Asiens atomares Wettrüsten

Die Gefahr einer militärischen Intervention Chinas in Taiwan lässt Indien, Südkorea und Japan atomar aufrüsten. Auch in Taiwan denkt man über die Bombe nach.

Die taiwanesische Küstenwache präsentiert ihre „Hualien CG1006”. Die raketenbewehrte Fregatte verstärkt die Flotte zum Schutz der maritimen Sicherheit. Keelung, Taiwan, am 8. September 2025. Das Bild illustriert einen Artikel über Asiens atomares Wettrüsten.
Die taiwanesische Küstenwache präsentiert ihre „Hualien CG1006”. Die raketenbewehrte Fregatte verstärkt die Flotte zum Schutz der maritimen Sicherheit. Keelung, Taiwan, am 8.September 2025. © Getty Images
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Auf den Punkt gebracht

  • Eskalation. Taiwan reagiert auf Chinas regelmäßige militärische Provokationen und die Annexionsdrohungen mit Aufrüstung und Wehrpflichtverlängerung.
  • Allianzen. Japan und die Philippinen unterstützen Taiwan, Neu-Delhi befürchtet, China und Pakistan könnten sich gegen Indien verbünden.
  • Aufrüstung. Chinas 600 atomare Sprengköpfe alarmieren die Nachbarn; Indien stockt auf 180 auf, Südkorea, Japan und Taiwan erwägen Atomwaffen.
  • Risiko. USA und Taiwan warnen vor einer Invasion bis 2027. Xi Jinpings wird nur angreifen, wenn der Sieg sicher scheint. Vom Westen ist Geschlossenheit gefordert.

Wie der Volksmund sagt, kann selbst der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Die Menschen auf Taiwan würden gerne unbehelligt ihrem Alltag nachgehen, doch Peking gönnt ihnen diese Ruhe nicht. Seit Jahren verletzt die chinesische Luftwaffe immer wieder Taiwans Luftraum, chinesische Kriegsschiffe überqueren regelmäßig die Mittellinie in der Taiwanstraße – die faktische Grenze zwischen beiden Staaten. Machthaber Xi Jinping möchte die Insel mit der Volksrepublik „wiedervereinen“, wie er das nennt – obwohl die Volksrepublik China niemals über Taiwan geherrscht hat..

Strategische Abschreckung 

Taiwan reagiert auf die wachsende Gefahr einer Invasion durch das kommunistische China mit Aufrüstung. Der US-Kongress hat Waffenverkäufe an den kleinen Inselstaat im Umfang von elf Milliarden US-Dollar genehmigt. ­Investiert wird vor allem in flexible, drohnenbasierte Verteidigungssysteme, aber auch in U-Boote, die eine amphibische Invasion verhindern oder wenigstens erschweren sollen. Die Wehrpflicht wurde auf ein Jahr verlängert, zivile „Überlebenskurse“ für den Ernstfall sind ausgebucht. Die Inselgesellschaft bereitet sich vor.

Taiwans Nachbarn beobachten Pekings Gebaren mit wachsender Sorge. Die ehemalige Kolonialmacht Japan und die Philippinen stehen fest an der ­Seite Taipehs. Auch die USA signalisieren Unterstützung, selbst wenn immer wieder spekuliert wird, dass ein erratischer Präsident wie Donald Trump Taiwan in einem großen Deal mit Xi Jinping zum Verhandlungsobjekt machen könnte. Doch im US-Kongress genießt Taiwan parteiübergreifende Rückendeckung – eine seltene Einigkeit, die darauf hindeutet, dass Washington im Ernstfall nicht untätig bleiben würde.

Peking bereitet nach innen und außen ideologisch den Krieg gegen Taiwan vor.

Peking bereitet nach innen und außen ideologisch den Krieg vor. Staatsmedien behaupten unablässig, Taiwans Regierung strebe nach formeller Unabhängigkeit – was einer Kriegserklärung gleichkomme, weil es nur „ein China“ gebe. Auf Taiwan weist man das zurück. Die Insel versteht sich als souveräner Staat und letztes verbliebenes Territorium der Republik China, aus der Taufe gehoben 1912. Unabhängig erklären müsse man sich daher nicht. Eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung befürwortet den Status quo.

Atomares Wettrüsten längst im Gang

Doch mit der zunehmenden Kriegsrhetorik aus Peking wächst auf Taiwan die Bereitschaft, radikalere Optionen zu prüfen. Auf der Insel, von portugiesischen Seefahrern einst „La Formosa“ (die Schöne) genannt, wurden 2025 erste ernsthafte Überlegungen zum Bau eigener Atomwaffen bekannt. Hintergrund ist Chinas massive nukleare Aufrüstung: Von rund 280 Sprengköpfen im Jahr 2018 ist das Arsenal auf geschätzt 600 angewachsen, jährlich sollen etwa 100 weitere hinzukommen.

Pekings Aufrüsten ist vor allem Xi Jinpings Großmannssucht geschuldet. China soll über mindestens genauso viele Sprengköpfe verfügen wie Erzrivale USA (3.700) oder Busenfreund Russland (4.300). Dieses imperiale Denken bleibt nicht folgenlos für die Region.

Das regionale atomare Wettrüsten ist längst im Gang.

Chinas strategische Nähe zur Atommacht Pakistan – inklusive einer exklu­siven Route der „Neuen Seidenstraße“ – alarmiert Indien, das befürchtet, China und Pakistan könnten sich gegen Indien verbünden. Neu-Delhi, ohnehin im Dauerkonflikt mit Islamabad und in Grenzstreitigkeiten mit China verstrickt, vergrößerte im Jahr 2024 sein nukleares Arsenal auf 180 Sprengköpfe. Zum Vergleich: Pakistan verfügt aktuell über 170 Sprengköpfe.

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Zahlen & Fakten

Asien rüstet auf

China hat die Zahl seiner Atomsprengköpfe von rund 280 im Jahr 2018 bis heute auf rund 600 erhöht. Jetzt vergrößern auch andere Mächte in der Region ihr Atom-Arsenale.

Das regionale atomare Wettrüsten ist also längst im Gang. So wie in Taiwan wird längst auch in Südkorea und ­Japan über Atomwaffen diskutiert. Seoul sieht sich besonders durch das atomar bewaffnete Steinzeitregime des Kim Jong-un bedroht, das von Peking und Moskau an der Macht gehalten wird. Daher erwägen die Südkoreaner, erneut US-amerikanische Atomwaffen zu stationieren, so wie es bereits bis ins Jahr 1991 der Fall war.

Für besondere Unruhe sorgte Japans Premierministerin Sanae Takaichi, als sie im November 2025 erklärte, Japan würde einen Angriff oder eine Blockade Taiwans als Bedrohung der nationalen Sicherheit Japans werten und Taipeh deswegen zu Hilfe eilen – eine wichtige Klarstellung, weil Japans in der Verfassung festgeschriebener Pazifismus nur Verteidigung erlaubt und keinen Angriff.

Für Peking war am brisantesten, dass Japan nicht nur im Falle eines Angriffs, sondern auch im Fall einer See­blockade einschreiten würde. Was aus Tokios Sicht nachvollziehbar ist, schließlich passiert fast die Hälfte der globalen Containerflotte den Seeweg zwischen China und der vorgelagerten Insel. Würde Peking die Gewässer um Taiwan blockieren, käme rund die Hälfte des Welthandels zum Erliegen. Zudem hat Taiwan Energiereserven für nur vierzehn Tage – eine Seeblockade würde das Land rasch in die Knie zwingen.

Pekings Reaktion auf Takaichis Er­klä­rung folgte prompt: Tokios Botschaf­ter wurde einbestellt, Konzerte japani­scher Künstler wurden abgesagt, Chi­nesen durften nicht mehr in Japan urlauben.

Droht der Angriff 2027?

Der philippinische Präsident Ferdinand Marcos Jr. machte klar, dass jeder Versuch Chinas, Taiwan zu erobern, auch sein Land betreffen würde. Er gestattete den USA den Ausbau von vier weiteren Militärbasen, von denen aus Taiwan schnell zu erreichen ist. Die Philippinen, Taiwan und Japan bilden die sogenannte erste Inselkette demokratischer Staaten, die China den Zugang zum Pazifik verwehren können. Sie eint der Wille, Peking auf keinen Fall die Kon­trolle über die Gewässer der Region zu überlassen.

Für Xi Jinping zählt nur eines: Kann er sicher gewinnen oder nicht?

US-Sicherheitsbehörden und Taiwans Präsident Lai Ching-te warnen vor einem möglichen Angriff im Jahr 2027, wenn die Modernisierung der chinesischen „Volksbefreiungsarmee“ abgeschlossen sein soll. Ob Peking tatsächlich auf ein derart offen kommuniziertes Datum setzen würde, ist jedoch mehr als fraglich.

Für Xi Jinping zählt letztlich nur eines: Kann er sicher gewinnen oder nicht? Putins gescheiterter Feldzug in der Ukraine dient ihm als abschreckendes Beispiel. Wenn ein Taiwan-Feldzug, der aufgrund von Wetter und Meeresströmungen nur während zweier Zeitfenster im April und Oktober stattfinden kann, vor den Augen der Welt zu einem Desaster wird, wäre auch sein historisches Erbe zerstört.

Xi Jinping hat Asien in ein atomares Wettrüsten getrieben, das im Westen kaum wahrgenommen wird. Gemeinsam mit Wladimir Putin und Kim Jong-un strebt er eine Weltordnung an, in der autoritäre Mächte ihre Einflusszonen diktieren. Je entschlossener dieses Projekt verfolgt wird, desto mehr ist Taiwan, Südkorea und Japan zu empfehlen, sich diese bösen Nachbarn mit Atomwaffen vom Leib zu halten.

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Conclusio

Imperialismus. China möchte Taiwan seinem Staatsgebiet einverleiben. Xi Jinpings anhaltende militärische Provokationen treiben ganz Asien dazu, bestehende nukleare Kapazitäten auszubauen oder über atomare Optionen nachzudenken.

Welthandel. Die Straße von Taiwan ist eine der wichtigsten Routen der globalen Containerschifffahrt. Würde Peking Taiwan blockieren, kämen große Teile des Welthandels zum Er­liegen, was auch für Europa massive wirtschaftliche Folgen hätte.

Abschreckung. Von der weiteren Entwicklung in Taiwan hängen die künftige Weltordnung und der Wohlstand des Westens ab. Glaubwürdige Abschreckung ist ein probates Mittel, sich Nachbarn mit Annexions­gelüsten vom Leib zu halten

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