Bleibt die Inflation in Österreich so hoch?

Die Inflationsrate Österreichs liegt notorisch über jener des Euroraums. Eine Erforschung der Ursachen zeigt die Konturen der zukünftigen Inflationsentwicklung recht deutlich.

Durch sich spiegelnde Schaufensterscheiben sieht. man einen Mann, der in einem Supermarkt vor einer Auswahl Lebensmittel steht. Das Bild illustriert einen Beitrag über Inflationsraten im Vergleich.
Einkaufen in Wien im Januar 2023: Zu dem Zeitpunkt macht sich die vergleichsweise Hochzinspolitik der EZB bereits bemerkbar – allerdings nicht als eine Verlangsamung der Inflation. © Getty Images
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Auf den Punkt gebracht

  • Konsum. Die häufigen Restaurantbesuche treiben die Inflation in Österreich leicht an, erklären den Preisanstieg in der Gastronomie aber nicht.
  • Indexierung. Indexklauseln wie etwa bei den Mieten erklären, warum in Österreich hohe Inflationsraten über längere Zeiträume mitgeschleppt werden.
  • Basiseffekte. Im Ländervergleich sinken die Energiekosten in Österreich zu langsam, sodass die dämpfende Wirkung der Basiseffekte ausbleibt.
  • Prognose. Bei deutlich unterschiedlichen Inflationsraten im Euroraum werden sich die Preisanstiege etwas verlangsamen. Die Unterschiede bleiben erhalten.

Vor Jahren hat mir ein Radiomoderator in einem Hintergrundgespräch einmal erklärt, mit dem Thema „Inflation“ bräuchte man ihm gar nicht zu kommen: „Das versteht eh keiner.“ Eine saftige Inflationskrise später kann man das nicht mehr so stehen lassen. Das Inflationsgespenst hat definitiv den Keller des Elfenbeinturms verlassen, zieht durch Stadt und Land und treibt mit immer neuen Stilblüten wie Skimpflation oder Swiftflation sein Unwesen.

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Mittlerweile liegt der Höhepunkt der Inflationskrise  hinter uns. Vom Ziel stabiler Preise sind wir aber noch weit entfernt. Zeit, einen Blick auf die österreichischen Inflationsraten im europäischen Kontext und – natürlich – einen tiefen Blick in die Glaskugel zu werfen.

Inflationsraten im Vergleich

Laut Eurostat-Schnellschätzung für Dezember sind die Inflationsraten der Euroraum-Länder breit gestreut. Die Inflation in Österreich betrug gut fünfeinhalb Prozent. Im Euroraum lag sie bei knapp drei Prozent. Damit ist die Inflation in Österreich gut zweieinhalb Prozentpunkte höher als im Euroraum. Die österreichische Volkswirtschaft startet damit vom vorletzten Platz ins neue Jahr. Eine Frage liegt auf der Hand: Wie kann ein Inflationsdifferential von zweieinhalb Prozentpunkten entstehen?

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Zahlen & Fakten

Wie so oft gibt es auch für dieses Phänomen nicht einen Grund, sondern mehrere. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Effekte zeitlich überlagern, und dass manche Länder zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedlich stark in die Preisbildung eingegriffen haben, was eine Interpretation der Entwicklung der Inflation im Euroraum alles andere als erleichtert.

Darüber hinaus spielen auch unterschiedliche gesetzliche Bestimmungen sowie die Präferenzen der Bevölkerungen eine Rolle für die divergierenden Inflationsraten. Dieser Beitrag versucht die wesentlichen Erklärungsgründe für die höhere Inflation in Österreich aufzuzeigen, aber auch auf Besonderheiten anderer Länder einzugehen – auch, um vermeintlichen „Musterschülern“ schneller auf die Spur zu kommen.

Inflation aus der Gastronomie

Ein wesentlicher Grund für die höhere Inflation in Österreich ist schon seit langem der Bereich der Gastronomie, der im langfristigen Mittel die österreichische Inflationsrate um rund einen viertel Prozentpunkt über die europäische hebt.

Die Gastronomiepreise steigen in Österreich schlichtweg schneller als im Euroraum. Und das wird durch das höhere Warenkorbgewicht in Österreich gehebelt: Im November 2023 erklärte dies 0,7 Prozentpunkte von den rund zweieinhalb Prozentpunkten des Inflationsdifferentials.

Dass Österreich ein höheres Gastro-Gewicht im VPI-Warenkorb hat als andere Länder hängt schlicht mit den Konsumgewohnheiten der Bevölkerung zusammen. Die Österreicher gehen eher ins Restaurant und kochen dafür weniger zu Hause, was nicht untypisch ist für Länder mit einem hohen Wohlstandsniveau.

Aber dass laut VPI-Statistik 1,0 Prozent der Konsumausgaben auf „Wein im Restaurant“ entfallen, sorgt schon ein bisschen für Stirnrunzeln. Zum Vergleich: Für Miete (ohne Betriebskosten) werden im österreichischen Schnitt 5,5 Prozent aufgewendet. Die Restaurantbesuche erklären aber nicht, warum die Preise in der Gastro in Österreich schneller steigen als anderswo. Der Tourismus muss zwar oft als Ursache herhalten, empirisch abgesichert ist dies aber nicht.

Die Rolle der Indexierung

Ein weiteres, in Österreich weit verbreitetes, Element sind Indexierungsklauseln. Diese bewirken, dass ein Inflationsschock länger andauert, da hohe Inflationsraten in der folgenden Preisanpassungsrunde Berücksichtigung finden.

Beispiele hierfür gibt es viele: Ein Großteil der Mieten (ohne Betriebskosten) unterliegt diesem teils gesetzlich vorgeschriebenen, teils privat vereinbarten Anpassungsverfahren. Aber auch bei Betriebskosten, Versicherungen, Bankdienstleistungen und dergleichen finden sich Indexierungsklauseln.

Auch die sogenannte Benya-Formel, an der sich die Sozialpartner orientieren, wenn sie die Tariflöhne verhandeln, beinhaltet durch die Festlegung auf die Inflation der letzten 12 Monate nichts anderes als eine Indexierungsklausel. Der Grad der Indexierung, so scheint es zumindest, dürfte in Österreich höher sein als anderswo. Dies ist aber eine Vermutung, keine Feststellung, da die Datenlage hierzu eher dünn ist.

Energie: Geringe Dämpfung

Haushaltsenergie und flüssige Brennstoffe treiben die Inflation in Österreich mittlerweile nicht mehr. Sie wirken derzeit sogar leicht inflationssenkend. Wie kann das sein? Das hat damit zu tun, dass im Herbst 2022 als wir noch nicht wussten, ob Europa warm durch den Winter kommen wird, die Preise regelrecht explodiert sind. Im Herbst beziehungsweise Winter 2023/24 liegen die Preise schon wieder deutlich darunter.

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Zahlen & Fakten

Da die Inflationsrate im Jahresabstand, also im Vergleich zum gleichen Monat des Vorjahres gemessen wird, wirkt das inflationssenkend. Die Ökonomen sprechen von sogenannten Basiseffekten, da die Vergleichsbasis die Höhe der Inflationsrate mitbestimmt. Nur – und das ist das Problem – die inflationssenkenden Kräfte sind in Österreich viel geringer als anderswo. Und wenn die Preise in der restlichen Eurozone schneller sinken als in Österreich, dann steigt das österreichische Inflationsdifferential (siehe Energiebereich in der zweiten Grafik).

Spanien und die Großhandelspreise

Bleibt die Frage, wie es zu so unterschiedlichen Entwicklungen kommen kann. Nur ein Beispiel: Spanien. Dort orientieren sich die Haushaltsenergiepreise direkt an den Großhandelspreisen. Somit ist die Teuerung im Bereich der Haushaltsenergie 2022 sehr schnell und kräftig gestiegen.

Ein Schäfer geht mit zwei Hunden und einem Esel vor einer Schafherde in einem zerfallenden Dorf. Das Foto illustriert einen Beitrag über Inflation.
Dürre in Spanien im Frühjahr 2023: Auch Extremwetter kann die Inflation in Europa befeuern, wenn etwa durch Ernteausfälle Lebensmittel knapper und teurer werden. © Getty Images

Heute liegen die Energiepreise wieder deutlich unter den Höchstständen, was die Gesamtinflationsrate 2023 um bis zu dreieinhalb Prozentpunkten senkte. Die Preismaßnahmen, die Spanien gesetzt hat, sind da bereits eingerechnet, sonst wäre der Effekt heute noch größer.

In Österreich werden die fallenden Großhandelspreise deutlich langsamer an die Haushaltskunden weitergegeben, da hiesige Energielieferanten andere Einkaufsstrategien fahren und somit den Haushalten weniger volatile Endabnehmerpreise bieten können. Ein Umstand, der die österreichische Inflationsrate im Jahr 2022 eine Zeit lang unter die europäische drückte. Aber das interessiert heute niemanden mehr.

Verzerrungen durch Messung

Länder wie Belgien und die Niederlande wurden oft als Musterschüler bezeichnet, da  sie in den letzten Monaten mitunter negative Inflationsraten aufwiesen. Hier kommen aber Messunterschiede zum Tragen. So wurden in den beiden Ländern nicht (!!) die Bestandskundentarife in die Preisberechnung aufgenommen, wie das etwa in Österreich der Fall ist, sondern nur die Neukundentarife.

Dieses nur scheinbar unwesentliche Detail führte im Herbst 2022 in den Niederlanden zu einer Inflationsrate von 17 Prozent in der Spitze, wobei allein der Energiebereich sage und schreibe zehn Prozentpunkte ausmachte. Heute, also ungefähr ein Jahr später, wirken diese riesigen Basiseffekte in die Gegenrichtung und treiben die Inflationsraten in den negativen Bereich.

Die Niederländer stehen damit auf dem Papier sehr gut da. Die Interpretierbarkeit und Vergleichbarkeit der niederländischen und auch belgischen Inflationsrate als makroökonomische Kennzahl wird damit aber erschwert. Die dortigen Entwicklungen fließen natürlich in die Inflationsrate des Euroraumes ein.

Das Ausmaß dieser messbedingten Verzerrungen kann nicht so leicht abgeschätzt werden, grob überschlagen aber dürfte diese alternative Messmethode die Inflationsrate im Euroraum in den vergangenen Monaten um bis zu einem halben Prozentpunkt gesenkt haben – und das trotz der geringen Ländergewichte von Belgien und den Niederlanden.

Die Schweiz ist vollkommen anders

Die Schweizer Inflationsrate von 1,6 Prozent im November 2023 kann nur sehr bedingt mit anderen Ländern vergleichen werden, denn die Schweiz ist in mehrerer Hinsicht ein Sonderfall. Erstens kann sie ihre eigene Geldpolitik setzen, da sie nicht dem Eurosystem angehört. Zweitens ist das Gesundheitssystem gänzlich anders organisiert, was erheblichen Einfluss auf die Struktur des Warenkorbes hat.

Drittens ist auch der Anteil der Wohnungsdienstleistungen am Warenkorb ist deutlich höher als in Österreich. Das hat zur Folge, dass der Anteil der Dienstleistungen am Warenkorb 60 Prozent beträgt (in Österreich 45 Prozent). Auf der anderen Seite beträgt der Energieanteil nur fünf Prozent (in Österreich knapp zehn Prozent). Ein Preissprung im Energiebereich wirkt sich aufgrund dieser unterschiedlichen Gewichtung in der Schweiz deutlich schwächer aus als in Österreich.

Viertens erhebt die Schweiz Einfuhrzölle auf agrarische Produkte. Diese Einfuhrzölle fungieren wie eine Art Preispuffer, was die Preiskapriolen der internationalen Agrarmärkte nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine abfederte. Somit war der Druck geringer, die gestiegenen Produktionskosten im Nahrungsmittelbereich weiterreichen zu müssen.

Fünftens ist der Strommarkt nicht liberalisiert, was zu regional sehr unterschiedlichen, aber dennoch regulierten Strompreisen führt, je nachdem wie das regionale Monopol eben seinen Strom erzeugt. Ein Vergleich mit der Schweizer Inflation bringt daher nicht viel.

Der Blick in die rot-weiß-rote Glaskugel

Das Institut für Höhere Studien (IHS) geht, wie auch andere Wirtschaftsinstitute, davon aus, dass die Inflation stückchenweise zurückgehen wird. Das heißt natürlich nicht, dass die Preise im Aggregat wieder sinken werden, aber sie werden deutlich langsamer steigen.

Bei der Winterprognose des Instituts fanden zwei aktuelle Entwicklungen bei der Abschätzung der Inflationsrate für das Jahr 2024 besondere Berücksichtigung: Die Löhne sind etwas stärker gestiegen als im Herbst erwartet. Die Modellierer am IHS haben abgeschätzt, dass so ein „Lohnschock“ von angenommen einem Prozentpunkt sich in einem 0,5 Prozent höheren Preisniveau niederschlägt. Laut dieser Faustregel hätte man die erwartete Inflationsrate für 2024 um 0,3 Prozentpunkte anheben müssen.

Dem stand aber eine Verlängerung der inflationsdämpfenden Maßnahmen seitens der Bundesregierung gegenüber. So wurde beschlossen, dass die Aussetzung der Erneuerbaren-Förderpauschale bzw. des Erneuerbaren-Förderbeitrags sowie die Reduktion der Elektrizitäts- und Gasabgabe bis Ende 2024 verlängert wird. Aber auch die Dauer der Strompreisbremse wurde um sechs Monate ausgedehnt. Laut den Berechnungen des IHS werden diese Maßnahmen in Summe die Inflationsprognose um circa 0,6 Prozentpunkte senken.

Demnach sollte sich die Inflation in Österreich im Gesamtjahr 2024 in Summer auf 3,9 Prozent belaufen. Die Bereiche Energie, Lebensmittel und Güter tragen dabei nur minimal zur Inflation bei. Der Großteil des Inflationsdrucks entstammt den Dienstleistungen.

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Zahlen & Fakten

Da nach heutigem Informationsstand die Maßnahmen im Energiebereich mit Ende 2024 auslaufen, wird es Anfang 2025 voraussichtlich zu einem kleinen Anstieg der Inflation kommen (siehe Graphik).  Im Jahr 2025 dürfte die Inflationsrate dann im Bereich von circa drei Prozent liegen.

Und Deutschland?

In Deutschland werden mit Jänner 2024 gleich mehrere Änderungen schlagend. Unter anderem hat die deutsche Bundesregierung im Zuge der dortigen Budgetproblematik beschlossen, die Strom-, Gas- und Wärmepreisbremsen im Dezember 2023, also drei Monate früher als geplant, auslaufen zu lassen. Das könnte die Inflationsrate Deutschlands im Jänner wieder etwas steigen lassen.

Einen größeren Effekt wird aber das Auslaufen des reduzierten Steuersatzes in der Gastronomie haben, der von sieben Prozent wieder auf 19 Prozent ansteigen wird. Je mehr die Gastronomen geneigt sind, die Steuererhöhung an ihre Kundschaft weiterzugeben, desto höher fällt der inflationstreibende Effekt aus. Ein vollkommenes Überwälzen auf die Konsumenten könnte die Inflation in Deutschland sogar bis zu einem halben Prozentpunkt steigen lassen.

Aufgrund des hohen Ländergewichts wirkt sich ein Anstieg der Inflation in Deutschland auch auf die Inflationsrate des Euroraums aus. So geht das IHS von einer Inflationsrate für den Euroraum von etwa drei Prozent im Gesamtjahr 2024 aus. Im Jahr 2025 sollte das Inflationsziel von zwei Prozent wieder in Reichweite rücken.

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Conclusio

Die Inflation geht langsam zurück. Das heißt nicht, dass die Preise wieder zum Vorkrisenniveau zurückkehren, sondern dass von dem jetzigen, höheren, Preisniveau ausgehend die Preise wieder langsamer steigen. Bis das Inflationsziel wieder erreicht ist, werden es hauptsächlich die Dienstleistungspreise sein, die zur Inflation beitragen, da diese meist erst mit Verzögerung reagieren.
Ein weiterer Take-away ist sicherlich, dass ein einfacher Vergleich der Gesamtinflationsraten nicht unproblematisch sein kein. Eine Orientierung am jeweils aktuellen Musterschüler ist nicht zielführend. Man muss zunächst verstehen, warum das eine oder das andere Land niedrige Inflationsraten hat. Erst dann kann man entscheiden, ob man im eigenen Land ähnliche Politikmaßnahmen setzt. Auf alle Fälle müssen zumindest auch die anderen zentralen makroökonomischen Kennzahlen (BIP, Arbeitslosigkeit, Budget) in die Entscheidung einbezogen werden. Eine hohe Inflation bei niedriger Arbeitslosigkeit ist eben etwas anderes als eine hohe Inflation bei hoher Arbeitslosigkeit.

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