Die sanfte Macht der Nationalgerichte

Essen ist politisch: In der ersten Folge unseres Podcasts macht Hunger erklärt Gastrosoph Peter Peter, warum Nationalgerichte niemals Zufall sind.

Foto eines gedeckten Tisches aus der Vogelperspektive. Der Tisch ist mit einer Tischdecke mit dem Portraitfoto von Prinz Charles gedeckt. Auf der Tischdecke in den Farben des Union Jack und mit der britischen Flagge steht das Datum 6th May 2023 und King Charles III.
London am 6. Mai 2023: Keine Krönungsparty ohne Coronation Chicken (oben rechts im Bild). An den Rang von High Tea kommt das Huhn noch nicht, doch in beidem steckt eine Portion Kolonialismus. © Getty Images

Zum Beispiel das Coronation Chicken. Es besteht aus Huhn, viel Mayonnaise und Curry und wurde anlässlich der Krönung von Queen Elizabeth II am 2. Juni 1953 erfunden.

Es ist ein politisches Gericht: „Eine Hommage an die verlorene indische Kolonie und den Common Wealth“, so Peter Peter. In der ersten Folge von unserem Podcast macht Hunger erklärt der Gastrosoph, wie man mit Nationalgerichten Politik macht: Die Kunst der Gastrodiplomatie.

Der Podcast

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Das Coronation Chicken ist also ein melancholisches (und geschichtsvergessenes) Gericht, das die einstige – 1953 problematisch empfundene – Größe Großbritanniens als unproblematischen Party-Salat wieder in aller Munde bringt.

Gastrodiplomatie ist Nationalismus mit sanftem Antlitz, und Peter Peter erklärt, warum sie meistens funktioniert: „Nationalgerichte sind identitätsstiftend. Man darf nicht unterschätzen, welch' wichtige Säulen des Nation Building sie sind.“

macht Hunger: Essen und Politik

Nationalgerichte setzen auf sympathische Weise Grenzen, wo die Politik versagen muss. Da Rezeptgrenzen und Landesgrenzen meist nicht identisch sind, ist Gastrodiplomacy so flexibel wie robust. „Taiwan betont mit der taiwanesischen Küche seine Eigenständigkeit, ohne dass dieses als Aggression gedeutet werden kann“, erklärt Peter Peter.

Die Podcastreihe macht Hunger ist der Politik, Wirtschaft und Kulturgeschichte von Gerichten, Rezepten, Lebensmitteln und Kochkünsten jeder Küche dieser Erde gewidmet.

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Zahlen & Fakten

Eine Familie sitzt an einem Picknicktisch und unterhält sich. Das Bild ist Teil eines Beitrags über Essen und Politik. Es geht um die Ankündigung eines Podcasts mit dem Historiker Peter Peter.
Bournemouth 1963. © Getty Images

macht Hunger – Ihr Programm bis Mitte November

19. September >> Oh là là – Staatsideologie am Teller: Seit Marie Antoinette die Bemerkung mit dem Kuchen machte, weiß man, dass man nur ein wenig suchen muss, um die Ideologie in der Suppe zu finden. Diese Folge von macht Hunger widmet sich Frankreich und seiner Politik des Essens.

3. Oktober >> Regionalismus lokal – Der Luxus von Cucina Povera: Der italienische Filmregisseur Pier Paolo Pasolini meinte, der Konsumismus werde den Arbeiter umbringen. Sicher bringt der Konsumismus im Gewand des Fast Food die Cucina Povera, die einfache Küche, um. Sie wird Luxus, jede regionale Besonderheit wird eingeebnet, oder doch nicht? Die Cucina Povera ist scheinbar schlicht, aber zäh, und immun gegenüber dem Dünkel.

17. Oktober >> Urheberstreit – Wer hat das Patent auf Schnitzel? In Deutschland war das Wiener Schnitzel einst (also circa in den 1970er Jahren bis zum Ende der Sowjetunion) ein Synonym für gutbürgerliche Küche, und es machte nichts, eine Bratensoße darüber zu schütten. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass Österreich das Gericht, dessen Form auch die des Landes ist, als sein Kulturgut zu schützen versucht. Dabei ist das Schnitzel eigentlich ein italienisches Gericht. Oder nicht?

31. Oktober >> Essen global – Die Internationalisierung des Gaumens: „Der Grieche“ und „Der Italiener“ sind „um's Eck“, man geht auch „zum Chinesen“. Kein Tatort kommt ohne die Nachdenkpause in der Pommesbude aus, dabei gab es Pommes – die guten! – einst nur in Brüssel. Die Gaumenfreuden sind – Migration sei Dank – in Westeuropa internationaler geworden. Zugleich erlebt die Welt eine bedauerliche Standardisierung des Essens.

14. November >> Zucker, Zucker, Zucker: Oh Du süße Inflation: Zucker, tja, kann auch ganze Wirtschaften aufblähen und Spekulationsblasen erzeugen. Aktuell ist Zucker in Europa um 70 Prozent teurer als noch vor einem Jahr. Diese Folge von macht Hunger widmet sich der Wirtschaftsmacht der Lebensmittel.

Über Peter Peter

Portraitfoto von Peter Peter.
Gastrosoph Peter Peter findet Politik und Geschichte in jedem Bissen. © Gregor Kuntscher

Der Kulturwissenschaftler Peter Peter ist in der bayerischen Hauptstadt München aufgewachsen, hat in Klassischer Philologie promoviert und ist Autor zahlreicher Bücher über das Reisen und die Kochkulturen dieser Welt. Er lehrte an der von Slow Food gegründeten Università delle scienze gastronomiche in Pollenzo und Colorno. Seit 2009 lehrt er für den Masterstudiengang des Zentrums für Gastrosophie der Universität Salzburg das Modul „Weltküchen und Kochsysteme“ und ist Mitglied der Deutschen Akademie für Kulinaristik.

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