Russland und Venezuela: Putin in der Defensive

Der von den USA erzwungene Machtwechsel hat einen Riss zwischen Russland und Venezuela verursacht. Moskau blieb dennoch auffällig still. Warum der Kreml abwartet, wie Washington den Ölmarkt als Hebel nutzen kann und wo verdeckte Deals drohen.

Bild zum Thema Russland und Venezuela: Russlands Präsident Wladimir Putin sitzt mit Venezuelas Präsident Nicolás Maduro im Kreml in Moskau am 7. Mai 2025. Die Präsidenten sitzen auf opulenten goldenen Möbeln mit den jeweiligen Landesflaggen im Hintergrund.
Putin und Maduro im Kreml, Moskau — 7. Mai 2025. © Getty Images
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Auf den Punkt gebracht

  • Bloßgestellt. Die US-Entmachtung Maduros setzt Russlands Lateinamerika-Strategie und Glaubwürdigkeit unter Druck.
  • Stille. Der Kreml bleibt passiv und kalkulierend; keine Drohungen, keine Truppenbewegungen.
  • Deal. Moskau könnte versuchen, von Washington ähnliche Zurückhaltung in der Ukraine einzufordern.
  • Energieproblem. Mittelfristig könnte eine Stabilisierung Venezuelas die Ölpreise für Russland schmerzlich senken.

Die überraschende Entmachtung von Nicolás Maduro durch die Vereinigten Staaten markiert weit mehr als einen regional begrenzten Machtwechsel. Sie stellt den russischen Einfluss in Lateinamerika und zugleich die strategische Belastbarkeit Moskaus im globalen Kontext auf die Probe. In russischen Militärforen und regierungsnahen Telegram-Kanälen wurde der rasche, weitgehend unblutige Ablauf der Operation mit einer Mischung aus Frust, Respekt und impliziter Selbstkritik kommentiert, nicht zuletzt, weil die operative Effizienz der US-Intervention als Kontrast zum stockenden russischen Vorgehen in der Ukraine wahrgenommen wird.

Der Kreml reagierte ungewöhnlich zurückhaltend: Abgesehen vom erwartbaren Vorwurf der „illegitimen Einmischung“ gab es weder Drohungen noch Truppenbewegungen. Moskau wartet ab und kalkuliert Kosten und Nutzen. Entscheidend ist, ob Russland seine verbleibenden Interessen in Venezuela sichern kann oder von den USA einen Ausgleich für einen möglichen Verlust der Präsenz in Caracas erhält – etwa durch bilaterale Absprachen über Einflusssphären mit der Trump-Administration.

Überschaubarer Einfluss

Moskau versucht in Lateinamerika und der Karibik nämlich nicht strukturell Einfluss zu nehmen, sondern nutzt die Region mehr als Bühne symbolischer Machtprojektion. Das außenpolitische Konzept der Russischen Föderation von 2023 weist der Region eine Funktion bei der Etablierung „freundlicher multilateraler Formate und regionaler Zusammenschlüsse“ zu, als geopolitisches Gegengewicht zur westlichen, insbesondere US-amerikanischen Dominanz. Im Mittelpunkt steht ein flexibles Bündnismanagement: kurzfristige Koalitionen gegen die USA, ideologisch unterlegt mit dem Narrativ einer „gerechteren, multipolaren Ordnung“.

Russland und Lateinamerika sind wirtschaftlich nicht stark verflochten.

Russland und Lateinamerika sind wirtschaftlich nicht stark verflochten. Der Anteil der Region am russischen Außenhandel liegt bei unter zwei Prozent, umgekehrt ist der russische Markt für lateinamerikanische Exporte kaum bedeutender. Eine Ausnahme bildet der Düngemittelsektor: Russland deckt über 20 Prozent des regionalen Bedarfs, insbesondere Brasilien ist in hohem Maß von russischen Agrarchemikalien abhängig. Auch die seit 2022 deutlich gestiegenen Öllieferungen – vor allem Dieselexporte nach Brasilien – zeugen von einer opportunistischen, aber begrenzten Energiekooperation.

Militärisch ist Russland in der Region weitgehend abwesend. Mit Ausnahme von Kooperationen mit Venezuela wurden seit 2018 kaum nennenswerte Waffensysteme mehr geliefert. Die sicherheitspolitische Präsenz beschränkt sich auf Ausbildungsprogramme, Beratungen und symbolisch aufgeladene Übungen. Moskau gleicht diese strukturelle Schwäche durch gezielte Informationsoperationen aus: RT und Sputnik sind in spanischer und portugiesischer Sprache aktiv und verbreiten ein antiwestliches Narrativ, das postkoloniale Rhetorik, selektive Geschichtsdeutungen und die Relativierung russischer Kriegsverbrechen in der Ukraine kombiniert. Die westliche Ordnungspolitik soll dadurch delegitimiert, der Ukrainekrieg als Abwehrkampf gegen „angloamerikanische Vorherrschaft“ gedeutet werden. Russland inszeniert sich also als postkolonialen Verbündeter des Globalen Südens.

Russland und Venezuela

Seit der Präsidentschaft von Hugo Chávez fungierte Venezuela als bevorzugter Schauplatz russischer Symbolpolitik in der westlichen Hemisphäre. Für Moskau war das Land weniger wirtschaftlicher Partner als strategisches Schaufenster, eine Bühne für antiamerikanische Narrative, ein Störfaktor in unmittelbarer Nachbarschaft Washingtons und nach 2014 und insbesondere 2022 auch ein Vehikel zur Umgehung westlicher Sanktionen. Zugleich diente Venezuela als Plattform für bilaterale Militärkontakte und Energiekooperationen, die nicht zuletzt darauf abzielten, politische Loyalität in internationalen Formaten wie OPEC+, BRICS und dem Gas Exporting Countries Forum zu sichern.

Im Zentrum stand dabei der Ölsektor. Über Jahre hinweg unterhielten Rosneft und seit 2020 Roszarubezhneft umfangreiche Joint Ventures mit dem staatlichen venezolanischen Ölkonzern PDVSA, flankiert von milliardenschweren Vorfinanzierungen und Infrastrukturprojekten. Diese Verflechtungen sicherten Moskau Zugang zu Förderfeldern, Lieferverträgen und Einfluss, deren Reichweite jedoch stets von der innenpolitischen Stabilität des Regimes abhing. Gerade in diesem Bereich bestehen auch nach Maduro Anknüpfungspunkte.

Mit der Entmachtung Maduros verliert Russland den sichtbarsten Repräsentanten seines antiwestlichen Bündnisses in der Region.

Die im Spätherbst 2025 verlängerten Joint Ventures zwischen Roszarubezhneft und PDVSA sind völkerrechtlich gültige Verträge. Sie aufzukündigen würde einen Reputationsverlust bedeuten und künftige Investoren abschrecken. Gleichwohl deutet der aktuelle Rückzug russischen Personals aus Venezuela sowie die zunehmende US-Präsenz auf eine schrittweise Verdrängung hin.

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Zahlen & Fakten

Russlands Partnerschaft mit Venezuela

  • Bilateraler Handel: Ca. 200–270 Millionen Dollar im Jahr 2024 (starkes Wachstum trotz Sanktionen) Ziel: Verdopplung auf 400 Millionen Dollar bis 2030 (laut RT).
  • Venezolanische Exporte nach Russland: Kakao, Kaffee und Meeresfrüchte – Volumen verdreifacht im Jahr 2025.
  • Ölkooperation: 15-jährige Verlängerung des Joint Ventures mit dem russischen Konzern Roszarubezhneft im November 2025 bis 2041; geplante Förderung: 91 Mio. Barrel.
  • Strategische Partnerschaft: Vertrag im Mai 2025 unterzeichnet; Koordination in OPEC+, Exploration neuer Ölfelder und Handel.
  • Militärische Zusammenarbeit: Venezuelas Waffenverkäufe belaufen sich auf über 14,5 Milliarden Dollar (2001–2014), darunter Su-30-Kampfjets, Hubschrauber, Panzer und S-300-Systeme.
  • Schulden: Frühere Kredite (u.a. für Waffen) wurden mehrmals umstrukturiert, oft durch Öllieferungen beglichen. Genaue Zahlen sind nicht öffentlich.

Mit der Entmachtung Maduros verliert Russland den sichtbarsten Repräsentanten seines antiwestlichen Bündnisses in der Region. Noch im Mai 2025 hatten beide Seiten ein bilaterales Abkommen über „strategische Partnerschaft“ unterzeichnet, das explizit auch militärische Unterstützung umfasst. Dass dieses Abkommen im Krisenfall keinerlei Schutz bot, beschädigt nicht nur das bilaterale Verhältnis, sondern untergräbt die Glaubwürdigkeit russischer Sicherheitsgarantien in anderen Weltregionen. Partnerstaaten in Afrika, Asien oder dem postsowjetischen Raum dürften aufmerksam registrieren, dass Moskau im Ernstfall keine Bereitschaft oder Fähigkeit zur Verteidigung eines verbündeten Regimes gezeigt hat.

Neuer Zapfhahn

Das wohl größte Risiko für den Kreml liegt aber in der Verschiebung globaler Energieflüsse. Sollte es Washington gelingen, Venezuela politisch zu stabilisieren und mittelfristig als verlässlichen Energielieferanten für die USA und Europa zu etablieren, könnte dies zwei strategische Folgen haben: Erstens würden Moskaus Möglichkeiten, Sanktionen über Asien zu umgehen, schwächer. Zweitens könnte zusätzliches Angebot auf den Weltmärkten den Ölpreis dauerhaft senken – mit erheblichen fiskalischen Folgen für das staatsdominierte russische Wirtschaftssystem.

Washington könne über den Zugriff auf venezolanische und guyanische Ressourcen mehr als die Hälfte der weltweiten Ölreserven kontrollieren.

Oleg Deripaska

Diese Sorge teilte zuletzt auch Oleg Deripaska. In einem Telegram-Statement warnte der Oligarch, Washington könne über den Zugriff auf venezolanische und guyanische Ressourcen perspektivisch „mehr als die Hälfte der weltweiten Ölreserven“ kontrollieren. Ziel sei es offenbar, den Urals-Preis dauerhaft unter die Schwelle von 50 US-Dollar zu drücken, ein Niveau, das die Haushaltsfähigkeit Russlands systemisch gefährden würde. Russland kalkuliert nämlich in seinem Budget für 2026 mit einem durchschnittlichen Erdölpreis von 59 US-Dollar pro Barrel.

Regionale Machtverschiebung

Neben wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Erwägungen wird Venezuela für Moskau in Zukunft vor allem als strategisches Narrativ dienen. Die US-Intervention wird von russischer Seite gezielt westliche Doppelmoral inszeniert: Während Russland für seinen Angriff auf die Ukraine international geächtet wird, agiert Washington in seiner Hemisphäre ohne UN-Mandat und weitgehend außerhalb multilateraler Kontrollmechanismen. Diese Argumentation fügt sich nahtlos in die russische Propaganda ein, sowohl gegenüber der eigenen Bevölkerung als auch gegenüber dem Globalen Süden.

Gleichzeitig dürfte die russische Präsenz in der Region widerstandsfähiger als gemeinhin angenommen bleiben. Nachrichtendienste, Einflussnetzwerke und Desinformationskampagnen operieren weitgehend unabhängig von der jeweiligen Regierungsform. Auch wenn sich Venezuela politisch umorientiert, bleiben verdeckte Kanäle bestehen. Diese Form informeller Präsenz erlaubt es Moskau, Einfluss auszuüben, ohne institutionell verankert zu sein.

Dennoch dürfte Moskau seine regionalen Prioritäten neu justieren. Kuba und Nicaragua werden an Bedeutung gewinnen. Militärische Ausbildungsprogramme, gemeinsame Übungen oder demonstrative Hafenbesuche könnten intensiviert werden, um geopolitische Präsenz zu markieren, gleichsam als asymmetrisches Gegengewicht zur US-Militärpräsenz in Europa. Ein größerer Truppenaufbau bleibt jedoch angesichts benötigter Ressourcen im Ukrainekrieg unwahrscheinlich.

Putins strategische Zurückhaltung

Das offizielle Moskau hat auf den Machtwechsel in Caracas mit auffälliger Zurückhaltung reagiert. Weder wurden militärische Reaktionen angekündigt noch diplomatische Drohgebärden artikuliert oder symbolische Mobilisierungen angestoßen. Diese passive Einstellung deutet nicht nur auf politische Lähmung hin, sondern auch auf eine nüchterne taktische Kalkulation: Der Ukrainekrieg bindet so viele militärische Ressourcen, dass jegliche glaubwürdige Machtdemonstration in der westlichen Hemisphäre operativ wie politisch unmöglich ist. Gleichzeitig bleibt die Ukraine für den Kreml die geopolitische Priorität, während Venezuela lediglich taktische Funktion besitzt.

Hinzu kommt eine übergeordnete strategische Überlegung, die in Moskau keineswegs neu ist. Bereits 2019 sprach Fiona Hill, Russlandberaterin Donald Trumps in seiner ersten Amtszeit, vor dem US-Kongress über eine vom Kreml angestrebte „seltsame Tauschvereinbarung“ („strange swap agreement“) zwischen Washington und Moskau – Venezuela gegen die Ukraine, Einflusssphäre gegen Einflusssphäre.

Bemerkenswerterweise findet diese Logik unter der Trump-Regierung wieder Anklang: Trumps Weltbild sieht geopolitische Ordnung nicht als festes Regelwerk, sondern als flexiblen, bilateral verhandelbaren Rahmen. In diesem Kontext kann Russlands taktische Zurückhaltung als politisches Kapital begriffen werden, für zukünftige Vereinbarungen über die Ukraine und ganz Europa.

Allerdings bleibt fraglich, ob dieses Kapital realisierbar ist. Denn während Moskau strategisch auf bilaterale Gegenseitigkeit setzt, ist Washingtons Verlässlichkeit unter Trump weder institutionell verankert noch diplomatisch vorhersehbar.

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Conclusio

Schockstarre. Die überraschende US-Entmachtung Maduros legt die Grenzen russischer Machtprojektion in Lateinamerika offen. Der Kreml verzichtete auf Drohungen oder Truppenbewegungen und setzt auf taktisches Abwarten.

Schaden. Die Glaubwürdigkeit russischer Sicherheitszusagen ist angekratzt, Partner beobachten die Passivität. Gelingt Washington die Stabilisierung Venezuelas, drohen niedrigere Ölpreise und weniger Sanktionsschlupflöcher für Moskau. Russland dürfte Einfluss stärker verdeckt halten, den Fokus auf Kuba und Nicaragua verschieben und den Fall propagandistisch als Beleg westlicher Doppelmoral nutzen.

Kalkül. Russland könnte darauf bauen, dass seine Zurückhaltung in Venezuela von den USA im Gegenzug mit weniger Intervention in der Ukraine ausgeglichen wird. Diese Logik der Einflusssphären entspricht den von Donald Trump formulierten außenpolitischen Prioritäten. Allerdings könnte hier Moskaus Wunsch Vater des Gedanken sein, zumal Russland kaum Optionen hat, in Lateinamerika Stärke zu projizieren.

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