Preisschock ohne Ende

Die Strompreise in Österreich sind explodiert. Die Politik will das ändern, doch dreht sie auch an den richtigen Schrauben?

Installateur bei der Installation einer Hochspannungsleitung. Das Bild illustriert einen Artikel über den hohen Strompreis in Österreich.
Steigende Energiekosten sind der Hauptgrund für die hohe Inflation. © Getty Images
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Auf den Punkt gebracht

  • Wettbewerb. Die Marktliberalisierung hat in Österreich kaum funktioniert – 114 Netzbetreiber, geringe Entflechtung und ineffiziente Strukturen treiben den Strompreis.
  • Preisbildung. Die Merit-Order macht das teurere Grenzkraftwerk (meist Gas) zum Taktgeber — steigende Gaspreise katapultieren dadurch den Strompreis.
  • Konsumenten. Energie sparen, Anbieter wechseln oder selbst erzeugen – dennoch nutzen viele Österreicher das Sparpotenzial kaum.
  • Politik. Hohe Netzentgelte, geringe Regulierungskraft und politische Interessen halten die Preise oben; echter Wettbewerb und Reformen bleiben aus.

Alle vier Wochen wiederholt sich im Prinzip dasselbe Spiel: Die Statistik Austria gibt an, wie hoch die Inflationsrate im abgelaufenen Monat war. Zuletzt lag diese immer deutlich über der Teuerung in den meisten anderen EU-Ländern. Auch die Suche nach dem Schuldigen bringt keine Überraschungen; der wichtigste Preistreiber sind die Energiekosten. Sie schnellten im Jahresvergleich um zuletzt 15 Prozent nach oben und sind die Hauptverantwortlichen für die hohe Inflation, die nicht nur den einzelnen Konsumenten, sondern die gesamte Volkswirtschaft in Mitleidenschaft zieht. Der Strompreis legte sogar um 40 Prozent zu.

Warum ist Energie in Österreich so teuer? Müsste Strom mit dem Ausbau von Solar- und Windkraftanlagen nicht immer billiger werden? Gab es da nicht einmal das Versprechen, dass Sonne und Wind „keine Rechnung schicken“? Und was kann die Politik tun, um die Preise zu senken? Der Versuch einer Einordnung.

1. Wie der Wettbewerb nicht funktioniert

Vor mittlerweile 25 Jahren wurden die Versorgungsunternehmen im Rahmen der europäischen Marktliberalisierung in Netzgesellschaften einerseits und Vertriebsgesellschaften andererseits getrennt. Der bis dahin einheitliche Energiepreis wurde in die drei Komponenten Netzentgelt, Energiepreis sowie Steuern und Abgaben aufgespalten. Damit sollte ein Wettbewerb zwischen den Anbietern ermöglicht werden.

Österreich wäre nicht Österreich, hätte es diese Aufspaltung in Netz und Vertrieb konsequent umgesetzt. Zum einen wurde die Entflechtung im Energiebereich bloß für Strom und Gas, aber nicht für Fernwärme realisiert. Weiters konnte sich Österreich nicht zu einer sauberen eigentumsrechtlichen Trennung durchringen. Netz- und Vertriebsgesellschaften wurden zwar in rechtlich selbständige Einheiten mit eigener Geschäftsführung umgewandelt, haben aber dieselben Eigentümer.

Das hatte zur Folge, dass die Übertragungsnetze in derselben regionalen Gliederung wie vor der Liberalisierung erhalten blieben. So hat weiterhin jedes Bundesland (mindestens) einen regionalen Netzbetreiber und noch viele mehr auf lokaler Ebene. Derzeit gibt es im kleinen Österreich unglaubliche 114 Strom-Verteilernetzbetreiber und 19 Gas-Verteilernetzbetreiber, die jeweils in einem geografisch spezifizierten Teil des Landes („Netzgebiet“) für die Verteilung von elektrischer Energie bzw. Erdgas verantwortlich sind. Darüber „thront“ mit der Austrian Power Grid (APG) noch ein überregionaler Übertragungsnetzbetreiber.

Das alles verursacht natürlich Kosten – und erklärt schon zum Teil, warum die Netzentgelte zuletzt so stark gestiegen sind.

Letztes Kraftwerk gibt den Ton an

Kommen wir jetzt zu den reinen Energiepreisen: Diese bilden sich im liberalisierten Markt nach dem Prinzip der vielgescholtenen Merit Order. Die Merit Order beschreibt die Einsatzreihenfolge von Kraftwerken nach aufsteigenden Grenzkosten. Das Kraftwerk mit den niedrigsten Kosten produziert zuerst Strom. Wenn dessen Kapazität ausgeschöpft ist, wird das Kraftwerk mit den zweitniedrigsten Grenzkosten zugeschaltet usw. bis zum teuersten Kraftwerk, das zur Deckung der Nachfrage gerade noch benötigt wird. Dieses letzte Kraftwerk („Grenzkraftwerk“) bestimmt den Marktpreis.

Das hat zur Folge, dass die Kosten für das teuerste Kraftwerk durch den Marktpreis gedeckt sind. Die Betreiber der günstigeren Kraftwerke machen Gewinn. Dieser Gewinn fällt umso höher aus, je niedriger die Grenzkosten der günstigeren Kraftwerke sind. Im Extremfall erneuerbarer Energieträger (Wasser, Sonne, Wind), deren Grenzkosten (fast) null sind, können die Gewinne sehr hoch ausfallen.

Im Normalfall wird das letzte Kraftwerk mit Gas betrieben. Wenn sich der Gaspreis – so wie in der Energiekrise infolge des Krieges zwischen Russland und der Ukraine – besonders stark erhöht, steigt auch der Strompreis. Fertig ist der toxische Cocktail zur Inflationsbeschleunigung.

2. Sind wir Konsumenten völlig wehrlos?

Nein, sind wir nicht. Es gibt drei Möglichkeiten, die private Energierechnung zu reduzieren: Man kann Energie sparen, den Energieanbieter wechseln oder Energie selbst erzeugen.

Energie sparen ist die beste Idee, zumal eine nicht benötige Kilowattstunde weder erzeugt noch über die Netzinfrastruktur transportiert werden muss. Die Hebel dafür sind die thermische Sanierung von Gebäuden und der Umstieg auf möglichst energieeffiziente Geräte.

Der Wechsel des Energieanbieters kann ebenfalls eine gute Idee sein. Ein durchschnittlicher Haushalt mit 2.900 Kilowattstunden Jahresverbrauch spart im Schnitt 183 Euro pro Jahr, wenn er vom Landesenergieversorger zu einem günstigeren Alternativanbieter wechselt. Besonders groß ist das Sparpotenzial in der Steiermark (322 Euro), in Salzburg (259 Euro) und im Burgenland (212 Euro). In Wien (98 Euro) und Tirol (43 Euro) sind die Unterschiede geringer.

Noch mehr bringt der Wechsel des Anbieters beim Gas. Ein Haushalt mit 9.000 kWh Jahresverbrauch spart beim günstigsten Alternativanbieter im Schnitt 232 Euro im Jahr. In der Steiermark können durch einen Anbieterwechsel 406 Euro, im Burgenland 347 Euro und in Oberösterreich 300 Euro gespart werden. In Wien, Vorarlberg und Tirol liegt das Potenzial immer noch bei rund 150 Euro. Da (fast) alle Anbieter mit einmaligen Wechselrabatten Kunden ködern, ist der regelmäßige Wechsel nach Ablauf der Bindungsfrist obligatorisch, sonst wird’s schnell wieder teurer.

Grundsätzlich ist der Anbieterwechsel einfach und unbürokratisch möglich. Die Regulierungsbehörde E-Control bietet dafür einen Tarifkalkulator zum umfassenden Preisvergleich und integriertem Prozedere an. Dennoch sind die Österreicher „Wechselmuffel“: Die Hälfte der Kunden hat das noch nie gemacht. Aktuell liegt die jährliche Wechselrate für Strom bei 4,5 Prozent und für Gas bei 6 Prozent. Zum Vergleich: In Italien sind diese Werte mit 18 respektive 13 Prozent sehr viel höher. Offenbar ist Energie für die Hälfte der Österreicher noch immer nicht teuer bzw. die Ersparnis nicht hoch genug.

Strom mittels Photovoltaik selbst zu erzeugen, ist auch eine gute Idee, die vom Staat nach wie vor großzügig gefördert wird. Hohe Erträge beim Einspeisen von Überschüssen ins Netz gehören allerdings mittlerweile zu Recht der Vergangenheit an. Damit die private Stromerzeugung auch gesamtwirtschaftlich einen Nutzen bringt, gilt es Folgendes zu beachten: Die Anlagen sollten auf den Eigenverbrauch (nicht darüber) ausgelegt werden und ein Speichermodul haben, das den Stromverbrauch eines Tages (nicht weniger) puffern und vom Netzbetreiber ferngesteuert werden kann.

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Zahlen & Fakten

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3. E-Wirtschaft und die Länder profitieren von hohen Preisen

Die Energiewirtschaft zählt in Österreich zu den Branchen mit den höchsten Gehältern, und zwar vom Portier bis zur Vorstandsvorsitzenden. Wenn man die Kosten einfach auf die Kunden überwälzen kann, besteht eben weniger Anreiz zur Lohndisziplin. Die Nähe dieser Unternehmen zur Politik – enge personelle Verflechtungen inklusive – sorgt auch für ineffiziente Strukturen. Außerdem hat sich die Politik an die üppigen Dividenden als Beitrag zu den Landesbudgets gewöhnt.

Die Rechnung zahlen die Energiekunden. Es handelt sich um einen klassischen Vertrag zu Lasten Dritter. Dabei hatte sich die Energiewirtschaft einst sehr vor der Liberalisierung gefürchtet. Der neoliberale Sturm des Wettbewerbs werde über die österreichischen Versorger hinwegfegen, ausländische Anbieter mit Billigangeboten den Markt überfluten, hieß es damals.

Ein Vierteljahrhundert später muss man feststellen, dass nichts davon eingetreten ist. Bundeswettbewerbsbehörde und E-Control kommen zu dem ernüchternden Befund, dass es auf dem Energiemarkt noch immer keinen funktionierenden Wettbewerb gibt. Nach wie vor dominieren die eingesessenen Versorger ihre Netzgebiete mit Marktanteilen zwischen 68 und 98 Prozent. Viele Anbieter, speziell jene mit extrem hohen Marktanteilen, bieten Strom und Gas nur im eigenen Netzgebiet an. Hier müsste die Politik ansetzen. Erster Schritt wäre die Verpflichtung, günstige regionale Tarife auch bundesweit anzubieten. Die Eigentümer müssen nur wollen.

4. Was kann die Politik noch tun?

Um Preise zu senken, kann der Staat regulatorisch eingreifen oder bei den Steuern und Abgaben. Hinzu kommt der Handlungsspielraum, der sich aus der österreichischen Besonderheit ergibt, dass Energieversorger mindestens zu 51 Prozent in öffentlichem Eigentum stehen müssen.

Regulatorische Eingriffe des Staates können sich in einem liberalisierten Energiemarkt abseits ökonomisch problematischer Preisdeckel bloß auf Netzentgelte beziehen. In Österreich ist dafür die unabhängige E-Control zuständig. Wenn sich aber abseits von Krisensituationen die Netztarife zum preisbeschleunigenden Faktor Nummer 1 bei den Energiepreisen entwickeln – diese werden allein in den beiden Jahren 2025/26 im Durchschnitt um rund 24 Prozent bei Strom und 37 Prozent bei Gas gestiegen sein – dann läuft etwas aus dem Ruder.

Behörde ohne Biss

Natürlich gibt es handfeste Gründe für steigende Kosten. So muss das Stromnetz massiv aufgerüstet werden, um den Umstieg von zentraler auf dezentrale Erzeugung zu bewältigen, während bei der Gasversorgung durch den Umstieg auf erneuerbare Energiesysteme weniger Kunden auf das gleich groß gebliebene Netz treffen.

Für das bloße Durchwinken höherer Netzentgelte bräuchte man aber keine Regulierungsbehörde, das würden die Energieversorger schon selber schaffen. Die E-Control muss die Netzbetreiber zu striktem Kostenmanagement und ständiger Rationalisierung zwingen. Hier war man in der Vergangenheit wohl etwas zu großzügig.

Noch ein wichtiger Aspekt treibt die Preise: Rund ein Viertel der Energiekosten entfällt auf unterschiedlichste Steuern und Abgaben. Eine Senkung ist angesichts der prekären budgetären Situation wohl nicht realistisch. Dafür könnte sich der Staat für mehr Wettbewerb stark machen.

Da das Aktienrecht der direkten Einflussnahme auf Vorstandsentscheidungen enge Grenzen setzt, wird die Frage zu diskutieren sein, wie die Daseinsvorsorge gegenüber der Gewinnmaximierung bevorzugt werden kann. Hohe Preise kann man auch privaten Energiekonzernen bezahlen, dafür braucht es kein öffentliches Eigentum. Zumindest eine stärkere Bindung des Vorstands an die öffentlichen Interessen scheint geboten. Vielleicht wird es sogar nötig sein, alternative Rechtsformen zur herkömmlichen Aktiengesellschaft mit mehr Durchgriffsrechten für die Eigentümer zu entwickeln. Einfach abfinden sollten wir uns mit den hohen Energiepreisen nicht. Dafür richten sie einen zu großen Schaden an.

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Conclusio

Belastung. Die hohen Kosten ineffizienter Strukturen und steigender Netzentgelte der Energieversorger belasten die Verbraucher massiv und treiben die Energiepreise in die Höhe. Allein der Strompreis ist heuer um gut ein Drittel gestiegen.

Wechselmuffel. Verbraucher können ihre Energierechnungen durch Sparmaßnahmen, Anbieterwechsel und eigene Stromerzeugung senken. Allerdings sind die Österreicher wenig wechselfreudig, was den Wettbewerb weiter hemmt.

Verflechtung. Mehr Wettbewerb würde die Preise drücken, doch die enge Verflechtung zwischen öffentlicher Hand und Energieversorgern steht dem entgegen – auch wegen der hohen Dividenden. Zudem agiert die Aufsicht zahnlos.

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