Ekel: Das Grauen bei Tisch
Es reckt einen, wenn es einen graust oder man ekelt sich still. Woher der Ekel kommt, und was er in der Fastenzeit verloren hat, erklärt Peter Peter in diesem machtHunger.
Mit dem Ekel gelangten religiöse Tabus bis ganz tief ins Innere des Selbst des modernen Menschen. Peter Peter erinnert in diesem Podcast daran, dass auch der Ekel eine Geschichte hat, und die ist in der christlich geprägten Welt eng mit Speisetabus während des Fastens verbunden.
Der Podcast über den Ekel
Ekel kann sehr, sehr wandelbar sein.
Anders als viele andere Religionen kennt das Christentum keine Speisevorschriften. Es gibt eine Fastenzeit, in der kein Fleisch und auch keinerlei Milchprodukte gegessen werden sollten, ansonsten jedoch sind im Christentum keine Speisen kategorisch mit einem Tabu belegt. (Eine Ausnahme ist das Verbot des Verzehrs von Pferdefleisch, das als heidnisches Relikt galt und bis Mitte des 19. Jahrhunderts für Christen und Christinnen ein Tabu war).
Genüsse jenseits des Fleisches
Zugleich kennt das Christentum keine strikte Fastenzeit. Während im Islam während des Ramadan von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang weder gegessen noch getrunken wird, beschränkt sich das christliche Fasten auf bestimmte Speisen. Warum ist das so, und was hat dies mit dem Ekel zu tun?
Ist Ekel universal?
„Ekel kann sehr sehr wandelbar sein.“ Das Essen ist aus Sicht von Gastrosoph Peter Peter besonders geeignet, bestimmte religiöse Vorstellungen von Reinheit durchzusetzen, denn das Essen lässt sich mit dem sehr starken Gefühl verbinden, um das es hier geht: den Ekel. „Es gibt auch Ekelgefühle, die nicht unbedingt kulturell geprägt sind. Das ist zum Beispiel der Ekel vor Aas, vor verdorbenem Fleisch und generell vor verdorbenen Lebensmitteln usw. Das teilen Menschen aller Kulturen.“
Die Superbugs aus unserem Essen
Den Religionen gelingt es, diese natürlichen Gefühle mit Moral zu verbinden. Dabei spielt die Dichotomie rein-unrein eine wichtige Rolle. Im Verlauf der Geschichte wird der Ekel mit dem Unreinen verknüpft, wobei das Unreine moralisch unterlegen ist.
„Eines der Motive von Religionen ist ja häufig auch, sich ein bisschen über das irdische Leben mit seiner Vergänglichkeit und seiner Herkunft aus dem Staub zu erheben und Reinheitsideale anzupeilen. Diese Reinheit kann man moralisch durch die Lebensführung erreichen, sogar durch Kleidung, aber eben ganz stark auch durch die Ernährung. So wird auch die Absonderung von Gruppen, die sich nicht so rein ernähren, begründet.“
Das christliche Fasten ist ein veganes Fasten und diente auch dazu, die Armut zu verschleiern. „Es war ja wirklich fast jeder zweite Tag im Jahr einen Fastentag, heute ist es reduziert auf das Osterfest – diese 40 Tage, die aber auch nicht streng eingehalten werden – und eventuell der Freitag.“
Das Schwein, der Mangel und der Ekel
Die Speisegesetze des Judentums gehören zu den wenigen, die bereits früh schriftlich festgehalten wurden, sie sind Teil des Levitikus, dem dritten Buch des Pentateuch. Am prominentesten ist das Verbot von Schweinefleisch und das Verbot, Rindfleisch und Milchprodukte zu mischen. Fromme Haushalte mussten somit zwei Küchen haben, es sei denn, sie ernährten sich vegetarisch. „Der Konsum von Fleisch ist besonders mit Tabu und mit Ekel belegt, wobei es auch da immer noch einen natürlichen Kern gibt weil Fleisch und Milchprodukte sehr leicht verderben.“
Die Agrarpolitik und die Landwirtschaft
Das Verbot von Schweinefleisch hat dabei eine Sonderrolle. Schweine brauchen eine Suhle, sodass ihre Haltung auf begrenztem Platz bereits mit sehr viel Dreck verbunden ist. Der Ekel vor dem Schwein findet sich auch in der Bibel wieder, wo das Schwein mit dem Teufel assoziiert wird. Jesus vertreibt die Schweine aus dem Garten.
Für Peter Peter ist diese Erklärung allerdings noch nicht hinreichend: „Und dann gibt es noch eine nüchterne, religionsfreie Erklärung: Das Schwein ist ein Nahrungsmittel-Konkurrent für den Menschen, da beide dasselbe essen. In Gesellschaften, wo Nahrungsmittel knapp sind, ist das Halten von Schweinen daher ein Luxus. Ein Schwein gibt keine Milch, man kann keinen Käse machen, man kann es nur für das Fleisch halten. Auch in Bayern oder in Österreich ist Schweinebraten eigentlich erst dann Mode geworden, als man genug Kartoffelschalen übrig hatte.“
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Diese Episode ist die sechste Episode der zweiten Staffel unseres Podcast macht Hunger mit dem Gastrosophen Peter Peter. In unserer Podcastreihe macht Hunger geht es um die Kulturgeschichte des Essens und alle wirtschaftlichen Verstrickungen und politischen Machtspiele, die mit dem Essen und mit kulinarischen Traditionen verbunden sind.
Podcast machthunger – alle Folgen
Die erste Staffel mit der ersten Folge über die Macht der Nationalgerichte können Sie hier nachhören, die zweite Folge über französischen Küchendrill hier, die dritte Folge über die klassenlose italienische Küche hier, die Folge Nummer vier mit den unwissenden Wienern und dem Wiener Schnitzel hier,
Folge Nummer fünf über die Welterweiterung durch die Imbissbude hier, die Folge über die Ambivalenz des Zuckers hier, jene über die Küche des Warschauer Pakts hier, die Episode über das Fleisch hier, die erste Folge der zweiten Staffel über die Muskatnuss hier, die Folge mit dem Besteck (Tischmanieren) finden sie hier, die Episode über die Macht der Kartoffel können Sie hier hören; jenen über die Ohnmacht bei Alkohol hier und den über Salz hier. Das weitere Programm von macht Hunger nach dem Ekel finden Sie hier:
Zahlen & Fakten
macht Hunger – Ihr Progamm bis Anfang April
19. März >> Tea Time. Die meisten Menschen außerhalb Großbritanniens verwechseln Afternoon Tea und High Tea. Letzteres klingt nach Upper Class, ist aber Tee mit herzhaften Gerichten serviert an der Bar oder einem hohen Tisch, den man sich mit anderen Gästen teilt – das Gegenteil mancher Afternoon Tea. Scheinbar, denn diese werden aber auch quer durch alle sozialen Schichten konsumiert (auch wenn Großbritannien eine durch Klassen definierte Gesellschaft ist wie kaum eine zweite, wie George Orwell bemerkte. In dieser Folge von machtHunger geht es auch um Klassen, aber nicht nur. Wir gehen an die Ursprünge des Tees und die Handelsstreits, die er auslöste.
2. April >> Voll Fett. Ostern ist da, die katholische Fastenzeit vorbei Katholiken dürfen wieder völlern. In dieser April-Folge von machtHunger geht es um Fett. Die Dämonisierung von Fett als Dickmacher ist nämlich noch recht jungen Datums, und der Ernährungsexperte Tim Spector hat uns gleich in zwei Interviews erklärt, dass es nicht auf die Kalorien ankommt (es sei denn, sie stammen aus raffiniertem Zucker), und hat damit das Lebensmittel mit der höchsten Energiedichte vom Haken gelassen. Öl und Fett sind gesund. Dieser machtHunger wird sich nicht mit Nährwerten aufhalten, sondern sich mit der Geschichte des Fetts befassen.
Über Peter Peter
Der Kulturwissenschaftler Peter Peter ist in der bayerischen Hauptstadt München aufgewachsen, hat in Klassischer Philologie promoviert und ist Autor zahlreicher Bücher über das Reisen und die Kochkulturen dieser Welt (unter anderem verfasste er auch eine Kulturgeschichte des Schnitzels bzw. der österreichischem Küche). Er lehrte an der von Slow Food gegründeten Università delle scienze gastronomiche in Pollenzo und Colorno. Seit 2009 lehrt er für den Masterstudiengang des Zentrums für Gastrosophie der Universität Salzburg das Modul „Weltküchen und Kochsysteme“ und ist Mitglied der Deutschen Akademie für Kulinaristik.