Anstieg auf 39.000 im Jahr 2024.

Sunaks Boote

Tatsächlich wird ein Asylsuchender, der die britische Küste erreicht höchstwahrscheinlich nicht zurückgeschickt. Dies schafft Anreize für weitere Ankünfte. Nach einem Skandal unter Johnsons Regierung, bei dem es um eine während des Lockdowns abgehaltene Mitarbeiterparty ging, die die Umfragewerte der Konservativen sinken ließ, wurde Johnson abgesetzt. Er wurde durch Liz Truss ersetzt, eine einwanderungsfreundliche Libertäre, deren Versuch, Steuern zu senken, ohne die Ausgaben zu kürzen, negative Marktreaktionen provozierte. Truss wurde nach nur sechs Wochen im Amt von ihrer eigenen Partei abgelehnt und durch den wenig inspirierenden Rishi Sunak ersetzt.

Trotz des Slogans „Stop the Boats“ von Premierminister Rishi Sunak kamen die kleinen Boote weiterhin an. Sunaks Plan, Asylanträge im Ausland in Ruanda zu bearbeiten, wurde von den progressiven Medien und dem Establishment als rassistisch kritisiert.

2023 entschied der Oberste Gerichtshof des Vereinigten Königreichs gegen die Ruanda-Pläne und berief sich dabei auf mehrere internationale Übereinkommen: die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951, die eine Rückführung von Flüchtlingen in Länder verbietet, in denen ihnen Verfolgung droht (Non-Refoulement) sowie Artikel 3 der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK), den der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte so auslegt, dass eine Abschiebung verboten ist, wenn die Gefahr von Folter oder erniedrigender Behandlung besteht.

Die EMRK garantiert zudem ein „Recht auf Familienleben“, was die Abschiebung illegaler Einwanderer noch erschwert. Der britische Human Rights Act (1998) und das nationale Asylrecht setzen die internationalen Konventionen in nationales Recht um. So schufen internationales, europäisches und nationales Recht gemeinsam ein „weiches“ Asylsystem. Im Allgemeinen wurde eine Mehrheit der Asylanträge angenommen, und von den abgelehnten Anträgen wurde nur eine Minderheit der Asylsuchenden jemals abgeschoben oder verließ Großbritannien.

Die einzigen wirksamen Wege, Menschen von der Überfahrt nach Großbritannien abzuschrecken, sind eine Bearbeitung der Anträge im Ausland und Abschiebung.

Nicht zuletzt wegen Rishi Sunak errang Labour mit nur geringen Zuwächse von nur 1,5 Prozent auf 34,1 Prozent der Stimmen eine große Mehrheit von 411 Sitzen im Parlament, unterstützt durch eine zersplitterte Rechte. Viele Brexit-Wähler hatten gegen die Tory-Regierung mit ihrer hohen Einwanderungspolitik rebelliert, indem sie sich für Nigel Farages Reformpartei entschieden. Reform, die Nachfolgerin von Farages UKIP und der Brexit-Partei, erzielte beeindruckende 14 Prozent und versetzte den Tories damit einen schweren Schlag. Da sich die Unterstützung für Reform jedoch gleichmäßig über das ganze Land verteilte, führte dies im Mehrheitswahlsystem nur zu vier Sitzen im britischen Unterhaus.

Starmers Gangs

Die Labour-Partei versuchte, das Problem der illegalen Einwanderung mit ihrem abgedroschenen Slogan „Zerschlagung der Banden“ (Smash the Gangs) in den Griff zu bekommen. Dies erwies sich jedoch als wenig mehr als leeres Gerede, da es unglaublich schwierig ist, Schmuggler zu stoppen, solange der Anreiz, die Reise anzutreten, so groß ist. Die einzigen wirksamen Wege, Menschen von der Überfahrt nach Großbritannien abzuschrecken, sind eine Bearbeitung der Anträge im Ausland und Abschiebung.

Premierminister Keir Starmer hat jedoch einen juristischen Menschenrechtshintergrund und ernannte einen radikalen, progressiven Menschenrechtsanwalt namens Richard Hermer zu seinem Generalstaatsanwalt. Die Aktivisten und Abgeordneten seiner Partei sind oft Einwanderungsliberale mit einer progressiv-aktivistischen Gesinnung. Starmer war daher nicht bereit, die menschenrechtliche Architektur der EMRK und der Justiz in Frage zu stellen.

Nur Reform und Restore sind bereit, die EMRK zu verlassen. Unterdessen nahmen die Überfahrten mit kleinen Booten, die live in den sozialen Medien und im Fernsehen übertragen wurden, weiter zu und erreichten im Jahr 2025 die Zahl von 42.000. Als seine Strategie „Smash the Gangs“ scheiterte, wandte Starmer sich einem vielbeschworenen Abkommen mit Frankreich zu, das darauf basierte, für jeden Ankommenden einen Migranten zurückzuschicken („one in, one out“). Das Problem war, dass das Abkommen auf 50 Personen pro Woche bzw. weniger als 3000 pro Jahr begrenzt war – zu wenig, um von der Überfahrt abzuschrecken.

Angesichts stagnierender Zahlen beim Wohnungsbau und bei Sozialwohnungen griffen die Regierungen der Konservativen und der Labour-Partei darauf zurück, Asylsuchende in kostengünstigere Gebiete zu verteilen – häufig in provinzielle Städte der weißen Arbeiterklasse wie Liverpool oder Nordirland. In der Regel werden dafür Hotels angemietet, um die Asylsuchenden unterzubringen. Dies hat vor Ort Unmut geschürt und zunächst zu kleineren Protesten in den Jahren 2021 bis 2023 geführt, darunter eine Demonstration im Raum Liverpool, bei der ein Polizeiwagen in Brand gesetzt wurde.

Dann, im Sommer 2024 in Southport in der Nähe von Liverpool, tötete ein Junge ruandischer Herkunft, Axel Rudakabana, drei Mädchen im Alter von 6, 7 und 9 Jahren bei einem Tanz- und Yogakurs zum Thema Taylor Swift. Dies löste Angriffe auf Asylhotels und Ausschreitungen aus. Zu den Demonstranten gehörte auch Tommy Robinson, der Anführer der English Defence League (EDL), ein Hitzkopf, der maßgeblich dazu beigetragen hatte, die überwiegend aus Pakistan stammenden „Grooming-Banden“ aufzudecken – Prostitutionsringe, die jahrzehntelang weiße Mädchen in Städten im Norden Englands sexuell ausgebeutet hatten.

Robinsons Flaggen

Angesichts des zunehmenden Drucks von rechts, eine Untersuchung zum Skandal um die „Grooming-Banden“ einzuleiten, sowie angesichts des anhaltenden Problems mit den kleinen Booten entstand die Basisbewegung „Raise the Flags“, die die Menschen dazu aufrief, im ganzen Land englische und britische Flaggen an Laternenpfählen zu befestigen. Kurz darauf, im September 2024, organisierte Tommy Robinson eine Demonstration mit über 100.000 Teilnehmern bei der Kundgebung „Unite the Kingdom“ in London, einer der größten rechten Demonstrationen in der britischen Geschichte.

Ein Mann mit einem Union Jack sitzt in der linken Hand ein Kreuz haltend auf einer roten Telefonzelle in London. Um ihn herum sind wehende englische und britische Fahnen zu sehen. Das Bild zeigt eine der Unite the Kingdom-Demos, die von dem Rechtsextremisten Tommy Robinson organisiert wurden. Diese fand im Mai 2026 statt. Das Bild ist Teil eines Kommentars von Eric Kaufmann, in dem der Politikwissenschaftler argumentiert, dass der Brexit eine Folge der Einwanderungspolitik der bisherigen Tory und Labour-Regierungen ist. Er bezeichnet die Einwanderungspolitik und Gleichstellungs- sowie Antidiskriminierungspolitik als Woke.
Anhänger von Tommy Robinson bei einer „Unite the Kingdom“-Demo auf der Oxford Street in London im Mai 2026. © Getty Images

Im Juni 2026 kam es in Southampton zu Demonstrationen und Ausschreitungen, nachdem der Student Henry Nowak im Dezember 2025 von Vickrum Digwa ermordet worden war. Digwa war ein 23-jähriger Sikh, der der Polizei fälschlicherweise vorgaukelte, er sei Opfer rassistischer Äußerungen geworden. Als die Polizei eintraf, ignorierte sie Nowaks wiederholte Rufe, er sei niedergestochen worden und könne nicht atmen, und legte Nowak Handschellen an, während er verblutete. Digwa wurde später wegen Mordes verurteilt und zu lebenslanger Haft verurteilt. Als das Urteil und das Videomaterial veröffentlicht wurden, wurde dies von Elon Musk und anderen auf X aufgegriffen. Tommy Robinson heizte den Protest in Southampton an, der teilweise in Ausschreitungen gegen die örtliche Polizei ausartete.

Zwei Tage später, am 8. Juni, wurde ein Mann in den Vierzigern auf der Kinnaird Avenue im Norden Belfasts von einem 30-jährigen sudanesischen Asylbewerber brutal angegriffen, der Ende 2023 in der Stadt angekommen war. Das drastische Video, das zeigt, wie der sudanesische Mann versucht, einen weißen Mann zu enthaupten, ging viral. Das Eingreifen von Passanten rettete dem Opfer wahrscheinlich das Leben, auch wenn er dabei ein Auge verlor. Der Vorfall löste in Belfast und anderen Orten in Nordirland Anti-Einwanderungs-Proteste und Ausschreitungen aus, bei denen Wohnungen und Fahrzeuge von Migranten in Brand gesteckt wurden.

Die Reaktion der Labour-Partei bestand, wie bereits im Fall von Southport, darin, auf rasche und harte Strafen für Randalierer zu drängen und Geldstrafen für Social-Media-Unternehmen zu fordern, weil diese aufrührerische Inhalte nicht entfernt hätten. Kritiker argumentieren, dass die Reaktion der Labour-Partei auf pro-palästinensische Demonstrationen, bei denen Juden eingeschüchtert wurden, oder auf Klimaproteste weitaus nachsichtiger ausgefallen seien als bei den patriotischen Demonstrationen.

Als George Floyd getötet wurde, gingen Keir Starmer und seine Stellvertreterin Angela Rayner in die Knie, und David Lammy von der Labour-Partei sprach von gerechtfertigtem „gerechten Zorn“ unter den „Black Lives Matter“-Demonstranten, die oft gewalttätig wurden. Als jedoch Menschen ihre Wut über den Tod von Henry Nowak zum Ausdruck brachten, gab es kein Verständnis, sondern nur einen Aufruf zur Ruhe und Vorwürfe, der „rechtsextreme“ Nigel Farage schüre die Stimmung.

Nun rächt sich das.

Gemeinsam mit der verhaltenen Reaktion der Labour-Partei auf den Skandal um die „Grooming-Banden“ haben die Ereignisse den Slogan „Two-Tier Keir“ hervorgebracht: Der Labour-Partei wird damit vorgeworfen, mit zweierlei Maß zu messen, da Linke und Angehörige von Minderheiten milder behandelt würden als Rechte und Weiße. Eine von der Mitte-Links-Organisation More in Common durchgeführte Umfrage zeigt, dass sich zwischen den Unruhen in Southport im Jahr 2024 und dem Mord an Nowak im Jahr 2026 der Anteil der Bevölkerung, der der Meinung ist, dass weiße Verdächtige schlechter behandelt werden als Angehörige von Minderheiten, von 18 auf 34 Prozent verdoppelt hat.

Die progressive Elite in der Bürokratie, in öffentlichen Einrichtungen, NGOs, Universitäten, Schulen und anderen Institutionen hatte den „Woke“-Kultursozialismus, institutionalisiert als „Diversity, Equity and Inclusion“ (DEI), energisch vorangetrieben. Die konservative Regierung von 2010 bis 2024 leistete nur schwachen und symbolischen Widerstand gegen die „Woke“-Eroberung der britischen Institutionen. Nun rächt sich das.

Der Mord an Nowak lenkte die Aufmerksamkeit auf die „Woke“-Richtlinien für die Polizei, die diese dazu aufforderten, Menschen nicht gleich zu behandeln, sondern Minderheiten aufgrund von „systemischem“ Rassismus als etwas Besonderes zu behandeln. Diese Regeln waren im Laufe der Zeit immer radikaler geworden. Dies begann mit dem Macpherson-Bericht von 1999 – der den Mord an dem schwarzen Teenager Stephen Lawrence überkompensierte, indem er die Polizei als „institutionell rassistisch“ brandmarkte – und verstärkte sich nach dem Tod von George Floyd im Jahr 2020.

Lowes Ernte?

Der Mord an Nowak hat die DEI-Richtlinien, die hinter den verschlossenen Türen der progressiven Echokammer entwickelt wurden, ins grelle Licht der Medien und des Parlaments gerückt. Während die Polizei verspricht, diese Richtlinien zu überdenken, ist es wahrscheinlich, dass der „woke“-Institutionsapparat, der öffentliche Einrichtungen kontrolliert, nur kosmetische Änderungen an seiner Ideologie vornehmen wird, die gleiche Ergebnisse über gleiche Behandlung stellt.

Ein Plakat von Restore Britain im Mai 2026 an einer Hauswand in Makerfield in Großbritannien, wo am 18. Juni Nachwahlen stattfinden. Restore Britain ist eine rechtsextreme Partei, die in Großbritannien bei drei Prozent liegt. Das Haus mit der Plakatwand steht an einer mehrspurigen Straße und einer ebenso breiten asphaltierten Straße. In dem kleinen Garten des Reihenhauses steht eine englische Fahne. Das Bild ist Teil eines Kommentars von Eric Kaufmann, in dem der Politikwissenschaftler argumentiert, dass der Brexit eine Folge der Einwanderungspolitik der bisherigen Tory und Labour-Regierungen ist. Er bezeichnet die Einwanderungspolitik und Gleichstellungs- sowie Antidiskriminierungspolitik als Woke.
In Makerfield, Greater Manchester, im Mai 2026. © Getty Images

Die Gegenreaktion gegen die „zweigleisige“ (two tier) Polizeiarbeit und DEI verschmilzt mit der Feindseligkeit gegenüber Einwanderung zu einer wirkungsvollen Mischung. Die einzige Frage ist, ob Nigel Farages Partei Reform diese Energie für sich nutzen kann oder ob sie sich auf Kemi Badenochs Konservative und die von Musk unterstützte rechtsextreme Partei von Rupert Lowe, Restore Britain, aufteilen wird. Reform liegt in den Umfragen mit 26 Prozent vorn, mehrere Punkte hinter dem, was sie für eine Mehrheit der Sitze benötigt, während die Konservativen bei 18 Prozent und Restore bei drei Prozent liegen.

Die Labour-Partei unter Keir Starmer ist äußerst unbeliebt: Umfragen zeigen, dass sich die Zustimmungswerte von 34 Prozent Mitte 2024 auf 16 Prozent Anfang 2026 halbiert haben. Dieses schlechte Abschneiden führte im Mai zu einer internen Herausforderung für Starmers Führung. Sein beliebtester Rivale ist der Bürgermeister von Manchester Andy Burnham, derzeit siegreicher Kandidat bei den Nachwahlen in Makerfield. Burnham lag als Kandidat der Labour-Partei Kopf an Kopf mit dem Kandidaten von Reform. Mit der Besetzung des vakanten Parlamentssitzes durch Burnham wird dieser nun vermutlich Keir Starmer als Parteiführer herausfordern.

Hätte Burnham die Nachwahl allerdings verloren, hätte dies Labour-Partei gezwungen, sich zwischen dem unbeliebten Starmer und einer Reihe von Kandidaten der gemäßigten Linken zu entscheiden, die wahrscheinlich den Großteil des Landes vor den Kopf stoßen würden.

Das instabile britische Fünf-Parteien-System könnte durch weitere Schocks erschüttert werden. Bleiben Sie dran.

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