Energie: Die neue globale Lösung

Die Energiewende ist machbar, wenn wir uns von der Idee verabschieden, Europa könne allein durch eigene Sonnen- und Windkraft energieautark werden. Das ist eine Illusion. Wir müssen Energie dort produzieren, wo die Erträge hoch sind.

Energiewende in Chile: Fotos der riesigen Spiegel einer Solaranlage. Im Vordergrund gehen Arbeiter mit gelben Helmen.
Eine Anlage für Wärme aus Sonnenenergie in der Atacama-Wüste in Chile. 10.800 solcher Spiegel bündeln die Energie des Lichts, die in Wärme umgewandelt wird. © Getty Images
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Auf den Punkt gebracht

  • Irrweg E-Mobilität. Kostbare Energie sollte nur dort eingesetzt werden, wo er wirklich gebraucht wird. E-Autos gehören nicht dazu.
  • Globale Verteilung. Sonnen- und Windenergie sollte dort produziert werden, wo es sie in großen Mengen gibt – im globalen Süden etwa.
  • Alternativen forcieren. Wasserstoff ist ein unterschätzter Energieträger, der aber zum Gelingen der Energiewende beitragen kann.
  • Kostenwahrheit. Die Umstellung auf grüne Energie wird sehr teuer. Die Politik muss die Belastung für den einzelnen Bürger auf den Tisch legen.

Eines vorweg: Die Auswirkungen des Klimawandels sind unzweifelhaft, und es wäre höchste Eile bei den Gegenmaßnahmen angesagt. Tatsache ist aber auch, dass weltweit 84 Prozent der benötigten Primärenergie aus fossilen Quellen kommen und der globale Energiekonsum nach einer Pandemie-Delle wieder kontinuierlich ansteigt. Der Anteil an Wind- und Sonnenenergie ist dagegen mit 3,3 Prozent verschwindend gering.

In Europa sieht der Anteil erneuerbarer Energien (26 Prozent) zwar deutlich besser aus, aber im Kampf um das Weltklima werden wir – leider – eine überschaubare Rolle spielen. Bei der in den letzten Jahren vorherrschenden grünen Symbolpolitik wurde das Thema Energiewende von Anfang an viel zu klein gedacht. Stromverbrauch wird viel zu oft mit dem etwa fünffach höheren Primärenergiebedarf (Heizung, Verkehr, Industrie usw.) verwechselt.

Eine halbe Energiewende

Die Politik will uns vermitteln: Wir schaffen das, wenn wir uns alle ordentlich anstrengen. Alles wird gut, wenn wir nur genügend Windkraftwerke und Photovoltaikanlagen installieren und auf Verbrennerfahrzeuge verzichten. Aber das ist schlicht eine Illusion bzw. ideologisch getriebenes Wunschdenken.

Für Laien mag es beeindruckend (und auch irgendwie beruhigend) klingen, dass in Österreich heute schon etwa 80 Prozent der heimischen Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen kommen. Aber das ist leider nicht einmal die halbe Wahrheit. Denn Energiewende bedeutet ja, die gesamte benötigte Primärenergie durch erneuerbare Quellen zu ersetzen.

Energiewende in Deutschland: Foto von zwei Arbeitern in blauer Montur, die an einem gelben Rohr Schweißarbeiten verrichten.
Brunsbüttel in Deutschland im September 2022: Hier wird an der Infrastruktur für Flüssiggas geschweißt. © Getty Images

Allein der Betrieb der Stahlproduktion der Voestalpine würde fast die Hälfte der heute erzeugten Menge an Strom verschlingen. Dazu kommen die auf Wärmepumpen umgestellten Gas- und Ölheizungen und natürlich die von der Europäischen Union verordneten Elektroautos. Dabei wird allein der rapide steigende Bedarf der Informations- und Kommunikationsbranche bis 2030 vermutlich mehr Strom verbrauchen, als alle Donaukraftwerke zusammen erzeugen.

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Zahlen & Fakten

Unterm Strich bedeutet die Energiewende eine fast fünfmal so hohe Belastung für die elektrischen Systeme. Deren Ausbau stellt enorme Herausforderungen an die Logistik und die handwerkliche Manpower des Landes.

Geschichte wiederholt sich. Fünfzig Jahre nach der ersten Energiekrise werden wir erneut an unser ungünstiges Umfeld erinnert. Seit dem Beginn einer auf Erdöl und Erdgas basierenden Wirtschaft war Europa nie energieautark – und wird es leider auch nie sein können. Zu groß ist der Energiehunger, zu klein die zur Verfügung stehende Landfläche, zu ungünstig die globale Position, um hohe Ernteerträge bei Wind- und Sonnenkraftwerken zu erzielen.

Umdenken erforderlich

An folgenden Fakten werden wir nicht vorbeikommen: Die mittels Strom übertragbare Energie ist limitiert und sicher nicht auf den derzeitigen Primärenergiebedarf steigerbar. Die Basis einer Energiewende liegt also bei Einsparungen der Primärenergie (Optimierung industrieller Prozesse, Wärmedämmung usw.) und auf der Einfuhr geeigneter gut transportfähiger und speicherbarer Energieträger, die vorhandene interkontinentale Wege nutzen.

In der Gesellschaft muss jetzt ein Umdenkprozess beginnen. In der Vergangenheit war es völlig selbstverständlich, dass wir Energie dann abgerufen haben, wenn sie benötigt wurde: an der Steckdose, an der Tankstelle, am Heizungsthermostat. In Zukunft wird sich der Stromverbrauch mehr nach der aktuellen Verfügbarkeit der volatilen Primärenergie (Sonnenstrahlung und Windkraft) richten müssen, um teure Speicherkapazitäten zu sparen.

Aufgrund der Unberechenbarkeit von Wind und Sonne sowie der Speicherproblematik ist heimisch produzierter Strom ein kostbares Gut. Deshalb ist eine klare Zuordnung notwendig, welche Energieform wo eingesetzt wird. Hier ein Beispiel: Jede Art von Computer lässt sich nur mit Strom betreiben, für Stahlwerke wird ein direkter Wasserstoffbetrieb die bessere Option sein.

Nachrang für die E-Mobilität

Die Wasserstofferzeugung für Industrie und Gewerbe ist auf grünen europäischen Strom angewiesen. Der Verkehr hat Alternativen zu Strom. Elektroautos dürfen daher nicht mehr vorrangig behandelt werden. Im Grunde ist es von der Politik unverantwortlich, eine Mobilitätsform zu forcieren, von der man wissen sollte, dass sie im geforderten Vollausbau nicht funktionieren wird. Ein freier Zugang zur projektierten Anzahl an öffentlichen Ladestationen würde unweigerlich zu einem Zusammenbruch des Netzes führen. Als Folge müsste Laden im öffentlichen Bereich rationiert werden.

Staatliche Förderungen sollten sich nicht nach politischen Zielen, sondern nach der Minimierung der Emissionen richten. Nur wenn eine Aktivität mehr einspart als emittiert, sollte sie umgesetzt werden. Das gilt beispielsweise für Wärmepumpen, jedoch nicht für die Elektromobilität, solange der europäische Strom nicht vorwiegend grün ist.

Die in Europa nicht generierbare Energie muss in den besten Lagen produziert und in optimaler Form transportiert werden. Für Wind- und Sonnenenergie gibt es weltweit Regionen, die gegenüber Europa eine gut 200 Prozent höhere Ausbeute und dementsprechend geringere Treibhausgasemissionen für die Anlagenerrichtung und auch Investitionen versprechen.

Foto eines stehenden Güterzugs mit der Aufschrift Siemens
Wegberg in Nordrhein-Westfalen im September 2022: Betankung des ersten mit Wasserstoff betriebenen Zuges in Deutschland. Die ersten richtigen Tests sollen allerdings erst ab 2024 laufen. © Getty Images

So können auch die Umwandlungsverluste bei grünem Methan, Ammoniak oder flüssigen Treibstoffen ausgeglichen werden. Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass diese Produkte mit geringfügigen Anpassungen in die bestehende Infrastruktur (beispielsweise Ammoniak für die chemische Industrie, Erdgasnetz, Kraftwerke) eingespeist werden können, ohne das Stromnetz wesentlich zu belasten.

Hohe Energieerträge im Süden

Es braucht Standortverträge mit Ländern, die einen hohem Ernteertrag garantieren. Diese Anlagen sollten überwiegend in Entwicklungsländern und wirtschaftlich schwachen Staaten liegen, damit dort neue Arbeitsplätze und höherer Wohlstand entstehen, was eventuell die Flüchtlingsströme eindämmen könnte. Ein Teil der erzeugten grünen Energie müsste zur Versorgung des gestiegenen Wohlstandes ohne Erhöhung der Treibhausgase im Land verbleiben.

Weiterer Vorteil einer rund um den Globus verteilten Produktion: weniger Abhängigkeit von einzelnen Anbietern. Etablierte Industrieländer würden enorme, neue Absatzmärkte für Wind- und Solarkraftwerke sowie Syntheseanlagen dazugewinnen und die Entwicklungsländer einen Ausbildungsschub und mehr Gender-Gleichstellung erreichen.

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Zahlen & Fakten

Die gewaltigen Investitionen für die Umsetzung der Energiewende müssen vorwiegend über Risikokapital aufgebracht werden. Voraussetzung wäre eine Planungs- und Rechtssicherheit für Verträge zwischen europäischen Ländern und Entwicklungsländern mit Laufzeiten von fünfzig Jahren und mehr, um Investoren zu motivieren, in Energiewendeprojekte zu investieren. Diese Aufgabe muss die Politik lösen – und zwar rasch. Ohne Planungs- und Rechtssicherheit für zwischenstaatliche Projekte scheitert die Energiewende, bevor sie noch richtig begonnen hat.

Die Technologieauswahl für funktionierende Lösungen muss von Wissenschaft, Unternehmen und Verbrauchern ohne Einflussnahme der Politik kommen. So lassen sich Negativbeispiele wie das Verbrennerverbot vermeiden, das letzten Endes einen negativen Beitrag zur Energiewende leisten wird.

Energiewende: teuer, aber leistbar

Die gute Nachricht zum Schluss: Eine ehrliche, auf Minimierung der Treibhausgase zielende – und nicht nur bilanziell hochgerechnete – Energiewende ist möglich. Dazu bedarf es allerdings mehr politischer Ehrlichkeit, Pragmatismus und letzten Endes auch wirtschaftlicher und organisatorischer Kraftanstrengung wie noch nie zuvor in der Geschichte.

Allein in Europa betragen die Investitionskosten für dreißig Jahre rund acht bis zehn Billionen Euro, also 300 Milliarden pro Jahr. Eine ungeheure Summe? Ja und nein. Zum Vergleich: Die EU-28 hat 2019, also noch vor der dramatischen Teuerungswelle, Energieprodukte im Wert von 320 Milliarden Euro eingeführt.

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Conclusio

Der gesamte Primärenergiebedarf – Verkehr, Industrie , Wärme – lässt sich durchaus durch erneuerbare Energien decken, nicht aber allein durch Verstromung. Eine bisher zu wenig beachtete Möglichkeit ist, die Erzeugung von Energie um den Globus zu verteilen. Dazu brauchen wir Speichermedien, die die Energie auch transportabel machen. Die Investitionen dafür sind hoch, aber auch ein potentiell attraktives Investment für Risikokapital-Geber. Die Energiewende braucht die richtigen Rahmenbedingungen, wie etwa Rechtssicherheit für Investoren, um zu gelingen. Um diese Bedingungen zu schaffen, muss sich die Politik von falschen Vorstellungen wie jener der Energieautarkie lösen.