Um so viel stärker ist die Schweizer Armee

Das Schweizer Militär ist Österreichs Bundesheer haushoch überlegen. Um spät, aber doch aufzuschließen, reicht der Kauf von ein paar neuen Panzern und Jets nicht.

Gardesoldaten am Österreichischen Nationalfeiertag in Wien 2012
Das Gardebataillon des Österreichischen Bundesheers zum Nationalfeiertag auf dem Heldenplatz in Wien, Oktober 2012. © Getty Images
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Auf den Punkt gebracht

  • Ernüchternde Zahlen. Die puren Fakten zeigen eklatante Unterschiede zwischen den Armeen Österreichs und der Schweiz bei Ausrüstung und verfügbarem Personal.
  • Altern ohne Würde. Helikopter, Lastwagen und Luftabwehr haben in Österreich bestenfalls Museumswert und fallen im europäischen Vergleich weit zurück.
  • Klein, aber fein. Eine schmal dimensionierte, aber gut ausgerüstete und trainierte Truppe könnte der Ausgangspunkt einer Modernisierung des Bundesheeres sein.
  • Letzte Möglichkeit. Das Zeitfenster zu Handeln ist knapp. Auch wenn die Ausrüstung hoffentlich nie zum Einsatz kommen wird – investiert werden muss jetzt.

Das Sturmgewehr, das jeder Milizsoldat daheim hat, gilt als Symbol der Wehrhaftigkeit der Schweiz. Genauso wie in die gebirgige Landschaft eingepasste Bunker, teure wie schnelle Kampfjets und das zum demokratischen Grundverständnis des Landes gehörende Milizsystem. Weltweit gibt es kein vergleichbares (kleines) Land, das militärisch besser gerüstet wäre als die Eidgenossenschaft. Die Neutralität spielt dabei natürlich auch eine Rolle – denn wer keinem Bündnis angehört, muss auf sich selbst aufpassen.

Man sollte meinen, dass das alles auch für Österreich gilt. Doch bis jetzt wurde das Thema Wehrhaftigkeit hierzulande eher nachlässig behandelt. Angesichts der durch den Angriff Russlands auf die Ukraine grundlegend geänderten Bedrohungslage in Europa stellt sich jedoch auch in Österreich die Frage einer militärischen Aufrüstung. 

Finanzieller Kanonendonner

Immerhin hat die österreichische Politik sachte Zustimmung zu den Forderungen des Bundesheeres signalisiert, den Wehretat von 0,62 auf ein Prozent des BIP anzuheben und eine einmalige Sonderfinanzierung von zehn bis 14 Milliarden Euro bereitzustellen. Doch reicht das, um auf das militärische Niveau der Schweiz zu kommen? Thomas Starlinger, 2019 Heeresminister und Mitglied von Österreichs einziger Expertenregierung, sah den Betrag von 16,2 Milliarden Euro gar nur als Startpunkt der Truppenmodernisierung.

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Zahlen & Fakten

Es ist sicher nicht damit getan, ein paar Panzer zu bestellen. So einfach ist das nicht, wie ich später noch ausführen werde. Augenfällig ist, dass die Schweiz über 136 Leopard-Kampfpanzer verfügt, Österreich nur über rund 50 einsatzfähige Exemplare, obwohl die geografische Situation (Marchfeld, Eferdinger Becken) eine genau umgekehrte Größenordnung nahelegen würde. 

Noch eklatanter sind die Unterschiede in der Luft. Die 15 Eurofighter des Bundesheeres haben keine Hauptbewaffnung – nur eine Sekundärbewaffnung vom Typ IRIS-T. Von dieser infrarotgelenkten Waffe gibt es nur rund 20 Stück, bei Schlechtwetter ist sie nicht einsatzfähig. Die Schweizer haben nicht nur Kampfjets der Typen F-18 Hornet und F-5 Tiger in derzeit doppelter Stückzahl. Sie verfügen auch über radargestützte Lenkwaffen dafür sowie moderne Sidewinder-Luft-Luft-Raketen. Auch wird die Schweizer Luftwaffe in den kommenden Jahren 36 Stück der F‑35A, des derzeit wohl modernsten Kampfflugzeugs der Welt, anschaffen. 

Österreichische Museumsstücke

Aus ihrem Selbstverständnis einer wehrhaften Demokratie heraus investiert die Schweiz eben in hochwertiges Militärmaterial. Österreich hinkt da aus politischem Opportunismus (Das Billigste reicht locker! Wer soll uns schon angreifen?!) seit Jahrzehnten hinterher. Mit der Folge, dass der Materialbestand des Bundesheeres mehr einem Freilichtmuseum gleicht denn einer modernen Armee. 

Der Alouette-III-Hubschrauber etwa hatte seinen ersten Probeflug im Jahr 1959; das Rückgrat der Lkw-Flotte, der Steyr 12M18, wurde 1986 in Dienst gestellt. Es müssten also nicht nur einzelne Waffengattungen erneuert werden, sondern bis auf einige Ausnahmen (Scharfschützengewehre, Splitterschutzwesten) die gesamte Ausrüstung. Selbst die viel gepriesenen Black-Hawk-Helikopter amerikanischer Herkunft sind teilweise noch nicht auf zeitgemäße Technik nachgerüstet.

Ein Jet der Schweizer Luftwaffe bei einer Übung in den Alpen
Top Gun vor der Jungfrau: Allein von den luftkampffähigen F-18-„Hornet“-Jets besitzt die Schweizer Luftwaffe 30 Stück. Im Gegensatz zum Eurofighter des Bundes­heeres können sie auch in der Nacht eingesetzt werden. © Alamy

Um es klar zu sagen: Der Aufbau eines einsatzfähigen Heeres in Österreich, das sich mit dem der Schweiz messen könnte, würde wohl zehn bis 20 Jahre dauern. Denn moderne Kriegsführung ist vor allem ein Kampf der „verbundenen Waffen“ mit Unterstützung von neuen Technologien wie der künstlichen Intelligenz. Was versteht man unter „verbundenen Waffen“? Neben konventionellen Waffensystemen zu Land, See (in Österreich und der Schweiz nicht relevant) und Luft gilt es, auch im elektromagnetischen Spektrum (Aufklärung und Kommunikation mit Radiowellen, im Infrarotbereich und mittels Radar) präsent zu sein und natürlich im sogenannten Cyberspace. Das alles muss vernetzt – also verbunden – sein.

Darüber hinaus braucht es nachrichtendienstliche, Fernmelde- und elektronische Aufklärung (teilweise aus der Luft). Die großen Armeen betreiben zusätzlich noch Aufklärung aus dem Weltraum (mittels Satelliten). Als Alternative gäbe es die Gefechtsfeldaufklärung mit unbemannten Plattformen (Drohnen). In Summe ist das alles sündteuer und wohl nicht durchsetzbar. Was ist aber absolut notwendig, um Österreichs Bundesheer fit für die Herausforderungen der Zukunft zu machen?

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Zahlen & Fakten

Schweizer Taschenmesser und österreichisches Feldmesser in Gegenüberstellung
Ein Schweizer Victorinox Taschenmesser und das österreichische Glock Feldmesser 78. © Victorinox AG, Wikimedia Commons

Schweizermesser oder Austro-Klinge?

Schon die einfachste Ausrüstung der Soldaten offenbart grundlegende Unterschiede zwischen eidgenössischer Wehrhaftigkeit und österreichischer Neutralität.

Das Schweizer Offiziers­messer genießt mit seiner Funktionalität und Robustheit Weltruhm. Von der Säge bis zum Schraubenzieher können auch einfache Dienstgrade alle seine Fähigkeiten nützen. Viel schlichter hingegen das österreichische Pendant, gefertigt vom renommierten Pistolen­hersteller Glock. Seine Talente erschließen sich nicht auf den ersten Blick: Mit dem Griff­ansatz kann man etwa Bier­flaschen öffnen; es soll sich hervorragend zum Graben in der Erde eignen; und beim antiquarischen Sturm­gewehr 58 der Garde lässt es sich als Bajonett aufpflanzen.

Das Schere-Stein-Papier-Prinzip

In einer militärischen Einbindung auf EU-Ebene wäre vielleicht eine gut ausgerüstete und ausgebildete Brigade (etwa 3.000 bis 5.000 Personen) zielführend, die sowohl auf dem Land als auch in der Luft sowie im Cyberraum operieren kann. Was mit Sicherheit nicht ausreicht, ist die oft genannte Spezialisierung in den Bereichen Cyber- und ABC-Abwehr oder im Pionierwesen ohne eine Aufwertung der militärischen Grundfähigkeiten. 

Das hängt mit dem bereits erwähnten Konzept der verbundenen Waffen zusammen. Es lässt sich am besten mit dem alten Schere-Stein-Papier-Spiel erklären: Jede militärische Einheit (etwa ein Kampfpanzer) hat Schwächen (beispielsweise Angriffe mit Panzerabwehrlenkwaffen oder durch Drohnen), die es durch eine andere Einheit (etwa durch die Flugabwehr oder Panzergrenadiere) zu kompensieren gilt. Setzte man also nur auf eine oder zwei Fähigkeiten (Stein und/oder Schere), wäre das Bundesheer durch die fehlende dritte Fähigkeit im Cyberspace (Papier) enorm verwundbar. Mit einer Spezialisierung würden wir also unsere Versicherungspolizze schwächen, was zur Folge hätte, dass die Chancen eines militärischen Konfliktes steigen.

Das Schere-Stein-Papier-Prinzip gilt genauso, wenn wir uns auf die wahrscheinlichsten kurzfristigen Einsatzszenarien konzentrieren. Setzen wir etwa alles auf die wahrscheinlichste Karte, erhöhen wir damit nur die Chancen, dass unwahrscheinliche Szenarien mittelfristig eintreten. Konzentrieren wir uns also nur auf Cyberverteidigung und ABC-Abwehr, erhöht das nach der paradoxen Logik des Krieges die Chancen, dass uns ein potenzieller Gegner mit konventionellen Mitteln (zum Beispiel mit Drohnen und Raketen) angreift. 

Dennoch gibt es Leute, die der Meinung sind, dass Österreich auf eine Spezialisierung im Rahmen einer europäischen Streitkraft setzen sollte. Ein großer Irrtum! Denn ohne die Fähigkeit im Kampf der verbundenen Waffen ist die Integration mit anderen Streitkräften in Europa rein technisch bald nicht mehr möglich. 

Große Reform der Miliz

Was bedeutet das nun konkret für Österreich? Zumindest ein Kern des Bundesheeres muss im kleinen Rahmen fähig sein, im gesamten militärischen Spektrum tätig zu sein. Das heißt, wir brauchen eine kleine, aber feine Panzertruppe mit Langstrecken-Präzisionsartillerie, die vor Angriffen aus der Luft durch eine Flugabwehr geschützt ist. Wir brauchen eine Jägertruppe, die im Verbund mit bewaffneten Drohnen operieren kann. Wir brauchen eine effektive Cyberverteidigung, die von elektronischen Kampftruppen und unseren Nachrichtendiensten unterstützt wird. Und wir brauchen eine Luftwaffe, die auch in der Lage ist, Kampfmissionen zu fliegen. 

Österreich ist das einzige Land der  Welt, das bei der Miliz keine verpflichtenden Übungen vorsieht.

Die Aufgaben reichen noch weiter: Um ein halbwegs einsatzbereites Bundesheer zu schaffen, müssten die Assistenzeinsätze (Grenzschutz, Gebäudebewachung) massiv reduziert werden. Das System der Wehrpflicht müsste um zweimonatige verpflichtende Waffenübungen nach dem Abrüsten ergänzt werden. Sechs Monate reichen nicht! Österreich ist das einzige Land, das bei der Miliz keine verpflichtenden Übungen vorsieht. Wir müssten das System auch auf bürokratischer Ebene umstellen: Nicht jeder Berufssoldat muss sein Leben bis zur Pension im Heer verbringen. Drei bis vier Jahre – bei Offizieren acht Jahre – würden völlig reichen. Dafür braucht man freilich auch finanzielle Anreizsysteme – wie in anderen Ländern längst üblich.

Hoffentlich unnötige Aufrüstung

Warum das bis jetzt nicht passiert ist, liegt auf der Hand: Es gab – bis auf das kurze Intermezzo an der Südgrenze beim Zerfall Jugoslawiens – kein unmittelbares Bedrohungsszenario. 

Und es gibt ein Verständnisproblem zwischen Militärstrategen und dem Rest der Bevölkerung: Das Hauptziel jeder neuen militärischen Anschaffung ist, sie nie einsetzen zu müssen. Das macht die Anschaffung von Waffen, die noch dazu nicht gerade für einen Pappenstiel zu haben sind, politisch schwierig. Denn wer kauft schon etwas um viel Geld, was er nie benutzen will? Die Antwort: ein vernünftiger Verteidigungspolitiker. Auf parlamentarische Anfragen, ob wir denn diese ganzen Waffen wirklich brauchen, sollte der Bundeskanzler – inspiriert von der paradoxen Logik des Krieges – antworten: Wenn wir es gescheit machen, nicht zu unseren Lebzeiten.

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Conclusio

Der Überfall Russlands auf die Ukraine rückt auch die Wehrhaftigkeit von kleinen, neutralen Ländern wie Österreich und der Schweiz in den Fokus. Tatsache ist, dass nur die Eidgenossen auf einem militärisch akzeptablen Level spielen – Österreich wäre selbst im Gebirge einer kleinen modernen Streitmacht schutzlos ausgeliefert. Neben der Aufrüstung mit teurem Gerät wäre vor allem die Reform des Milizsystems enorm wichtig. Eine gut trainierte und ausgerüstete Brigade von knapp 5.000 Mann würde zumindest für kurze Zeit dem Feind Paroli bieten können. Die Politik ist nun dringend gefordert, Milliarden freizumachen, damit das Bundesheer nicht endgültig die Zukunft einer europäischen Verteidigungsarchitektur versäumt. Denn fast jedes Land hat eine Armee. Entweder die eigene – oder eine fremde.