Wo Geiz geil ist
Figuren, die nie genug bekommen können, sind unsympathisch. Dagobert Duck jedoch führt uns vor Augen, dass selbst der Geizigste liebenswert erscheinen kann, wenn das Kontrastmittel fehlt.

Geiz schadet am meisten dem Geizigen. – Hätten wir gern! Ob es so ist, kann weder bewiesen noch widerlegt werden. Den Menschen zu betrachten, ohne dass wir dabei einmahnen, wie er sein soll, ist nicht leicht. Wenn wir ihn beschreiben wollen, wie er ist, müssen wir uns frei machen von Moral und Wunsch.
Mehr von Michael Köhlmeier
Wir können uns vielleicht einen liebenswürdigen Neidhammel denken, aber keinen liebenswürdigen Geizkragen. Neid blickt auf die anderen, der Geiz nur auf sich selbst. Und doch begegnet uns in der Literatur eine Figur, die wir ins Herz schließen, die doch der Inbegriff, die Personifikation des Geizes ist: Dagobert Duck.
Der Geizigste als Beliebtester
In seiner Sprache heißt er Uncle Scrooge, und er ist eine Erfindung von Carl Barks. Lange kannte niemand den Namen des einflussreichsten Zeichners des Cartoon-Konzerns. Walt Disney duldete keinen anderen neben sich. Vorbild für den reichsten Mann der Welt, der zugleich der geizigste ist, war Ebenezer Scrooge, der Protagonist aus der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens. Der Unterschied zu Dagobert: Ebenezer ist nicht liebenswert, nicht einmal am Ende, nachdem er sich bekehrt hat. Wir vergessen nicht, wie er seinen ehemaligen Teilhaber behandelte. Geiz ist keine Eigenschaft, die man ablegen kann. Geiz ist der Charakter.
Entenhausen ist der gnadenloseste Spiegel der amerikanischen Gesellschaft – und auch unserer.
Nun lehrt uns das Leben in Entenhausen etwas Seltsames: Wie ein Charakter auf uns wirkt, wie wir ihn beurteilen, hängt nicht von ihm ab, sondern davon, ob es in der Gesellschaft, in der er lebt, wenigstens einen gibt, der anders ist, der etwas anderes will, der eine andere Sicht auf die Welt hat.
In der Geschichte von Dickens gibt es mehrere solche, in Entenhausen, wo Dagobert Duck lebt, existiert keiner. Die Geschichten um Donald, Daisy, Gustav Gans und eben Dagobert kennen nur ein Thema: Geld. Alle wollen nur eines – Geld. Dagobert ist der Erfolgreichste. Er wird beneidet, aber niemand wirft ihm seinen Geiz vor, und wenn, dann schwindelt derjenige, und es kommt raus. In der Gesellschaft der Geizigen ist der Geizigste der Beliebteste. Fast so beliebt wie der Erfolgloseste unter den Geizigen, nämlich Donald. In einer Welt, die als einzigen Wert nur das Geld kennt, ist der Geiz das beste Programm. Geiz ist wahrhaft geil.
Besonders liebenswürdig wird Dagobert, wenn sein Geiz so groß ist, dass er sich selbst im Weg steht. Er möchte ein vor langer Zeit gesunkenes Schiff heben, in dem ein riesengroßer Goldschatz versteckt liegt. Er stellt eine sündteure Expedition zusammen, findet aber den Ort nicht, weil er sich eine veraltete Karte besorgt hat. Eine aktuelle hätte fünfzig Kreuzer mehr gekostet. „Hast du eine Ahnung, wie viel Geld das ist!“, schreit er Donald an.
Der Schweinehund unter Schweinehunden darf getrost ein Schweinehund sein. Wenn niemand ihm Kontra bietet, wird sein Verhalten zu einer vorbildlichen Charaktereigenschaft. Das Dunkle braucht das Helle, damit es als das Dunkle erkannt werden kann. Entenhausen ist der gnadenloseste Spiegel der amerikanischen Gesellschaft – und auch unserer. In jeder noch so kleinen amerikanischen Stadt gibt es mindestens ein halbes Dutzend Kirchen, auf dem Dollar ist das Auge Gottes abgebildet, ein zentraler Satz des Evangeliums lautet: Kein Reicher geht ein ins Himmelreich. In Entenhausen gibt es keine Kirche, keine Synagoge, keine Moschee, keinen Pfarrer, keinen Rabbi, keinen Imam. Im Zentrum der Stadt steht Onkel Dagoberts Geldspeicher.
Es kommt nicht darauf an, wer der Schönste im ganzen Land ist oder der Klügste, sondern wer der Reichste.
Wo Geld das Ein und Alles ist, Alpha und Omega, dort gibt es nur eine schlechte Eigenschaft: die Bescheidenheit. Der Reiche darf cholerisch sein, mitleidlos, verrückt, grausam, er darf andere demütigen, verspotten, er darf primitiv sein, ungebildet, ohne Manieren – alles wird ihm vergeben, nur eines nicht: Er darf seinen Reichtum nicht verlieren. Es kommt nicht darauf an, wer der Schönste im ganzen Land ist oder der Klügste, sondern wer der Reichste.
Den Wettstreit gegen Mac Moneysac, den Zweitreichsten – auch er eine Erfindung von Carl Barks –, gewinnt Dagobert, nachdem zwar ein Gleichstand von Geld und Gütern herrscht, er aber um zwanzig Zentimeter mehr Bindfaden vorweisen kann. Mac Moneysac wird nicht nur zum Gespött, er ist auch kein guter Mensch mehr. Es gibt keine Moral in Entenhausen. Ob gut oder böse, wird anhand des Kontostandes festgestellt. Geiz ist eine gute Eigenschaft.
Arme Ente, guter Mensch
Donald kann nicht mithalten, und dennoch lieben wir ihn am meisten. Das ist aber kein Trost, nach dem Motto: Man kann auch ohne Geld ein guter Mensch sein. Schon, aber nur, wenn man den reichsten Mann der Welt zum Erbonkel hat. Donald führt ein Sisyphos-Dasein: Er verliert immer, aber er gibt die Hoffnung nicht auf. Er weiß es nicht, aber wir wissen es: In Entenhausen wird nicht gestorben. Er wird ewig auf das Erbe warten.
Aus unserer Gunst fallen würde Donald erst, wenn er den Hut draufhaut und in seiner unvergleichlich cholerischen Art brüllt: Ich verzichte! Das wird nicht geschehen. Ebenso wenig wie der Stein von Sisyphos jemals oben auf dem Berg bleiben wird. Geiz und Gier halten das Werk am Laufen. Amen.