Die verfolgte Konzernchefin

Gracia Nasi erbte und vergrößerte ein mächtiges Handelsimperium. Ihr Kapital und ihr diplomatisches Geschick nutzte sie, um hunderte Juden in Sicherheit zu bringen. Dabei war sie selbst ihr halbes Leben lang auf der Flucht.

Gedenkstein für Gracia Nasi zu ihrem 500. Geburtstag im Jahr 2010 in Tiberias.
Gedenkstein für Dona Gracia zu ihrem 500. Geburtstag im Jahr 2010 in Tiberias. © Avishai Teicher via the PikiWiki - Israel free image collection project

Dies ist eine Geschichte, in der es nur Superlative gibt: die reichste Frau der Renaissance, ein internationales Geschäftsimperium, Kreditgeberin der Könige. Aber auch ein spektakuläres Fluchtnetzwerk quer durch Europa – für Juden und für sich selbst. Eine Geschichte, die in Portugal beginnt und im Osmanischen Reich ihren Höhepunkt findet. Beatriz de Luna, wie ihr christlicher Name lautet, Gracia Nasi, wie sie sich nach der Tradition ihres Volkes nennt. Ihr Aufstieg zur erfolgreichsten Geschäftsfrau Europas liest sich wie ein Märchen.

Reichtum als Chance …

Die de Lunas, eine Familie aus Aragon, fliehen 1492 während der Vertreibung der Juden und Mauren aus Spanien nach Portugal. Doch auch hier müssen sie fünf Jahre später zum Christentum konvertieren, weshalb Gracia auf den christlichen Namen Beatriz getauft wird. Die Folge: Staatliche und kirchliche Autoritäten wissen nicht mehr, ob „Neuchristen“ wie sie nicht in Wirklichkeit Kryptojuden sind. Dies ist die Geburtsstunde der Inquisition. Zu diesem Zeitpunkt ist Gracia schon mit dem Juden Francisco Mendes verheiratet, der mit seinem Bruder Diogo ein Handelsimperium aufbaut. Die beiden profitieren vom Seeweg nach Indien, den Vasco da Gama zuvor für Portugal entdeckt hatte. Bald handeln sie mit ganz Europa und kontrollieren die Börse.

Im Jahr 1531 wird Diogo wegen Häresie verhaftet. Doch weil das eine ökonomische Kettenreaktion auszulösen droht, kommt er bald wieder frei. Trotzdem übersiedelt er jetzt nach Antwerpen.

Als Francisco 1535 stirbt, zieht seine erst 25-jährige Witwe Gracia ihrem Schwager Diogo hinterher und steigt als Franciscos Erbin als Partnerin ins Geschäft ein. Diogo erkennt ihr unternehmerisches Talent. Rechtzeitig vor seinem Tod macht er sie zur Verwalterin des Erbes seiner Frau (die zugleich Gracias Schwester ist). So wird Gracia Chefin des Hauses Mendes und verfügt über ein Vermögen, das heute zwischen 500 Millionen und einer Milliarde Dollar wert wäre. Damit spielt sie in der Liga der Fugger und Welser.

Ihr Aufstieg zur erfolgreichsten Geschäftsfrau Europas liest sich wie ein Märchen.

Antwerpen ist damals der Nabel der Welt, eine Art Silicon Valley der Renaissance, Zentrum des Seehandels, der Börse, der Künste und des Humanismus. Doch die Mendes’ sind keine Mäzene, kein Dürer befindet sich in ihrem Besitz. Sephardische Juden, ja selbst Neuchristen wagen in diesem Teil der Welt keinen repräsentativen Lebensstil, im Gegenteil: Nichts soll die Aufmerksamkeit oder den Neid der Mitmenschen erregen. Ihr Vermögen nutzen sie allein für ihre Sicherheit, ihr Überleben – und sei es durch Bestechung im großen Stil.

Denn die Zeiten sind unsicher für Juden wie Neuchristen. Gracia baut ein Fluchtnetzwerk für die vor der Inquisition aus Portugal fliehenden Glaubensbrüder auf. Auf ihren Handelsschiffen schmuggelt sie hunderte Passagiere nach Antwerpen und von hier aus, ausgestattet mit dem nötigen Kleingeld, in der Kutsche weiter über die Alpen nach Venedig und ins Osmanische Reich.

… und als Risiko

Auch für Gracia Nasi wird es in Antwerpen unbequem. Sie sieht sich mit finanziellen Begehrlichkeiten von höchster Stelle konfrontiert. Kaiser Karl V. und seine Schwester Maria, seit 1531 Statthalterin der habsburgischen Niederlande, glauben, das Haus Mendes zerschlagen und dessen Reichtum einkassieren zu können. So strengen sie ein Gerichtsverfahren gegen den verstorbenen Diogo an, wegen angeblichen Judaisierens – des Vorwurfs aller Inquisitoren.

Gracia kann das Verfahren durch geschickte Verhandlungen – und einen zinslosen Kredit von 100.000 Dukaten an den Kaiser – abwenden. Als weitere Forderungen gestellt werden, flieht Gracia. Zunächst nach Venedig, wo Juden aus aller Welt willkommen sind, auch wenn sie dort nicht immer gut behandelt werden. Kurz darauf wechselt sie nach Ferrara. Hier kann sie ihr Judentum zum ersten Mal offen praktizieren und nennt sich ganz offiziell Gracia Nasi. 1556 jedoch geht „La Señora“ schließlich, wie so viele sephardische Juden, ins Osmanische Reich.

1453 haben die Osmanen Byzanz erobert. Bei ihrer Ankunft ist Istanbul eine vibrierende Metropole mit 44 Synagogen. Nirgends geht es den Juden besser als im Reich der Sultane, deren Staat im 16. Jahrhundert zu einem der fortschrittlichsten und am besten verwalteten der Welt gehört – eine auf Toleranz aufgebaute Meritokratie mit einer multiethnischen Bevölkerung. Juden und Christen gelten als Dhimmi, als „Schutzbefohlene“, da sie auch über eine Heilige Schrift verfügen. Besonders Juden haben weitreichende Rechte – und jemand wie Gracia Nasi alle Chancen der Welt.

So werden die Jahre in Istanbul zu den erfolgreichsten der Doña Gracia Nasi. Unter den reichen jüdischen Händlern ist ihr Haus das wohlhabendste, und ihr europaweites Handelsnetz macht Gracia unersetzlich für die Osmanen, die ihre Schiffe für Geldtransfers nutzen. Endlich kann Gracia auch jenen aristokratischen Lebensstil führen, der ihrem Vermögen und ihrer Macht entspricht – mit einem fürstlichen Anwesen im Stadtteil Galata. Sie wird zur persönlichen Vertrauten des Sultans Suleiman des Prächtigen, der ihr ermöglicht, in der Stadt Tiberias am See Genezareth ein Gelände zu pachten, um dort eine jüdische Siedlung samt Jeschiwa, also einem Lehrhaus, zu gründen. Sogar die Stadtmauer dieser viertheiligsten Stadt des Judentums kann durch Gracia Nasi wieder aufgebaut werden.

Als Papst Paul IV. 25 Juden anklagt und verbrennen lässt, belegt die Konzernchefin das zum Kirchenstaat gehörende Ancona mit einem Handelsboykott. Solchen Widerstand hat vor ihr noch kein Jude und schon gar keine Jüdin gewagt. Ihren Neffen Joseph integriert sie frühzeitig in die Geschäfte und verheiratet ihn mit ihrer Tochter Ana. Er wird nach ihrem Tod 1569 eine wichtige politische Rolle unter Sultan Selim II. spielen, zum Herzog von Naxos aufsteigen und kinderlos sterben.

Selbst wenn damals weniger Juden nach Tiberias übersiedelten, als Gracia Nasi sich das vorgestellt hatte, so zeigen diese Unternehmung und der Boykott Anconas doch, welchen Weitblick, welches Durchsetzungsvermögen und welche wirtschaftliche Macht ihr Haus erlangt hatte.

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