„Für die Ukraine geht es jetzt um alles“

Krieg oder Unterwerfung: Der Ukraine bleibt keine Wahl. Es ist die EU, die nicht wahrhaben will, dass ihre Sicherheit ernsthaft in Gefahr ist. Was auf dem Spiel steht, erklärt die Sicherheitsexpertin Velina Tchakarova.

Eine Zeichnung mit einer Taenzerin über einem realen Bombenkrater ist auf einem zerstörten Apartmentgebäude zu sehen. Das Bild illustriert ein Interview mit Velina Tchakarova über die Ukraine und die Sicherheitspolitik der EU.
Eine Zeichnung von Banksy hinter einem Schutzglas in Irpin im Februar 2023. © Getty Images

Die Ukraine hat keine Wahl: „Krieg oder komplette Unterwerfung“, das sind die Optionen aus Sicht der Sicherheitsexpertin Velina Tchakarova, Direktorin des Austria Institut für Europa und Sicherheitspolitik (AIES) in Wien. Ein Jahr nach dem Beginn des Krieges in der Ukraine steht auch Europa vor schwerwiegenden Entscheidungen, denen es sich aber lieber nicht stellen möchte.

Das Videointerview

In Bucha haben Frauen sich zur NGO Buchanski Pavuchky (Kleine Spinnen von Bucha) zusammengeschlossen und stellen Ausrüstung für die ukrainischen Soldaten her.

Dringlich wäre eine gemeinsame Sicherheitspolitik, die aber nur zögerlich überhaupt zu einem Thema wird. Während die Sanktionen nur langsam wirken, kommen auch Waffenlieferungen, Stichwort Panzer, nur schleppend voran. Die Sicherheit in Europa ist durch den Angriff Russlands in ernsthafter Gefahr, so Tchakarova, allerdings weniger durch das Risiko einer Eskalation, als vielmehr durch Unentschiedenheit.

Sicherheitsrisiko Krim

Besonders heikel ist die Frage, welche nationalen Grenzen der Ukraine nach dem Ende des Krieges Geltung haben sollen bzw. um welche nationalen Grenzen gekämpft wird. Für die Ukraine ist das eindeutig. Vor mehr als 30 Jahren hat sie sich ihre Unabhängigkeit hart erkämpft, und sie immer wieder verteidigt: Zu diesen Grenzen von 1991 gehört auch die Krim, die Putin nach der Annexion 2014 nicht aufgeben will. Wie Europa dazu steht, ist offen. Ist das Risiko einer nuklearen Eskalation so groß, wie der Politikwissenschaftler Gerhard Mangott in unserem Podcast befürchtet?

Eine Frau hält zwei kleine Dosen in die Kamera, aus deren Deckel etwas Pappe heraussteht. Das Bild ist Teil von einem Interview mit Velina Tchakarova, in dem es um die Sicherheit udn die Verteidigung der Ukraine geht und die Optionen der EU-Sicherheitspolitik.
Die NGO unterstützt die ukrainische Verteidigung auch mit aus Katzenfutter-Dosen gebastelten Kerzen, die auch als Feldkocher dienen. © Getty Images

Die Realität des Krieges

Doch welche Optionen hat die EU? Was kann Europa tatsächlich tun? Das Manifest von Wagenknecht und Schwarzer sieht Tchakarova diplomatisch als einen „netten Versuch“, der aber leider „nichts mit der Realität des Krieges zu tun hat“, so die Sicherheitsexpertin. Die Sicherheit in Europa ist durch Verhandlungen jetzt nicht wiederherzustellen, meint sie. Es werde irgendwann Verhandlungen geben, aber „wir werden zuerst eine Entscheidung an den Frontlinien sehen müssen.“

Einen Frau mit einer schwarzen Wollmütze auf dem Kopf sitzt vor einem Tarnnetz, das sie mit mit Tarnblättern ausstattet.
Auch Tarnnetze entstehen in Handarbeit durch die Frauen von Buchanski Pavuchky. © Getty Images

Krieg gegen Europa

Welche Bedeutung diese Entscheidung an den Frontlinien für Europa haben wird, ist, so Tchakarova, den EU-Staaten nicht genug bewusst. Europa hat die eigene Sicherheit immer als gegeben hingenommen und übersehen, das Putin bereits einen Krieg gegen die Sicherheitspolitik der europäischen Staaten führt. Seine Waffen: Dünger und Gas.

„Die Abhängigkeiten im Agrar- und Energiesektor werden instrumentalisiert“, sagt Tchakarova. Auch der Informationskrieg und die nukleare Erpressung gehören zu diesem Waffenarsenal des nicht-genetischen Krieges, wie Tchakarova erläutert. Ihre wichtigste Botschaft an die europäische Politik: „Europa wird direkt betroffen sein, sollte die Ukraine den militärischen Krieg verlieren.“

Über Velina Tchakarova

Portraitfoto von Velina Tchakarova mit einer schwarzen Jacke und einem Rock mit einem Brokatmuster.
Velina Tchakarova. © Ralph Manfreda

Velina Tchakarova ist Politikwissenschaftlerin und leitete das Austria Institut für Europa- und Sicherheitspolitik – AIES bevor das geopolitische Beratungsunternehmen FACE gründete. Tchakarova ist Autorin des Pragmaticus.

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