Foto einer Tankstelle im Schnee mit einem Schild, auf dem der Preis für eine Gallone Benzin steht. Das Bild illustriert, was nach den Zinserhöhungen mit der Preisentwicklung passierte. Es war eine Maßnahme, um Inflation zu bekämpfen.

Hohe Zinsen: Rosskur mit Risiko

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Auf den Punkt gebracht

  • Geldpolitik. Hinter den Zinserhöhungen steht die These, dass Inflation eine Folge einer zu hohen Geldmenge ist.
  • Geldschöpfung. Wenn sich Banken von den Zentralbanken Geld leihen, gelangt durch die Kredite neues Geld in Umlauf. Hohe Zinsen machen Kredite teurer.
  • Rosskur. In den 1980er Jahren beendete der US-Notenbankpräsident Paul Volcker die Inflation, indem er den Leitzins auf fast 20 Prozent erhöhte.
  • Rezession. Die Inflation wurde beendet, aber die USA mussten zwei Rezessionen mit hoher Arbeitslosigkeit in Kauf nehmen.

Weihnachten steht vor der Tür, doch die Feierlaune dürfte vielen vergangen sein. Rapid steigende Preise fressen die realen Einkommen auf, das gewohnte Leben wird zusehends unleistbar. Wer trotzdem einen Weihnachtsstollen genießen will, muss schon vorher schlucken: Mehl, Butter und Zucker waren im September um 40 Prozent teurer als im Vorjahresmonat, der Preis von Eiern kletterte um knapp 25 Prozent nach oben. Bei teilweise doppelt so hohen Energiepreisen will man den Stromfresser Backofen gar nicht anrühren.

Mit 11 Prozent hatte die Teuerung in Österreich erst in diesem Oktober den höchsten Wert seit 1952 erreicht und lag damit über dem Schnitt der Eurozone. Derzeit, Mitte Dezember 2022, steht Österreich bei 10,6 Prozent Inflation, Deutschland bei zehn Prozent. Zugleich sind die realen Einkommen in der Eurozone um fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Die Be­lastung für die Haushalte hat historische Ausmaße angenommen. Einzigartig ist sie jedoch nicht.

Ab Mitte der 1960er-Jahre schwappten ähnliche Inflationswellen über die damals führenden Industrienationen hinweg. In Österreich lag die Teuerung mehr als fünf Jahre lang über sieben Prozent. Deutschland sah 1973, auf dem Höhepunkt der Ölkrise, ähnlich hohe Inflationsraten, genauso Frankreich, Großbritannien, Italien und die USA. In den Vereinigten Staaten stieg die Inflation 1980 auf 13,5 Prozent. Die US-Notenbank Federal Reserve, kurz Fed, reagierte nach erfolglosen Bekämpfungsversuchen schließlich mit drastischen Zinsanhebungen, die als „Volcker-Schock“, benannt nach Fed-Chef Paul Volcker, in die Geschichte eingingen.

Foto einer langen Schlange wartender Menschen an einem sonnigen Tag in einer Straße mit großen Geschäften.
Eine Schlange beim Leihamt in Wien 1924: Die Hyperinflation nach dem Ersten Weltkrieg konnte erst durch Anleihen des Völkerbunds und die Einführung des Schilling am 20. Dezember 1924 beendet werden. © Getty Images

Ein richtiger Schritt, wie Thomas Mayer, Leiter des Flossbach von Storch Research Institute, sagt. Ihm gehen die jüngsten Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank (EZB) nicht weit genug. Was die Wirtschaft jetzt brauche, sei eine Geldpolitik wie 1980. „Die Geldgeschichte zeigt, dass die Inflation zwar lange schlafen kann, aber immer wieder erwacht, wenn Staaten zur Finanzierung ihrer Ausgaben die Gelddruckerpresse ihrer Zentralbanken heiß laufen lassen“, schreibt er. Genau das sei in den letzten Jahren passiert.

Es müsse also in der jetzigen Situation schnell zu einer Reduktion der Geldmenge kommen, und zwar durch Zinserhöhungen. Hat er recht? Wie beeinflussen die Notenbanken überhaupt die Preise? Und wie gut hat diese Fotm der Inflationsbekämpfung in der Vergangenheit funktioniert?

Blicken wir zunächst zurück auf die Zeit unmittelbar vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs: 1944 trafen sich Vertreter der Alliierten zu einer Kon­ferenz im kleinen Ort Bretton Woods in New Hampshire, USA. Die teilnehmenden 44 Staaten wollten das globale Geldsystem auf neue Beine stellen und so die Wirtschaft stabilisieren.

Die USA gaben zu der Zeit in der Geldpolitik den Ton an, sie hielten 70 Prozent der weltweiten Goldreserven, und viele europäische Industrienationen waren durch US-Kredite in Dollar verschuldet. Die USA waren der größte Gläubiger der Welt. Allen Beteiligten in Bretton Woods saß die Erfahrung der Weltwirtschaftskrise der 1920er- und 1930er-Jahre im Nacken. Nach dem Börsencrash 1929 war der internationale Handel fast vollständig zum Erliegen gekommen, die europäischen Staaten hatten unter anderem mit Währungsabwertung und Protektionismus reagiert. Der Abzug von US-Kapital aus Europa und die folgenden Bankencrashs lösten zuerst einen Preisverfall aus bevor sich aus diesem schließlich eine Hyperinflation entwickelte.

Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs hatten sich die USA durch Investitionen in Rüstung, Infrastruktur und öffentliche Dienstleistungen wieder erholt. Da der Dollar 1944 aufgrund der Stärke der USA das Geldsystem ohnehin dominierte, einigte man sich in Bretton Woods darauf, die Währungen der 44 Unterzeichner­staaten an den Dollar zu binden. Die USA verpflichteten sich im Gegenzug, Dollar jederzeit in Gold zu tauschen. Der Preis für eine Feinunze Gold wurde bei 35 Dollar fixiert.

Ein Gruppe von Radfahrern fährt auf einer großen Straße mit einem Bus in der Mitte. Das Foto illustriert einen Beitrag über Zinsen und Inflation.
Der Kurfürstendamm in Berlin im November 1973 während der ersten Ölkrise. © Getty Images

Die Wechselkurse wurden eng an den Dollar gebunden und sollten über Devisenkäufe angepasst werden. So mussten etwa die Deutsche Bundesbank und die Österreichische Nationalbank, als sie sich dem System anschlossen, Dollar kaufen, um den Wechselkurs der Deutschen Mark beziehungsweise des Schillings zu stabilisieren.

Der Versuch des Währungsankers von Bretton Woods mündete jedoch in einer Schieflage: Die Währungen der exportstarken Volkswirtschaften wie Deutschland, Japan oder auch Österreich waren im Vergleich zum Dollar unterbewertet. Ein Dollar war 1953 rund 4,20 D-Mark wert. Die US-Konsumenten konnten somit günstig bei den Handelspartnern einkaufen, wo wegen der starken Nachfrage die Fabriken heiß liefen. Doch die Dollars im weltweiten Wirtschaftssystem waren zunehmend ungedeckt, denn Washington finanzierte Sozialausgaben und die rapid steigenden Kosten für den Vietnam­krieg mit höheren Schulden. Schon 1970 überstieg die Menge an Dollars, die weltweit außerhalb der USA in Umlauf waren, die vorhandenen US-Gold­reserven. Entsprechend gering war das Vertrauen in die Leitwährung.

Hohe Zinsen: Der „Volcker-Schock“

Während die USA das eigene Staats­defizit ausweiteten, begannen immer mehr europäische Länder, gegen den Dollar zu spekulieren und mit der US-Währung Gold zu kaufen: Das lohnte sich, denn eine Feinunze Gold war mehr wert als der offizielle Wechselkurs von 35 Dollar. Die Spekulation gegen den Dollar auf den Finanzmärkten und die Stagnation der Wirtschaft in den USA brachten US-Präsident Richard Nixon 1971 schließlich dazu, die Austauschgarantie von Dollar gegen Gold aufzuheben.

Die USA reagierten auf die Krise zusätzlich mit einem Einfrieren der Löhne und der Preise, außerdem wurden Importzölle verhängt. Berühmt wurde der Ausspruch des damaligen US-Finanzministers John Connally: „Der Dollar ist unsere Währung, aber euer Problem.“

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Zahlen & Fakten

Foto von Paul Volcker, der mit Zigarre und Krawatte auf eine Hand aufgestützt müde in die Kamera blickt. Vor ihm stehen Mikrophone. Volcker hatte die Zinsen angehoben, um die Inflation zu bekämpfen.
Paul Volcker, Architekt des Volcker-Schocks bei einer Anhörung in Washington 1982. © Getty Images

7 Ideen gegen Inflation

Zinsen erhöhen

  • Idee: Inflation ist eine Folge verfehlter Geldpolitik, da hohe Zinsen die Geldmenge reduzieren, weil Kredite teurer und seltener werden. Hätten die US-Notenbank Fed oder die EZB die Leitzinsen früher erhöht, wären Kredite früher teurer und Sparen attraktiver geworden. Das hätte Konsum und Kreditaufnahme früher gebremst, und die Preise für Güter und Dienstleistungen wären nicht so stark gestiegen.
  • Befürworter: Etwa die sogenannten Falken unter den Notenbankern wie OeNB-Gouverneur Robert Holzmann oder der Präsident der deutschen Bundesbank, Joachim Nagel.
  • Beispiele: Zinspolitik von US-Notenbank und EZB.
  • Nebenwirkungen: Die Wirtschaft kann in eine Rezession geraten, die Zahl der Arbeitslosen steigt, die Investitionen sinken.

Preise deckeln

  • Idee: Inflation ist eine Folge hoher Energiepreise, verursacht durch den Ukrainekrieg. Gezielte Preis-Obergrenzen für Energie bremsen die Verteuerung insbesondere von Lebensmitteln ein, Konsum und Investitionen werden nicht beeinträchtigt.
  • Befürworter: 15 EU-Länder fordern einen EU-weiten Gaspreisdeckel, auf den sich die Mitgliedsstaaten aber bislang nicht einigen können, strittig ist vor allem die Höhe des Gaspreisdeckels.
  • Beispiele: Frankreich hat einen Deckel für Gas- und Strompreise, Spanien und Österreich für den Strompreis, Deutschland bald einen Gaspreisdeckel und Österreich einen Strompreisdeckel
  • Nebenwirkungen: Je nach Ausgestaltung kann es durch Preisdeckel zu Versorgungsengpässen oder zu hohen Kosten für den Staat kommen.

Zölle senken

  • Idee: Viele Länder sind bei Energie, Rohstoffen oder Nahrungsmitteln auf Importe angewiesen. Erhebt der Staat darauf Zölle, kann er diese in Zeiten steigender Preise zum Ausgleich senken.
  • Beispiele: Die Schweiz hat hohe Zölle auf Agrarprodukte und passt diese variabel an Weltmarktpreise an. Damit wird ein Teil der sogenannten importierten Inflation abgefedert. 1971 hatte Richard Nixon zehnprozentige Steuern auf Importe erhoben, etwa auf Autos von Toyota, die Autos aus amerikanischer Produktion zunehmend Konkurrenz machten.
  • Nebenwirkungen: Das Preisniveau ist durch die Zölle in Zeiten niedriger Inflation erhöht, die Konsumenten zahlen drauf.

Staatsausgaben drosseln

  • Idee: Auch Staatsausgaben erhöhen die Geldmenge und damit die Preise: Während der Coronakrise wurden Unternehmen mit staatlichen Hilfsgeldern gestützt. Der Staat musste dafür enorme Summen aufbringen und befeuerte den Konsum mit neuen Schulden. Die Folge der gestiegenen Nachfrage sind höhere Preise. Daher müssen nun die staatlichen Ausgaben zurückgefahren oder der Konsum mit Steuern gedämpft werden.
  • Beispiel: Margaret Thatcher setzte ab 1980 auf Privatisierung und sinkende Staatsausgaben, die Inflation in Großbritannien lag Mitte der 1970er Jahre bei 25 Prozent.
  • Befürworter: Die US-Nichtregierungsorganisation Committee for a Responsible Federal Budget, der Internationale Währungsfonds.
  • Nebenwirkungen: Wenn Staaten zu schnell vom Ausgeben ins Sparen übergehen und Investitionen ebenso wie Sozialleistungen wegbrechen, droht eine Rezession.

Währungsanker

  • Idee: Inflation wird als Folge eines instabilen Geldsystems gesehen, bei dem die Währungen ungedecktes Papiergeld sind („Fiat Money“), Geld daher beliebig vermehrt werden kann. Eine Verankerung – etwa im Marktpreis von Gold – soll die willkürliche Ausweitung der Geldmenge durch Kredite verhindern.
  • Beispiel: Bretton Woods bis 1971, Währungsschlange 1972 in Europa.
  • Befürworter: Der Ökonom Ludwig von Mises in den 1950er-Jahren, manche Republikaner in den USA.
  • Nebenwirkungen: Die Wirtschaft kann leiden, da das verfügbare Geld durch die Goldmenge limitiert ist. So ist eine Ausweitung der Geldmenge mittels Krediten nicht möglich. Es gibt nur Geld, das auch durch Gold gedeckt ist.

Lohnzurückhaltung

  • Idee: Diese These geht von einer Lohn-Preis-Spirale aus: Steigen die Löhne und Gehälter während einer Inflationsphase, steigen auch die Preise, da die Unternehmen die höheren Produktionskosten an die Konsumenten weitergeben. Um diese Lohn-Preis-Spirale zu verhindern, sollen die Löhne und Gehälter nicht in vollem Umfang an die Inflation angepasst werden. Die Realeinkommen müssen also sinken.
  • Beispiel: USA in den 1970er-Jahren, Großbritannien ab 1980, die Lohnpolitik in Deutschland ab Mitte der 1990er-Jahre.
  • Befürworter: Unter anderem das Institut der deutschen Wirtschaft und der Arbeitgeberverband Deutschland.
  • Nebenwirkungen: Arbeitnehmer können sich weniger leisten, die Binnennachfrage bricht ein.

Investitionen in erneuerbare Energie

  • Idee: Die aktuelle Inflation wird durch Öl- und Gaspreise getrieben, die in Folge auch Dünger, Transport, Futter- und Lebensmittel teurer machen. Investitionen in erneuerbare Energie entkoppeln die Wirtschaft vom Inflationstreiber.
  • Befürworter: Fünf deutsche Wirtschaftsforschungsinstitute, unter anderem das Kieler Institut für Weltwirtschaft.
  • Beispiele: Es gibt noch keine Erfahrungswerte.
  • Nebenwirkungen: Die Staatsschulden steigen, da die Infrastruktur wie zum Beispiel Speicher geschaffen werden muss, je nach Technologie kann die Umsetzung lange dauern.

Zuerst dehnte sich die Inflation auf die Handelspartner aus, aber diese fanden schnell einen Weg, ihr Problem zu lösen: Sie hörten einfach auf, ihre Währungen an den Dollar zu binden, und fixierten die Wechselkurse ab 1972 untereinander – die sogenannte „Währungsschlange“. Dieser neue Währungsanker dämmte die In­flation in Deutschland, Frankreich und Österreich schließlich ein.

1973 war Bretton Woods Geschichte, und in den USA nahm die Inflation richtig Fahrt auf. Lag sie Anfang der 1970er-Jahre bei 4,7 Prozent, sorgte der erste Ölpreisschock von 1973, ausgelöst durch die Preisabsprache der OPEC-Staaten, für einen Anstieg auf 12,3 Prozent im Dezember 1974. Die US-Notenbank Fed verfiel danach in eine Art Hü-hott-Politik, um die Inflation einzudämmen: Zuerst wurden die Zinsen in Trippelschritten erhöht (bis auf 16 Prozent im März 1975), dann wieder drastisch gesenkt (5,25 Prozent im April 1975). Die Inflation aber blieb hoch, der Dollar verlor weiter an Wert, zugleich hatten die zwischendurch sehr hohen Zinsen Investitionen ausgebremst und in Kombination mit einer verordneten Lohnbremse die Rezession vertieft.

1979 wurde Paul Volcker, der als Be­rater Nixons wesentlich an der Demontage des alten Währungssystems beteiligt gewesen war, Chef der Fed. Im selben Jahr wurde das Regime des Schahs im Iran gestürzt, und die zweite Öl­krise ließ die Inflation wieder kräftig Schwung holen. Volcker beschloss, die Flucht nach vorn ­anzutreten: Unter seiner Führung erhöhte die Fed die ohnehin hohen Zinsen von rund 16 Prozent auf fast 20 Prozent.

Warum Zinserhöhungen?

Das Vorgehen gilt heute als Lehr­beispiel für Inflationsbekämpfung. Unmittelbare Folge der straffen Geldpolitik war zuerst ein weiterer drastischer Konjunktureinbruch. Die USA erlebten Anfang der 1980er-Jahre gleich zwei Rezessionen, und die Arbeitslosenrate stieg auf elf Prozent. Beide Effekte waren durchaus erwünscht. Tatsächlich ließ sich die Inflation auf diese Art beenden, und die US-Wirtschaft erlebte eine Wachstumsphase, die bis in die 1990er-Jahre dauerte.

Warum überhaupt Zinserhöhungen zur Inflationsbekämpfung? Die Idee dahinter ist, dass weniger Geld in Umlauf kommt, wenn es teurer wird, sich zu verschulden. Banken müssen höhere Zinsen zahlen, wenn sie bei der Zentralbank Kredite aufnehmen. In der Folge wird es dann auch für die Unternehmen und Konsumenten teurer, sich Geld von den Banken zu leihen. Somit gehen Investitionen und Konsumausgaben zurück, die im Umlauf befindliche Geldmenge sinkt. Außerdem sollen höhere Zinsen ein Anreiz sein, Geld zu sparen, statt es auszugeben.

Werden weniger Rohstoffe und Konsumgüter nachgefragt, müssen die Anbieter dazu übergehen, die Preise zu senken – und die Inflation ist besiegt. Zinserhöhungen werden im öko­nomischen Diskurs als „straffe Geldpolitik“ bezeichnet, weil durch die höheren Zinsen weniger Geld durch Kredit­ver­gaben neu geschaffen wird.

Ist wieder 1980?

Die große Frage, über die Ökonomen bis heute streiten: War der Volcker-Schock notwendig, um Schlimmeres zu verhindern? Die Antwort hängt vor allem davon ab, worin man die Ursache der Inflation sieht. Sind wir heute in einer ähnlichen Situation wie in den 1970er- und 1980er-Jahren? Auch jetzt sind sich Ökonomen uneinig, wie gegen die In­flation vorgegangen werden soll.

Foto einer Auslage eines Supermarktes, dessen Fenster ganz mit Preistafeln verdeckt sind. Im Vordergrund zwei kleinere Autos.
Ein Supermarkt in Wien im Juli 1980. © Getty Images

Philipp Heimberger, Volkswirt am Wiener Institut für Internatio­nale Wirtschaftsvergleiche (wiiw), ist skeptisch, ob die straffe Geldpolitik von damals auch heute hilfreich wäre: „Energiepreise und gestörte globale Lieferketten sind für einen Großteil der Preis­steigerungen verantwortlich. EZB-Zins­erhöhungen können aber weder das An­gebot von Gas aus Russland erhöhen noch alternative Energiequellen erschließen oder Lieferkettenprobleme bei Chips und Halbleitern lösen.“

Die Europäische Zentralbank EZB hob die Leitzinsen bisher in mehreren Schritten an. Zugleich mehren sich die Anzeichen für eine Rezession. Weitere Zinssprünge könnten diese Krise verschärfen, ohne die wichtigsten Inflationsursachen zu bekämpfen, fürchtet Heimberger und warnt: „Selbst wenn wir davon ausgehen, dass Zinserhöhungen die Inflation durch eine Dämpfung der Nachfrage mittelfristig reduzieren, müssten wir eine höhere Arbeitslosig­keit und zusätzliche Lohnverluste gegen­rechnen, die zu einer längeren Stagnation führen können.“

Dazu komme die Gefahr einer neuerlichen Finanzkrise: Die Volkswirtschaften im Euroraum seien dafür anfällig, weil die Geldpolitik von der EZB gemacht wird, die Budgetpolitik jedoch nationale Angelegenheit ist. Zinserhöhungen bedeuten höhere Kosten für verschuldete Staaten, deren Staats­anleihen zum Objekt von Finanzspekulation werden können: „Es kann zu stark überschießenden Marktreaktionen zulasten einzelner Mitgliedstaaten kommen, die den ganzen Währungsraum ins Wanken bringen.“ Heim­berger empfiehlt deshalb Zurückhaltung bei den Zinsen. Außerdem müsse der Staat ärmeren Haushalten und besonders betroffenen Unternehmen bei der Be­wältigung der Preisanstiege helfen.

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Zahlen & Fakten

Foto von Christina Lagarde mit blauem Schal und grauem Blazer mit nachdenklichem Gesichtsausdruck. Das Bild ist Teil eines Beitrags über die Rolle von Zinsen während der Inflation.
Die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) Christine Lagarde vor der Ankündigung von Zinserhöhungen am 14. Dezember 2022 in Frankfurt am Main. © Getty Images

2023 – eine „kurze und flache“ Rezession?

Die Europäische Zentralbank hat Mitte Dezember neue Leitzinssätze publiziert und einen Ausblick auf die wirtschaftliche Entwicklung im Euroraum gegeben. Die Aussichten sind nicht gut, aber auch nicht völlig düster.

  • Zinserhöhung: Die Europäische Zentralbank hat Mitte Dezember die Leitzinsen um 50 Basispunkte erhöht. Der Hauptrefinanzierungs-Zinssatz steigt auf 2,5 Prozent. Es ist die vierte Zinserhöhung des Jahres 2022 und mit 0,5 Prozentpunkten vergleichsweise moderat. Die Erhöhung im Oktober machte 0,75 Prozentpunkte aus.
  • Schwaches Wachstum: Für das kommende Jahr erwartet die EZB mit 0,5 Prozent in der Eurozone ein sehr schwaches Wirtschaftswachstum. Die Rezession in den Wintermonaten werde „kurz und flach“ sein.
  • Energie und Nahrungsmittel: Die Energiekosten und die Preise für Lebensmittel werden weiterhin steigen. Der Gipfel wird im Januar und Februar erreicht sein. Die Inflation soll übers Jahr gesehen 2022 8,4 Prozent betragen und 2023 6,3 Prozent.

Thomas Mayer widerspricht: Für ihn ist die von der Zentralbank erzeugte Geldschwemme ein wesentlicher Treiber der Inflation. In den beiden Pan­demie­jahren seien mehr Staatsanleihen durch die EZB aufgekauft worden, als die Eurostaaten im selben Zeitraum aufgelegt hatten: „Auf diese Weise ist ein Überhang des Geldangebots über die Geldnachfrage entstanden.“ Diese Geldmenge sei jetzt wie „Benzin“ für den Inflationsmotor, meint Mayer und empfiehlt entsprechend, die Geldmenge durch Zinserhöhungen zu reduzieren sowie die Löhne keinesfalls zu erhöhen, denn diese wirkten zusätzlich wie ein „Zündfunken“ für die Inflation.

Mayers Therapie-Ansatz ist ähnlich hart wie jener Volckers: „Wenn die Güternachfrage fällt, werden viele Leute arbeitslos. Das tut weh, hat aber auch eine gute Seite. Die Arbeitslosen sind möglicherweise bereit, für ge­ringere Löhne wieder zu arbeiten. Fallen die Löhne, wird der Rückgang der Inflation beschleunigt. Es ist, als ob man den Zündschlüssel aus seiner Verklemmung gelöst hätte.“ Den Zündschlüssel zu lösen hat aber einen Preis: In den Jahrzehnten nach dem Volcker-Schock sank die Arbeitslosigkeit bei geringen Inflationsraten zwar bald wieder, und insgesamt erholte sich die Wirtschaft, die Reallöhne blieben aber weit hinter der Arbeitsproduktivität zurück.
Am wichtigsten sei es jetzt, schnell die Geldentwertung zu bekämpfen – auch um den Preis einer Rezession, meint der Philosoph Martin Rhon­heimer. Seine These: Die Inflation verzerre das soziale Gefüge und bedeute eine Um­verteilung von unten nach oben.

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Conclusio

Nach über einem Jahrzehnt mit historisch niedrigen Inflationsraten steigen die Preise seit gut einem Jahr rasant. Die enorme Teuerung bedroht mittlerweile den Lebensstandard der Menschen bis weit in die Mittelschicht hinein. Zuletzt war es in den 1970er-Jahren zu derartigen Verwerfungen gekommen. Damals trat vor allem die US-Notenbank mit massiven Zinserhöhungen auf die Bremse und würgte das Wirtschaftswachstum ab, die Arbeitslosigkeit schoss in die Höhe. Die Notenbanken stehen jetzt wieder vor der Frage, wie entschlossen sie die Teuerung auf Kosten der Konjunktur bekämpfen wollen. Starke Zinserhöhungen könnten nicht nur eine Rezession auslösen, ­sondern auch eine neuerliche Staatsschuldenkrise. Zuletzt hat die EZB beschlossen, die Zinsen auf 2,5 Prozent festzulegen. Die EZB hofft auf eine „kurze und flache“ Rezession.