Plädoyer für den Zweifel

Den Österreichern wird vorgeworfen, der Wissenschaft zu misstrauen. Doch für die verbreitete Skepsis gibt es gute Gründe: Dazu zählen staatlicher Zwang und die Abwertung Andersdenkender während der Corona-Pandemie. 

Illustration eines Fragezeichens bestehend aus Corona-Viren
Der Umgang mit der Corona-Pandemie hat Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Wissenschaften erwachsen lassen. © Getty Images
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Auf den Punkt gebracht

  • Eigenschuld. Die viel kritisierte Wissenschaftsfeindlichkeit der Österreicher wurde von der Politik und der Wissenschaft selbst verursacht.
  • Maulkorb. Während der Corona-Pandemie gab es keinen offenen Diskurs, andere Meinungen wurden abgewertet oder ausgeklammert.
  • Skepsis. Dieser restriktive Stil ­sorgte für Misstrauen in weiten Teilen der Bevölkerung und schürte Zweifel an der Wertfreiheit der Wissenschaften.
  • Abhängigkeit. Die Indienstnahme der Wissenschaft durch Ökonomie und Politik ist längst Realität, sollte aber zurückgeschraubt werden.

Medien haben die Aufgabe, zu informieren. Ihr Auftrag besteht darin, einen möglichst umfassenden Überblick zu einem bestimmten Thema zu geben. Sobald Medienberichterstattung die öffentliche Meinung beeinflussen will, wird dieser Auftrag in einer totalitären Hinsicht unterwandert. Das ist in den Corona-Jahren zweifellos passiert. Auch die derzeit so oft beklagte Skepsis vieler Österreicher gegenüber der Wissenschaft hat einen plausiblen Hintergrund. Das Misstrauen dürfte dem Verhalten vieler Wissenschaftler und Experten und deren Inanspruchnahme durch die Politik, unterstützt von den Medien, während der Corona-Krise geschuldet sein.

Mehr Wissenschaftliches

Die meisten Menschen in diesem Land werden wohl noch immer an wissenschaftliche Aussagen glauben; aber eben nur an jene, die ihre persönliche Einstellung widerspiegeln. Es ist also in erster Linie die Politik, die durch ihre Expertenauswahl und ihren Umgang mit Andersdenkenden große Teile der Bevölkerung dazu gebracht hat, eine ablehnende Haltung gegenüber der Wissenschaft einzunehmen.

In der Wissenschaft gilt der Zweifel als Ausgangspunkt für neue Erkenntnisse und wird methodisch abgearbeitet. Zweifel ist der Wissenschaft immanent: Ohne Zweifel gibt es keine Wissenschaft, keinen erkenntnisgeleiteten Fortschritt. Jedes Ergebnis, egal ob materieller oder geistiger Natur, ist ohne Skepsis als „Arbeitsmethode“ nicht wissenschaftlich, weil alle Ergebnisse prinzipiell hinterfragt werden müssen. Jede wissenschaftliche Begründung hat immer nur einen bestimmten Geltungsbereich und gilt nur für einen bestimmten Zeitraum.

Offener Diskurs fehlte

Leider haben sich auch Wissenschaftler dazu hergegeben, die Meinungen von Kollegen zu diskreditieren, anstatt von der Politik einen offenen Diskurs einzufordern. Weite Teile der Bevölkerung lehnten den restriktiven Stil ab, der von etlichen Wissenschaftlern mitgetragen wurde. Das dadurch entstandene Misstrauen hat sich auf die Wissenschaft als solche, speziell aber auf die Biowissenschaften und die Medizin, übertragen. Ohne Zwangsandrohungen und Diskursverweigerung aus der Gleichung herauszunehmen, kann kein versöhnliches Miteinander gestaltet werden.

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Zahlen & Fakten

Freilich hat dieses Misstrauen weit über die Corona-Krise hinaus auch historische Gründe: Bereits in der frühen Neuzeit führte die Emanzipation der Wissenschaft von Theologie und Religion zur Auffassung, dass uns die Wissenschaften, vor allem die Naturwissenschaften, eine noch nie da gewesene Macht über die Welt und den Menschen verleihen können. Charakteristisch hierfür sind die Auffassung von Francis Bacon, „Denn auch das Wissen selbst ist Macht“, und die Devise von René Descartes, Wissen mache uns zu „maîtres et possesseurs de la nature“ (dt. „Herren und Besitzern der Natur“).

Wissen und Macht

Gleichzeitig bekam die kirchliche Macht spätestens seit Niccolò Machiavelli Konkurrenz durch säkulare politische Macht. Zudem wurde die Methodik der Naturwissenschaften in einer Quantifizierung der Natur und ihrer Gesetze gesehen. Unmissverständlich hat dies Galileo Galilei ausgedrückt: „Alles, was messbar ist, messen, und was nicht messbar ist, messbar machen.“ Im 20. Jahrhundert wurde dieser Gedanke von Max Weber neu belebt durch die Feststellung der „Entzauberung der Welt“, die von der Überzeugung geleitet war, „daß man vielmehr alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne“.

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Zahlen & Fakten

Wissenschaftliche Tätigkeit erfolgt nicht unabhängig von politischen Zielsetzungen, ökonomischen Interessen und sozialen Entwicklungen. Die alte These von der Wertfreiheit der Wissenschaft lässt sich schon lange nicht mehr aufrechterhalten. Bereits die Auswahl der Fragestellungen sowie die angesichts der riesigen Forschungsinstitutionen benötigten finanziellen Mittel in Milliardenhöhe machen eine von ökonomischen Interessen unabhängige Forschung unmöglich.

Wissenschaft als Ideologie

Die oft verkündete Zweckfreiheit der Wissenschaft und die Auffassung, sie sei einer regulativen Idee der Wahrheit verpflichtet, ist angesichts ihrer Indienstnahme durch Ökonomie, Politik und gesellschaftliche Interessen längst verblasst. Wissenschaft ist zu einem Funktionssystem innerhalb des gesellschaftlichen Ganzen geworden – wobei die bereits von Jürgen Habermas genannte Gefahr, eine Ideologie zu werden, schon lange Wirklichkeit ist.

Die benötigten finanziellen Mittel in Milliardenhöhe machen eine von ökonomischen Interessen unabhängige Forschung unmöglich.

Hinzu kommt die Bevorzugung eines szientistischen Wissenschaftsmodells, das die Vielfalt verschiedener Wissenschaftskulturen völlig vernachlässigt. Dass Geistes- und Sozialwissenschaften eine andere Kultur, Methodik und Systematik aufweisen, ohne damit den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit aufzugeben, wird nur selten ernst genommen. Bereits in den 1930er-Jahren hatte Karl Popper das Verifikationsmodell des logischen Empirismus (Wiener Kreis) überzeugend kritisiert und darauf verwiesen, dass Wissenschaft ein prozessuales Geschehen sei, das immer nur Hypothesen und Theorien aufstellen könne und damit allenfalls Annäherungen an die Wahrheit erreicht würden. Mit anderen Worten: Letztgültige Wahrheiten gibt es nicht.

Noch weiter reichen die Theorien eines Teils der Popper-Schüler und -Kritiker wie Thomas S. Kuhn, Imre Lakatos und Paul Feyerabend, die für einen Paradigmenwechsel innerhalb der Wissenschaften durchaus auch irrationale Faktoren verantwortlich machen. Feyerabends „anarchistische“ Erkenntnistheorie lässt auch durchaus außerwissenschaftliche Zugänge wie etwa Mythen oder alternative Heilmethoden gleichwertig neben wissenschaftlichen Methoden gelten. Dass der Zugriff auf Wirklichkeit zudem immer von einem lebensweltlichen Vorverständnis getragen ist und dass „Faktenchecken“ und „Zahlenspielereien“ daher immer nur einen begrenzten Bedeutungshorizont aufweisen können, ist diesem szientistischen Reduktionismus fremd.

Es gilt das Prinzip der Fehlbarkeit

Für jede wissenschaftliche Tätigkeit gilt ein Ethos, das auf den Prinzipien der Überprüf- und Nachvollziehbarkeit, der Fehlbarkeit und der Anerkennung anderer Methoden und Ergebnisse beruht. Gerade Letzteres ist in der Unterdrückung des wissenschaftlichen Diskurses während der Corona-Pandemie verhindert worden. Dazu kommt, dass aus wirtschaftlichen Gründen sehr oft jene Studienergebnisse nicht veröffentlicht werden, die nicht zum erwünschten Resultat geführt haben. In der Corona-Pandemie wurden Impfstoffe vorschnell, ohne genügend kontrollierte Studien, zur Verwendung freigegeben.

Dass die Veröffentlichung von gefälschtem oder unvollständigem statistischen Material gegen ein solches Ethos verstößt, ist ebenso eine Selbstverständlichkeit wie das Plagiieren fremder Forschungsergebnisse. Darüber hinaus werfen verschiedene Forschungsbereiche fundamentale ethische Fragestellungen auf wie etwa Embryonenforschung, Klonen, Transplantationen, Nanotechnologie, künstliche Intelligenz oder Hirnexperimente – Bereiche, die schwerwiegende gesellschaftliche Veränderungen auslösen.

Verstöße gegen das Ethos

Viele Wissenschaftstheoretiker der Moderne haben davor gewarnt, der Wissenschaft eine quasi religiöse, unfehlbare Aura anzudichten. Dies trifft besonders auf die Medizin zu, die einen ganz eigenen Wissenschaftscharakter aufweist. Zumindest seit ihren abendländischen Anfängen ist sie immer sowohl als scientia (Heilkunde) als auch als ars (Heilkunst) verstanden worden. Sieht man von rein naturwissenschaftlichen, in Laboratorien vollzogenen Experimenten ab, erschöpft sich das Handlungsziel der Medizin nicht bloß in reinem Erkenntnisgewinn, sondern verfolgt vielmehr Heilung von Krankheit, Linderung von Schmerzen und Leid sowie Prävention. Damit erweist sie sich als praktische Wissenschaft, als Handlungswissenschaft. Sie ist mehr als eine angewandte Naturwissenschaft; klinische Lehre und Erfahrung spielen in ihr eine wichtige Rolle.

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Zahlen & Fakten

Darum ist für die Medizin auch die „Evidenz“, wie sie in der Impfkampagne immer wieder beschworen wurde, durchaus zwiespältig zu betrachten. Die sogenannte „evidence-based medicine“, die auf einem riesigen Datenmaterial aufbaut, sieht den Menschen nicht als leidenden Patienten, sondern als statistische Größe, ähnlich wie dies in der Covid-Pandemie der Fall war.

Zwischen einer kritiklosen Wissenschaftsgläubigkeit und dem schlichten Leugnen wissenschaftlicher Erkenntnisse gilt es einen Weg zu finden, auf dem die Verantwortung über das eigene Leben und die eigene Leiblichkeit weder an die Politik noch an die Wissenschaft delegiert werden muss. Dazu bedarf es aber eines Eingeständnisses der grundsätzlichen Fallibilität sowohl des politischen Handelns als auch des Umgangs mit der Wissenschaft. Ein wenig Bescheidenheit wäre auf allen Seiten ein guter Anfang.

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Conclusio

Die aktuelle Debatte über Wissenschaftsfeindlichkeit der Bevölkerung vernachlässigt einen wichtigen Punkt: Die Wissenschaft selbst hat sich während der Corona-Pandemie vor den Karren der Politik spannen lassen und durch die Diskreditierung Andersdenkender eine ablehnende Haltung in Teilen der Bevölkerung hervorgerufen. Gerade Zwangsandrohungen und andere restriktive Maßnahmen fördern ein Misstrauen gegenüber der Wissenschaft. Forschung ist nicht wertfrei, schon die Fragestellung und die Zuwendung öffentlicher Mittel beeinflussen die Ergebnisse ebenso wie die Forderungen der Gesellschaft und der Ökonomie. Während Corona wurde jedoch so getan, als könnte die Wissenschaft eine Wahrheit mit Anspruch auf Letztgültigkeit liefern. Das hat dem Vertrauen in Wissenschaft und Politik massiv geschadet.

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