Wie wichtig Salz für unsere Wirtschaft wirklich ist

Sehr viele Produkte wären ohne Salz nicht herstellbar, etwa Medikamente. Auch bei der Energiewende könnte der Salzabbau eine Rolle spielen.

Dutzende Salzhaufen verteilen sich über die glatte, weiße Fläche der Salar de Uyuni in Bolivien. Das Bild illustriert einen Beitrag über die Rolle von Salz für die Wirtschaft.
Der Salar de Uyuni in Bolivien ist mit mehr als 10.000 Quadratkilo­metern die größte Salzfläche der Welt. Jedes Jahr werden rund 25.000 Tonnen Salz abgebaut. © Getty Images
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Auf den Punkt gebracht

  • Vielfalt. Computerchips, etliche Medikamente, Glas, Papier, Solarpanels, Batterien und Wasseraufbereitung benötigen Salz.
  • Kunststoff. Sogar das allgegenwärtige Plastik PVC ist quasi ein Nebenprodukt aus dem überschüssigen Chlor, das bei der Salzverarbeitung entsteht.
  • Power. Natrium-Ionen-Batterien, deren Basis Salz ist, könnten das rare und umkämpfte Lithium in Batterien teilweise ersetzen.
  • Grün. Ausgeschöpfte Salzkavernen sind der optimale Speicherort für Wasserstoff und könnten somit bei der Energiewende eine wichtige Rolle spielen.

Was haben folgende Dinge gemein: ein Computerchip, ein Blatt Papier, ein Solarpanel, eine Batterie und die Rohre, die das Wasser aus Ihrem Spülbecken ableiten? Die Antwort: Keines dieser Produkte lässt sich ohne Salz herstellen. Das überrascht Sie? Wenn Sie an jene Stoffe denken, ohne die unsere moderne Zivilisation nicht funktionieren könnte, wäre Salz vermutlich nicht sehr weit oben auf Ihrer Liste. Sicher, wir alle wissen, dass wir Salz brauchen, um unseren Körper am Laufen zu halten – so wie wir auch Wasser brauchen. Sie wissen vielleicht auch, dass Salz lange Zeit eine der wertvollsten Substanzen der Welt war. Aber die enorme Bedeutung, die das Mineral bis heute hat, ist den meisten Menschen nicht bewusst. 

Weißes Gold

Die Gewinnung von Salz aus Meerwasser oder aus Solequellen, die aus dem Boden sprudeln, war über Jahrhunderte ein enorm zeit- und energieaufwendiger Prozess. Deshalb waren die Produzenten oft sehr mächtig. Nicht ohne Grund gehörte Salz zu den ersten Rohstoffen der Welt, die von Regierungen besteuert und von Despoten begehrt wurden. Wer das Salz kontrollierte, konnte sein Volk beherrschen.

Heute ist Salz eines unserer billigsten Grundnahrungsmittel. Aber es kommt immer noch größtenteils aus dem Erdreich. Und es ist so wichtig wie eh und je. Das Salz, das Sie über Ihre Pommes streuen, macht nur einen winzigen Teil seiner Verwendung aus. Der Großteil geht woanders hin: etwa in die chemische Industrie, wo es in eine Vielzahl von Stoffen umgewandelt wird, die die moderne Welt am Laufen halten. Ein Teil des Salzes wird in Form von Sole in Elektrolyseure gepumpt und zu unterschiedlichsten Chemikalien – darunter Chlor und Natronlauge (Natriumhydroxid) – verarbeitet. Diese sind wichtige Bausteine für die meisten weltweiten Pharmazeutika.

Salz war einer der ersten Rohstoffe, die von Regierungen besteuert und von Despoten begehrt wurden.

Ein Teil des Salzes wird in Fabriken in Soda (Natriumkarbonat) umgewandelt, eine weitere unterschätzte Chemikalie, ohne die vieles, was wir als selbstverständlich ansehen, nicht möglich wäre. Ohne Soda kann man weder Glas noch Papier, noch Seife herstellen.

Lebensnotwendige Substanz

Nicht umsonst nannten die Römer vor Tausenden von Jahren ihre Göttin der Gesundheit Salus – der Name ist eine Anspielung auf das lateinische Wort für Salz: sal. Und nicht umsonst gaben sie jedem ihrer Soldaten eine Ration Salz; daher kommt auch das moderne Wort „Salär“. Salz galt schon damals als wesentlicher Bestandteil des Lebens. Aber es ist heute genauso wichtig wie in der Antike – mit dem Unterschied, dass es uns jetzt nicht mehr so bewusst ist wie den Menschen damals.

An manchen Orten wird die Abhängigkeit sehr deutlich: Kürzlich besuchte ich eine Anlage, in der ein Chemieunternehmen Salzwasser durch einen Elektrolyseur leitet, der die Verbindung aufspaltet und in das Chlor verwandelt, das 98 Prozent des britischen Leitungswassers reinigt. „Wenn diese Anlage unerwartet ausfällt, muss das Land innerhalb von sieben Tagen Trinkwasser rationieren“, verriet mir einer der dort arbeitenden Männer.

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Zahlen & Fakten

Die Welt des Salzes

Weltweit werden Berge versetzt, um an Salz zu kommen. Viele Tonnen landen als Streugut auf den Straßen, kleine Prisen auf den Frühstückseiern. Der Weltmarkt ist mehr als 30 Milliarden Dollar schwer.

  • Weltweit werden pro Jahr rund 290 Millionen Tonnen Salz produziert.
  • China ist mit einem Marktanteil von 22 % der größte Salzproduzent, gefolgt von Indien (15 %), den USA (14 %) und Deutschland (5 %).
  • Prognosen zufolge wächst der Salzmarkt von heute rund 33 Milliarden Dollar auf 49 Milliarden Dollar 2030 – getrieben durch industrielle Nachfrage.
  • Eine Prise (von französisch: „das Genommene“) Salz entspricht der Menge, die zwischen Daumen, Mittel- und Zeigefinger gehalten werden kann: ca. 0,4 Gramm.
  • Rund ein Fünftel des weltweit produzierten Salzes landet als Streusalz auf vereisten Straßen.
  • Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, täglich maximal 5 Gramm Salz zu konsumieren. Die meisten Europäer überschreiten diesen Wert deutlich.

Quellen: yahoo!finance, USGS, WHO, selectsalt.com

Solche Plätze gibt es überall auf der Welt. Dass unser Leben immer noch von dieser gewöhnlichen Substanz abhängt, war für mich ebenso überraschend, wie es das wahrscheinlich für Sie ist. Vor einigen Jahren habe ich den Plan gefasst, ein Buch über die wichtigsten Stoffe der modernen Wirtschaft zu schreiben, und zunächst hätte ich nicht daran gedacht, Natriumchlorid mit einzubeziehen. 

Grundbausteine der Zivilisation

Die Bedeutung anderer Materialien war mir dagegen von Anfang an klar. Ich wusste zum Beispiel, dass die Geschichte des Sandes unbedingt in dieses Buch gehörte: Wie wir Silizium verwenden, um Glas herzustellen, um mit Beton zu bauen und um die physikalische Grundlage für die fortschrittlichste aller menschlichen Schöpfungen, den Computerchip, zu schaffen.

Ich wusste natürlich, dass Elektroautos nur dann funktionieren, wenn sie mit starken Batterien ausgestattet sind – und dass Lithium das energiereichste aller Metalle ist, die man in Batterien einsetzen kann. Lithium gehörte also selbstverständlich in mein Buch. Ich wusste auch, dass es zwar verlockend ist, an die Abkehr von fossilen Brennstoffen wie Öl und Gas zu glauben, wir aber nach wie vor extrem abhängig von ihnen sind und es wahrscheinlich auch noch jahrzehntelang sein werden – selbst wenn wir etwas weniger davon verbrennen.

Der Innenraum der Salzkaverne im Bergwerk Turda in Rumänien wird von Hängeleuchten erstrahlt. Die Wände zeigen eine grün-weiße Maserung. Eine Zugangsloch bietet eine Besuchergalerie für Touristen. Das Bild illustriert einen Beitrag über die Rolle von Salz für die Wirtschaft.
Die Salzkaverne im Bergwerk Turda in Siebenbürgen zieht Besucher aus aller Welt an. © Getty Images

Fossile Energiequellen wie Öl oder Gas müssten also einen Platz in meiner Liste haben. Aber je mehr ich in die „materielle Welt“ vordrang, desto häufiger begegnete ich Salz. Nehmen wir Lithium – einen der aktuell begehrtesten und wichtigsten Rohstoffe überhaupt: Die weltweit größten Reserven befinden sich im „Lithium-Dreieck“ zwischen Chile, Argentinien und Bolivien in Form von unterirdischen Reservoirs mit konzentrierten flüssigen Lösungen. 

Wie werden diese Solen aus dem Boden gewonnen? Auf die gleiche Weise, wie wir Salz gewinnen. Die riesigen Lithiumteiche im Salar de Atacama in Chile arbeiten nach der gleichen Technik, die Salzhersteller auf Mallorca oder Ibiza seit Jahrhunderten anwenden:
Sie leiten die Lösung in Verdunstungsbecken und lassen das Wasser unter der prallen Sonne verdunsten. Auch kann man das Lithium nicht in eine stabile, batteriefähige Verbindung umwandeln, ohne Chemikalien zu verwenden, die aus Salz gewonnen werden. Die modernste Technologie der Welt beruht also auf einem der ältesten Rohstoffe.

Plastik aus Salz

Jahrtausendelang waren die Menschen auf den Salzstraßen unterwegs und durchquerten Europa auf alten Pfaden, die Solequellen und das Meer mit den großen Städten verbanden. Auch heute noch gehen wir dieselben Wege. Schauen Sie sich eine Karte von Großbritannien oder Amerika an, und Sie werden feststellen, dass viele der größten Chemieunternehmen, von den Überresten von ICI bis zu DuPont, in der Nähe von Salzlagerstätten zu finden sind – Cheshire in Großbritannien, Detroit in den USA. 

Salz befindet sich auch unsichtbar in einem der meistverbreiteten (und umstrittensten) Kunststoffe der Welt – PVC. Polyvinylchlorid wird zum Teil aus Erdöl hergestellt, zum Teil aber auch aus dem Chlor, das wir aus Salz gewinnen. Es gibt sogar die Theorie, dass die Menschheit nur deshalb so viel PVC hergestellt hat, weil es eine praktische Möglichkeit ist, überschüssiges Chlor zu verwerten. Letzteres entsteht, wenn Salz in Elektrolyseuren aufgespalten wird, um Natronlauge herzustellen.

Der Computerchip, den ich weiter oben erwähnte, könnte ohne einen Stoff namens Polysilizium nicht hergestellt werden. Und um Polysilizium herzustellen, muss man einen äußerst komplexen und energieintensiven Prozess durchführen, der wiederum von aus Salz gewonnenem Chlorwasserstoff abhängt. Für Solarzellen gilt das gleiche; auch sie werden aus Polysilizium hergestellt.

Möglicherweise steht Salz auch im Mittelpunkt einer weiteren technischen Revolution. Es könnte die Grundlage für eine neue Form der Energiespeicherung sein: Zwar ist Lithium bei der Herstellung leistungsstarker Batterien nach wie vor der bevorzugte Rohstoff. Doch es bahnt sich eine Alternative an. Natrium-Ionen-Batterien sind derzeit die große Neuheit im Bereich der Energiespeicherung. Sie werden zum Teil aus Natrium hergestellt, das wiederum – Sie wissen es nun schon – aus Salz gewonnen wird.

Endlose Reserven für die Wirtschaft

Während es fraglich ist, ob wir genügend Lithiumvorkommen erschließen können, hat Salz den Vorteil, dass es uns mit Sicherheit niemals ausgehen wird: Würde man das gesamte Natriumchlorid aus den Ozeanen entnehmen und gleichmäßig über die Landmasse verteilen, könnte man die gesamte Welt mit einer über 30 Meter dicken Salzkruste überziehen. Und bei dieser Rechnung sind die ähnlich umfangreichen Reserven unter der Erde noch gar nicht mit berücksichtigt.


Salzkavernen sind der beste Speicherplatz für Wasserstoff.

Allerdings ist Salz im Boden nicht gleichmäßig verteilt. Großbritannien, Deutschland und Polen verfügen über große unterirdische Vorkommen, Italien, Belgien und die Schweiz dagegen über viel weniger. Dieser Umstand könnte in Zukunft von zentraler Bedeutung sein: Denn Salzgestein kann Flüssigkeiten und Gase viel besser speichern als andere Minerale. Wie sich herausgestellt hat, eignen sich die unterirdischen Salzlagerstätten auch hervorragend zur Speicherung von Wasserstoff, einer für die Zukunft der Energieversorgung womöglich besonders wichtigen Energieform. In den kommenden Jahren werden wir viele Orte brauchen, an denen wir große Mengen an Wasserstoff lagern können – der im Idealfall grüne Treibstoff, der unsere Stromnetze auch dann am Laufen halten könnte, wenn kein Wind geht und die Sonne nicht scheint. 

Schlüssel für Wasserstoff

Bereits ausgeschöpfte Salzkavernen, wie man sie nach dem Abbau unter Tag hinterlässt, sind der beste Speicherplatz für Wasserstoff, den es gibt. Und damit nicht genug: Diese Kavernen könnten sich auch hervorragend für den Einschluss von Druckluft, einer weiteren Energiequelle, eignen. Länder mit großen Salzvorkommen unter der Erde könnten diesen natürlichen Schatz also nutzen und in den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten zu Europas Batterien werden.

Es ist eine wichtige Erkenntnis, dass selbst modernste Technologien auf uraltem Wissen aufbauen können. Seit Jahrtausenden bauen Menschen Salz ab, um ihr Leben zu verbessern. Und dieser großartige Rohstoff wird uns auch noch in ferner Zukunft unschätzbare Dienste leisten.

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Conclusio

Salz wird als „weißes Gold“ bezeichnet und ist essenziell für etliche Produkte des modernen Lebens. Es spielt etwa eine zentrale Rolle bei der Gewinnung von Lithium und der Herstellung von Computerchips. Auch die Erzeugung von Papier, Glas, Solarpanels und Batterien wäre ohne Salz nicht möglich. Der bil-lige, aber wertvolle Rohstoff ist in der chemischen Industrie unverzichtbar und Bestandteil vieler Pharmazeutika. Bald wird Salz vielleicht auch bei der Energiewende unschätzbare Dienste leisten. Ausgeschöpfte Lagerstätten unter der Erde sind ideal für die Speicherung von Wasserstoff – der als grüne Energie zur Verfügung stehen soll, wenn Sonne und Wind ausfallen. Weil nur wenige Länder, darunter etwa Deutschland und Polen, über große Salzvorkommen verfügen, könnten sie zur „Batterie Europas“ werden.

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