Neutralität für Österreicher ausgehöhlt

Die Österreicher wollen die Ukraine unterstützen, zugleich erschüttert der Krieg das rot-weiß-rote Selbstbild. Muss Österreich sich neu erfinden?

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj beim Antrittsbesuch in Österreich mit dem österreichischen Präsidenten Alexander van der Bellen. Die beiden Politiker gehen auf einem roten Teppich in der Hofburg in Wien. Das Foto wurde so aufgenommen, dass beide Personen hinunter zu gehen scheinen. Das Bild ist Teil eines Beitrags über das Verhältnis von Österreich zur Ukraine.
Wien am 15. September 2020: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bei seinem Antrittsbesuch in Österreich mit dem österreichischen Präsidenten Alexander van der Bellen. © Getty Images

Der Krieg in der Ukraine hinterlässt auch in Österreich Spuren; vor allem das Selbstverständnis als neutraler Staat ist verunsichert: 51 Prozent der Österreicher sehen in der Pragmaticus-Umfrage ihren Staat „nicht mehr neutral, die Neutralität ist ausgehöhlt“.

Die Umfrage

Bitte klicken Sie sich durch die Ergebnisse der Umfrage. Im Dashboard haben Sie auf der linken Seite die Möglichkeit, die Ergebnisse der Umfrage nach Variablen wie Alter, Bildung, Geschlecht, politische Präferenz etc. zu filtern. Sie können auch mehrere Variablen kombinieren. Unten rechts sehen Sie den jeweiligen Anteil der ausgewählten Gruppe an der gesamten Stichprobe. Einzelgrafiken finden Sie weiter unten.

Die Ergebnisse der Umfrage in Einzelgrafiken

In der Umfrage haben wir drei Themenbereiche abgefragt: Die Einstellung zu Neutralität und Verteidigung, das subjektive Gefühl von Bedrohung und die Bereitschaft zur weiteren Unterstützung für die Ukraine. Die Ergebnisse zeigen ein ambivalentes Bild.

1. Neutralität

2. Kriegsangst und Verteidigung

3. Sanktionen und Waffenlieferungen

Interpretation der Ergebnisse

Die Ergebnisse der Umfrage zeigen die ambivalenten Gefühle der Österreicher und Österreicherinnen angesichts des Krieges. Insbesondere die Frage der Neutralität und der Waffenlieferungen sind Themen, die durch den Krieg an Relevanz gewonnen haben. 78 Prozent der Befragten sind für die Beibehaltung der Neutralität. Obwohl sie sich große Sorgen wegen des Krieges in der Ukraine machen und manche sogar einen Angriff Russlands nicht ausschließen, will nur eine Minderheit Österreich mit der Waffe verteidigen.

Dabei befürchten 31 Prozent der Befragten, dass Russland angreifen könnte, ein großer Teil (41 Prozent) will auch in diesem Fall nicht zur Verteidigung mit der Waffe greifen. Dies könnte einen Grund in der starken Zustimmung zur Neutralität haben, da man sich nicht als Kriegspartei sehen will (trotz der Verpflichtung zur Verteidigung ebendieser Neutralität). Immerhin 16 Prozent der Befragten sagen allerdings, sie würden Österreich „in jedem Fall“ mit der Waffe verteidigen.

Eine Gruppe von Demonstranten und Demonstrantinnen steht am Schwarzenberg-Platz in Wien und demonstriert gegen Putin. Die Demonstrierenden halten die ukrainische Fahne hoch und Protestplakate. Auf einem dieser Plakate steht: Stop Putin now! Later may be too late! Die Demonstration findet anlässlich eines Staatsbesichs von Wladimir Putin in Wien statt. Zu dem Zeitpunkt im Juni 2014 hatte Putin die Krim (Krym) bereits annektiert.
Wien am 24. Juni 2014: Der russische Präsident Wladimir Putin ist in Wien – im März 2014 hatte Russland die Krym (Krim) annektiert und das Regional-Parlament ausgeschaltet. © Getty Images

Eine Alternative zur Neutralität braucht man aus Sicht der Befragten nicht. Weitere Fragen zeigen, dass die Befragten eine gewisse Kriegsangst haben, da sie überwiegend der Ansicht sind, dass Kriege auch willkürlich entstehen können: Was die Einschätzung der Ursachen des Krieges betrifft, ist nämlich eine Mehrheit der Ansicht, dass ein Angriff Russlands auf die Ukraine durch nichts zu rechtfertigen ist (55 Prozent). Allerdings glauben einige, der Angriff sei durch die NATO-Osterweiterung provoziert worden. Jedoch ist diese These für die meisten der Befragten nicht glaubwürdig. Die Unterstützung für die Ukraine ist trotz der Sorgen wegen der Neutralität ungebrochen.

Die Ukraine soll nach Meinung der Befragten weiter unterstützt werden, sowohl militärisch als auch finanziell. Die Sanktionen hält mehr als ein Drittel für unwirksam beziehungsweise ist der Ansicht, dass die Sanktionen Europa mehr schaden als Russland. Lediglich 13 Prozent finden, dass die Sanktionen Moskau am härtesten treffen. Dass Österreich die Sanktionen gegenüber Russland nach wie vor unterstützt, sieht – trotz der geringen Wirkung – fast die Hälfte der Befragten in dieser Umfrage als absolut oder eher richtig an.

Österreich und die Ukraine

Peter Hajek, wissenschaftlicher Leiter von Unique Research, einem Markt- und Meinungsforschungsinstitut aus Wien, das die Umfrage im Auftrag des Pragmaticus durchgeführt hat, kommentiert die Ergebnisse so: „So weit, so vorhersehbar. Die Erzählung der Österreicher zu den Kriegen vor ihrer Haustür – etwa in Jugoslawien – lautete immer gleich: Wir waren neutral, haben vermittelt und geholfen. Der heutige Blick der Bevölkerung auf den Krieg ist ähnlich: Russland ist der Aggressor. Die Sanktionen sind richtig, nur jeder Fünfte ist für die gänzliche Rück­nahme. Schaden tun sie aber tendenziell mehr Europa. Eine knappe Mehrheit unterstützt weiterhin Hilfe für das von Russland angegriffene Land.“

Die Pragmaticus-Umfragen

Unsere Umfragen werden von Unique Research, einem Markt- und Meinungsforschungsinstitut in Wien, konzipiert, durchgeführt und vom Politologen und wissenschaftlichen Leiter von Unique Research, Peter Hajek, kommentiert. Grundlage der Umfrage ist jeweils eine repräsentative Stichprobe der Wahlbevölkerung.

Die Auswahl der Themen richtet sich nach den Schwerpunkten der Print-Ausgabe des Pragmaticus sowie nach Aktualität und Relevanz für Sie als Leser und Leserinnen. Die Fragen der jeweiligen Umfragen werden von Unique Research unabhängig formuliert.

Bisher sind Umfragen zu den Themen China, Gendern und Verbotspolitik erschienen. Die Umfragen bilden eine Momentaufnahme der Stimmung in einer allgemeinen Bevölkerung zu potenziell kontroversen Themen ab. Themen von dauerhafter Relevanz wie etwa die Inflation arbeiten wir mit stets aktualisierten Daten auf. Ein Beispiel dafür ist unser Inflations-Dashboard. Auch dieses ist interaktiv, sodass Sie die Sie interessierenden Aspekte selbst abfragen können.

Mehr über die Ukraine

Mehr über Österreich

Mehr vom Pragmaticus