Der gute Wolf

Ja, es gibt Konflikte. Aber ein besseres Verständnis von Biologie und Sozialleben der Wölfe kann uns aus den falschen Alternativen von Romantik und Abschuss herausführen.

Jäger und Gejagte. In den dicht -besiedelten Gebieten Europas sterben die meisten Wölfe im Straßenverkehr, vor allem Welpen und Einjährige. Todesursache Nr. 2: Abschuss. Das Bild zeigt zwei Wölfe in einem schneebedeckten Wald, die ihre Umgebung beobachten. Das Bild ist Teil eines Beitrags von Kurt Kotrschal über das Sozialleben von Wölfen und ihre Biologie. Ein besseres Verständnis dieser Dynamiken würde Abschüsse minimieren, Weidetiere besser schützen und dazu beitragen, die so genannten Ökosystemdienstleistungen von Wölfen zum Nutzen für Forst- und Landwirtschaft auszuschöpfen, argumentiert der Verhaltensbiologie Kurt Kotrschal.
Wölfe sind Jäger und Gejagte: In den dichtbesiedelten Gebieten Europas sterben die meisten Wölfe im Straßenverkehr, vor allem Welpen und Einjährige. Todesursache Nr. 2: Abschuss. © Alamy Stock Photo
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Auf den Punkt gebracht

  • Bessere Alternativen. Wölfe abzuschießen, ist kontraproduktiv – es verhindert Rudelbildung und gefährdet damit letztlich das Weidevieh.
  • Ökologische Chance. Wölfe stehen in der Nahrungskette ganz oben, tragen zur Wiederherstellung gestörter Ökosysteme bei und sorgen für deren Erhalt.
  • Ökonomische Chance. Wälder, die im Klima der Extremwetter bestehen können, gehören zu den zahlreichen „Leistungen“ intakter Wolfsrudel.
  • Mehr verstehen. Den Debatten um „Problemwölfe“ und Abschüsse fehlt das Wissen über Biologie und Sozialleben von Wölfen, somit werden Lösungen verhindert.

Die Wölfe sind zurück in Mitteleuropa. Europaweite Schutzbestimmungen und vor allem das historische Allzeithoch der Bestände von Reh, Rothirsch und Wildschwein haben das ermöglicht. Es ist eine Chance: Unsere Aussichten auf leistungsfähige und resiliente Ökosysteme sind mit diesen Beutegreifern wesentlich besser als ohne sie.

Mehr über den Nutzen von Artenschutz

Wir haben allen Grund, den Wolf zu schützen. Hier die drei wichtigsten Argumente: Erstens sind sie in der Klima- und Biodiversitätskrise höchst relevant für die erforderliche Renaturierung. Sie unterstützen den Umbau der Wälder zu naturnahen Senken für Treibhausgase, sorgen für Artenvielfalt und gesunde Wildbestände.

Ein weltbekanntes ­Beispiel dafür ist der Yellowstone-Nationalpark: 1995 wurden dort Wölfe wieder angesiedelt (1926 war der letzte geschossen worden), um die Hirschpopulation zu reduzieren, die den Laubbäumen, vor allem Weiden und Espen, zusetzte. Schon nach wenigen Jahren zeigten sich positive Effekte. Mit der wiedergewonnenen Vielfalt der Pflanzen konnten sich verschwundene Tierarten, darunter zahlreiche Vogel­arten, wieder ansiedeln, die Erosion ging zurück, und der Nationalpark wurde klimaresistenter. Ohne Wölfe wäre das nicht möglich gewesen.

Zweitens: Wölfe sind heute unge­fährlich. Es gibt kaum mehr Tollwut, aber ausreichend Beutetiere, Wölfe kommen dem Menschen selten und immer nur dann nah, wenn sie angefüttert werden. Im August 2025 kam es deshalb im niederländischen Nationalpark De Hoge Veluwe zu einem kritischen Vorfall mit „Bram“, einem Wolfsrüden. Der griff sich nahe einer wandernden Familie einen Sechsjähri­gen, die Eltern jagten ihm das Kind wieder ab. Am Strand von Chalkidiki biss ein Wolf im September 2025 ein Kind. Solche Vorfälle sind menschengemacht: Bram etwa wurde gefüttert, um Nahaufnahmen zu bekommen. Er wurde inzwischen erschossen.

Drittens: Nicht nur die Wissenschaft, sondern die Mehrheit der Europäer, 70 Prozent, will die Rückkehr der Wölfe.

Kulturk(r)ämpfe in Stadt und Land

Weidetierhalter wie auch die traditio­nelle Jagd können Argumenten pro Wolf nur wenig abgewinnen. Politisch einflussreich, stellen sie ihr Wirt­schaf­ten nur zögerlich auf die neue ­Situation ein. Zu oft eskaliert der Streit zu regelrechten Kulturk(r)ämpfen; der Wolf wird zum Sündenbock für die ­Misere der Almwirtschaft gemacht und muss als Exerzierfeld für reichlich ­konstruierte Gegensätze zwischen Stadt und Land, „Normalbürgern“ und „denen da oben“ herhalten. Ein lohnendes Forschungsfeld für Sozio- und Politologen, ein Minenfeld jedoch für alle, die nach Lösungen suchen. Denn die Wölfe werden bleiben.

Als Biologe will ich Ihren Blick deshalb auf Biologie und Sozialleben der Wölfe lenken. Daraus lassen sich nicht nur Lehren für ein konfliktarmes Zusammenleben ableiten; Biologie und Sozialleben erklären auch, warum Wölfe so positiv auf Wildtierpopulationen, Ökosysteme und Landschaften wirken. Denn anders als die anderen größeren Beutegreifer Wildkatze, Luchs und Bär leben Wölfe in einem sozialen Verband: dem Rudel.

Das Bild zeigt zwei junge oder erwachsene Wölfe mit drei Welpen. Es soll den ausgeprägten Familiensinn von Wölfen illustrieren. Rudelbildung und Familienorientierung von Wölfen können auch für den Menschen von Nutzen sein. Das Bild ist Teil eines Beitrags von Kurt Kotrschal über das Sozialleben von Wölfen und ihre Biologie. Ein besseres Verständnis dieser Dynamiken würde Abschüsse minimieren, Weidetiere besser schützen und dazu beitragen, die so genannten Ökosystemdienstleistungen von Wölfen zum Nutzen für Forst- und Landwirtschaft auszuschöpfen, argumentiert der Verhaltensbiologie Kurt Kotrschal.
Wölfe ­verbringen den größten Teil ihres Lebens in einer Familie. Ältere Geschwister kümmern sich ebenso um die Welpen wie die Eltern. Mit ein bis zwei Jahren verlassen Jungwölfe ihr Rudel, um in der Ferne ein neues zu gründen. © Getty Images

Den größten Teil ihres Lebens verbringen Wölfe nämlich in Familien. So besteht ein Wolfsrudel aus den Elterntieren und ihren ein- bis zweijährigen Nachkommen sowie den Welpen, von denen jedes Jahr Anfang Mai in der Regel vier bis sechs zur Welt kommen. Die älteren Geschwister helfen bei der Aufzucht, sind Babysitter am Bau, wenn die anderen unterwegs sind, verteidigen die Welpen, spielen mit ihnen und füttern sie mit vorgewürgtem Nahrungsbrei. Gemeinsam verteidigt ein Rudel sein Territorium gegen Konkurrenz wie etwa Bären oder benachbarte Rudel.

Der Nutzen der Jagd

Vor allem machen Wölfe gemeinsam Beute: Im Fokus stehen wehrhafte Wildtiere wie Rothirsch, Elch und ­Wisent. Hasen und Rehe erlegen Wölfe problemlos auch allein. Schon im ersten Winter nach ihrer Geburt beginnen Jungwölfe an den Jagdausflügen teil­zunehmen. Ungeduldig und unerfahren wie sie sind, senken sie anfangs eher den Jagderfolg des Rudels. Von den erfahrenen Verwandten lernen sie aber schnell, wie man sich mit Blickkontakt koordiniert, Beutetiere mit verteilten Rollen in Bewegung und schließlich zur Strecke bringt.

Zeichnung eines Wolfswelpen. Die Zeichnung ist Teil eines Beitrags über das Sozialleben und die Biologie von Wölfen. Der Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal erklärt darin, wie ein rationales Wolfsmanagement Abschüsse minimiert. Mehr oder weniger willkürliche Abschüsse von einzelnen Wölfen, die als Problemwölfe wahrgenommen werden, schaden der Forst- und Almwirtschaft.
Er muss erst lernen, was und wie man jagt. Rudel sind Kulturträger, die unter anderem dieses Wissen vermitteln, schreibt Kurt Kotrschal. © Julia Zott

Junge, alte, verletzte oder kranke Beutetiere werden bevorzugt. So halten Wolfsrudel besser als menschliche Jäger Wildbestände gesund: Sie dämmen etwa die Ausbreitung der Schweinepest ein, weil sie kranke Wildschweine entnehmen, und reduzieren die in manch dichtem Rotwildbestand grassierende Tuberkulose.

Gejagt wird in der Dämmerung und in der Nacht, angepasst an die Aktivität der Beute. Rudel wissen, wo diese sich aufhält, und können ihren Geruch aus vielen Kilometern Entfernung wittern. Ein Rudel hetzt die Beute meist nicht bis zur Erschöpfung, sondern trennt ein Einzeltier vom Verband, stellt es und bringt es durch Bisse in Flanke, Schnauze und Kehle nieder.

Was Wölfe erlegen, kommt zur Gänze dem Ökosystem zugute. Kleinere Aasfresser können sich bedienen, die ­Reste erlegten Wilds verrotten und werden dem Kreislauf nicht entzogen wie bei menschlichen Jägern. So können Wolfsrudel die Biodiversität über das ganze Nahrungsnetz verbessern – von Säuge­tieren und Vögeln über Spinnen und ­Insekten bis hin zu Pilzen und Bakterien im Boden.

Außerdem düngt Wolfskot den Wald: Wo sich Wölfe stark von Fischen ernähren, wie etwa im Norden Europas und Amerikas, sorgen sie für einen erheblichen Stickstofftransfer von den Flüssen in die Wälder.
Wenn man Wölfe in Ruhe lässt, stellen sich Dichten von etwa sechs Tieren auf 300 Quadratkilometern ein.

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Zahlen & Fakten

Eine Karte Deutschlands, der Schweiz und Europas, auf der die Wolfsrudel sowie Einzelwölfe eingezeichnet sind. Besonders viele Rudel gibt es im Osten Deutschlands. Im Westen Österreichs und in der Schweiz ziehen zahlreiche Einzelwölfe durch. In der Schweiz konnten sich ebenfalls viele Rudel ansiedeln, in Österreich gib es nur sehr wenige Wolfsrudel. Ihr Erhaltungszustand ist nicht gut. Die meisten Wolfsrudel in Österreich sind in keinem guten Erhaltungszustand, sagt der Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal.

Die Heimkehrer

Einst ausgerottet, gelingt es den Wölfen heute wieder, in Deutschland, der Schweiz und in Österreich Rudel zu gründen.

Wölfe bilden dort Rudel, wo relativ wenige Menschen leben. 219 Rudel wurden 2025 im Osten Deutschlands gezählt; in der Schweiz 39, wovon neun grenzüberschreitende Rudel waren; in Österreich wurden sieben Rudel nachgewiesen. Einzelwölfe sind meist jüngere Wölfe auf Wanderschaft. Dauerhaft allein lebende Wölfe gibt es so gut wie nicht. Die Darstellung zeigt eine Momentaufnahme aus dem Winter 2025: Rudel sind dynamische Verbände und können sich auch wieder auflösen. So verschwand 2025 etwa das Rudel auf dem Truppenübungsplatz in Allentsteig, Niederösterreich.

Quellen: Dokumentation- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW); NABU; Österreichzentrum Bär, Wolf, Luchs; Stiftung KORA.

Rudelgrößen schwanken jahreszeitlich aufgrund von Geburten und Abwanderung, hängen aber generell von der Beutedichte ab. Sehr viel Beute bedeutet größere Rudel, höhere Rudeldichten und damit auch mehr Auseinandersetzungen zwischen den Rudeln. Unter solchen Bedin­gungen wandern Jungwölfe später ab, die Rudel werden größer. Aus dem Yellowstone-Nationalpark weiß man, dass kleinere Rudel zwischen größeren aufgerieben werden können. Diese Entwicklung scheint es derzeit auch im Norden Sachsens zu geben, wo viele Rudel relativ dicht leben.

Mehr Abschüsse, mehr Wölfe

Diese „dichteabhängige Regulation“ der Rudelgröße wird durch Abschüsse von einzelnen Wölfen zerstört. Entgegen ihrer Intention führen Abschüsse dazu, dass sich Wölfe stärker vermehren und sogar der Druck auf Weidetiere erhöht wird. Warum? Weil der Aufbau wünschenswerter Jagdtraditionen im Rudel ständig gestört wird, was wiederum zu einer vermehrten Orientierung auf das Erbeuten von Weidetieren führt.

Rudel sind dynamische Verbände. Im Alter von ein bis zwei Jahren trennen sich die Jungwölfe von ihrem Elternrudel und begeben sich auf Wanderschaft, um einen Partner zu finden. So wurden Dänemark, die Niederlande oder auch der Truppenübungsplatz in Allentsteig in Österreich von Jungwölfen aus dem Nordosten Deutschlands besiedelt.

Zeichnung eines jungen Wolfs.
Einzelne Wölfe sind in der Regel Wölfe auf Wanderschaft, die einen Partner oder Partnerin zur Rudelgründung suchen. © Julia Zott

Bei der Partnersuche legen Jungwölfe teilweise sehr weite Strecken zurück: Eine Wölfin aus den Rocky Mountains kam auf 14.000 Kilometer innerhalb von knapp zwei Jahren – bis eine Kugel sie ereilte.

Die Wanderschaft ist riskant. In Europa sterben Wölfe vor allem auf den Straßen, gefolgt von (teilweise illegaler) Verfolgung und dem Tod durch Nachbarrudel. Jungwölfe auf Wanderschaft verhalten sich daher äußerst vorsichtig. Ohne Familienanschluss sind sie verletzlich, zumal sie Territorien fremder Wölfe und dicht mit Menschen besiedelte Gebiete queren müssen. Sie heulen nicht und jagen opportunistisch. Ungeschützte Weidetiere bieten sich ihnen als Beute geradezu an. Sie sind einfach verfügbar und bergen ein geringes Verletzungsrisiko.

Dabei kann es zum „surplus killing“ kommen: Es wird nicht ein Schaf getötet, sondern mehrere, einige teils grausig verletzt. Ein solcher „Blutrausch“ ist das Ergebnis der Begegnung eines triebstarken Jägers mit Beute, die bei einem Angriff nicht flieht – was in der Evolution der Wölfe bislang nicht vorkam. So bleibt der Jagdreiz bestehen, der Wolf geht auch nach der Attacke auf ein bestimmtes Tier nicht zum Fressen über und attackiert weiter. Ein ähnliches Verhalten ist auch regelmäßig etwa bei Fuchs oder Marder im Hühnerstall zu beobachten.

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Zahlen & Fakten

Wölfe in Europa: Eine Europa-Karte, die die Verbreitung von verschiedenen Wolfspopulationen zeigt. In Europa gibt es verschiedene Wolfspopulationen. Aus diesen Populationen wandern einzelne Wölfe ab, um neue Rudel zu gründen. Daher die langen Strecken, die Wölfe auf ihren Wanderungen zurücklegen.

Wo Wölfe leben

In Europa gibt es verschiedene Wolfspopulationen. Aus diesen Populationen wandern einzelne Wölfe ab, um neue Rudel zu gründen. Daher die langen Strecken, die Wölfe auf ihren Wanderungen zurücklegen.

Die Wanderschaft ist beendet, wenn es dem Jungwolf gelingt, einen Partner oder eine Partnerin zu finden und sich gemeinsam in einem neuen Territorium niederzulassen. Mit der ersten Vermehrung wird aus dem Paar ein ortsfestes Rudel, das eigene Traditionen, spezifisches Wissen und Know-how entwickelt.

Das Rudel arbeiten lassen

Rudel sind also Kulturträger, die man im eigenen Interesse nicht (zer)stören sollte, wenn sie sich darauf eingestellt haben, von Wildtieren zu leben und sich von Menschen fernzuhalten. Guter Herdenschutz und Menschen, die ihrerseits auf Distanz bleiben, helfen ihnen dabei. Sofern beides praktiziert wird, können Rudel sogar Teil des Schutzsystems für Weidetiere werden, weil sie fremde respektive durchziehende Wölfe abhalten.

Es spricht somit viel dafür, den Blick vom einzelnen Wolf ab- und dem Rudel zuzuwenden. Intakte Rudel sind dabei kein Selbstzweck, Wolfsromantik oder ökologisches Nice-to-have. Sie sind im Sinne des Erhalts einer produktiven Agrar- und Forstwirtschaft notwendig, und ihr ökonomischer Beitrag ist messbar. Erkennt man Wolfsrudel derart als Teil eines gesamthaften Systems, versteht man, warum es kontra­produktiv ist, allein auf Abschuss zu setzen.

Zeichnung eines erwachsenen Wolfs.
Wölfe werden etwa zehn bis 14 Jahre alt, sie bleiben ein Leben lang mit ihrem Partner zusammen, und sie können unglaublich viel fressen: Ein Wolfsmagen kann zehn Kilo Nahrung problemlos aufnehmen. Dann allerdings wird tagelang geruht. © Julia Zott

Aussagen wie „Herdenschutz wirkt nicht, daher muss man schießen“ oder „Weidetiere kann man nur mit der Flinte schützen“ sind nachweislich falsch. Wölfe sind zurzeit weder für Menschen gefährlich, noch muss man auf sie schießen, um sie scheu und auf Distanz zu halten. Dieses „Jägerlatein“ haben Kollegen jüngst auch in einer experimentellen Untersuchung widerlegt: Wölfe und ihre Beutetiere, so das Ergebnis, teilen eine generelle natürliche Furcht vor dem Menschen, weshalb sie Begegnungen proaktiv aus dem Weg gehen, indem sie vorwiegend in der Nacht aktiv sind. Ihre Menschenangst überwinden einzelne Wölfe nur dann, wenn sie angefüttert werden.

Die ökologischen Effekte intakter Rudel sind indes unbezahlbar: Sie halten Wildbestände gesund, was der Agrar­wirtschaft nützt (Stichwort Schweinepest), sie regulieren die Bestände von Rotfuchs, Goldschakal, Fischotter etc., wodurch eine größere Vielfalt an Kleintieren entstehen kann. Zudem können Wölfe, wie im Nordosten Deutschlands und in Polen gezeigt, Forstschäden durch Rehe und Hirsche mindern und damit die Kosten der Bewirtschaftung naturnaher Wälder senken sowie die Zahl der Wildunfälle im Straßenverkehr reduzieren.

Rationalität statt Panik

Wie sieht im Lichte dieses Wissens ein rationales Wolfsmanagement aus? Anstelle jagdlicher Regulation bestünde dieses in der Stärkung der „dichteabhängigen Regulation“ durch Rudel.

Ein rationales Wolfsmanagement müsste außerdem auch ein „Menschenmanagement“ beinhalten: Die Wege von Wolf und Mensch sind getrennt zu halten, und Abschüsse müssen eine letzte Notmaßnahme bleiben. Nur ungestörte Rudelbildung bei sachgerechtem Herdenschutz vermag die Lage nachhaltig zu beruhigen. Natürlich müssen jene Wölfe (rasch) „entnommen“ werden, die tatsächlich gefährlich werden oder gelernt haben, guten Herdenschutz zu überwinden.

Die Wölfe in Mitteleuropa werden bleiben. Daher sollten wir uns möglichst intelligent darauf einrichten, mit ihnen konfliktarm zusammenzuleben.

Zeichnung eines erwachsenen Wolfs mit einem kleinen Welpen. Die Zeichnung ist Teil eines Beitrags über das Sozialleben und die Biologie von Wölfen. Der Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal erklärt darin, wie ein rationales Wolfsmanagement Abschüsse minimiert. Mehr oder weniger willkürliche Abschüsse von einzelnen Wölfen, die als Problemwölfe wahrgenommen werden, schaden der Forst- und Almwirtschaft, argumentiert er.
Die Elterntiere und andere ältere Verwandte bringen den Welpen alles bei, was sie wissen müssen. Intakte Rudel sind in Europa rar. © Julia Zott

Wie stehen die Chancen eines rationaleren Umgangs mit dem Wolf? Nicht gut. Auf Druck der Landwirtschaft und unter Ausschluss der Wissenschaft wurde 2023 von der Berner Konvention, 2024 auch von der EU, der Schutzstatus der Wölfe von „streng geschützt“ auf „geschützt“ gesenkt. Zwar erlaubt dies ein jagdliches Management nur dann, wenn ein „günstiger Erhaltungszustand“ erreicht ist (was für Österreich bei weitem nicht zutrifft), die Lockerung hat aber dazu geführt, dass nun in einigen Bundesländern Abschussverordnungen (Jagd und Naturschutz sind in Landeskompetenz) bestehen, die rechtlich, sachlich und im Hinblick auf ein möglichst konfliktarmes Zusammenleben höchst problematisch sind.

Dabei wäre jetzt die Zeit, die Weichen für eine bessere Zukunft zu stellen. Das wären wir uns selbst schuldig.

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Conclusio

Romantik. Die These vom für den Menschen gefährlichen Wolf ist ein Schauermärchen, das auf der irreführenden Vorstellung vom bösen Einzelwolf beruht. Die daraus resultierenden Scheinlösungen schaden mehr, als sie nutzen.

Nutzen. Der ökonomische Nutzen intakter Wolfsrudel besteht neben positiven forst- und agrarwirtschaft­lichen Effekten in Ökosystem-Dienstleistungen. Das Potenzial bleibt ungenutzt, wenn Wölfe als Schädlinge reguliert werden.

Schutz. Da sich die wenigsten Wolfspopulationen in Europa in einem günstigen Erhaltungszustand befinden, beginnt ein rationales Wolfsmanagement mit einem intelligenteren Schutz, damit sich stabile Wolfsrudel entwickeln können.

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