Deus ex humus – Die Kartoffel

Die Kartoffel hat bereits mehrmals rettend in den Weltenlauf eingegriffen und viele Millionen Menschen vor dem Hungertod bewahrt. machtHunger Staffel II, Folge 3.

Ein Mädchen steht auf der hölzernen Ladfläche eines Fuhrwerks mit einem Pferd und blickt in die Ferne. Neben ihr stehen und leigen große Säcke mit Kartoffeln.
Kartoffelernte in Belle-Ile-en-Mer im Oktober 1980. © Getty Images

Eine ursprünglich winzige Knolle aus den Anden galt sie dem Spätmittelalter als Teufelszeug, dem 18. Jahrhundert als Zierpflanze (Marie Antoinette trug ihre Blüten im Haar) und dem 20. Jahrhundert als Dickmacher. Nichts davon ist wahr. Wahr ist vielmehr: Die Kartoffel ist eine Weltenlenkerin hinter den Kulissen, mit ihr beginnt eine neue Zeit in Europa.

Der Podcast

Das Misstrauen gegenüber der Kartoffel war groß.

Die Kartoffel kam mit den Spaniern aus den Anden nach Europa und veränderte die Essgewohnheiten in Europa von Grund auf. Sie ersetzte den Getreidebrei und erlaubte es, mit wenig Boden ein sättigendes Nahrungsmittel anzubauen.

Die Spanier hatten wahllos verschiedene Pflanzensorten eingesammelt, und zunächst wusste man nicht wie mit dem neuen Lebensmittel umgehen – zuerst kochte man die Blätter und vergiftete sich, erst im frühen 18. Jahrhundert etablierte sich die Kartoffel und zwar vor allem bei armen Menschen. Zuerst bei den Tagelöhnern, später bei den Manufaktur- und Fabrikarbeitern.

Nicht nur in Irland ernährten sich die armen Massen von der Kartoffel, sondern auch in der Schweiz, wo Rösti das Nationalgericht sind. „Die Kartoffel wächst auch auf steinigem Boden, braucht wenig Erde und kann leicht angebaut und geerntet werden“, fasst Peter Peter zusammen. „Auf diese Weise wurden viele Hungersnöte gelindert.“

Die Kartoffel und die Migration

Und der Erdapfel hat auch Hungersnöte ausgelöst. Wobei auch da ist die Knolle eigentlich unschuldig. Die Monokulturen machten die Kartoffel anfällig für Krankheiten. Die Kartoffelfäule, die in Irland ganze Ernten vernichtete, löste auch die erste Welle der Massenmigration aus Europa aus. Die verarmten Massen suchten dem Hungertod zu entkommen, indem sie während der Hungersnot 1845 bis 1852 in die USA emigrierten.

Erdapfel oder kürzer Erpfi ist selbsterklärend der Erdapfel, im Süddeutschen auch die Erdbirne, also Krumbiere oder Grundbiere. Das Wort Kartoffel kommt aus dem Italienischen und ist eine verwischte Form von Tartufo, Trüffel.

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Zahlen & Fakten

Ein blauer Mercedes mit Gepäck auf dem Dach steht auf einer Straße in einem städtischen Wohngebiet umringt von einer Gruppe Menschen, die sich zum Fahrer im Auto herunterbeugen. Das Bild illustriert einen Beitrag über Zuwanderung und Handwerk
Mühlheim an der Ruhr 1982: Eine türkische Familie verabschiedet sich von den Nachbarn für den Jahresurlaub in der Türkei. Türkische Arbeitsmigranten wurden von Deutschland ab den 1960er Jahren gezielt angeworben. © Getty Images

Eine sehr kurze Geschichte der Arbeitsmigration

  • Industrialisierung, Agrarmodernisierung und Urbanisierung sind nach dem Migrationshistoriker Jochen Oltmer die drei wesentlichen Voraussetzungen für internationale Migration im 19. Jahrhundert. In den zunächst feudalen Gesellschaften ist Freizügigkeit keine Selbstverständlichkeit. Wer auswandern will, braucht eine Genehmigung. Mit dem Verschwinden feudaler Strukturen entstehen zum ersten Mal spezialisierte Arbeitsmärkte. Traditionelle Gesellenwanderungen bleiben nach wie vor bedeutsam, aber Migration wird international.
  • Arbeitsmigration diente immer auch dem Transfer und der Verbreitung von Spezialkenntnissen, diese Funktion nimmt auch mit der industriellen Arbeitsteilung nicht ab: „... der Transfer von Wissen durch wandernde Spezialisten war für die Einführung neuer Techniken in Maschinenbau, Textil-, Montan- oder Schwerindustrie konstitutiv“, so Oltmer in seinem Buch Globale Migration.
  • Industrialisierung und Urbanisierung führten zu ersten gezielten Anwerbemaßnahmen für Großprojekte: Von den 3.000 Arbeitern, die den Lötschbergtunnel der Schweiz bauten, stammten nur drei Prozent aus der Schweiz, die meisten kamen aus Süditalien. Für den Kohlebergbau im Ende des 19. Jahrhunderts noch ländlichen nördlichen Ruhrgebiet wurden Arbeitskräfte aus dem heutigen Polen angeworben, vor allem unqualifizierte Landarbeiter aus Ost- und Westpreußen, wo die Mechanisierung der Landwirtschaft viele Arbeitskräfte freigesetzt hatte.
Schüler sitzen in einem Klassenzimmer und lernen. Das Bild illustriert einen Beitrag über Arbeitsmigration und Zuwanderung.
Eine Nachtschule in Boston um 1900. Die Schüler sind trotz ihres jungen Alters Arbeitsmigranten, sie können nur in der Nacht lernen, weil sie tagsüber arbeiten müssen. © Getty Images
  • Die Umstellung auf Monokulturen ließ in der europäischen Landwirtschaft ab der Jahrhundertwende Saisonarbeit entstehen und brachte für die Ernte auch den Akkord aufs Feld.
  • Der Bauboom der Urbanisierung band Arbeitskräfte, löste aber, ausgehend von Boden- und Bauspekulation, rasant steigende Mieten für untere Einkommensschichten aus. In Wien brach 1873 die Börse zusammen und eine Wirtschaftskrise breitet sich aus, die den Migrationsdruck aus Österreich und Europa erhöhte.
  • Europäischer Exodus: Vor allem die Industrialisierung des Agrarsektors brachte zwischen 1815 und 1930 55 bis 60 Millionen Europäer dazu, den Kontinent Richtung Nordamerika zu verlassen, weil es auf dem Land zunehmend weniger Arbeit gab. Die meisten gingen in die USA.
  • Trotzdem gingen den USA für Mammutprojekte wie dem Eisenbahnbau Mitte des 19. Jahrhunderts die Arbeitskräfte aus. Für den Ausbau der Eisenbahn und des Telegraphennetzes wurden 40.000 chinesische Arbeiter angeheuert – sie waren bereit, die schlechten Arbeitsbedingungen zu akzeptieren. Auch nach dem amerikanischen Bürgerkrieg arbeiteten vor allem chinesische Arbeitsmigranten im Wiederaufbau. Die meisten gingen später wieder zurück nach China.
Eine Gruppe von Menschen posiert für ein Foto vor einem Felsen.
Tibetische Arbeiter, abwertend Coolies genannt, auf einer indischen Tee-Plantage, circa 1909. © Getty Images
  • Kolonialismus und im Zuge dessen die Expansion des Welthandels zur Jahrhundertwende lösten neue globale Formen der (erzwungenen) Arbeitsmigration aus. Nach dem Verbot der Sklaverei entwickelten Kolonialmächte wie Großbritannien das System der „Indentured Labourers“ – auch abwertend „Coolies“ genannt. Arbeitskräften wird die Passage bezahlt und die Arbeiter verpflichten sich, für einige Jahre bei geringsten Löhnen zu arbeiten. Tibetische Arbeiter arbeiten so für britische Unternehmen und Handelsgesellschaften auf indischen Teeplantagen; Portugal schickt Arbeiter aus der Kolonie Mosambique in die Goldminen Südafrikas.
  • Die Weltwirtschaftskrise in den Jahren zwischen den beiden Kriegen dämpfte die globale Arbeitsmigration. Die USA erließen immer strengere Einwanderungsbestimmungen. Die Sowjetunion jedoch forcierte aufgrund es eines Fachkräftemangels die Anwerbung ausländischer Arbeiter und Fachkräfte ab 1928: Amerikaner, Deutsche, Australier, Tschechen wurden für die großen Fabriken in der Ukraine, in Zentralrussland und Westsibirien gewonnen.
Foto von Albert Einstein in einer Gruppe von Menschen, die die linke Hand zum Schwur erhoben haben und ernst blicken. Das Bild ist Teil eines Beitrags über Zuwanderung und Qualifikation.
Der Physiker Albert Einstein, seine Tochter Margaret Einstein und Sekretärin Helen Dukas legen am 1. Oktober 1940 bei der Einbürgerungs-Zeremonie in den USA den Staatsbürgerschaftseid ab. © Getty Images
  • Zwangsarbeit war charakteristisch für die Kriegswirtschaft in Deutschland: 1944 arbeiteten acht Millionen Menschen in Zwangsarbeit bei VW, Thyssen, den IG Farben (BASF) und den anderen Industriebetrieben, die das nationalsozialistische Deutsche Reich groß gemacht hatte.
  • Der Wiederaufbau und der Anschluss an die Weltwirtschaft – Wirtschaftswunder – gelang Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg mit millionenfacher Zuwanderung. 1955 wurde der erste Anwerbevertrag mit Italien geschlossen, der Anwerbestopp kam dann mit der Ölkrise 1973. In Österreich lief schon seit 1951 der erste Anwerbevertrag mit Italien. Die USA hatten aufgrund der expandierenden Rüstungsindustrie und der boomenden Landwirtschaft in Kalifornien bereits 1942 ein Anwerbeabkommen mit Mexiko geschlossen. Bis 1964 kamen auf diese Weise rund 400.000 Mexikaner jährlich als Arbeitsmigranten in die USA.
Eine Frau sitzt in einer kleinen Halle mit vielen Nähmaschinen hinter einer Nähmaschine. In dem Bild geht es um Arbeitsmigration.
Eine italienische Arbeitsmigrantin in Australien 1967. Die 1960er Jahre waren in den Industrienationen geprägt von großen Anwerbekampagnen für ausländische Arbeitskräfte. © Getty Images
  • Die mit der Dekolonisierung ab den 1960er Jahren verbundenen Migrationsströme waren in den ehemaligen Kolonialmächten teilweise willkommen, weil Arbeitskräfte gebraucht wurden – Frankreich etwa gewährte den europäischen Algeriern die vollen Staatsbürgerschaftsrechte, den Algeriern selbst nicht.
  • Auch der British Nationality Act gewährte den Einwohnern des Common Wealth und der Kolonien einen freien Zuzug nach Großbritannien und die Aufnahme von Arbeit. Diese Generation Windrush – vor allem Einwanderer aus Togo, Trinidad, Tobago und Jamaica – kam zwischen 1948 und 1971 nach Großbritannien und linderte den Arbeitskräftemangel. Der Immigration Act 1971 beendete den freien Zuzug und band ihn unter anderem an eine Arbeitserlaubnis. 2018 wurden mindestens 83 Angehörige der Windrush Generation deportiert – mit der Begründung, ihr Aufenthaltsstatus sei nicht legal. Tatsächlich hatte die Einwanderungsbehörde die Papiere vernichtet. Zahlreiche andere Immigranten unter dem British National Act wurden 2018 staatsbürgerliche Rechte entzogen. Seit 2019 wird der Windrush Scandal aufgearbeitet.
  • Automatisierung und Digitalisierung bewirkten schon ab den 1970er Jahren, dass immer weniger Arbeitskräfte in den Industrien gebraucht wurden. Deutschland beendete die Anwerbeprogramme 1973. Die Römischen Verträge von 1957 hatten schon die entstehende Europäische Union vorweggenommen, es entstand parallel langsam ein Binnenmarkt auch für die Arbeitsmigration, die heute rund 75 Prozent aller Einwanderung in der Europäischen Union ausmacht.

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Diese Episode über die Kartoffel ist die dritte Episode der zweiten Staffel unseres Podcast macht Hunger mit dem Gastrosophen Peter Peter. In unserer Podcastreihe macht Hunger geht es um die Kulturgeschichte des Essens und alle wirtschaftlichen Verstrickungen und politischen Machtspiele, die mit dem Essen und mit kulinarischen Traditionen verbunden sind.

Podcast machthunger – alle Folgen

Die erste Staffel mit der ersten Folge über die Macht der Nationalgerichte können Sie hier nachhören, die zweite Folge über französischen Küchendrill hier, die dritte Folge über die klassenlose italienische Küche hier, die Folge Nummer vier mit den unwissenden Wienern und dem Wiener Schnitzel hier, Folge Nummer fünf über die Welterweiterung durch die Imbissbude hier, die Folge über die Ambivalenz des Zuckers hier, jene über die Küche des Warschauer Pakts hier, die Episode über das Fleisch hier, die erste Folge der zweiten Staffel über die Muskatnuss hier, die Folge mit dem Besteck (Tischmanieren) finden sie hier und das weitere Programm von macht Hunger nach der Kartoffel finden Sie hier:

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Zahlen & Fakten

Schwarzweiß Fotografie von drei jungen Frauen einem Mädchen und einem Hund bei einer Tee_party Ende des 19. Jahrhunderts. Das Mädchen und der Hund unter dem Tee-Tischcen langweilen sich ostentativ. Das Bild ist Teil eines Beitrags zum Podcast Machthunger.
Großbritannien 1885. © Getty Images

macht Hunger – Ihr Progamm bis Mitte Februar

6. Februar >> Alkohol bei Tisch. Bier, Wein, Sherry oder Schnaps: Welcher und vor allem wieviel Alkohol beim Essen wann erlaubt ist, ist starken Konjunkturen unterworfen. So hat der Portwein seinen Platz im Menü inzwischen wohl verloren. Aber das muss nicht für immer sein.

20. Februar >> Das Salz in der Suppe. Salz ist auch so eine ambivalente Angelegenheit. Es hat schon Fehden und Kriege ausgelöst, den einen Reichtum, den anderen Armut beschert, zuviel ist angeblich ungesund und manche Salzfässchen sind so kostbar, dass sie keinesfalls gestohlen werden sollten. Ist aber ein Essen ohne Salz überhaupt ein Gericht?

Über Peter Peter

Portraitfoto von Peter Peter.
Beim Essen gibt es keine Zufälle: Gastrosoph Peter Peter zeigt im Podcast macht Hunger wieviel politisches Kalkül im Essen steckt. © Gregor Kuntscher

Der Kulturwissenschaftler Peter Peter ist in der bayerischen Hauptstadt München aufgewachsen, hat in Klassischer Philologie promoviert und ist Autor zahlreicher Bücher über das Reisen und die Kochkulturen dieser Welt (unter anderem verfasste er auch eine Kulturgeschichte des Schnitzels bzw. der österreichischem Küche). Er lehrte an der von Slow Food gegründeten Università delle scienze gastronomiche in Pollenzo und Colorno. Seit 2009 lehrt er für den Masterstudiengang des Zentrums für Gastrosophie der Universität Salzburg das Modul „Weltküchen und Kochsysteme“ und ist Mitglied der Deutschen Akademie für Kulinaristik.

macht Hunger Staffel I

machtHunger Staffel II

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