China: Endlich wieder Weltmacht

Für Chinas Eliten waren die letzten 200 Jahre eine historische Ausnahme. Sie wollen, dass ihr Land wieder zur Weltmacht wird – wie es das fast zwei Jahrtausende war.

Nahaufnahme eines Terrakottasoldaten
210 v. Chr.: Über 8.000 Terrakotta-Soldaten begleiteten Chinas ersten Kaiser, Qin Shihuangdi, in den Tod. Er schuf – mit brachialen Taktiken – das erste geeinte Reich. © Getty Images
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Auf den Punkt gebracht

  • Reich der Mitte. China zählt zu den ältesten Hochkulturen der Menschheit. Das erste Kaiserreich wurde bereits im 3. Jahrhundert vor Christus gegründet.
  • Zeitenwende. An Chinas Selbstbild als Nabel der Welt änderte sich lange Zeit nichts. Erst ab dem 18. Jahrhundert sprachen Europäer dem Land den Weltmachtstatus ab.
  • Wiederaufstieg. Seit Ende des 20. Jahrhunderts arbeitet Peking daran, die alte Weltordnung wiederherzustellen – mit China als dominanter Macht Asiens.
  • Neuer Stil. Obwohl die Regierung ihren Machtanspruch im Lichte historischer Harmonie rechtfertigt, werden Interessen immer öfter mit Zwang durchgesetzt.

Im Jahr 1792 war die Welt für China noch in Ordnung. Der britische Lord Macartney machte sich auf den langen Weg nach China, um eine Audienz beim Kaiser der Qing-Dynastie zu erbitten und bessere Handelsbedingungen mit dem Reich der Mitte auszuhandeln. Sein Schiff war auf der letzten Etappe durch eine Flagge mit der Aufschrift „Tributüberbringer aus England“ geschützt.

Es war dem Botschafter bekannt, was das bedeutete und welche Rituale für Tributüberbringer an Hofe zu vollziehen seien. Doch hatte er sich vorgenommen, in einem wichtigen Detail dem Kaiser zu zeigen, dass die Machtverhältnisse auf der Welt sich geändert hatten. Der Lord wollte den Kotau verweigern, den normalerweise Tributüberbringer am Hof in Peking vor dem Kaiser zu leisten hatten. Durch dreimaliges Niederknien und Berühren des Fußbodens mit der Stirn waren die Besucher aufgefordert, dem Kaiser zu signalisieren, dass sie ihn als allmächtigen Herrscher anerkennen. 

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Der Nabel der Welt

Das konnte der Botschafter des British Empire nicht einfach akzeptieren. So teilte er nach seiner Ankunft in Peking mit, er sei bereit, dem Kaiser der Qing jene Ehrerbietung zuteilwerden zu lassen, die er auch seinem eigenen König gegenüber üblicherweise zum Ausdruck brächte. 

Erste Konzession

Nach einigem Hin und Her wurde ihm dies gestattet. Botschafter Macartney vollzog vor dem Kaiser jenen Hofknicks, den er sonst auch gegenüber seinem Herrn, Georg III., als Zeichen seiner Loyalität darbot. Damit hatte der Herr Botschafter seinen Gastgebern eine Konzession von entscheidender Bedeutung abgerungen: China erkennt das britische Imperium als gleichberechtigt an.

Rund 40 Jahre später zog das British Empire gegen das Reich der Qing in den Krieg. Im Ersten Opiumkrieg 1839–1842 griffen die Briten China auf See und in küstennahen Städten an und errangen einen Sieg, der das Ende des Zeitalters chinesischer Dominanz in Ostasien einläutete.

Die Briten hatten Peking erstmals abgerungen, die Gleichberechtigung ihres Imperiums anzuerkennen.

Die Eliten des Landes wurden endgültig in ihrem Selbstbewusstsein erschüttert, „alles unter dem Himmel“ beherrschen zu können, ohne dafür auch nur einen Soldaten in ein fremdes Land schicken zu müssen. 

In chinesischen Darstellungen wird immer wieder gezeigt, wie das British Empire Opium nach China einschleust und das Reich seiner ökonomischen Stabilität und der Klarsichtigkeit seiner Elite beraubt hat. Damit hatte Großbritannien das Reich der Qing an zwei der empfindlichsten Stellen getroffen: Das Selbstbewusstsein seiner führenden Elite und die ökonomische Macht des Reiches waren gebrochen. Seitdem kämpfen die Eliten in China – egal welcher politischen Couleur sie sich zuordnen – für die Überwindung dieser Schmach und die Wiederherstellung des Weltmachtstatus.

Zurück zur Blütezeit

Knapp 180 Jahre nach der schmachvollen Niederlage im Ersten Opiumkrieg verkündete Präsident Xi Jinping, China könne bald wieder in das Zentrum des Weltgeschehens vorrücken. Spätestens im Jahr 2049 solle China nicht nur nach innen hin eine harmonische und moderne Gesellschaft sein, deren Mitglieder sich eines moderaten Reichtums erfreuen. Das Land wäre dann auch unübersehbar und allgemein anerkannt eine Weltmacht im System der internationalen Beziehungen – wie zur historischen Blütezeit.

Die Idee, dass der Kaiser „alles unter dem Himmel“ beherrsche, hat sich schon früh in der Geschichte der chinesischen Zivilisation herausgebildet. Sie leitet sich aus dem Gedanken ab, dass der Kaiser im Auftrag des Himmels zu herrschen habe. Der himmlische Auftrag verlangt, dass der Kaiser in Tugend herrsche. Seine moralische Überlegenheit führt dazu, dass er als das Zentrum der Welt anerkannt wird. Und anstatt in dieser Anerkennung eine unzumutbare Unterwerfung zu sehen, darf man sich als Untertan geehrt fühlen, sich diesem Kaiser in seiner Tugendhaftigkeit unterzuordnen.

Macht und Tugend gehen einher 

So abstrakt dieser Gedanke sein mag, er konnte nicht ohne reale Grundlage auskommen. Die Größe sowie die ethnische Vielfalt des vom Kaiser beherrschten Territoriums galten als Beleg für dessen Fähigkeit, eine Aura der Grenzenlosigkeit um sich zu bilden. Doch dies allein reichte nicht aus. Auch jene Länder, die um das Reich der Mitte angesiedelt waren, spielten hier eine ganz wesentliche Rolle. Damit die Strahlkraft des Kaisers über die Grenzen des unmittelbar von ihm und seiner Beamtenschaft beherrschten Territoriums unter Beweis gestellt werden konnte, ist im Lauf der Jahrhunderte das sogenannte „Tributsystem“ entstanden, wie es in der Forschung heute bezeichnet wird.

Das Tributsystem verbindet die Länder in der Nachbarschaft des chinesischen Reiches mit dem Zentrum. Diese Länder stellen ihren Wunsch, am Tributsystem teilzuhaben, unter Beweis, indem sie regelmäßig Delegationen an den chinesischen Hof schicken, dem Kaiser ihre Ehrerbietung zuteilwerden lassen und Rituale vollziehen wie den oben beschriebenen Kotau.

Im Austausch dafür bestätigt der Kaiser durch die der jeweiligen Delegation gewährte Audienz die Legitimität des Herrschers, der sie geschickt hat. Ein Vorgang, der angesichts der häufigen Nachfolgekämpfe zum Beispiel in Korea oder Vietnam von nicht ganz unwesentlicher Bedeutung war. Auch war dieses System quasi wie eine vormoderne Variante eines kollektiven Sicherheitssystems organisiert. Die Mitgliedstaaten des Tributsystems führten keine Kriege gegen­einander und mit China und konnten sich deshalb darauf konzentrieren, ihre inneren Streitigkeiten zu beheben beziehungsweise sich gegen die von Norden kommenden Nomadenvölker sowie gegen Piraten auf den angrenzenden Meeren zu wehren.

Alle Länder untertan

Auch beflügelte der Besuch der Tributdelegation den Handel. Schließlich wuchsen die Länder kulturell immer stärker zusammen, verweilten die Delegationen doch stets mehrere Monate am chinesischen Hof und lernten in diesem Zusammenhang die chinesische Zivilisation kennen. Das schriftsprachliche Chinesisch verband als Lingua franca die Eliten der Region und diente als Instrument der Verständigung nicht nur in politischen Fragen, sondern wirkte weit darüber hinaus auf alle wesentlichen Aspekte der chinesischen Hochkultur.

Eine Überdehnung des Gebietes war nicht zu befürchten, griff der Kaiser doch ausdrücklich nicht in die internen Verhältnisse der Tributstaaten ein. Vielmehr unterhielt er eine Untertanenbeziehung, die lediglich vorsah, dass die Tributstaaten Unterstützung in militärischer oder anderer Form von China erbitten konnten. 

Chinas „friedlicher“ Wiederaufstieg

Die Geschichte von Chinas Niedergang und Schmach durch ausländische Mächte und seinem kometenhaftem Wiederaufstieg in den letzten Jahrzehnten hat zum Ziel, die Volksrepublik wieder ins Zentrum des Weltgeschehens zu setzen. Dabei ist das historische Tributsystem für Peking ein wichtiges Beispiel dafür, dass die Dominanz Chinas in der Region seinerzeit nicht zu Krieg, Ausbeutung und Unterdrückung geführt habe, sondern zu einer für alle Beteiligten vorteilhaften Situation. Die Schlussfolgerung: Da China dies in der Vergangenheit möglich machte, wird es das auch in Zukunft wieder tun – so die allenthalben verbreitete Erzählung Pekings.

Die brutale Unterdrückung der Uiguren weicht deutlich von der früheren Politik der Toleranz ab.

Dabei wird nicht bedacht, dass so manches Land auf dieser Welt in vormodernen Zeiten gar nicht anders konnte, als friedlich zu sein, im Zuge der Entwicklung zur Nation und auf der Grundlage des Nationalismus aber in der Moderne ein ganz anderes Gesicht gezeigt hat. Das Paradebeispiel in Ostasien hierfür ist das imperiale Japan, das ab Ende des 19. Jahrhunderts die Region mit Krieg überzog und erst im Jahr 1945 durch seine Niederlage im Zweiten Weltkrieg wieder zum Pazifismus bekehrt wurde. Was bedeutet das nun für Chinas Aufstieg und seine Nachbarn?

Neue Weltmacht China

Xi Jinping kann die Welt nicht mittels seiner Aura beherrschen, er braucht dazu Macht: wirtschaftliche, militärische und kulturelle. Um China wieder an die Weltspitze zu führen, helfen ihm die Traditionen der Vergangenheit nicht weiter. Das zeichnet sich längst ab. Ganz deutlich erkennt man den Machtanspruch Xis an der Minderheitenpolitik. Die brutale Unterdrückung der Uiguren und anderer Minderheitsethnien in China weicht deutlich von der in der Vergangenheit praktizierten Politik der Toleranz gegenüber kultureller und religiöser Diversität ab.

Auch die angebliche Toleranzpolitik gegenüber Hongkongs Demokratie unter dem Motto „ein Land, zwei Systeme“, die ihre Vorläufer in der Kaiserzeit hat, wird heute ad absurdum geführt. Dass Chinas Staatschef die Anerkennung der Volksrepublik als Weltmacht erzwingen will, stellt er mit seiner Politik gegenüber Taiwan und im südchinesischen Meer unter Beweis. Die Vorstellung, dass das Reich der Mitte historisch ein an Frieden und Stabilität orientiertes Land gewesen ist, sollte uns nicht daran hindern, der Realität ins Gesicht zu sehen: China fordert nach fast 200 Jahren wieder einen Platz im Zentrum des Weltgeschehens für sich ein.

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Conclusio

Bereits früh in der chinesischen Geschichte galt ein Herrschaftsanspruch über „alles unter dem Himmel“. Damit ging keine totale politische Kontrolle über die Reichsgrenzen hinaus einher. Die Kaiser verlangten lediglich Tribut und symbolische Unterwerfung von anderen Nationen. Chinas Herrscher mischten sich nicht in die internen Angelegenheiten anderer Staaten ein. Damals entstand ein System kollektiver Sicherheit in der Region. Nachdem europäische Mächte sowie Japan im 19. Jahrhundert China entmachtet hatten, streben die Eliten in Peking zurück an ihren historisch gedeuteten Stammplatz als Mittelpunkt der Welt. Zweifelhaft bleibt, ob sich das alte Machtgefüge so friedlich herbeiführen lässt, wie es Peking stets vorgibt.