Mit Kernkraft gegen den Klimawandel

Atomkraft kann einen wirksamen Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel leisten. Zunehmend mehr Menschen haben das auch verstanden. Um auch die letzten Bedenken auszuräumen, brauchen wir eine Transparenz-Offensive.

Illustration von Atomkraft und Klimawandel: Man sieht ein Atomkraftwerk, das statt Abgase grüne Pflanzen als Wolken emittiert.
Moderne Kernkraft kann dem Klima gut tun. © Antonio Sortino/Synergy Art
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Auf den Punkt gebracht

  • Vorteil Kernkraft. Atomkraftwerke arbeiten ohne klimaschädliche Gase in die Atmosphäre der Erde zu emittieren.
  • Realistische Betrachtung. Ohne den Einsatz von Kernenergie wird das Erreichen der Klimaziele unwahrscheinlich.
  • Aufholbedarf. Um das technische Verständnis für Kernkraft zu fördern, sollten die Grundlagen bereits in der Schule gelegt werden.
  • Globale Differenzen. Die Skepsis gegenüber Kernenergie im deutschsprachigen Raum ist weltweit gesehen ein Sonderfall.

Eine rote lachende Sonne, die auf einem gelben Hintergrund prangt, versehen mit dem Schriftzug „Atomkraft? Nein, danke“. So sieht eines der weltweit bekanntesten Logos aus. Anhänger der Umweltbewegung haben es in den 1970er-Jahren erfunden. Im Sinne des Klimaschutzes sollte auf den Stickern „Ja, bitte“ stehen.

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Doch Klimaforscher werden seit Jahren lauter: Nur wenn es der Welt gelingt, den Verbrauch fossiler Brennstoffe in den nächsten 30 Jahren drastisch zu reduzieren, kann ein potenziell katastrophaler Wendepunkt für unseren Planeten verhindert werden. Teil der Lösung dieses Problems muss Nuklearenergie sein, denn im Gegensatz zu fossilen Energieträgern stoßen Kernkraftwerke im Betrieb kein Kohlendioxid (CO2) aus. Sie funktionieren im Betrieb klimaneutral. Kohlendioxid wird von vielen Wissenschaftlern und Regierungen als wichtigster Grund für eine vom Menschen verursachte Erderwärmung gesehen.

Kernkraftwerke können eine stabile Stromversorgung garantieren.

Beginnen wir aber von vorne: Warum ist es überhaupt so essenziell, fossile Energieträger zu ersetzen? Zwei Drittel der weltweiten Treibhausgasemissionen entstehen durch die Erzeugung und Nutzung von Strom. Mit Erneuerbaren allein kann die Stromversorgung aber nicht sichergestellt werden – schon gar nicht in Hinblick darauf, dass der Bedarf in Zukunft weltweit steigen wird. Die Kernenergie als CO2-freie Technologie hingegen kann das leisten.

Kernenergie und Erneuerbare sind keine Konkurrenten

Zwar werden auch erneuerbare Energien wie Wind- und Solarenergie zur klimafreundlichen Stromerzeugung in Zukunft an Bedeutung gewinnen, sie sind aber – anders als die Kernenergie – nicht grundlastfähig. Das heißt, sie können die Stromversorgung nicht zu jedem Zeitpunkt, unabhängig von Regen, Sonnenschein oder Windstille sicherstellen. Es fehlen derzeit außerdem die Speicher für die erneuerbaren Energien. Als Konkurrenten sollte man Kernenergie und Erneuerbare dennoch nicht betrachten. Vielmehr können Kernkraftwerke das Potenzial von erneuerbaren Energien sogar unterstützen, indem sie die schwankende Produktion von Letzteren ausgleichen und somit eine stabile Stromversorgung sowie ein sicheres Netz garantieren – ohne dabei CO2 auszustoßen.

Gemeinsam mit allen CO2-neutralen Energieträgern an einer Lösung zu arbeiten, dafür setzt sich auch das European Nuclear Society-Young Generation Network (ENS-YGN) ein, deren Vorsitzender ich bin. Unsere Plattform hat sich der Nachwuchsförderung und dem Austausch der jungen Generation in der Kerntechnik auf europäischer Ebene verschrieben. Eine unserer Botschaften lautet: „Go Green, Go Nuclear“. Die Kernenergie aufgrund ideologischer Standpunkte als Technologie auszuschließen, halten wir für grundlegend falsch. Dass das – zumindest im deutschsprachigen Raum – dennoch passiert, ist aus wissenschaftlicher und technologischer Sicht nicht nachvollziehbar. Wer die Fakten nüchtern betrachtet, wird feststellen, dass viele Argumente für die Kernenergie sprechen.

Schon heute wird durch die in derzeit 30 Ländern gewonnene Kernenergie die Kohlendioxidemission um etwa zwei Gigatonnen pro Jahr reduziert. Das führt Rafael Mariano Grossi, Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO), im Vorwort zur Veröffentlichung Climate Change and Nuclear Power 2020 aus. Das ist so viel, als würde man jährlich 400 Millionen Autos von den Straßen bringen. Während die Kernenergie heute rund zehn Prozent der weltweiten Strommenge liefert, hat sie einen Anteil von fast 30 Prozent am gesamten kohlenstoffarmen Strom. Eine kohlenstoffarme Zukunft, wie sie von Staats- und Regierungschefs angestrebt wird, ist ohne die Kernenergie nicht möglich. Im Gegenteil: Reduzieren Länder die Nutzung der Kernenergie, steigen ihre Treibhausgasemissionen.

Anti-Stimmung im DACH-Raum

Nun ist es aber so, dass die Ablehnung der Nuklearenergie seit jeher Bestandteil aller großen Umweltbewegungen war. In der 68er-Generation, die gegen Kernenergie demonstriert hat, ist diese negative Haltung zur Kernenergie noch bis heute verwurzelt. Die Anti-Stimmung, die es vor allem in Deutschland, der Schweiz und in Österreich gegenüber der Kernenergie gibt, tritt in den genannten Ländern auch in anderen gesellschaftlichen Fragen zutage. Die vehemente Ablehnung von Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie ist im weltweiten Vergleich im deutschsprachigen Raum – in Wahrnehmung – zumindest auffällig, ebenso verhält es sich mit der großen Anzahl an Impfgegnern.

Diese vorherrschende Skepsis wurde auch nach dem 2011 durch einen Tsunami ausgelösten Reaktorunfall im japanischen Fukushima sichtbar. Obwohl unsere Breitengrade von diesem Störfall nicht betroffen waren, wurden im DACH-Raum die meisten Artikel darüber veröffentlicht. Und schließlich auch folgeträchtige Entscheidungen getroffen – der Unfall war maßgeblich für das Ende der Kernkraft in Deutschland; der Atomausstieg bis 2022 wurde beschlossen. Japan, selbst von den Folgen Fukushimas betroffen, hat sich dazu entschieden, einen anderen Weg einzuschlagen. Erst im vergangenen Jahr gab der damalige Ministerpräsident Yoshihide Suga das Ziel aus, bis 2050 klimaneutral zu werden. Um dieses zur erreichen, will Japan viele der nach dem Unfall von Fukushima abgeschalteten Atommeiler wieder in Betrieb nehmen. Der Anteil der Kernenergie am Energiemix soll bis 2050 von heute sechs auf 22 Prozent steigen.

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Zahlen & Fakten

Klimaneutral mit Atomkraft

Wie die Bevölkerung zur Kernenergie steht, hängt also sehr stark davon ab, wo man auf dem Planeten steht. Ich gehe sogar so weit und behaupte, dass in vielen Ländern ihr Nutzen stärker gewichtet wird als ihre potenzielle Gefahr. Das ist zum Beispiel in Osteuropa, in den slawischen und südslawischen Ländern der Fall oder in China, wo derzeit neue Kernkraftwerke entstehen. In Europa gilt beispielsweise Frankreich bis heute als Nuklearnation, rund 80 Prozent seiner benötigten Stromproduktion erzielt das Land aus der Kernkraft. Der französische Präsident Emmanuel Macron meint dazu: „Unsere ökologische und energetische Zukunft hängt auch von der Kernenergie ab.“

Auch in Finnland, das bis 2035 klimaneutral sein will, gewinnt die Kernenergie in diesem Zusammenhang zunehmend an Bedeutung. Auf der finnischen Halbinsel Olkiluoto entsteht derzeit mit breiter Unterstützung der Bevölkerung 500 Meter tief im Gestein die weltweit erste Endlagerstätte für hoch radioaktive Brennstäbe von Atomkraftwerken. Der Abfall soll dort 100.000 Jahre gelagert werden können. Wie Simulationen gezeigt haben, ist der Anteil der Radioaktivität, der im Fall eines Erdbebens aus der Tiefe an die Oberfläche tritt, nur geringfügig. Die Kernenergie als bedeutenden Teil des Energiemixes soll laut der sozialdemokratischen Regierungschefin Sanna Marin dabei helfen, den Sprung von fossilen Energieträgern zu den Erneuerbaren zu schaffen. Diese Strategie wird in Finnland auch von den Grünen unterstützt. Das ist deswegen ungewöhnlich, weil es vor allem grüne Parteien sind, die für einen „Atomkraft? Nein, danke“-Kurs bekannt sind.

Kernenergie-Befürworter im Norden

Ähnliche Tendenzen lassen sich im Nachbarland Schweden beobachten. Im Kampf gegen den Klimawandel steigt auch dort die Zahl der Kernenergie-Befürworter. Laut einer Untersuchung der Universität Göteborg waren im Jahr 2019 über ein Fünftel (21 Prozent) der Schweden dafür, in den Ausbau der Kernenergie zu investieren. Im Jahr zuvor waren es noch 15 Prozent. Die Zahl jener, die einen Ausstieg befürworten, ist im gleichen Zeitraum von 19 auf 15 Prozent zurückgegangen. Dabei wollte das Land die Kernenergie ursprünglich schon hinter sich lassen: Das Parlament in Stockholm hatte 1980 beschlossen, bis zum Jahr 2000 aus der Atomkraft auszusteigen. Die Frist wurde auf 2010 verlängert, 2009 schließlich aber aufgehoben.

Heute sind in Schweden noch sechs Kernkraftwerksblöcke am Netz. Wie es mit ihnen weitergehen soll, darüber sind sich die politischen Parteien uneins. Es gibt jedoch ein parteiübergreifendes Bekenntnis zur CO2-freien Energie. Schon heute deckt Schweden seinen Energiebedarf zu 60 Prozent aus erneuerbaren Quellen. 40 Prozent des erzeugten Stroms stammen aus Wasserkraft. Genauso viel in etwa aus Kernkraftwerken. Die Energievereinbarung des Landes aus dem Jahr 2016 ohne Kernenergie zu erfüllen, ist nicht realistisch. Das darin festgeschriebene Ziel sieht vor, dass der Strom bis 2040 zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen erzeugt werden und es bis spätestens 2024 netto keine Emissionen von Treibhausgasen mehr geben soll.

Imagewandel bei Jungen

Da sich vor allem die junge Generation in den vergangenen Jahren besonders für den Klimaschutz stark gemacht hat, ist es wenig verwunderlich, dass sie der Kernenergie zusehends positiv gegenübersteht. Greta Thunberg etwa, Gesicht der jugendlichen Klimaprotestbewegung Fridays For Future, sorgte im Jahr 2019 mit einem atomkraftfreundlichen Facebook-Posting für Aufsehen. Auch im jüngsten Bericht des Weltklimarates (IPPC), der internationalen Beratungsorganisation für Klimafragen, wird eine Lanze für die Kernenergie gebrochen. Darin heißt es, dass es noch immer möglich sei, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Um die Treibhausgasemissionen im Energieversorgungssektor zu verringern, schlägt der IPPC unter anderem vor, die Energieversorgung von fossilen Brennstoffen auf Quellen mit geringen Treibhausgasemissionen umzustellen. Konkret genannt sind der Ausbau sowohl von Erneuerbaren als auch von Kernenergie. Laut IPPC entstehen bei der Stromgewinnung aus Kernenergie 60 Mal weniger CO2-Emissionen als bei Kohlekraftwerken. Sie schneidet diesbezüglich sogar besser ab als die Solarenergie.

Die Kerntechnik-Branche ist viel zu zögerlich, wenn es um Kommunikation geht.

Das Klimaziel der EU, das vorsieht, dass der Staatenbund seine CO2-Emissionen bis 2030 um mindestens 55 Prozent gegenüber 1990 reduziert, ohne Kernenergie zu erreichen, ist jedenfalls unwahrscheinlich. Denn es geht ja nicht nur darum, den Strom aus der Steckdose zu ersetzen. Sondern auch den Brennstoff auf den Straßen, für Flugzeuge und die Wärme in den Häusern. Länder, die einen hohen Anteil an Kernkraft in ihrem Energiemix haben, wie Frankreich oder Schweden, kommen schon heute den Klimazielen deutlich näher als beispielsweise Österreich.

Technisches Verständnis fördern

Um all diese Zusammenhäng besser verstehen zu können, wäre es wichtig, schon Kinder im Schulunterricht viel stärker an Gebiete wie die Naturwissenschaften, Technik, Mathematik oder Informatik heranzuführen. Das Thema Kernenergie wird zum Beispiel häufig ausschließlich in Verbindung mit nuklearen Katastrophen wie Tschernobyl angesprochen, was viel zu kurz greift. Zumindest im deutschsprachigen Raum sehen wir uns in diesem Punkt mit einer gewissen Technologiefeindlichkeit konfrontiert, die in letzter Konsequenz zu einem Wettbewerbsnachteil gegenüber anderen Ländern in Osteuropa oder Asien führen wird. 

Aber auch die Kerntechnik-Branche muss sich öffnen. Sie ist viel zu zögerlich, wenn es darum geht, proaktiv auf Menschen zuzugehen und mit ihnen zu kommunizieren.  Noch immer dominiert die Strategie, lieber nicht zu kommunizieren, aus Angst davor, dass etwas falsch ankommt. Bei mir selbst hat der Besuch eines Kernkraftwerks zu einem Sinneswandel geführt, weil ich gesehen habe, dass dort ganz normale Leute arbeiten; Mechaniker, Schweißer, Elektriker – ein ganz normaler Betrieb eben. Mir hat das gezeigt, dass Besucherzentren dazu beitragen können, den Menschen die Angst vor der Kerntechnologie zu nehmen. Ein Anliegen, das wir auch als ENS-YGN verfolgen, indem wir den offenen Dialog mit den Menschen suchen – unter anderem auf Klimademos.

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Conclusio

Um dem Klimawandel wirksam zu begegnen, sprechen sich viele Wissenschaftler für den Einsatz moderner Kernkraftwerke aus. Fakt ist aber, dass gerade in Deutschland und Österreich die Atomkraft auf heftige öffentliche Ablehnung trifft. Zwar nehmen die Bedenken gegenüber Atomenergie ab, aber für den Imagewandel muss bereits bei der Schulbildung angesetzt werden. Auch die Nuklearindustrie selbst ist gefordert und muss mehr in Aufklärung und Transparenz investieren.