Warum unser Geld in Gefahr ist

Hohe Inflation, hohe Staatsschulden: Seit Ausbruch der Coronapandemie wird unser auf Kredit basierendes Geldsystem immer stärker infrage gestellt. Digitalwährungen erhöhen den Druck zusätzlich. Kommt eine große Geldkrise auf uns zu?

Das Bild zeigt ein Sparschwein, das unterzugehen scheint. Das Bild illustriert einen Artikel darüber, ob eine Geldkrise auf uns zu kommt.
Zwischen Inflation und Digitalisierung gerät das kreditbasierte Geldsystem zunehmend unter Druck. © Getty Images
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Auf den Punkt gebracht

  • Fiat-Geld unter Druck. Seit dem Ende des Goldstandards 1971 basiert Geld auf Kredit und Vertrauen in Zentralbanken. Hohe Staatsverschuldung und dauerhaft niedrige Zinsen haben dieses System anfällig gemacht und immer wieder Inflation erzeugt.
  • Krisen als Wendepunkte. Die Finanzkrise 2007/08 und die Corona-Pandemie führten zu massiver Geldschöpfung und steigender Inflation. Angesichts weiter wachsender Schulden ist eine neue Geldkrise wahrscheinlich.
  • Digitale Konkurrenz. Bitcoin und andere Kryptowährungen stellen das Fiat-Geld infrage, indem sie auf begrenzte Geldmengen setzen. Auch Stable Coins erhöhen den Wettbewerbsdruck auf staatliches Geld.
  • Machtverschiebung. Die USA stärken mit Dollar-Stable-Coins ihre globale Führungsrolle, während Europa technologisch und geldpolitisch zurückzufallen droht – mit Risiken für die Souveränität des Euro.

Vor etwas mehr als 50 Jahren, am 15. August 1971, kündigte US-Präsident Nixon in einer Rundfunk- und Fernsehansprache einseitig die Verpflichtung der Vereinigten Staaten auf, Gold zu einem festen Preis von 35 Dollar pro Unze zu verkaufen. Der Dollar verlor damit über Nacht seine Funktion als Anker für die anderen Währungen, die im sogenannten Bretton-Woods-Wechselkurssystem an den Dollar gekoppelt waren. Den Rest der Welt traf die Rede völlig unvorbereitet, weshalb sie als Nixon-Schock in die Geschichte einging.

In den Folgejahren löste sich das System der festen Wechselkurse auf und die Welt ging zu „floatenden“ (flexiblen) Wechselkursen über. Die Menge des vorhandenen Goldes hörte auf, die Menge von Papier- und Bankengeld zu bestimmen. Geld wurde nun ohne materielle Anbindung allein durch die Kreditvergabe der Banken geschaffen. Den Zentralbanken wurde die Aufgabe übertragen, mit ihrer „Geldpolitik“ die Kaufkraft des Geldes zu bewahren.

Diese Aufgabe ähnelt einem Balanceakt, bei dem der Artist einen rotierenden Teller auf einem Stab, den er sich aufs Kinn gesetzt hat, stabil halten will. Kein Wunder, dass der Teller immer wieder zu Boden fiel und in Scherben gingen. Mal war die Inflation zu hoch, mal zu niedrig, aber meist hechelten die Zentralbanken der Entwicklung hinterher. Und weil ihre hoch verschuldeten Herren, die Staaten, niedrige Zinsen brauchten, hielten die Zentralbanken die Geldpolitik tendenziell zu locker und fachten damit mal Konsumenten-, mal Vermögenspreisinflation an.

Große Finanzkrise

Den bislang spektakulärsten Unfall bei dieser Zirkusnummer gab es in den Jahren 2007-2008. Niedrige Zinsen hatten einen Immobilienboom befeuert, an dem in den USA auch ärmere Haushalte teilnehmen sollten, die normalerweise nicht als kreditwürdig galten. Abhilfe sollte eine Veredelung der Hypotheken von geringer Kreditbonität mit den Mitteln der Finanzalchemie schaffen. Wie minderwertiges Fleisch in eine Wurst wurden die minderwertigen Hypotheken in eine „Collateralized Mortage Obligations“ genannte Anleihe gestopft - in der Hoffnung, dass die Mischung sie genießbar macht.

Das erwies sich jedoch als Flop. Die angeblich sicheren Finanzinstrumente fielen massenhaft aus und zogen – da sie weltweit verteilt worden waren - das Bankensystem auf beiden Seiten des Atlantiks in die Tiefe. Staaten mussten ihre Banken retten und teilweise selbst von ihren Zentralbanken gerettet werden. Zur Finanzierung der Rettung schufen die Zentralbanken große Mengen an neuem Zentralbankgeld.

Begrenztes Geld

Die „Große Finanzkrise“ von 2007-2008 brachte eine Zäsur in der Entwicklung des Geldes. Am 11. Februar 2009, fünf Monate nach der Pleite von Lehman Brothers und der dadurch ihren Höhepunkt erreichenden Finanzkrise, postete ein anonymer Informatiker unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto auf einer von Programmierern genutzten Website: „Ich habe ein neues quelloffenes P2P-E-Cash-System [Person-to-Person Electronic Cash System] namens Bitcoin entwickelt. Es ist vollständig dezentralisiert, ohne zentralen Server oder vertrauenswürdige Parteien, da alles auf Krypto-Beweis statt auf Vertrauen basiert.“ (Bitcoin open source implementation of P2P currency | Satoshi’s Archive).

In der Einleitung zu seiner Beschreibung von Bitcoin legt Nakamoto den Finger in die Wunde des Fiat-Kreditgeldsystems: „Man muss der Zentralbank vertrauen, dass sie die Währung nicht entwertet“, aber dieses Vertrauen wird immer wieder enttäuscht. Nakamotos Antwort auf diese wiederkehrende Enttäuschung ist die Begrenzung des Geldvolumens. Wie Metallgeld durch die Verfügbarkeit der Rohstoffe begrenzt ist, ist auch der Umlauf von Bitcoin limitiert. Zur Entlohnung der kryptografischen Überprüfung der Transaktionen werden neue Coins geschaffen, aber nur, bis 21 Millionen Stück erreicht sind.

Man muss der Zentralbank vertrauen, dass sie die Währung nicht entwertet

Satoshi Nakamoto

Obwohl Nakamoto vom Mainstream der Wirtschaftswissenschaften und Bankiers ignoriert oder als Scharlatan abgetan wird, hat er ein geniales Produkt, die „Blockchain“, hinterlassen. Gleichzeitig hat er eine essenzielle Idee wiederbelebt: Die Begrenzung des Geldes. Seither machen kryprografische Zahlungssysteme zwar Furore, aber die Begrenzung des Geldes findet bei Volkswirten, Bankiers, Zentralbankern und Politkern wenig Anklang. Als kleineres Übel sehen sie die Kombination von Fiat-Kreditgeld mit kryptografischen Zahlungssystemen.

Stable Coins

Sogenannte Stable Coins sind an Fiat-Kreditgeldwährungen gekoppelt, werden aber mit einem „Person-to-Person Electronic Cash System“ übertragen. Die jüngste US-Gesetzgebung zu Stable Coins markiert einen Meilenstein in der digitalen Geldordnung. Mit dem sogenannten GENIUS Act, der im Juli 2025 von Präsident Donald Trump unterzeichnet wurde, etabliert die US-Regierung einen klaren regulatorischen Rahmen für US-Dollar Stable Coins, die durch sichere Vermögenswerte – vor allem US-Staatsanleihen – gedeckt sind. Flankiert wird der GENIUS ACT durch weitere Gesetze, die sowohl die Zuständigkeiten der Aufsicht konkretisieren als auch die Einführung einer staatlichen digitalen Zentralbankwährung einschränken. Ziel ist es, die digitale Geldemission bewusst in privater Hand zu belassen und gleichzeitig die Nachfrage nach US-Staatsschuldtiteln zu erhöhen. Das soll die Rolle des Dollars als globale Leitwährung festigen.

Für Nutzer entsteht der Reiz von Stable Coins vor allem aus der Möglichkeit, Zahlungen direkt und kostengünstig über Blockchain-Technologien abzuwickeln. Je ineffizienter traditionelle Bankensysteme und je niedriger die Transaktionskosten der digitalen Alternativen sind, desto attraktiver werden Stable Coins. Besonders groß dürfte das Potenzial im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr und in weniger entwickelten Ländern sein. Dort, wo der Dollar schon heute faktisch als Parallelwährung dient, könnten Stable Coins aufgrund ihrer hohen Liquidität die Bargeldnutzung ablösen und so die Nachfrage nach Dollar weiter steigern.

Auch für Emittenten eröffnet das US-Modell erhebliche Gewinnmöglichkeiten, da die hinterlegten Reserven Erträge aus Zinszahlungen erwirtschaften, ohne dass die Coins selbst verzinst werden dürfen. Vor allem große Tech-Konzerne mit etablierten Zahlungsnetzwerken (wie Apple Pay, Google Pay oder PayPal) könnten mit der Emission eigener Coins durch Skaleneffekte hohe Gewinne erzielen. Für den US-Staat wiederum entsteht nicht nur ein zusätzlicher Absatzmarkt für kurzfristige Staatsanleihen, sondern perspektivisch sogar die Chance, Stable Coins als „Fiskalwährung“ in Konkurrenz zum Fiat-Kreditgeld zu etablieren. Die Grenzen zwischen Geld- und Fiskalpolitik würden vollends verwischt, da sich der Staat verstärkt durch Geldausgabe finanzieren könnte.

Demgegenüber droht Europa in diesem Bereich erneut ins Hintertreffen zu geraten. Strenge Bestimmungen (in der „Markets in Crypto-Assets Regulation“), geringe technologische Dynamik und politisches Zögern behindern die Entstehung eines wettbewerbsfähigen Stable-Coin-Marktes in Euro. Zwar könnte ein digitaler Euro (gedeckt mit den auf der Bilanz des Eurosystems liegenden Staatsanleihen) eine attraktive öffentliche Alternative bieten, doch fehlt es bislang an technischen Lösungen, politischer Bereitschaft und einem klaren institutionellen Rahmen. Sollte die EU diese Lücke nicht schließen, könnte sie am Ende gezwungen sein, amerikanischen Anbietern von Euro-Stable-Coins den Marktzugang zu öffnen – mit weitreichenden Folgen für die geldpolitische Souveränität. Letztlich zeichnet sich ab, dass die USA ihre digitale Führungsrolle massiv ausbauen, während Europa Gefahr läuft, technologisch wie geldpolitisch abgehängt zu werden.

Die nächste Geldkrise

In der Zeit der Coronapandemie haben sich die meisten Staaten enorm verschuldet, um mit Transfers an private Haushalte und Unternehmen die Wirtschaft vor dem Absturz zu bewahren. Die Zentralbanken haben die Zinsen auf Tiefststände gedrückt und einen großen Teil der Anleiheemissionen mit neu geschaffenem Geld aufgekauft. Niedrigzinsen und Geldschwemme haben die Inflation in den Jahren 2021 bis 2023 auf die höchsten Werte seit den 1970er Jahren steigen lassen. Nach längerem Zögern haben die Zentralbanken die Inflation mit Zinserhöhungen und dem Abbau ihrer Anleihebestände wieder eingefangen. Aber sie ist höher geblieben als vor der Pandemie.

Wahrscheinlich braucht es eine neue Geldkrise, damit der politische Druck für eine Sanierung der Staatsfinanzen groß genug wird.

Angesichts der weiter ungebremst zunehmenden Staatsverschuldung ist es mehr als zweifelhaft, ob die Zentralbanken die Kaufkraft des Fiat-Kreditgelds nachhaltig stabilisieren können. Die Staaten brauchen niedrige Zinsen, um vom Schuldendienst nicht aufgefressen zu werden. Und nirgendwo sind Politiker zu sehen, die den Mut aufbringen würden, Schulden abzubauen. Die Konsolidierung der Staatsfinanzen wird dadurch erschwert, dass zusätzlich Staatsausgaben für Verteidigung, innere Sicherheit und die Aufrechterhaltung der öffentlichen Infrastruktur notwendig sind. Angesichts der insbesondere in Europa hohen Steuerlast würden weitere Steuererhöhung die Wirtschaft abwürgen. Folglich fiele die Hauptlast der Konsolidierung auf die aufgeblähten Sozialhaushalte. Dagegen ist aber der Widerstand der alten und strukturkonservativen Wählerschaften besonders groß.

Wahrscheinlich braucht es eine neue Geldkrise, in der die Kaufkraft des Fiat-Kreditgelds rapide verfällt, weil den Zentralbanken aufgrund der „fiskalischen Dominanz“ die Hände gebunden sind. Erst dann könnte der Druck hoch genug sein, um die Sozialausgaben zu schrumpfen und die Staatsfinanzen zu sanieren. Bleibt die Politik aber auch dann gelähmt, dürfte das Fiat-Kreditgeldsystem verschwinden, wie nach dem Bankrott und Untergang des römischen Reichs dessen Staatsgeld. Statt einer Tauschwirtschaft wie im frühen Mittelalter könnten jedoch private Währungen an die Stelle des bankrotten Staatsgelds treten.

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Conclusio

Geldkrise. Das Fiat-Kreditgeldsystem steht unter Druck, da die globalen Schuldenstände neue Höchstwerte erreicht haben und viele Staaten ihre Haushalte nur durch niedrige Zinsen und Geldschöpfung stabilisieren können. Eine neue Geldkrise ist wahrscheinlich.

Stable Coins. Seit dem Nixon-Schock 1971 hat der Dollar seine Rolle als globale Leitwährung behalten, doch hohe US-Schulden belasten die Dollar-Stabilität. Mit Stable Coins, die durch US-Staatsanleihen gedeckt sind, hat Washington seine Währung wieder stärker abgesichert und die technologische Führung untermauert.

Euro-Lücke. Im Euroraum hat sich bisher noch kein funktionierender Stable Coin-Markt entwickelt. Europa könnte damit neuerlich ins Hintertreffen gelangen und gezwungen sein, Euro-Coins amerikanischer Anbieter zuzulassen. Das hätte weitreichende Auswirkungen auf die gelpolitische Souveränität der Währungsunion.

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