Weg mit dem Bekenntniszwang!

Konformismus und Aktivismus infizieren die Wissenschaft. Das sind schlechte Voraussetzungen für bahnbrechende Entdeckungen.

Die Illustration zeigt ein Mikroskop, das von einer Eisenkette umwickelt ist, die wiederum mit Vorhängeschlössern verschlossen ist. Auf den Schlössern stehen die Begriffe „Ideologie“, „Geld“ und „Politik“. Das Bild illustriert einen Artikel über die Freiheit des wissenschaftlichen Forschens.
Wie frei können Forscher wirklich arbeiten, wenn Politik und Zeitgeist die Richtung vorgeben? © Michael Pleesz

Folgt der Wissenschaft! Kaum ein Imperativ erfuhr in der letzten Zeit so viel begeisterte Zustimmung wie diese schlichte Aufforderung. Follow the Science! Das war eine der Parolen, mit denen Greta Thunberg die Klimabewegung enthusiasmierte, und der zeitweilige Schulterschluss zwischen „Scientists for Future“ und umweltbesorgten Aktivisten schien ein durchaus erfolgversprechendes Bündnis zur Bekämpfung des globalen Klimawandels. Allen, die diesem Ruf nicht bereitwillig folgen wollten, konnte man Ignoranz, Wissenschaftsskepsis, Anfälligkeit für Verschwörungstheorien oder Schlimmeres vorwerfen.

Aus den eindeutigen wissenschaftlichen Befunden scheint klar hervorzugehen, was getan werden muss, nur die verstockte Politik hat die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt.

Konsens heißt nicht Wahrheit

An dieser so plausiblen Argumentation ist einiges höchst fragwürdig. Allein die Annahme, es gäbe „die“ Wissenschaft, ist irrig. Abgesehen von den methodischen und atmosphärischen Welten, die Geistes- und Naturwissenschaften trennen, ist die neuzeitliche Wissenschaft durch Kontroversen, nicht durch Uniformität gekennzeichnet. Einander widersprechende Hypothesen und Theorien erzeugen eine Dynamik, die einen wohl gut bestätigte von fragwürdigen Konzepten unterscheiden lässt, aber keine Gewissheit geben kann.

Die Überlegung, dass jenen Erkenntnissen am ehesten zu trauen ist, zu denen sich eine Mehrheit der Forscher bekennt, hat einiges für sich und ist in der Wissenschaftsphilosophie als „Konsenstheorie der Wahrheit“ bekannt geworden: Wahr ist, worauf sich – wenn nicht alle, dann doch die meisten ausgewiesenen Vertreter eines Faches einigen können. Gegen diese Argumentation spricht nicht viel – außer die historische Erfahrung. Sie zeigt, dass gerade bahnbrechende Entdeckungen selten in den Zentren des etablierten Wissenschaftsbetriebs entstanden.

Dieser ist seiner Struktur nach beharrend und fördert den Konformismus. Es waren und sind oft die marginalisierten, mitunter verhöhnten Außenseiter, die keine Angst vor originellen und disruptiven Ansätzen haben und so dem Neuen auf der Spur sind. Entscheidend für den Fortschritt ist eine fruchtbare Spannung zwischen Affirmation und Dissens. Keine Wissenschaft spricht mit einer Stimme. Eine dynamische Wissenschaft sollte deshalb offen sein für konkurrierende Theorien, auch wenn diese manchmal abstrus erscheinen mögen.

Höchst problematisch aber wird es, wenn die Forschung offen politischen, ökonomischen oder moralischen Imperativen untergeordnet wird.

Die aktuelle akademische Praxis, die die wissenschaftliche Qualität vorrangig an den Publikationen in Mainstream-Journals misst, läuft nach Ansicht kritischer Beobachter Gefahr, Mittelmaß und Konformismus zu befördern. Das Gleiche gilt für eine Projektförderungspolitik, die bei Einreichung eines Antrags schon verbindliche Auskunft über die zu erwartenden Ergebnisse einfordert. Neugier sieht anders aus.

Höchst problematisch aber wird es, wenn die Forschung nicht nur durch Publikations- und Bewertungslogiken implizit gesteuert, sondern offen politischen, ökonomischen oder moralischen Imperativen untergeordnet wird. So gilt es heute als fortschrittlich, selbst methodisch saubere und empirisch korrekte Untersuchungen zu unterlassen, wenn diese zu Ergebnissen führen könnten, die Menschen in ihrer Befindlichkeit und Identität womöglich verletzen. Wer seine Forschung mit solch einer Schere im Kopf betreibt oder betreiben muss, wird wahrscheinlich wenig Anstößiges, aber auch kaum Außergewöhnliches hervorbringen.

Auch Freud oder Darwin eckten an

Legte man ähnliche Maßstäbe übrigens an die Vergangenheit an, hätte die Veröffentlichung der Überlegungen von Nikolaus Kopernikus, Charles Darwin und Sigmund Freud eigentlich unterbleiben müssen. Denn deren Theorien stellten ungeheure Kränkungen des Menschen dar, der sich nun aus seiner privilegierten Stellung als Mittelpunkt des Universums, Krone der Schöpfung und selbstbewusstes Wesen vertrieben sah. Je näher die Wissenschaften am Menschen operieren, desto widersprüchlicher und verstörender können sie werden.

Wenn gilt: ‚Wer meine Theorie angreift, greift mich an‘, ist die Freiheit der Wissenschaft an ein Ende gekommen.

Dass es zur wissenschaftlichen Redlichkeit gehört, seine Argumente nie ad personam vorzutragen, versteht sich von selbst. Das Problem heute besteht darin, dass sich viele Zeitgenossen zunehmend so sehr mit wissenschaftlichen oder ideologischen Positionen identifizieren, dass etwa einer biologisch fundierten Argumentation über Zweigeschlechtlichkeit nicht mehr sachlich widersprochen, sondern diese als transfeindlich klassifiziert und damit als Angriff auf eine Menschengruppe interpretiert wird. Unter dieser Voraussetzung aber wird tendenziell jeder Diskurs, jede Kontroverse verunmöglicht. Wenn gilt: „Wer meine Theorie angreift, greift mich an“, ist die Freiheit der Wissenschaft an ein Ende gekommen.

Erinnerungen an die DDR werden wach

„Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei.“ Dieser legendäre Satz aus dem österreichischen Staatsgrundgesetz von 1867 gab immer schon Anlass zu mannigfaltigen Interpretationen. In einem absoluten Sinn ist Wissenschaft natürlich nie frei, sie ist eingebettet in ökonomische Rahmenbedingungen, politische Erwartungen, einen ideologisch oder religiös geprägten Zeitgeist. Diese Verhältnisse können, je nach Weltlage, die Wissenschaften mehr oder weniger streng an die Kandare nehmen.

In der Wissenschaft geht es nicht um Be-, sondern Erkenntnisse.

Natürlich wäre es wünschenswert, wenn zumindest die staatlich finanzierten Forschungen ein Höchstmaß an Unabhängigkeit genießen könnten, aber mitunter scheint das Gegenteil der Fall. So forderte die Universität Frankfurt jüngst alle Fachbereiche auf, in ihre Forschungsvorhaben die Aspekte „Geschlecht und Vielfalt“ einzubeziehen – auch in Astrophysik und Molekularbiologie. Das erinnert fatal an die DDR, in der kein wissenschaftliches Werk erscheinen durfte, dem nicht ein Bekenntnis zum Marxismus-Leninismus vorangestellt war. Nichts ist der Freiheit und damit dem Fortschritt der Wissenschaften abträglicher als ein Bekenntniszwang. Und dies gilt generell, denn in der Wissenschaft geht es nicht um Be-, sondern um Erkenntnisse.

Wissenschaftliche Forschung von Werturteilen freihalten

Den entscheidenden Aspekt der Freiheit der Wissenschaft hat der große Soziologe Max Weber bündig benannt: Es geht darum, die wissenschaftliche Forschung von Werturteilen freizuhalten. Natürlich ist das ein Ideal, denn jeder Forscher ist ein politischer Mensch, fühlt sich einer bestimmten Moral verpflichtet, wertet und bewertet nach subjektiven Maßstäben seine wissenschaftliche Arbeit. Aber es ginge darum, sich dieser Beschränkungen bewusst zu werden und soziale und politische Einflüsse nach Möglichkeit zurückzudrängen.

Heute verkehren sich die Verhältnisse. Die wissenschaftliche Erkenntnis wird mit einem Werturteil gleichgesetzt, und manche ideologisch nur notdürftig verbrämten Werturteile über die Gesellschaft, den Kapitalismus, das Klima und die Digitalisierung geben der Forschung den Takt vor. Diese versteht sich zunehmend selbst als politisches Unternehmen. Die sinnfälligste Erscheinungsform dieser Koppelung ist der Wissenschaftler als Aktivist bzw. der Aktivist, der sich als Vollzugsorgan der Wissenschaft sieht.

Nun steht es jedem Bürger frei, im Rahmen seiner demokratischen Rechte an Initiativen, Protesten und Demonstrationen teilzunehmen. Sollte es dabei zu strafrechtlich relevanten Handlungen kommen, sind ohnehin Polizei und Justiz gefragt. Inwiefern Letztere ein Auge zudrückt, handelt es sich um medial akklamierte Aktionen, ist eine andere Frage. Doch darum geht es in unserem Zusammenhang nicht. Vielmehr geht es um die These, dass wissenschaftliche Forschung in Aktionismus umschlagen muss, will sie sich und ihre Ergebnisse ernst nehmen. Einige Klimaforscher, die man auf der Straße wiederfindet, argumentieren gerne so. Diese Denkfigur zehrt noch immer vom Pathos der 11. Feuerbachthese von Karl Marx: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern.“

Allerdings ist eine kleine Akzentverschiebung zu bemerken: Aktuell kömmt es drauf an, die Welt zu retten! Inwiefern die von Marx inspirierten Weltveränderungsversuche, die in totalitäre kommunistische Herrschaftsformen wie den Stalinismus mündeten, auch einen Schatten auf rezente Wiederbelebungsversuche dieser These werfen, bleibe dahingestellt. Interessant immerhin, dass die linken Revolutionäre, Diktatoren und Schlächter des 20. Jahrhunderts sich dabei fest auf dem Boden einer „materialistischen Wissenschaft“ wähnten. Das zumindest könnte zu denken geben.

Wissenschaft ist nicht Politik

Man darf sich nichts vormachen. Die Logik des politischen Aktivismus ist der Logik der Wissenschaften diametral entgegengesetzt. Es liegt im Wesen der modernen Wissenschaft, dass aus ihren Erkenntnissen tatsächlich keine unmittelbaren Handlungsanleitungen folgen. Wissenschaft beschreibt, erklärt, experimentiert, formuliert Hypothesen, entwirft Theorien und entwickelt Modelle, die unterschiedliche mögliche Szenarien antizipieren. Was dann getan, wie im Ernstfall gehandelt werden soll, ist jedoch keine Frage der Wissenschaft, sondern eine politische Entscheidung. Man kann der Wissenschaft also gar nicht folgen, man kann bestenfalls Forschungsergebnisse in die Motive seines Handelns einfließen lassen.

Wissenschaft benötigt die offene intellektuelle Auseinandersetzung, der Aktivismus befördert die Verengung.

Dem Aktivismus geht es deshalb nicht um Wissenschaft, sondern um deren Instrumentalisierung. Die Wissenschaft wird vorgeschoben, um politische Ziele über außerparlamentarische Verfahren durchzusetzen und um spektakuläre und medienwirksame Interventionen zu rechtfertigen. Wissenschaft lebt vom Diskurs, Aktivismus zerstört jeden Diskurs. Wissenschaft gründet im Wissen, dass der Irrtum immer möglich ist, Aktivismus in der Gewissheit, im Besitz der Wahrheit zu sein. Wissenschaft benötigt die offene intellektuelle Auseinandersetzung, der Aktivismus befördert die Verengung. Wissenschaft braucht Podien, der Aktivismus sprengt diese. Ein Wissenschaftler, der sich als Aktivist versteht, muss die Freiheit des Denkens zugunsten der politischen Erfordernisse und der Logik eines Machtkalküls aufgeben. Das kann einer Aktion zum Erfolg verhelfen, der Wissenschaft wird es schaden.

In Zeiten einer aufgeheizten politischen Empörungs- und Protestkultur macht sich jeder verdächtig, der eine intellektuelle Distanz wahren will. Der Vorwurf, damit im Elfenbeinturm zu verharren, ist schnell zur Hand. Das ist nicht neu. Schon Theodor W. Adorno, einer der Väter der neomarxistisch inspirierten Kritischen Theorie, stellte fest: „Beargwöhnt wird, wer nicht fest zupacken, nicht die Hände sich schmutzig machen möchte.“ Adorno war von seinen Studenten vorgeworfen worden, sich nicht an den revolutionären Umtrieben der späten Sechzigerjahre beteiligt zu haben. Der Philosoph stellte jedoch klar: Aus der Aufforderung zum Aktivismus wird schneller ein „Denkverbot“, als es manchen lieb sein kann.

Was Adorno für seine Zeit diagnostizierte, lässt sich auch gegenwärtig beobachten: eine „repressive Intoleranz“ gegenüber jedem Gedanken, dem nicht sogleich die „Anweisung zu Aktionen beigesellt ist“. So verständlich die Aufforderungen, doch endlich etwas zu tun, sein mögen – sie haben ihren Preis: „Denken, als bloßes Instrument von Aktionen, stumpft ab.“

Sabotierte Neugierde

Es gibt für Wissenschaftler und Intellektuelle also gute Gründe, die Berührung mit dem Schmutz des politischen Geschäfts zu vermeiden. Nicht, weil dieses unnötig oder prinzipiell prekär wäre, sondern weil es den Prozess der theoretischen Neugierde sabotiert, weil es die Offenheit des Diskurses, ohne die es keinen Fortschritt gibt, blockiert.

Es kann deshalb schon auch beunruhigen, mit welch demonstrativer Lust zeitgenössische Aktivisten in diesem Schmutz wühlen. Sie bewerfen Kunstwerke mit Suppe und Brei, sie kleben sich an staubige Straßen, sie beschmieren Fassaden und Denkmäler – so, als wollten sie Adornos These demonstrativ bestätigen: Wir machen uns, um die Welt zu retten, gerne die Hände schmutzig; dafür verzichten wir aufs Denken. Im Notstand bleibt keine Zeit für Reflexion. Das mag für junge Weltretter eine sinnerfüllte Maxime sein. Für die Wissenschaft und ihre Freiheit ist es ein Desaster.

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