Yazdi-Zorn zu TikTok: „Die Kinder verblöden“
Suchtmediziner Kurosch Yazdi-Zorn erklärt, warum Social Media süchtig macht wie Nikotin. Seine Patienten surfen bis zu vierzehn Stunden täglich im Internet und finden kaum Schlaf. Krank fühlen sich die meisten trotzdem nicht.

Eigentlich hat die Suchtklinik am Neuromed-Campus des Kepler-Universitätsklinikums Linz zwei Schwerpunkte: Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit sowie Abhängigkeit von illegalen Substanzen. Immer mehr Jugendliche, die dort behandelt werden, sind aber nach etwas anderem süchtig: nach sozialen Medien. Kurosch Yazdi-Zorn, Leiter der Klinik, erklärt, was diese Sucht so besonders und gefährlich macht.
Sie behandeln Jugendliche, die süchtig nach sozialen Medien sind – aber wie wird man eigentlich süchtig danach?
Kurosch Yazdi-Zorn: Eine Plattform wie TikTok bedient das Belohnungssystem. Videos wechseln zwischen Aufregung und Beruhigung, das erinnert an andere Suchtpatienten, die abwechselnd Cannabis und Kokain konsumieren. Am ehesten kann man die sozialen Medien aber mit Nikotin vergleichen, weil beide für jedes Gefühl „einsetzbar“ sind: Jugendliche nutzen TikTok, wenn sie einsam, gelangweilt, traurig oder aufgeregt sind. Dadurch verlernen sie, Emotionen selbst zu regulieren.
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Ist TikTok gefährlicher als frühere Online-Angebote?
Kurosch Yazdi-Zorn: Ja. Wir behandeln seit über fünfzehn Jahren Verhaltenssüchte. Früher waren es meist ältere Burschen – so zwischen 17 und 20 – mit Computerspielsucht, etwa „World of Warcraft“ oder „League of Legends“. Die weiblichen Jugendlichen waren süchtig nach Facebook und später Instagram. Mit TikTok kam eine neue Dynamik: Wir haben mehr Jugendliche – auch Burschen –, die nach sozialen Medien süchtig sind; und sie werden immer jünger. Das liegt an einem früheren Internetzugang, an der Überforderung vieler Eltern, die sich nicht auskennen, und an einem sehr wirksamen Algorithmus. TikTok ist so programmiert, dass es Nutzer maximal lange bindet.
Was ist eine maximal lange Nutzungsdauer?
Kurosch Yazdi-Zorn: Zu uns kommen jene, die wirklich große Probleme haben: die vierzehn Stunden pro Tag TikTok konsumieren, die nicht mehr in die Schule gehen oder ihre Lehrstelle verloren haben und die ganze Nacht nicht mehr schlafen.
Welche Inhalte konsumieren die süchtigen Burschen und Mädchen?
Kurosch Yazdi-Zorn: Mädchen mit problematischem Konsum sehen oft extrem viele Videos zu Diäten und Körperbildern – viele haben Untergewicht. Burschen schauen mehr Gaming- und Fitnessinhalte.
Es gibt den Verdacht, dass der Algorithmus den Konsumenten im Westen generell stupidere Inhalte ausspielt als der eigenen Bevölkerung.
Die Tanzvideos, mit denen TikTok bekannt wurde, spielen also keine Rolle mehr – TikTok deckt mittlerweile alle Lebensbereiche ab.
Kurosch Yazdi-Zorn: Ja. Und spannend ist auch, dass die chinesische Version von TikTok ganz andere Inhalte hat. Dort gilt es eher als Bildungsplattform. Dort gibt es nicht diese dümmlichen Inhalte, die bei uns ausgespielt werden. Es gibt den Verdacht, dass der Algorithmus den Konsumenten im Westen generell stupidere Inhalte ausspielt als der eigenen Bevölkerung.
Wie kommen die Jugendlichen zu Ihnen?
Kurosch Yazdi-Zorn: Ausschließlich über die Eltern oder Schulen. Ich glaube nicht, dass ich nur einen einzigen Jugendlichen hatte, der von sich aus kam – im Unterschied zu anderen Süchten. Die Jugendlichen haben keinen Leidensdruck. Sie empfinden die Nutzung nicht als Problem. Sie sagen: Mir geht’s gut, solange ich am Handy sein kann. Das unterscheidet diese Suchtform von Alkohol oder Heroin. Und es macht die Therapie unendlich schwer: Wir können psychotherapeutisch nur erfolgreich sein, wenn jemand selbst etwas an seinem Verhalten ändern will.
Warum fehlt der Leidensdruck bei den Jugendlichen?
Kurosch Yazdi-Zorn: Ständig am Handy zu sein, ist kulturadäquat geworden, sprich: Alle machen das. Das haben wir bei Alkoholabhängigen teilweise auch, dass sie in einem Milieu sind, in dem alle trinken. Aber bei der Sucht nach sozialen Medien gibt es keine objektiven Marker wie Leberversagen oder Führerscheinentzug, die als Warnsignal taugen. Nichts zwingt sie zur Therapie.
Wie schnell entsteht hier eine Abhängigkeit?
Kurosch Yazdi-Zorn: Sehr schnell. Zwischen dem ersten Smartphone und massiven Konflikten mit den Eltern liegt oft nur ein Jahr. Im Gegensatz zu Alkohol, wo sich eine Abhängigkeit über Jahrzehnte entwickeln kann, eskaliert Mediensucht rasch.
Wie läuft die Therapie für gewöhnlich ab?
Kurosch Yazdi-Zorn: Zuerst gibt es ein Erstgespräch mit den Eltern, gemeinsam mit den betroffenen Jugendlichen. Danach wenn möglich eine Gruppenpsychotherapie über zwölf Wochen. Gruppensettings funktionieren viel besser als Einzeltherapie, weil die Jugendlichen untereinander viel reflektierter sind, als wenn sie alleine einem Erwachsenen gegenüber sitzen. Das Ziel der Therapie ist nicht totale Abstinenz, sondern kontrollierter Konsum. Als Zwischenschritt kann ein mehrmonatiger kompletter Verzicht auf soziale Medien sinnvoll sein, um neue Routinen zu lernen – vielleicht mal wieder in den Sportverein zu gehen, in dem man früher immer war.
Es ist für Eltern viel leichter, mit den Kindern Autofahren zu üben, als mit ihnen im Internet zu navigieren.
Sie meinten, die Eltern seien oft überfordert – übersehen sie frühe Warnsignale?
Kurosch Yazdi-Zorn: Das ist ein Problem. Die Elterngeneration ist – wenn überhaupt – zwar mit dem Internet aufgewachsen, aber nicht mit sozialen Medien. Das macht einen Unterschied. Die meisten Eltern haben Erfahrungen mit Nikotin und Alkohol, sie riechen es zum Beispiel, wenn ihr Kind ein Bier getrunken hat. Bei sozialen Medien fehlt ihnen die Erfahrung am eigenen Leib, und das macht die richtige Erziehung schwierig. Es ist für Eltern viel leichter, mit den Kindern Autofahren zu üben, als mit ihnen im Internet zu navigieren.
Sie fühlen sich überfordert.
Kurosch Yazdi-Zorn: Genau. Es gibt Eltern-Apps, mit denen sie kontrollieren können, was die Kinder konsumieren. Aber man muss sich damit aktiv auseinandersetzen und sich das selbst beibringen.
Das Internet verändert sich auch ständig. Bis die Eltern auf Facebook sind, sind die Kinder schon längst auf TikTok.
Kurosch Yazdi-Zorn: Ja, egal ob Eltern oder Schule: Die erwachsene Generation hinkt der technischen Entwicklung immer hinterher. Und erst Jahre später kommen wir drauf: Oh, das ist ja schädlich für unsere Kinder. Im angelsächsischen Raum ist der Begriff des Brain Rot entstanden – also Gedächtnisfäule durch exzessiven Social-Media-Konsum. Es gibt wissenschaftliche Studien, die zeigen, dass Kinder dadurch – ich sage es mal ganz einfach – verblöden. Und wir hinken viel zu sehr hinterdrein, diese Dinge einzuschränken.
Sie begrüßen Schritte wie das Handyverbot an Schulen?
Kurosch Yazdi-Zorn: Absolut! Nicht nur, damit die Lehrer in Ruhe unterrichten können, sondern auch, damit die Kinder verstehen, dass sie nicht sterben, wenn sie für ein paar Stunden kein Handy mehr haben. Viele Kinder haben wirklich das Gefühl, sie haben kein Leben mehr, wenn sie nicht auf ihr Handy schauen.
Eltern, die selbst ständig am Smartphone hängen, sind da vermutlich auch keine Hilfe.
Kurosch Yazdi-Zorn: Stimmt. Ich kann nicht selbst rauchen und meinem Kind erklären, dass das schädlich ist – auch wenn es stimmt. Erziehung ist immer auch vorleben: Kinder lernen durch Identifikation. Das fängt bei Bewegung und guter Ernährung an und endet beim Smartphone in der Hand.

