Pyrenäen-Steinbock: Man stirbt nur zweimal aus

Über Jahre versuchten wir, den Pyrenäen-Steinbock vom Aussterben zu bewahren. Als wir daran scheiterten, holten wir ihn zurück – für einige Minuten jedenfalls.

Eine Illustration, die den Pyrenäen-Steinbock darstellt
Der Pyrenäen-Steinbock oder Bucardo ist die einzige Art, die zweimal ausgestorben ist. © Oriana Fenwick
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Auf den Punkt gebracht

  • Langer Kampf. Der Pyrenäen-Steinbock war bereits im 19. Jahrhundert fast ausgestorben, einige wenige Exemplare überlebten jedoch.
  • Vergebliche Rettungsversuche. Von Embryotransfer über die Ansiedelung anderer Steinböcke bis zum Klonen: Alle Versuche, das Aussterben zu verhindern, scheiterten.
  • Kurzes Comeback. Erst nach dem Tod des letzten Exemplars gelang es, dieses zu klonen. Zum ersten Mal wurde eine ausgestorbene Art zurückgeholt.
  • Neue Chance. Auch wenn dieses Exemplar schnell starb, der Beweis ist geglückt, dass „De-Extinction“ unter gewissen Voraussetzungen funktioniert.

Bucardos lebten über Jahrtausende in den Pyrenäen. Sie waren kolossale Tiere, die in hohem Maß an das Leben in hochgelegenen Gebirgsökosystemen angepasst waren und eine außergewöhnliche Widerstandsfähigkeit angesichts der rauen, verschneiten Bedingungen bewiesen.

Beschrieben wurden sie zu Beginn des 15. Jahrhunderts von Gaston de Phebus in seinem prächtig illustrierten „Jagdbuch“. Damals gab es noch unzählige der auch als Pyrenäen-Steinbock bekannten Tiere. Im Laufe der Zeit schrumpfte jedoch ihr Bestand, und im 19. Jahrhundert gehörten sie zu den seltensten Jagdbeuten in Europa. Jäger aus verschiedenen Teilen Europas, insbesondere aus Großbritannien und Frankreich, reisten in die spanischen Pyrenäen, um die letzten verbliebenen Exemplare zu jagen.

Pyrenäen-Steinbock: Seit langem fast ausgestorben

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts galt der Bucardo als ausgestorben. Spätere Entdeckungen zeigten jedoch, dass einige wenige Tiere im Ordesa-Tal in den spanischen Zentralpyrenäen überlebt hatten. Obwohl die Population unter offiziellem Schutz stand, ging der Bestand weiter zurück. Am 6. Januar 2000 wurde der letzte Bucardo tot aufgefunden. Die Art war ausgestorben. Zehn Monate vor dem Aussterben hatten wir jedoch „Celia“, das letzte Exemplar, gefangen. Ihr wurde mittels einer Biopsie Hautgewebe entnommen, aus dem Zellkulturen angelegt und anschließend zur Konservierung in flüssigem Stickstoff gelagert wurden.

Ab dem 6. Januar wurde es deshalb schwierig, den rechtlichen Status des Bucardo zu definieren. Es gab keine überlebenden Exemplare, aber wir hatten lebensfähige kryokonservierte Zellen. Die Art galt rechtlich als ausgestorben, doch wie würde sie im Falle des Klonens neu klassifiziert werden? Wäre eine neue Terminologie erforderlich, wie zum Beispiel der Zusatz „de-extinct“?

Die letzten Vier

Bevor wir uns solche Fragen stellen konnten, lagen viele Jahre Arbeit vor uns. Bei dem Versuch, eine wildlebende Art wiederzubeleben, ist das Klonen von Zellen nur der letzte Schritt auf dem Weg zum gewünschten Ergebnis. Wir wussten vom nahenden Aussterben der Art, deshalb haben wir uns bereits seit 1989 darauf vorbereitet. Der Plan war, zunächst Tiere zu fangen und sie an die Gefangenschaft zu gewöhnen. Einerseits um ihre Physiologie zu studieren, andererseits weil wir neue Fortpflanzungstechniken entwickeln mussten, einschließlich des Klonens und der menschlichen Aufzucht von Neugeborenen. All das haben wir von 1989 bis 2003 im Forschungszentrum CITA-Aragón in Zaragoza und im Nationalpark Ordesa y Monte Perdido durchgeführt.

Im Jahr 1989 gab es im Ordesa-Tal mindestens vier Steinböcke: ein älteres Männchen und drei Weibchen.

Zunächst haben wir eine Steinbockfangmethode entwickelt, die für die Tiere sicher ist, um den Bestand nicht weiter zu gefährden. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden verschiedene Fangtechniken an Gämsen und anderen, nicht gefährdeten Steinböckarten getestet. Die wirksamste Methode, nämlich das Fallenstellen in Boxen und die Betäubung mit Zoletil, wurde dann für den anschließenden Fang der Pyrenäen-Steinböcke eingesetzt.

Im Jahr 1989 gab es im Ordesa-Tal mindestens vier Steinböcke: ein älteres Männchen und drei Weibchen. Um den Bestand zu erholen, wollten wir die Methode des Embryotransfers einsetzen, bei der ein befruchteter Embryo in die Gebärmutter eingesetzt wird – nur dass wir in diesem Fall Bucardo-Embryos in die Gebärmutter einer Hausziege einsetzen wollten. Testen wollten wir das wiederum zunächst an Iberiensteinböcken. Wir wollten zwei bisher unerreichte Ziele erreichen: Eine Superovulation – also das Produzieren mehrerer Follikel in einem Zyklus – bei wilden Steinböcken und den erstmaligen Embryotransfer zwischen zwei unterschiedlichen Arten: der Hausziege und – zunächst – dem Iberiensteinbock.

Eine Rettung, die zu spät kam

Die Standardtechnik für die Superovulation bei Hausziegen, bei der über einen Zeitraum von vier Tagen achtmal follikelstimulierendes Hormon (FSH) injiziert wird, erwies sich für weibliche Steinböcke als belastend. Das führte dazu, dass ihre Eizellen nicht befruchtet werden konnten. Wir führten mehrere Versuche mit verschiedenen Methoden durch, darunter etwa subkutane osmotische Minipumpen für die FSH-Verabreichung; die Superovulation von Steinböcken, die mit lang wirkenden Neuroleptika ruhiggestellt wurden, und die Verabreichung von FSH mit elektronischen und gasförmigen automatischen Injektoren.

Mit Erfolg: Als schließlich befruchtete spanische Steinbock-Embryonen gewonnen wurden, wurden sie auf Hausziegen übertragen. Bloß: Der Prozess des Embryotransfers zwischen den Tierarten erwies sich als frustrierend, da er in den meisten Fällen zu erfolglosen Schwangerschaften oder mumifizierten Föten führte.

Keine der Hausziegen, der ein Steinbockembryo eingepflanzt wurde, wurde trächtig. Weshalb wir eine „Parasiten-Embryotechnik“ entwickelten: Wir setzen zwei Embryonen ein, einen einer Hausziege, einen eines Steinbocks. Aber auch hier eher erfolglos: Nur vier Prozent der Steinbockembryonen wurden ausgetragen. Wir entwickelten also eine neue Methode, die „Brückentechnik“: Wir kreuzten Hausziegen und Steinböcke, und deren weibliche Exemplare dienten als Träger für die Steinbockembryonen. Fünfzig Prozent der eingepflanzten Embryonen kamen auf diese Weise zur Welt. In den Jahren, in denen all diese neuen Reproduktionstechniken verfeinert wurden, ging die Bucardo-Population jedoch so erheblich zurück, dass der Embryotransfer keine Möglichkeit mehr war.

Der letzte Pyrenäen-Steinbock

Im Jahr 1997 lebte nur noch ein weiblicher Bucardo auf den Klippen der „Faja de Pelay“ im Nationalpark Ordesa y Monte Perdido. Es wurden männliche spanische Steinböcke eingeführt, um sich mit ihr fortzupflanzen. In der Hoffnung, zumindest Hybriden zu erhalten. Aber es wurden keine Nachkommen gezeugt.

Am 6. Januar 2000 wurde Celia leblos aufgefunden, erschlagen von einem gefällten Baums.

Im April 1999 wurde beschlossen, dieses letzte bekannte Bucardo-Weibchen zu fangen, um zwei Ziele zu erreichen: Gewebeproben zu sammeln und sie mit einem Peilsender auszustatten. Celia wurde mit einer Kastenfalle gefangen, die mit Luzernenheu geködert war, und anschließend mit einem Blasrohrpfeil betäubt. Die entnommenen Gewebeproben wurden in flüssigem Stickstoff gelagert. Der letzte Versuch, die Art am Leben zu erhalten, war „Celia“ zu klonen. Das war damals erst drei Jahre zuvor erstmals Ian Wilmut und Keith Campbell vom Roslin Institute in Edinburgh mit dem Klonen des Schafs Dolly bei Säugetieren gelungen war. Damals konnte noch niemand vorhersehen, dass der Bucardo innerhalb eines Jahres ausgestorben sein würde.

Am 6. Januar 2000 wurde Celia leblos aufgefunden, erschlagen von einem gefällten Baums. Aus dem Projekt, die Art durch Klonen am Leben zu erhalten, wurde das Projekt, sie durch Klonen zurück ins Leben zu rufen. Ein spanisch-französisches Forschungsteam unter der Leitung von Dr. José Folch, versuchte 2002, die kryokonservierten Zellen von Celia zu klonen. Die Forschungen wurden im Tierreproduktionslabor CITA-Aragon in Zaragoza durchgeführt.

Eine ganze Art wird wiederbelebt

Wir übertrugen 208 geklonte Bucardo-Embryonen auf 44 spanische Steinbockweibchen und Hybridziegen. Aber nur eine Hybridziege war in der Lage, eine Trächtigkeit zu Ende zu führen. Am 30. Juli 2003 wurde ein Kaiserschnitt durchgeführt, um eine seit drei Jahren ausgestorbene Art wiederzubeleben. Der Eingriff verlief ohne Komplikationen. Als der junge Bucardo aus dem Mutterleib schlüpfte und die kühle Luft des Labors spürte, begann er sich in meinen Händen zu bewegen. Es handelte sich um das geklonte Exemplar von „Celia“, womit zum ersten Mal eine verschwundene Art wieder auferstanden war – ein bahnbrechendes Ereignis.

Das geklonte weibliche Bucardo wurde lebend geboren, starb aber innerhalb kürzester Zeit. Bei der Nekropsie wurde ein zusätzlicher, nicht funktionsfähiger Lungenlappen festgestellt, der die Brusthöhle ausfüllte und die Atmung beeinträchtigte. Das führte einige Minuten nach dem Kaiserschnitt zum Tod des Tieres. Die Ursache für die Entstehung des funktionslosen Lappens ist nach wie vor unklar. Sie könnte möglicherweise auf die vor zwanzig Jahren angewandten Methoden des Klonens zurückgeführt werden könnte.

Seit der Geburt von Celias Klon hat der Begriff „De-Extinction“ eine konkrete Bedeutung erlangt.

Über einen Zeitraum von 14 Jahren, von 1989 bis 2003, haben wir umfangreiche Forschungsarbeiten durchgeführt, um Techniken zu entwickeln, die das Aussterben des Bucardo verhindern sollen. Unsere Arbeit beinhaltete die Lösung zahlreicher wissenschaftlicher Herausforderungen auf neuartige Weise. Wir kamen nicht rechtzeitig, um das Verschwinden des Pyrenäen-Steinbocks zu verhindern. Aber seit der Geburt von Celias Klon hat der Begriff „De-Extinction“ eine konkrete Bedeutung erlangt. Eine, die über seine ausschließliche Verwendung in Science-Fiction-Werken hinausgeht. Stattdessen hat er sich in die Reihe der vielen bescheidenen, aber bedeutenden Meilensteine eingereiht, die die Geschichte der Wissenschaft prägen.

Die Lücke füllen

Im Juli 2014 wurde ein Programm zur Wiederansiedlung von Steinböcken aus der Gredos-Linie in den französischen Pyrenäen gestartet. Diese Steinböcke haben sich erfolgreich an die strengen Winterbedingungen in den Pyrenäen gewöhnt. Die Anwesenheit dieser Tiere, die inzwischen mehrere Generationen umfasst, hat dazu beigetragen, die ökologische Nische zu füllen, die die Vorfahren von „Celia“ hinterlassen haben.

Es gibt unterschiedliche Auffassungen über das Aussterben von Arten, einige Befürworter und andere entschiedene Gegner. Unabhängig davon bemühen sich Wissenschaftler auf der ganzen Welt aktiv um das, was einst als Science-Fiction galt, nämlich ausgestorbene Arten wieder zum Leben zu erwecken. Mit dem exponentiellen Fortschreiten des wissenschaftlichen Fortschritts wird dieses Ziel immer wahrscheinlicher und vielleicht schon in nicht allzu ferner Zukunft zur Regel.

In der Zwischenzeit und in der Zukunft ist es unerlässlich, die verschiedenen Arten, die mit uns zusammenleben, zu schützen, indem wir ihre Lebensräume, die auch unsere eigenen sind, bewahren. Dadurch wird ein Zufluchtsort für alle Lebewesen geschaffen. Unabhängig von ihrer Größe oder Berühmtheit, der es ihnen ermöglicht, zu gedeihen und uns auf diesem wunderbaren Planeten Gesellschaft zu leisten.

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Conclusio

Es klingt wie Science-Fiction, ist aber dennoch vor bereits zwanzig Jahren passiert: Eine ausgestorbene Tierart wurde wieder zurück zu den Lebenden geholt. Der Pyrenäen-Steinbock starb im Jahr 2000 aus, 2003 kam ein Klon des letzten Tieres zur Welt, der aber nur wenige Minuten überlebte. Bereits in naher Zukunft könnte diese Methode des Artenschutzes zur Regel werden.

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